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KMgr nun Wiesbadener Tagdlait.

Ko. 237. Morgen-Ausgabe.

Samstag, den 23. Mai.

51. Jahrgang. 1VV3.

Es bilbft die Achtung, welche der Staat der Person ij und ihrer Freiheit erweist, den sichersten Maßstab seiner T M' Kultur. H. v. Treitschke.

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'29. Fortsetzung.)

Spate Erkenntnis.

Roman von Alexander Römer.

Ellen sah ängstlich auf ihren Weg und die Sprecherin nicht an . Ihr war schlecht zu Mut. Das imschuldige Herz deS Mädchens hatte Leopold an sich gekettet und sie dann in ihrer Not und ihrem Elend Verlässen. Schutzlos, haltlos war sie den schwersten Versuchungen preisgegeben, er gedachte ihrer nicht mehr, er kümmerte sich nicht um sie. Mit welchem Namen war solch ein Tun zu benennen? Und der so handelte, war ihr Bruder, an dem sie fest ge­hangen hatte.

„Ist —- ist Fräulein Kern noch bei Ihrer Schwester?" fragte sie tonlos.

„Nun freilich — Cilly ist ja zu gut, und dann, Susi ist ein fleißiges und gefälliges Geschöpfchen, sie macht sich nützlich, sie arbeitet an Cillys Garderobe und hilft, wo sie kann. Sie kommen nun bald hierher, Cilly wird hier gastieren, wahrscheinlich für den nächsten Winter hier engagiert."

Ellen ward bleich. Wenn Susi hierher kam, und ihr

Bruder ihr wieder begegnete-es mochte nur für

das arme Mädchen eine Quelle neuer Schmerzen werden, Leopolds Herz war von einer anderen erfüllt. Ihr war, als sähe sie dm rächmden Arm der Nemesis iiber seinem Haupte.

Sie dankte Fräulein Helmke für ihre Auskunft und verabschiedete sich. Traurig dem Gehörtm nachdenkmd ging sie nach Hause.

Es fiel ihr auf, als sie eine männliche Stimme drinnm bei der Mutter reden hörte. Sie öffnete die Tür und erblickte Schneider, dm Diener des Juftizrats Goldcm, dm sie wohl kannte.

Die Mutter eilte ihr aufgeregt entgegen.

„Ellm! Du wirst natürlich auch nicht wissen, wo Leopold ist", rief sie. „Der Justiz rat liegt vom Schlage getroffen, gelähmt und der Sprache beraubt, Schneider und Frau Holz wissm sich gar nicht zu helfm."

Ellm verfärbte sich. Die Nachricht, welche vielleicht einen großm Wmdepunkt im Lebm chres BruderS be deutete, regte auch sie auf.

Ja, wo war Leopold — sie wußte es natürftch nicht.

Schneider, der sehr beguem und korpulent gewordene Diener, wendete sich jetzt an sie.

„Ich bin in meiner Angst hierher gelaufm", brachte er pustend hervor, „der Doktor Schneller, was dem Herrn Justizrat sein Doktor ist, der ist über Land, und da wollt' ich den Herrn Rechtsanwalt Kramer erst fragen, zu wem ich gehm soll . Der muß nun doch eigentlich die Ordres bei uns ausgebm, der war doch der Nächste dazu, und sollt nun man mal am Platz sein. Bei Besinnung is der Herr, er weiß allms, er kann aber nichts sagen, und macht lauter Zeichens, die wir beide, auch die Holzen nicht ver­

stehen. Und die Holzm, das is nu wirklich ne verrückte Person, wenn mal was außer der Ier passiert, sie heult und stellt sich an und behauptet, sie fürchte sich, ».er Herr sieht auch greulich aus, er fuchtelt immer m der Luft herum und mit der e.nm Hand, die er rühren kann, und die Augen rollen ihm im Kopf, zum Bangewerden w es schon — ich bin weggelaufm, nian erst uwt hrerher.

Ellm stand schweigend und sah auf dre Mutter, welch« ihre Hände rang. . , , ,.. ,

„Wenn ich hinaus könnte und nicht so erbarmuch schwach wäre", sagte sie weinend, „so mußte ich ja hin-

gehen." t , ...

Ellm schwankte noch einm Moment, dann erklärte ste. „Freilich, Hülfe muß da geleistet werden. Schneider, gehen Sie sofort und rufen Sie einen Arzt, den MedizinalratHerrmann, oder wm Sie am ehesten treffen. Ich komme sofort und sehe, ob ich helfm und eingrerfm kann."

Schneider stand da mit offenem Munde „Sie Fräulein Kramer? aber — du lieber Gott Sie wissen ja, Frauenzimmer leidet der Herr nicht um

sich-" .. « t .. . ..

Ellm zuckte mit einer eigentümlichen Gebärde dre Achseln. ^ .

„ton er so hülflos ist, und chrer bedarf, wird er sie wohl um sich leiden", sagte sie mit Festtgkert, nicht ganz ohne einen Anflug von Ironie.

„Ich weiß freilich auch nicht, wie es so werden soll , meinte Schneider kleinlaut.

Er lief, einm Arzt zu suchen, und Ellen beeilte sich, evmtuell für die Nacht und eine Krankenwache sich aus­zurüsten; sie besprach mit der Mutter das Nötige.

„Schicke Leopold, sobald er heim kommt", sagte ste im Fortgehen. .

In ihren dunklen Regmmantel gehüllt, eilte ste durch die Straßen zu der Wohnung des Mannes, der nie einen Blick für sie gehabt und vielleicht lange ihre Existenz der- gessm hatte. Es mochte schwer für sie sein, ihm Hülfe zu leistm, indes — er hatte den Ihren Gutes getan, wenigstms Gutes ttm wollen, er hatte doch auch indirekt, indem er Leopolds Ausbfldnng übemahm, die Mutter gestützt, — sie hatte eine Schuld der Jhren^ abzutragen.

Als sie obm in die Wohnung trat, hörte sie ein lautes Rumoren der Haushälterin in der Küche, da- zwischen zornige Reden und Aufschluchzen. Ellm stand jetzt vor dem Cerberus in weiblicher Gestaü, Frau Holz bot keinm hübschm Anblick.

Sie kannte Ellm offenbar garnicht, und sah sie aus ihren rotunterlaufmen Augen an, als ob sie ein Ge­spenst sei, das da vor chr auftauchte. Dann fragte ste un­wirsch:

„Wer sind Die? und was wollm Die hier? Hier rst ein DterbchauS — da drinnm liegt einer, vor dem es einem grault — und sterben tut der noch garnicht so bald, der ist viel zu zäh, nuffs Lebm sauer machm wird er einem noch, und da tue ich nicht mehr mtt — nein, ich tue nicht mehr mit."

Frau Holz war augenscheinlich der Schreck ms. Ge- him gesttegen, sie wußte nicht mehr gmau, was sie sagte. Sie hantierte mit dem Schüreisen, daß es durch das ganze Haus klirrte.

„Wo liegt der Kranke?" fragte Ellen, „ich bin dre

Schwester des Herrn Rechtsanwalts Kramer, und ich wifl

sehm, ob ich helfm kann." , ^ r »

Frau Holz riß die Augen groß auf. „So , so«

Sie sind die Schwester von dem jungm Herrn — ja denn — aber er leidet Sie nicht um sich, ich sag s Jhnm vor­her. Wenn er auch nicht Hand und Fuß mehr rühren kann, und nicht einmal sprechen, mit fernen Augm tterbL er einem raus -— ist das ein Mann!"

Ellm hörte nicht wefter. Sie hatte ihren Manttl ab­gelegt, und das vom Wind zersauste Haar glatt ge- strichm, dann trat sie leise in das ihr bezerchnete Gemacft, Frau Holz folgte ihr auf den Zehen, neugierig, was nun passierm würde. ... . ,

Der Kranke lag in seinem großm, von grumten Kattrmvorhängen umgebenen Himmelbett, und Ellm g<> wahrte nur einen heftig sich bewegenden Arm, der aus dem Dunkel hervorragte. Sie zündete Licht an, und stellte dieses so. daß sie dm Krankm sehm konnte, ohna daß ihn der Schein traf. .

Auch sie erschrak. Das war srcflrch ern menschliches Anüitz, vor dem man sich fürchten konnte. ,

„Sehen's bloß diese Oogen", raunte Frau Holz hinter

ihr. „ „_, r

Die Augm des Kranken tratm fast aus ihren Hohlen, es war innere Todesangst, die aus ihnen sprach, und dis sich auf keine Weise sonst kund zu gebm vermochte. Dev Arme litt unsäglich. ,

Ellm beugte sich liebevoll zu ihm nieder. „Horm Sw, verstehen Sie mich. Fürchten Sie sich nicht, es gehl vorüber, ich bleibe hier. Sie zu pflegen."

Die rollenden Augen waren starr geworden, sie Hefts, tm sich fest auf ihr Gesicht, bewundernd, fragend.

„Ich bin Ellen Kramer", sagte sie.

Der Blick wurde plötzlich ruhiger, der bewegungs- fähige Arm legte sich auf die Decke, sie faßte nach der kaltm Greismhand und meinte einm flüchtigen Druck zu

schloß die furchtbaren, von Angst verzerrtm Augm,

er atmete schwer. . ,

Ellen glättete die Bettdecke, wrnkte der Frau sich zu entfernen und setzte sich an das Lager. D^r Kranke hielt wie im Krampf chre Finger fest. Nach erner Weile öffnet, er wieder die Augen und sah sie mrt einem Blick, rn dm, Verständnis und Bewußtsein war, an. Er bewegte dt, Lippm, sie bmgte sich nahe über ihn, aber-kein hörbarer Ton kam über die gelähmte Zunge

Sie schüttelte traurig dm Kopf, das ttefste Mittest, sprach aus ihrm ausdrucksvollen Mimm.

Der Kranke bewegte jetzt die Hand und die Finger. Er machte Zeichm auf der Bettdecke, er beschrieb Lrnim. die Buchstaben bedeuten solltm, ste folgte dm Bewegungen mtt gespannter Aufmerksamkeit.

Ein Arzt soll geholt werden richtig er.

raten — ein Ausdruck grenzenloser Erleichterung trat tn

die gequälten Augm. t .. . . ,

„Doktor Schneller ist abwesend, Schneider wird gleich mit einem anderen kommm", berichtete sie.

Ein dankender Blick belehrte sie, daß der Krank, hörte und verstand. So war ein Mitteflungsweg hergv stellt und die schrecklichen Augm wurdm ruhig.

»Fortsetzung folgt.)

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