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N-. «38.

verlags-Fernfprecher No. AU.

Samstag» de« 23. Mm. .

RedaktionS-Fernfprechcr N». S».

Ivos.

Abend-Ausgabe.

§für öen Monat Juni

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„Wiesbadener Tagblatt"

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Politische Übersicht.

f Der Wahltag, von dem uns jetzt nur noch wenig ,inehr als drei Wochen trennen, rückt immer näher heran, und dementsprechend wird die Wahlagitation mit immer steigendem Eifer betrieben. Aber mit der An­näherung an den Wahltermin hat die Klärung der Situation keineswegs gleichen Schritt gehalten. Das Wahlbild ist heute fast noch ebenso verworren, als es zu Beginn des Wahlkampfes war, und alle Prophe­zeiungen über den voraussichtlichen Ausfall der Wahlen schweben in der Lust. Es liegt in der Natur der Sache, Haß jede Partei ihre Chancen für die günsügsten hält, aber der Wunsch, der der Vater des Gedankens ist, ist auf das Wahlresultat ohne Einfluß.

Außer dem Wahlkampf ist unser Interesse in der verflossenen Woche besonders noch durch zwei Dinge in Anspruch genommen worden, nämlich durch die Er­ledigung der sogenannten Wismarschcn Frage und durch den Vorstoß, den der allzeit kriegerische Herr Chamber- lain in erster Reihe gegen das Kabinett, dem er selbst angehört, und in zweiter Reihe gegen Deutschland unter­nommen hat. Die sogenannte Wismarsche Frage hat freilich immer nur ein rein historisches Interesse für Deutschland gehabt, denn der „Pachtvertrag" zwischen Mecklenburg-Schwerin und Schweden ist niemals anders als eine „ewige Pachtung", als die Abtretung Wismars an Mecklenburg aufgefaßt worden. Hatte somit der Beschluß des schwedischen Reichstags, dem zufolge Schweden auch formell auf sein theoretisches Wiedereinlösungsrecht verzichtet, nur die Bedeutung eines internationalen Höflichkeitsaktes, so hat doch die Form, in welcher dieser Akt sich vollzog, in Deutschland 'sehr sympathisch berührt, und sie kann als der Ausfluß der guten und freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Schweden gelten.

Mehr als über die Wismarsche „Frage" haben wir uns aber auch nicht über den Vorstoß des englischen Kolonialministers Chamberlain aufgeregt, der gar

zu gern Premierminister werden und Herrn Balfour aus dem Sattel heben möchte. Herr Chamberlcnn ver­folgt hochfliegende Pläne. Er möchte England und seine gesamten Kolonieen unter einen Hut bringen und womöglich zu einem großen R c i ch s e i n h e 1 1 j - st a a t verschmelzen, aber der Gegensatz der Interessen zwischen England und den Kolonieen sorgt schon dafür, daß Herrn Chamberlains Bäume nicht in den Hrnunel wachsen. Die englischen Kolonieen wissen, daß dre Ver­wirklichung der Chamberlainschen Pläne mit einer wesent­lichen Vermehrung ihrer Staatsausgaben verbunden wäre. Und die Mehrheit des englischen Volkes steht den Chamberlainschen Plänen ablehnend gegenüber, weil deren Verwirklichung nur durch dm Bruch mit dem Freihandelssystem und mit dem Übergang zum, Schutzzoll zu eüaufen wäre. Der einzige, recht zweifelhafte Erfolg, den die Politik Chamberlains bisher erzielt hat, ist der Zollkrieg zwischen Deuts ch l and und Kanada. Aber gerade dieser Zollkrieg dürfte auf die anderen englischen Kolonieen abschreckend wirken und ihre Abneigung gegen die Zollvereinspolitik des Herrn Chamberlain verstärken.

Wenn ein Teil des englischen Volkes Herrn Chamber­lains imperialistischm Brandreden, denen sogar , Lord Rosebery halb und halb zugestimmt hat, Beifall znjubelt, so liegt das daran, daß man sich in England gern durch etwas chauvinisüschen Radau über die Schlappe, hinweg­täuschen mochte, welche England sowohl in, seiner, ost­asiatischen wie in seiner orientalischen Politik erlitten hat. Die Versuche Englands, Japan und die Vereinigten Staaten von Amerika zu einer entschiedenen Stellung­nahme gegen die russische Mandschurei- Politik zu veranlassen, sind fehlgeschlagen. Rußland behandelt die Mandschurei als eine Art Medizin, sie nimmt sie nämlich teelöffelweise. Und daran werden weder die offiziellen russischen Dementis noch das Wut­geschrei der englischen Presse etwas ändern.

Nicht minder sind die Versuche Englands mißglückt, von hinten herum „anregend" auf die Entwicklung der Balkandinge einzuwirken und Rußland auf diese Weise von seinen Mandschureiplänen abzulenken. Die Ent­schiedenheit, mit der Rußland und Österreich-Ungarn das Programm ihrer Friedenspolitik auf dem Balkan zur Durchführung bringen, macht sich bereits in wir­kungsvoller Weise bemerkbar. Und wenn es zur Zeit auf dem Balkan auch noch etwas „drunter und drüber" zuaeht, so kann man doch wohl schon jetzt mit der Sicher­heit rechnen, daß die m a c e d o n i s ch e F r a g e zu keinerlei internationalen Verwickelungen führen wird. Nachdem Fürst Ferdinand von Bulgarien erkannt hat, welch gefährliches Spiel sein Balkanspiel war, wird man von dem neuen Kabinett Petro w erwarten dürfen, daß es den bulgarischen Verschwörern die Kandare anlegt.

Entwickeln sich die Dinge in Macedonren zum Bessern, so steht in Marokko noch alles beim Alten, und

Sultan und Präteirdent tragen teils Siege, teils Sieges­bulletins davon. In Spanien, wo jetzt die Cortes wieder zusammengetreten sind, verfolgt man die Dinge in Marokko mit Spannung, aber die Eifersucht zwischen Spanien, England und Frankreich verhindert erfreulicher Weise jedes Aufrollen der marokkanischen Frage. Die französische Regierung ist ja auch im Innern durch den Kampf gegen die klerikale Opposition so in Anspruch genommen, daß ihr die Lust zu irgend ivelcher Abenteuerpolitik ganz von selbst vergeht.

Deutsches Kelch.

* Hof- und Personal-Nachrichten. Der Kaiser beabsichtigt, nach dem „B. T.", seine diesjährige Nord- l a n d r e i s e erheblich auszudehnen. Er wird annähernd zwei Monate in Norwegen verweilen.

Der Oberbürgerm ei st er Kirschner wird auf Grund einer an ihn ergangenen Einladung des Stadtoberhauptes von Petersburg zu den bei Gelegen­heit des 200-jährigen Bestehens der russischen Haupt­stadt für den 29. bis 81. d. Bl. in Aussicht genommenen Festlichkeiten nach Petersburg reisen.

Aus Breslau wird berichtet: Als Nachfolger des Oberpräsidenten Herzog zu Trachenberg wird der frühere Landtagsabgeordnete Regierungspräsident v. Jagow in Marienwerder genannt, der als Regierungspräsident in Posen wegen seiner Abstimmung bei der Kanal-Vor­lage zur Disposition gestellt wurde.

Berlin, 22. Mai. Gegenüber einer Berliner Korrespondenz des „Figaro", welcher eine Meldung des „Würzburger Journals" über eine Differenz zwischen Bayern und Preußen übernommen hatte, erklärt die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung", daß der Korrespon­dent des „Figaro" Gespenster sehe. Es gebe keine Verstimmung zwischen Berlin und München.

Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht Bekannt­machungen, betreffend die Anzeigepflicht für Hühnerpest und Geflügel-Cholera ab 1. Juni d. I.

* In Sachen des Prinzen Arenberg teilt die „Hannov. Allg. Ztg." entgegen dem wiederholten offiziösen Dementi als feststehend mit, daß Prinz Arenberg in diesen Tagen in die Maison de Santä in Schöneberg gebracht werden soll. Die früheren offiziösen Dementis dieser Nachricht seien darauf zurückzuführen, daß ur­sprünglich die Absicht bestanden hat, die Überführung des Prinzen in eine Heilanstalt nach Möglichkeit geheim zu halten. Das Blatt fügt hinzu, daß nach seinen ganz zu­verlässigen Informationen von Geistesgestörtheit oder Unzurechnungsfähigkeit beim Prinzen Arenberg keine Rede sein kann und dieser körperlich und geistig voll­ständig wohlauf sei. — Hoffentlich beruhen die verschie­denen Angaben des Hannoverschen Blattes auf Unrichtig­keit. Einen Justizskandal können wir in Deutschland, und am wenigsten jetzt vor den Wahlen, nicht gebrauchen.

Im weißen Kleide.

Roman von M. Böhme (O. Sandor).

(10. Fortsetzung.)

Der Baron allein schien sich heute zum ersten Male für die wunderliche Zeichnung zu interessieren.

„Was sehen Sie mich an, Nietsche?" fragte Gott­burgsen, den das unausgesetzte Anstarren nervös machte.

„Ich bewundere Ihren kapitalen Schmiß, . Meister. Donnerwetter, der hat gesessen. Man könnte Sie darum beneiden."

„Schmiß?" wiederholte Lausten gedehnt, „man sieht, Sie haben keine akademische Bildung genossen, Nietsche. Das ist in meinem Leben kein Schmiß, das läßt sich eher an wie ein Tätowierungsversuch mit einem stumpfen Rasiermesser, nicht wahr, Professor?"

Gottburgsen nickte bejahend. „Aber keine Stumpf- messerarbeit", sagte er.

„Ein Gedanke höher, und das Auge wäre futsch ge­wesen. Vielleicht beeinträchflgt es den berühmten Lohengrin-Nimbus nicht, wenn Sie uns erzählen, wie Sie zu dem interessanten Mal gekommen sind."

„Lohnt sich kaum, Doktor. Eine Keilerei in der Jugendzeit. Mein Freund Bob war immer gleich mit .dem Messer bei der Hand, wenn es etwas auszutragen gab."

, „Netter Freundschaftsbeweis, ich danke. Wie kam er 'dazu?"

i „Mein Gott, sind Sie aber neugierig", sagte Gott­burgsen verdrossen, „natürlich hatte es etwas gegebm — was weiß ich noch — ich glaube Eifersucht."

| „Haha! Die alte Leier, das alte Lied. Sie hatten ihm die Geliebte gekapert."

„Ich habe in meinem Leben nur eine Geliebte gehabt: Hi« Kunst", sagte Gottburgsen kurz in einem Tone, der jede weitere Erörterung des Gegenstandes abschnitt. Um feinen Ärger über die Fragerei hinunterzuwaschen, führte

er das Glas zum Munde, setzte es aber, nachdem er einen kleinen Schluck getrunken hatte, wieder nieder. Der Wein brannte ihm plötzlich wie Feuer auf der Zunge, ein Zeichen für ihn, daß er aufhören mußte zu trinken, wenn er sich nicht der Gefahr eines physischen und moralischen Katzenjammers aussetzen wollte, den er mehr als alles andere fürchtete. — Ter neue Tag war schon einige Stunden alt geworden, als die Herren die Sitzung auf­hoben und das Lokal verließen. Draußen trennten sich ihre Wege. Gottburgsen und Dirken gingen in der ent- gegengesetzten Richtung der anderen noch ein Stück zu­sammen.

„Ihr Kollege Deuzmann scheint ein etwas sonder­barer Herr zu sein", bemerkte Dirken.

„Es muß auch solche Käuze geben", zitierte Gott­burgsen lachend, „im übrigen ist er eine ehrliche Haut. Die Erfolge der Modernen sind nur eine Quelle steten Ärgers für ihn."

„Sie sind nicht näher befreundet mit Deuzmann?"

Etwas im Tone der Frage machte Gottburgsen stutzen: „Befreundet? Das kaum. Wir verkehren kollegialisch zusammen und treffen uns bin und wieder abends am Stammtische. Weshalb meinen Sie?"

„O, ich dachte mir so", erwiderte Dirken ausweichend, „er hat eine sonderbare Art zu fixieren."

„Ach so! Das kommt, weil er mit dem linken Auge etwas schielt, außerdem macht sein cholerisches Tempera­ment ihn oft gesellschaftlich ungenießbar. Meistens kopirt er freilich Moltke; für seinen Charakter möchte ich mich verbürgen."

An der nächsten Straßenecke mußte Dirken abbiegen. Mit einem kräftigen Händedruck verabschiedete er sich von Gottburgsen.

„War mir eine große Ehre, Herr Professor._ Also wir werden demnächst von Ihrer gütigen Erlaubnis Ge­brauch machen und Sie in Ihrem Atelier überfallen."

„Soll mir eine Freude sein, Herr Dirken. Auf Wiedersehen! Gute Nacht!"

Es hatte aufgehört zu schneien. Ein wässeriger glitschriger Schlamm bedeckte das Stratzenpflaster und erschwerte sehr das Gehen. Obwohl die Laternen brann­ten und dem Kalender nach der Mond zum Lichtspenden verpflichtet war, herrschte eine fast gefährliche Dunkelheit in den Straßen. Ter Himmel schien sich in eine breiige graue Nebelmasse aufgelöst zu haben, von der herab Ströme weißlicher Schwaden rieselten, die in stumpfen milchigen Wolken füll und stumm über den Dachfirsten brauten, die sich am Boden zu verquollenen Dunstschichten aufstauten und aus deren trübem Gebausch die Laternen- flammen wie winzige Glühwürmchen hervorlugten. Die Straßen waren wie ausgestorben. Schwarzen versteinerten Riesen gleich ragten die vielstöckigen Gebäude rechter und linker Hand in die dumpfgraue naßkalte Luft. Der fieber­hafte Puls des Großstadtlebens stand für Momente still« alles Leben schien aus dem gigantischen Körper entflohen, in ihm erloschen, erstickt unter dem Nebelschnee, dessen gespenstische Leichenschleier durch die Nacht wallten und alles bedeckten. Selbst Laute schienen in diesem endlosen Meere von dickem, wogendem Dunst zu versinken.

Gottburgsens durch Gummischuhe gedämpfte Schritte verglitten lautlos in dem nassen Schneeschlamm, nur das Ausstößen seines Stockes unterbrach mit kurzem, ticken­dem Geräusch die nächtliche Stille der Straßen. In Ge­danken versunken ging der Meister weiter. Die Nebel ringsum erinnerten ihn an eine ferne verhängnisvolle Nacht seines Lebens, in der sich sein Schicksal entschieden hatte. Oder war das damals kein Schicksal gewesen, sondern nur eine Wendung? Was ist Schicksal? Sein Schicksal bereitet sich der Mensch selber, auch er war der Erzeuger seines Geschicks, kein unabänderlich waltendes Fatum konnte dafür verantwortlich gemacht werden, er selbst, er ganz allein kam dafür auf, sonst niemand, weder Gott noch Nächster. Er seufzte, und wie er aufblickte, sah er, daß er nicht mehr allein war. Dicht vor ihm taumelte ein Betrunkener in kurzen Zickzackschwankungen über das Trottoir.: seltsam geräuschlos, beinahe schattenhaft wankte