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1. Beilage mm Wiesbadener Tagblalt.

Uo. 213. Morgen-Ausgabe.

Donnerstag, den 21. Mar.

51. Jahrgang IVOS.

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ln» Weib, das sich auhergewölmliche geistige Aufgaben ""braucht hierzu seine ganze Kraft »iid flirrt für alle Sinnlichkeit ab. Deshalb finden wir bei Frauen, welche uberkr,ebene Geiiteraiistrcngungcn machen, so häufig ei» vcr- kuinmcrtes Gemüt. Wilhclniine von Killern.

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( 28 . Fortsetzung.)

Spate Erkenntnis.

Roman von Alexander Römer.

Sie sah mit ihrem verführerischen Lächeln zu ihm tmpor.

, f --^d'lne! es geht so nicht weiter, ich fühle es, — mir • ? b nnißte ich alle Ketten zerreißen — auch für rnd) wird das Spiel immer unwürdiger ^— du sprichst von Unvorsichtigkeit, — gut! ich werde noch mehr deren be­gehen, ich werde der Welt zeigen, was wir einander sind 77 tprtd) mit deinem Vater, bekenne dich offen zu mir — binnen kurzem muß ja die Katastrophe eintreten, die mich frei macht, und mir Mttel gibt — —"

„Halt!" Du weißt, was wir vereinbarten. Bist du em freier Mann, der mich in ein Leben, wie ich es fordern muß, hinausführen kann, dann kommt die Zeit, um Pläne zu machen. Bis dahin — was willst du? soll ich mich kompromittieren? Skandalscenen veranlassen? Mein Pater ha! ha! ha!" ihr silbernes Lachen erklang, als ob sie ein harmlos heiteres Thema erörterten — „du bist von Sinnen, inein Bester, heute abend. Gelüstet es dich .etwa morgen vor meinen Vater zu treten?"

Wieder ihr klingendes Lachen. Leopold überrieselte es kalt.

„Adieu! Du spielst mit mir, du" —- ihm war, als würge ihn jemand — „du weißt, daß ich dir verfallen bin mit Leib und Seele."

„Das klingt, wie das Schlußwort einer Tragödie", spottete sie, „es dünkt mich.schon vielmal gesagt worden

— komm, trink lieber von diesem wirklich gutenPommery

— gib auch mir noch ein Glas. , Weißt du, ich kann mir nicht helfen — solche Scenen, wie du sie mitunter liebst, haben einen welken Herbstgeschmack und ich liebe nur den Frühling, die Jugend, die ersten Blüten. Soll ich dir sagen, daß du alt wirst — diese Falten da stehen dir chlecht, mein Apoll. Des Griechengotts Zauber war seine ewige Jugend."

Leopold stürzte ein paar Gläser de? schäumenden Prunkes hinab, ihn packte das Fieber. „Ja, ewige Jugend! Du hast Recht, und wenn sie schwenden will, bann hinab in das Nichts."

„Recht so! Wir beide lassen das Alter, welch eine Torheit an langem Leben zu hängen, Einförmigkeit, Aden sind da unausbleiblich. Ein rascher kurzer Rausch voll Wonnen, und dann traumloser Schlaf. Komm, küsse mich mit deinen durssigen Lippen, du Unersättlicher, — so — und nun geh — bestell mir unten den Wagen, horch! in meinen Taschen klirrt das Geld — das uns — dielleicht die Zaubertüren einer Zukunft auftut, wie sie uns frommt."

Er lag einen Moment zu ihren Füßen und kühlte sein brennendes Gesicht in den Falten der kühlen Seide, die

ihre herrlichen Glieder umschloß, dann — von ihr ge­mahnt, riß er sich los — und tat, wie sie chm befohlen.

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Ellen hatte jetzt keine Zeit mehr dem Heimweh nach ihreni geliebten Putney nachzuhängen. Ihr Geist war zwiespältig gefesselt. Die Sorge um den Bruder, und wie schließlich das Ende sein werde —ein Zusammen- bruch, der auch die Mutter und sie in seinen Strudel mit hineinritz? — beschäftigte sie Tag und Nacht. Dazwischen bildeten die im Noseschen Hause verbrachten Sttmden Lichtbilder. Sie sah dort Herrn Welcord sehr oft, und der Mann übte immer dieselbe Anziehungskraft auf sie aus. Er war nicht dauernd in der Stadt, reiste viel, kehrte aber immer zeitweilig nach Schwanau zurück und verweilte dann mehrere Tage.

Ellen mühte sich mit ihreni sonderbaren Herzens­zustand zurecht zu kommen, sie sagte sich, daß ihr einmal ein Mensch begegnet sei, den sie nie mehr vergesse,: würde. Sie wollte das Glück, was ihr daraus erwuchs, fest- halten, die Beziehungen zu ihm als ein geistiges Band empfinden, das ihren sonnenlosen Pfad erhellte.

Wenn er dieses Mädchen, welches die Verhältnisse ihm ans Herz legten, an seine Seite stellte, so wollte sie an ihrem Teil dazu tun, sie ihm näher zu bringen, ihm bei der Aufgabe, die ihm später zufiel, Vorarbeiten und helfen.

Diese selbstlosen, auf eine ideale Höhe geschraubte Ge­danken suchte sie festzuhalten, ihrer Natur war Entsagung und Qpsernmt möglich, — aber das schwache Herz kämpfte doch heißen Kampf. Es gelang ihr nicht, sich immer auf dieser Höhe zu halten, wilder Schmerz und tiefe Niedergeschlagenheit suchten sie oft heim.

Angelika vertraute ihr alle ihre kleinen Freuden und Leiden an. Da liefen denn auch gelegentlich Klagen über Ton Adolso mit unter. Er war strenge und pedantisch. Er hatte nicht mit ihr ins Variätötheater gehen wollen, und die lustigen Späße dort amüsierten sie gerade. Sie sehnte sich garnicht nach Valparaiso zurück, das Leben drüben sei schrecklich einförmig, und er rede stets davon, daß er noch auf Jahre dahin zurückkehren wolle. Sie wünschte sich einen Aufenthalt in Paris, er habe ihr gar­nicht darauf geantwortet, sie wisse mitunter nicht, wie sie mit ihm dran sei.

Ellen schwieg konsequent zu diesen Tiraden. Angelika wußte ja den Wert dieses Menschen nicht zu würdigen, sie suchte ja ganz anderes.

Es kam häufiger vor, daß er sie, wenn sie das Rosesche Haus verließ, nach Hause geleitete. In den Nachmittags­stunden fehlte sie dort fast nie, wenn er anwesend war. Frau Rose und Angelika drangen auf ihr Kommen, und empfanden ihre Gegenwart als eine Bequemlichkeit.

„Sie verstehen es so gut, Don Adolso zu unterhalten^, sagte man ihr.

Täuschte sie sich, wenn es ihr mitunter erschien, als ob dieser Gelegenheiten suchte, mit ihr allein zu sein. Sie machten dann oft, ohne es gewahr zu werden, noch Um­wege bis zu ihrer Wohnung, und es fehlte ihnen nie an Gesprächsstoff. Er redete anders mit ihr, als in Angelikas Gegenwart, weil diese für kein ernstes Thema zugänglich war. Zwveilen lenkte er das Gespräch auch geschickt aus ihre Verhältnisse. Er wußte es lange, daß sie um eine kranke Mutter zu pflegen, damals von England herüber- gekommen war, und eine ihre Zukunft sichernde, ihr lieb

gewordene Stellung dort aufgegeben habe.

Bruders tat er nie Erwähnung, obgleich sie wußte,

Leopold hier und da, in Weinstuben oder soi Lokalen traf. Vielleicht wußte er schon mehr von Leben, als ihr lieb war. Sw hatte m letzter Zeit tn kanntenkreisen öfter den Namen Helmke nennen how:, der ihr Erinnerungen an Susi weckte. Es war chr fast ein Geinissei:svo rnnirf, daß sie sich um, das arnw Mädchen nie wieder gekümmert hatte. Die jung sie Tochter öe» Regisseurs Helmke war zum Theater gegangen und hmte an verschiedenen kleinen Bühnen mit Gluck als Soubrette dÄüttiert. Es hieß, daß es dem Vater gelmgen werde, ihr ein Engagement am hiesigen Hoftheater zu ver­schaffen. „„ „ , .

Ellen begegnete eines Tages dem ältesten Frautem Helmke, die hier bei den Eltern lebte. Ihr kam der Ge- danke, sie anzureden und eine Frage nach Susi zu tun. Wahrscheinlich wußten doch diese, rhre ehemaligen Freunde, etwas von ihrem Verbleib. .

Sie kleidete ihre Frage vorsichfig em. Das zuwze Mädchen, das vor ein paar Jahren hrer m ihrer Ge­sellschaft war, und ihr damals von ihrem Bruder vor- gestellt wurde, war ihr in Erinnerung geblieben. sie Hane später gehört, daß des Mädchens Vater gestorben und sw von chrem Wohnort fortgezogen sei — wo mochte sie ge­blieben sein. - _

„01 die Susi Kern", entgegnete Fraulem Helmke ein sehr lebhaftes, zungenfertiges Dämchen — „dre fit bei meiner Schwester, der Schausprelerrn.

Ellen erschrak. ..So will sie sich auch für die Bühne ausbilden?" fragte sie kleinlaut. ..

„Ach! das kleine bildhübsche Ding, wenn sie nur nicht gar so zimperlich wäre. Meine Schwester bat :bre Itccw

Not mir ihr." < ^ .. , • r

Es war schon Dämmerung und Fräulein Helnrr„

schloß sich Ellen auf ihrem Wege an.

Das arme Mädchen war in einem schrecklichen, Sv-' stände, als meine Schwester sie nach dem, Tode rhrc^ Vaters aussuchte, berichtete sie werter. „Meine «chwester ist schr yutmüsig. wissen Sie, und, die beiden hatten sich miteinander angefreundet, so verschieden„sie auch sind. war denn Eillh, als sie von dem llnglück gehört, zu ihr gereist, und hatte sie beinahe verzweifelt gesunden. Sw sagte mir. wenn sie nicht gekommen Ware, hatte „das Mädel sich das Leben genommen. Eine verringluckte Liebesgeschichte war nattirlich mit im Spiel, sie hat aber nie den Namen ihres Liebhabers nennen wollen. Na, sie war zu dumm, der hat sie natürlich an der Nase herum. geführt und sic dann sitzen lassen. Die alten Tanten um sie heriim haben sie da in die Strumpffabrik siecken wollen, da sollte sie Garn haspeln und im Laden ver- kaufen. Davor hat das arme Ding sich gräßlich gegrault, und zum Alleinleben hat ihr bischei: Vermögen nicht ge- reicht Meine Schwester entschloß sich dazumal, sie nnt sich zu nehmen. Sie hätte brillant Karriere machen können, sagt Cilly, hübsch war sie, und wenn eine nur hübsch ist. klatschen die Herren, schon und nehmen es mit dem übrigen nicht genau. Sie hat auch ein hübsches Sümmchen, und siechaben den Versiich gemacht, sie unter die Choristinnen zu stecken, damit sie doch etwas ver­dienen sollte. Cilly sagt aber, sie habe sich ganz albern benommen, immer scheu uiid blöde, und den Kopf weg­gesteckt — na, damit kam sie nicht weiter." (Forts, folgt.

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