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Der Wahlkampf in Berlin.
p. Berlin, 20. Mai.
Mit ganz besonderer Spannung sieht man begreiflicher Weise nicht nur hrer iu Berlin, sondern überall in Deutschland dem Ausfall der Reichstagswahlen in der Reichshauptstadt entgegen. Durch die starte Zuwanderung der Arbeiterbevölkerung nach Berlin und durch den in den Großstädten sich überall bemerkbar machenden radikaleren Zug ist es der Sozialdemokratie gelungen, von den 6 Berliner Mandaten, die einst eine unbestrittene Domäne der Link'sliberalen waren, vier zu erobern. Und die Sozialdemokratie erklärt mit der ihr eigenen Renommisterei, daß sie bei den Wahlen am 16. Juni sämtliche 6 Berliner Wahlkreise in ihren Besitz bringen werde.
Was den Wahlkampf in Berlin betrifft, so kann man von einem solchen eigentlich nur in 4 Wahlkreisen sprechen, denn in den beiden Riesenwahlkreisen des Nordens und Ostens, im 4. und 6. Wahlkreis, ist jede Bekämpfung der Sozialdemokratie aussichtslos. Ein sehr ernsthafter Wahlkampf wird dagegen in den 4 anderen Wahlkreisen geführt, von denen der 1. und 5. bisher im Besitz der freisinnigen Volkspartei, der 2. und 3. im Besitz der Sozialdemokratie waren. Die Verhältnisse liegen in diesen 4 Wahlkreisen sehr verschieden. Wenn aber die bürgerliche Wählerschaft am 16. Juni ihre Pflicht und Schuldigkeit tut, dann wird die protzige Ankündigung der Sozialdemokratie, daß sie die Reichshauptstadt zu ihrer Hauptstadt machen werde, sich als hohle Renommisterei entpuppen.
Im 1. Berliner Wahlkreis kann der Ansturm der Sozialdemokratie als aussichtslos angesehen werden, und der Sieg des freisinnigen Kandidaten ist hier so gut wie sicher. Der Wahlkreis umfaßt die sogenannte City Berlins, jenen Teil der Stadt, der die Hauptgeschäftsgegend bildet, und in dem die Privatwohnungen immer mehr abnehmen und damit auch die Anzahl der Wähler. Der Wahlkreis zählte 1898 nur 18 837 Wahlberechtigte,
Freitag» de« 22. Mai.
und diese Zahl dürste jetzt noch zurückgegangen sein. Im Jahre 1898 erhielt der Freisinnige Langerhans 5667 Stimmen, der Sozialdemokrat 3635, der Konservative 2126 und ein nationalliberaler Kandidat 1068. Bei der Stichwahl siegte Langerhans mit 8385 Stimmern über den Sozialdemokraten, der 4002 Stimmen erhielt.
Diesmal haben die Freisinnigen den Stadtältesten Herrn Kaempf, die Konservativen einen Generalmajor z. D., den Schwiegersohn des verstorbenen Rudolf Hertzog, und die Sozialdemokraten den früheren Privatdozenten Dr. Arons aufgestellt. Insbesondere die Sozialdemokratie agitiert mit großer Heftigkeit, aber der Wahlkreis, der bisher unbestrittener Besitz des Freisinns war, wird es zweifellos auch bleiben.
Ter 2. Wahlkreis, der heute über 80 000 Wahlberechtigte zählt, wurde 1898 von den Sozialdemokraten erobert, 1898 von den Freisinnigen wiedererobert und fiel bei der Nachwahl von 1899 wieder an die Sozialdemokraten zurück, und zwar infolge der Stimmenthaltung eines großen Teils der Konservativen. Bei der Wahl von 1899 erhielt der Freisinnige
Kreitling _^17 442 Stimmen, der Konservative 6267
und der Sozialdemokrat Fischer wurde mit 24 320 Stimmen gewählt. Diesmal stehen sich wieder Kreitling und Fischer gegenüber, während die Konservativen den Professor v. Wenckstern aufgestellt haben. Es kann sich indessen nur darum handeln, ob der Wahlkreis der Sozialdemokratie oder dem Freisinn zufällt; das letztere ist nur zu erhoffen, wenn die Konservativen bei der Stichwahl mit Entschiedenheit für den Freisinnigen ein- treten.
Ter 3. Wahlkreis ging 1893 aus freisinnigen in sozialdeniokratischen Besitz über.. Bei der Hauptwahl von 1898 erhielt der Freisinnige 8031, der Antisemit 3809 und der Sozialdemokrat 11411 Stimmen. Bei der Stichwahl wurde der Sozialdemokrat Heine, der auch jetzt wieder aufgestellt ist, mit 12 766 Stimmen gewählt, während auf den Freisinnigen 11 415 fielen. Die Freisinnigen haben hier den Kreditbankdirektor Jäger aufgestellt, aber dessen Chancen sind nur schwach.
Der 5. Wahlkreis wurde 1893 von den Sozialdemokraten erobert, aber 1898 von den Freisinnigen wieder zurückgewonnen. Bei der Hauptwahl erhielt der Freisinnige Dr. Zwick 7085, der konservativ-antisemitische Kandidat 3286 und derSozialdemokrat 10 025Stimmen. In der Stichwahl wurde Dr. Zwick, der auch jetzt wieder kandidiert, mit 10 957 Stimmen gewählt, während der Sozialdemokrat 10 899 Stimmen erhielt. Wenn die bürgerlichen Wähler bei der Stichwahl ihre Pflicht erfüllen, wird der Ansturm der Sozialdemokraten erfolgreich abgeschlagen werden.
Ter 4. Wahlkreis, welcher jetzt über 100 000 Wahlberechtigte zählt, ist seit 1884 die Domäne Singers, und der 6. Wahlkreis, der jetzt circa 150 000 Wahlberechtigte zählt, ist ebenfalls seit 1884 in sozialdemokratischem Besitz. In beiden Wahlkreisen ist von einem Wahlkampf
RedaktionS-Fernsprecher No. 52. 1903.
nicht die Rede, die Kandidaten der Gegenparteien sind nur Zählkandidaten. Die Schwierigkeit in den anderen 4 Wahlkreisen liegt darin, daß die Sozialdemokraten aus dem 4. und 6. Wahlkreis Tausende von Schlafburschen in die anderen Wahlkreise abkommandiert haben, die dort ihr Wahlrecht ausüben. Jedenfalls kann dem Ansturm der Sozialdemokratie nur bei eifrigster Pflichterfüllung der bürgerlichen Wähler begegnet werden. Die Nationalliberalen werden durchweg bei der Hauptwahl für die freisinnigen Kandidaten stimmen: hoffentlich tun die
übrigen Wähler bei der Stichwahl, die in den umstrittenen Wahlkreisen durchweg erst die Entscheidung bringen wird, das gleiche.
Deutsches Deich.
Chambcrlain und Rofebery.
l,. Berlin, 20. Mai.
Die in hiesigen politischen Kreisen herrschende Auffassung^ voir Chamberlains Birminghamer Rede wird durch die programmatische Kundgebung des Oppositionsführers Lord Rosebery nur noch bestärkt. Man hat den bestimmten Eindruck, daß es sich zuerst und auch zuletzt um eine innerpolitische Angelegenheit handelt, run einen persönlichen Machtkampf, für den sich die Ringer hüben und drüben ein möglichst breites Podium durch Inanspruchnahme der öffentlichen Meinung verschaffen möchten. Der Anblick der englischen Wittschaftszustände ist nicht derartig, daß eine Verwirklichung von Chamberlains imperialisffschen Plänen in absehbarer Zeit er- wartet werden müßte. Solche Pläne haben zu ihrer Voraussetzung die unbedingte, von Begeisterung getragene Zustimmung der gesamten Nation oder doch ihrer politisch wie wirtschaftspolitisch führenden Klassen. Nun zeigt aber der Stand des öffentlichen Geistes jenseits des Kanals, daß von solcher Zustimmung nicht entfernt gesprochen werden kann. Man hat demgemäß bei uns alles Recht zu einer beruhigten Auffassung. Tie Engländer werden sich wohl noch für viele Jahre und Jahrzehnte sagen, daß es selbst bei noch größeren Unbehaglichkeiten und Blufftockungen des wirtschaftlichen Organismus vorzuziehen sei, die bewährte Politik der offenen Tüv beizubehalten. Die Vorteile, die vom Einschlagen eines neuen Weges zu erwarten wären, sind jedenfalls unsicher, während die unabsehbaren Verluste, die von dem Verzicht auf die überlieferte Handels- und Wirtschaftspoliffk befürchtet werden müßten, eine beinahe mathematische Sicherheit beanspruchen könnten. Die Dinge lägen anders, wenn England von unmittelbaren Gefahren bedroht wäre, oder wenn eine schwere Krise überstanden worden wäre, so daß ein Neubau von Grund aus aufgeführt werden müßte. Aber trotz der Mißlichkeiten, die England von der wachsenden Konkurrenz der Vereinigten Staaten und Deutschlands zu erleiden hat, sieht man nichts derartiges; es sind blendende Zukunfts-
Im weißen Kleide.
Roman von M. Böhme (O. Sanöor).
(9. Fortsetzung.)
Gottburgsen beschäftigte sich angelegentlichst mit seinen Kaviarschnitten, von denen der Kellner eben eine zweite Auflage vor ihn hingestellt hatte. Er kannte Deuzmanns Verhältnisse; Privatvermögen war nicht vorhanden, und die starke Familie — zwei studierende Söhne, von denen einer bis zum unbesoldeten Assessor vorgerückt war und der andere noch die Universität besuchte, sowie mehrere Heranwachsende Töchter — stellte große Anforderungen an den Ernäherr. Der grimmige Haß des alten Künstlers gegen die neue Kunstrichtung wurzelte jedenfalls zum großen Teil in den pekuniären Nachteilen, die ihm in der Tat durch den stets das Neue, Moderne bevorzugenden Geschmack des Bilder kaufenden Publikums erwachsen mochten. Gottburgsens beurteilte die Schwächen seiner Mitmenschen äußerst milde, und obschon Deuzmann ihm wiederholt Beweise einer nichts weniger als freundschaftlichen Gesinnung gegeben hatte, dachte er zu vornehm, um den Kollegen die kleinen Schikanen, die dieser ihm öfter angetan hatte, gelegentlich mit gleicher Münze zurückzuzahlen.
Deuzmanns Kastanienallee war ein hervorragendes Werk, eine musterhafte Wiedergabe der Natur. Eben überlegte Gottburgsen, ob er nicht die Fürstin Lusekoff, die vorhin beim Diner den Wunsch geäußert, ihr Empfangszimmer noch mit einem Gemälde zu bereichern, und sich seinen Rat bei der Wahl desselben ausgebeten hatte, zum Ankäufe des Mldes veranlassen sollte; auf alle Fälle wollte er sie auf die „Blühenden Kastanien" aufmerksam machen. Deuzmann brauchte aber nichts davon zu wissen, dann gab es hinterher, wenn seine Erwartung sich nicht erfüllte, auch keine Enttäuschung.
„Ich verstehe Ihre gerechte Entrüstung Wohl", sagte er, „ich für meine Person bin weder Anhänger noch ausgesprochener Gegner der neuen Bewegung. Natürlich
sind auch unter den Jüngsten richttge Künstler, und daß von den Modernen auch wirklich schöne Sachen gebracht werden, können Sie nicht ernstlich in Abrede stellen. Noch ist die Bewegung im Gären begriffen, aber die Klärung wird nicht ausbleiben, und dann werden die jungen Himmelstürmer, die jetzt das Unterste zu oben kehren und die alte Kunst auf den Kopf stellen möchten, doch zu der Einsicht kommen, daß jede Kunst, mag sie sich nennen, wie sie will, sich auf gewissen Regeln aufbaut und sich besfimmten Gesetzen unterordnet; sie werden in manchen Punkten wieder zur alten Lehre zurückkehren, während wir Alten doch entschieden auch von der freieren Strömung profitieren."
„Nein, nein!" schrie Deuzmann aufgebracht, „ich danke für den Profit. Ein Schandfleck auf der Kunstgeschichte unserer Zeit, dieser Sezessionsschwindel! Ein trauriges Zeugnis hirnverbrannter kin de sitzole-Jdeen . . . . heller Wahnsinn das Ganze! Ihre Toleranz ist mir vollständig unbegreiflich, aber wie gesagt. Sie stehen auf Ihrer majestätischen Höhe über dem Parteienkampfe des Keinen Volkes, das Geschrei stört Sie nicht in Ihrer vornehmen Isolierung, Sie haben es leicht, neutral zu sein."
Gottburgsen tat, als verstände er nicht den Hohn. „Was unschön und unkünstlerisch ist, richtet sich von selber", sagte er ruhig, „es fällt mit der Zeit ab wie eine wurmsfichige, unreife Frucht. Künstlerleben ist eben nur ein großes Wallfahrten nach dem Tempel der Unsterblichkeit, und unsere Nachwelt, die allein konstatieren kann, wer das Ziel erreicht hat, wird wenig danach fragen, auf welchem Wege die Betreffenden dahin gekommen sind. Ob Akademiker oder Sezessionisten, wir dienen alle der gleichen Gottheit, wir haben das gleiche Ziel vor Augen. Unsere hehre Allmutter, die Kunst, sie lebe hoch! Ihr Spezielles, Deuzmann!"
Meister Gottburgsen hob lächelnd den Kelch und trank dem Kollegen zu. Mit sauerer Miene tat Deuzmann Bescheid. Nach seiner Grimasse zu urteilen, hatte sich das goldklare moussierende Naß im Glase plötzlich in ein
mixtum compositum von Essig und Galle verwandelt, das mit Todesverachtung überwunden werden mußte. Eine Minute lang überlegte er, ob er den Gekränkten spielen und aufbrechen oder bleiben sollte, dann entschied er sich für das letztere. Mit großer Umständlichkeit brachte er eine frische' Goldbebänderte in Brand und versank m seine gewohnte Schweigsamkeit.
„Sie haben mir aus. der Seele gesprochen, Herr Professor! Alles Minderwertige in der Kunst scheidet sich mit der Zeit aus, nur das wirklich Schöne hat Bestand", sagte Dirken halblaut zu Gottburgsen. „Aber in einein kann ich Ihnen nicht zustimmen: Sie sagen, die Nachwelt allein konstatiert die Unsterblichkeit des 5Änst- lers. Nein, verehrter Meister, das ist nicht richtig, es gibt Werke, denen der Stempel der Unsterblichkeit so deutlich aufgedrückt ist, daß auch die Zeitgenossen des Künstlers ihn sehen — zum Beispiel Ihre Werke. Bitte, mißverstehen Sie mich nicht, ich will Ihnen keine plumpen Schmeicheleien sagen, aber unter Ihrer großen Gemeinde haben Sie keinen aufrichtigeren und begeisterteren Verehrer Ihrer herrlichen Kunst als mich und meine Tochter Maud. Eine Ihrer unvergleichlichen Schöpfungen, das Porträt einer alten Frau, war der Stolz meines Hauses in Cincinnati und ist das Prunkstück meines hiesigen Heims. Meine Tochter treibt einen förmlichen Kultus mit dem Bilde."
„Sehr schmeichelhaft!" Gottburgsen lächelte zer» streut, er hatte gerade an etwas anderes gedacht und war nicht ganz bei der Sache. Dennoch fühlte er sich ange- nehm von Dirkens Worten berührt. Wohl hatten die Ruhmeshymnen, welche sich täglich und stündlich in allen Tonarten über ihn ergossen, ihn abgestumpft, ihn gegen die Schmeicheleien und Lobeserhebungen der Menge gleichgültig gemacht, doch war er nicht unempfindlich für eine schlichte, rückhaltlose Anerkennung, tvie sie sich in Dirkens Watten äußerte.
„Vielleicht besuchen Sie mich einmal in meinem Atelier, wenn Sie sich für meine Bilder interessieren", sagte er flüchtig.
