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233* verlagS-Fernsprecher 91». 2961.
Mittwoch» de« SO. Mai.
Redaktions-,Fernsprecher No. 62.
1903 .
Morgenausgabe.
Mililarijche Rundschau.
Don Hauptmann Dr. Reinhold Günther.
Die Neubewaffnnng der schweizerische« Felbartillerie. — Die Fcldgeschützfrage in Lsterreich-Ungarn. — Reformen i» der Kiistenverteidigung Frankreichs. — Die Vollendung des Kriegs- Hafens von Bizerta. — Englands Marincbndgct 1993,94. — Die allgemeine» Hcereskräfte der Türkei. — Die notwendige Be- kestigung von Konstantinopel. — General Brialmonts Plan. —
Die ungenügende Deckung der Meerengen.
Me für die Entscheidung der schwebenden Fragen über das zukünftige Feldgeschütz nicht unwichtigen Prüfungen des Artilleriematerials durch die militärischen Behörden der Schweizerischen Eidgenossenschaft sind abgeschlossen. Vor acht Jahren begann die Schweiz die von den Artillerietechnikern aufmerksam beobachteten Versuche zur Auswahl eines neuen Geschützsystems. Im Jahre 1901 war man fast entschlossen gewesen, ein Kruppsches Federsporngeschütz für die Neubewaffnung der schweizerischen Feldartillerie zu bestimmen. Zu gleicher Zeit jedoch zeigte es sich, daß die Technik weitere Fortschritte auf diesem Gebiete gemacht hatte: Rohrrücklauf hieß nun die Parole und die Schweizerische Bundesversammlung beschloß deshalb, die notwendigen Versuche fortsetzen zu lassen. Es wurde an die bekannten Geschützkonstrukteure eine Einladung gerichtet, sich an dem neuerlichen Wettbewerbe zu beteiligen; in der Tat liefen Anmeldungen von sieben der bedeutendsten Firmen ein. Bei den seit dem November 1901 unternommenen Versuchen zeigte es sich, daß das von Knipp gelieferte Rohrrücklaufgeschütz den unbestrittenen Sieg davontragen dürfte. Insbesondere ergab ein Truppenversuch, daß die Ausbildung der Mannschaften — und dies fällt für ein Heer mit kurzer aktiver Dienstzeit stark ins ßiewicht — am Rohrrücklaufgeschütz sich bei weitem einfacher gestaltet als an der Kanone mit Federsporn, weil nämlich die schwierige Bedienung des Lafettenschweises fortfällt.
Die Ergebnisse der vergleichenden Versuche zwischen einem Kruppschen 7,5 em-Shrapnelgeschütz und einer von der Rheinischen Metallwaren- und Maschinenfabrik (Düsseldorf) vorgestellten 5 em-Granatkanone der Konstruktion Ehrhardt fielen zu llngunsten des letztgenannten Systems aus, obwohl die Bedeutung der Granaten für den modernen Feldkrieg neuerdings anerkannt werden mußte. Es erklärt die Schweizerische Kommission, daß vermutlich der Shrapnel vorläufig das Hauptgeschoß der Feldartillerie bleiben wird; die Entscheidung über die passende Geschoßart wurde übrigens nicht getroffen. Die
Mehrheit der Kommission sprach sich für die Einführung von Schutzschilden an Feldgeschützen aus. Durch Vervollkommnung der Rohrrücklaufeinrichtungen ist eS möglich geworden, das Gewicht des Feldgeschützrohres so herabzusetzen, daß auch bei einem Gesamtgewicht des ab- geprotzten 7,5 ein-Geschützes von 1000 kg Frontschilde von genügender Stärke und Ausdehnung angebracht werden können.
Da die Rohrrücklauskonstruktion eine weitere Steigerung der Feuerbereitschaft ermöglicht, oder richtiger ge- sagt, eine raschere Feuerbereitschaft der Geschütze ergibt, so werden die schweizerischenBatterieen in Zukunft sich nur noch zu 4 anstatt wie bisher zu 6 Geschützen formieren. Diese organisatorische Frage bewegt noch gegenwärtig ganz besonders die französische Artillerie, sie dürfte aber in der nächsten Zukunft schon endgültig zu Gunsten der Ansicht der Schweizerischen Artillerietommission entschieden werden.
In Österreich-Ungarn ist die Feldgeschützfrage noch nicht erledigt, obwohl dort jedermann weiß, daß das sogenannte Uchatiusmaterial des Jahves 1875 den gegenwärtigen Anforderungen, die für den Kriegsgebrauch gestellt werden müssen, keineswegs mehr entspricht. Die Hartbronzerohre haben sich im Friedensdienste verhältnismäßig rasch abgenutzt; insbesondere äußert die Gasentwickelung des rauchschwachen Pulvers heftige Einwirkungen auf die Rohrseele. Andererseits bietet die Uchatius-Hartbronze den großen Vorteil dar, daß sie vollständige Sicherheit gegen die sogenannten Rohrkrepierer gewährt, selbst wenn die Geschosse mit sehr kräftig wirkenden Sprengstoffen geladen sind. Das Bronzerohr „springt" nicht wie das Gußstahlrohr, sondern es „reißt" der Länge nach auf, ohne die Bedienungsmannschaft des Geschützes zu gefährden. Die österreichungarische Artilleriekommission, die seit Jahren die gegenwärtige Feldgcschützfrage aufs genaueste prüft, dürste sich wahrscheinlich für eine mit Schutzschilden ausgestattete Feldkanone mit Gußstahlrohr entscheiden. Bei dem Stande, den die Gußstahl-Jndustric in Österreich erreicht hat, bietet die Herstellung einer solchen Neubewaffnung der Artillerie im Inlands keine Schwierigkeit mehr dar, wie dies noch vor zwei Jahrzehnten etwa der Fall gewesen wäre. Überdies können die großen Mengen von Hartbronze, die bei Einführung eines neuen Feldgeschützmaterials zur Verfügung stehen werden, sehr gut für die Konstruktion von Festungsgeschützen Verwendung finden, wobei freilich eine weitere Veredelung der Hartbronze wird stattfinden müssen.
In einer gegen Ende März stattgefundenen Sitzung der „obersten Kriegsräte" des Heeres und der Flotte der französischen Republik wurde beschlossen, die auf. die
Küstenverteidigung sich beziehenden Befugnisse der See- prüsekten zu vermehren. Bisher waren nämlich die Wirkungskreise der beiderseitigen Verwaltungsbehörden keineswegs genügend scharf von einander getrennt. In einem und demselben Kriegshasen untersteht etwa das eine Fort und sein Geschützmaterial samt der dazu not- wendigen Bedienung dem Marineministerium, während ein anderes von dem Kriegsministerium abhängt. Die Signaleinrichtung des Hafens gehört zum Marineministerium, der Leuchtturm dagegen tvard von dem Ministerium der öffentlichen Arbeiten erbaut und wird von ihm verwaltet. Indes im Kriege Marinemannschaften einer Küstenbatterie als Beobachtungsabteilungen tätig wären, würden die Geschütze vielleicht von Festungs- artilleristen aus dem Landesinnern bedient, die niemals vorher ein Schiff gesehen hätten. Das Kommando endlich über einen Kriegshasen war bisher nach einem sehr verwickelten Reglement zwischen dem Oberbefehlshaber der Landgarnison des Platzes und dem Seepräfekten geteilt. So werden Dünkirchen, Bayonne, Nizza, Marseille und der Sektor Perpignan von Generalen des Landheeres verteidigt, indessen die übrigen Küstenstriche dem Befehle von Admiralen unterstehen, die aber höhere Landofsiziere zu Gehilfen haben. Diese Zwiespältigkeit ist alt, sie datiert aus dem Jahre 1759 und konnte ihr ehrwürdiges Alter nur deswegen erreichen, weil Frankreich seitdem niemals in die Lage kam, seine Küsten ernsthaft verteidigen zu müssen.
Die Reise des Präsidenten nach Algerien und Tunis lenkte die Aufmerksamkeit weiter Kreise aus den Ausbau des für einen Entscheidungskampf im westlichen Mittelmeerbecken so wichtigm starken Kriegshasens Bizerta. Das Werk des Geniegenerals Marinier ist fast vollendet und nach dem übereinstimmenden Urteile der höchsten französischen Seeoffiziere sind Landungsversuche nunmehr nicht mehr möglich. Dagegen erscheinen die gegen die Landseite hin sich erstreckenden Befestigungen noch mancherlei zu wünschen übrig zu lassen. Jedenfalls wird man binnen kurzem daran gehen, auch die die Stadt beherrschenden Höhen von Mateur mit Forts zu krönen, um derart jeglicher Gefahr eines von Süden her erfolgenden Handstreiches mit leichter Mühe begegnen zu können.
Das seebeherrschende England vernachlässigt dauernd sein Landheer. Aber es ist rasüos bemüht, seine Flotte zu vermehren. Das britische Marinebudget ist für 1903/04 aus 687,16 Millionen Mark festgesetzt worden und der Mehrbetrag gegenüber dem Vorjahre erhebt sich auf über 64 Millionen Mark. Mese gewaltige Summe findet unschwer ihre Erklärung in der Tatsache, daß sich gegenwärtig 116 neue britische Kriegsschiffe — darunter
Feuilleton.
Das AerfeheiF der Frauen.
Von Dr. Robert Schulze.
»Wir wandeln alle in Geheimnissen."
(Goethe an Eckermann.)
In jüngster Zeit wird die Frage des sogenannten „Versehens" der Frauen, welche bisher von der medizinischen Wissenschaft für ein Ammenmärchen gehalten wurde, von ärztlichen Autoritäten theoretisch und praktisch eifrig erforscht. Nachdem man den großen Einfluß aller Gemütsasfekte auf den Körper, auf Nerven, Herz und Blutdruck, erkannt hat, hält man es für möglich und sogar wahrscheinlich, daß seelische Erregungen der hoffenden Frauen auch im Kinde solche Blutlaufs- und Bildungsstörungen Hervorrufen können, daß dadurch Mißbildungen entstehen. Jedoch reicht der Begriff des Versehens noch weiter. Wenn auf eine Frau irgend ein tiefer seelischer Eindruck derart einwirkt, daß am Körper des Kindes die Ursache dieses Eindrucks sichtbar wird, so hat die Betreffende sich „versehen".
Wunderbares ist seit den ältesten Zeiten bei fast allen Völkern hierüber gefabelt und berichtet worden, so daß es sehr schwer fällt, das Erdichtete von dem Wahren zu unterscheiden.
Das älteste und interessanteste Beispiel vom Versehen wird in der Bibel (1. Buch Moses, Kap. 30, Vers 87 rc.) berichtet und bezieht sich aus Tiere. Nachdem Jakob sieben Jahre als Hirt redlich um Rahel gedient hatte, erbat er von deren Vater Laban die Rückkehr in sein Vaterland. Dieser wollte aber den trefflichen Hirten nicht gern ziehen lassen und erbot sich deshalb, ihm einen Lohn zu geben, den er selbst bestimmen sollte. Jakob bat sich von den Schafen Labans jedes gefleckte und gesprenkelte Stück aus, sowie alle in der Zukunft fleckig geborenen Lämmer. Laban bewilligte ihm dies. Nun war Jakob, nach dem damals wohl allgemein herrschenden Glauben, überzeugt, daß die Mutterschafe dann gefleckte Lämmer werfen, wenn sie während der Trächtigkeit recht oft gestreifte Gegenstände sehen, sich daran also „versehen". Er nahm daher Stäbe von Pappeln, Hasel und Kastanien, schälte in Streifen die Rinde ab, so daß darunter das weiße Holz sichtbar wurde. Dann legte er diese gestreiften Stäbe in die Tränkrinnen vor dieHerden.
„Also empfingen die Herden über den Stäben und warfen sprenklichte, fleckige und bunte Lämmer."
Ähnliche Versuche der Tierzttchter, sich das Versehen zur Erzielung schöner Tiere von besonderem Aussehen nutzbar zu machen, werden seit den ältesten Zeiten bis in die Gegenwart berichtet.
Lessing sagt im „Laokoon": „Erzeugten bei den Alten schöne Menschen schöne Bildsäulen, so wirkten diese hinwiederum auf jene zurück, und der Staat hatte schönen Bildsäulen schöne Menschen mit zu verdanken." „Vielleicht hat die Aufstellung der zahlreichen herrlichen Statuen im alten Griechenland sehr viel zur Veredelung und Verschönerung menschlicher Formen beigetragen, indem die hoffenden Mütter stets ein Ideal von Schönheit vor Augen hatten und daher auch schöne Kinder bekamen, wie in Spanien die Mutter vor den Heiligenbildern kniet und oft stundenlang in tiefster Andacht eine schöne Madonna, eine liebestrahlenöe Justa, eine verklärte Eulalia betrachtet. Dort findet man die Züge jener Bilder häufig sehr genau in den Töchtern wieder. Daher die vielen Madonnen und lebendigen Heiligengesichter, die man in Spanien mehr als irgendwo findet." Dies sind die Worte eines bedeutenden Forschers der Gegenwart auf diesem Gebiete, des Frauenarztes Dr. Gerhard v. Welsenburg.
Bei den Chinesen scheint der Glaube an das Versehen von jeher sehr verbreitet gewesen zu sein. Man warnte die betreffenden Mütter, dabei zugegen zu sein, wenn große oder kleine Haustiere, Federvieh, Fische rc. geschlachtet würden, weil man die Entstehung der roten Feuermäler mit dem Anblicke des fließenden Blutes in Verbindung brachte.
Plinius, der ums Jahr 50 nach Christus lebte, hat das Versehen als etwas Tatsächliches geschildert. Er meint, daß ein plötzlich auftauchender Gedanke an irgend etwas ein dem gedachten Gegenstände ähnliches Bild am Kinde Hervorrufen könne, und daß die Verschiedenheit im Aussehen beim Menschen deshalb größer wäre wie bei den Tieren, weil seinem Körper die Schnelligkeit der Gedanken vielfältige Merkmale einprägt, während der Geist der übrigen Wesen unbeweglich sei. Dieser wunderbaren Erklärung fügt er ebenso wunderbare Beispiele bei.
Im Mittelalter ist Maffeo Vegio, ein päpstlicher Beamter unter Pius II., der erste Schriftsteller, welcher sich in einem 1450 erschienenen Buche über das Versehen
äußert. „Man ignoriere nicht, was die Arzte authentisch verbürgen, daß die Eltern in ihren Zimmern keine Gemälde, welche aus nngestaltcn, mißgeburtartigen Figuren bestehen, anfbewahren sollen, weil deren Anblick und lebendige Vorstellung einen auffallenden Einfluß auf die Bildung des Kindes übt, wie überhaupt alles, was die Frauen mit den Augen einsaugen und im Geiste zu leb. Haft sich vorstellcn."
Auch Dr. Martin Luther glaubte an diese Ein- Wirkung. Er erzählte mal, daß er ein neugeborenes Kind an Gestalt „wie eine Rattenmaus" gesehen habe. Als ihm nun jemand sagte, er könne dies nicht glauben, erwiderte Luther: „Ja, der weiß noch nicht, was die Kräfte des Gemütes sind! Das ist ein Argument und Anzeigung, daß starke Gedanken und die Kräfte des Gemüts und Sinnes so groß und gewaltig sind, daß sic auch die Körper können verändern und verwandeln." Ferner berichtet Luther, daß er in Wittenberg einen Bürger mit einem Totenkopf gekannt habe, dessen Mutter durch den Anblick eines Leichnams so erschreckt worden sei, daß das Gesicht des Kindes das Aussehen dieses Totenkopfes an» genommen habe.
Luthers Zeitgenofle, der berühmte Arzt Bomvastus Theophrastus Parazelsus (1403—1654) meint: „Furcht
und Schrecken ist die fürnehmste Ursache, daraus Mißbildung entsteht."
Historisch besonders interessant ist eine Erzählung des Lykosthenes, bestätigt vom Jesuiten Georg Stengel (1647), da sie auf einem tatsächlichen Vorkommnis zu beruhen scheint: Eine dem Papste Martin IV. nahe verwandte Edeldame, welche sich an den einen Bären darstellenden Insignien des berühmten Hauses Ursini (ur8U8-Bär) versehen hatte, bekam ein Kind, dessen Haut einem Bärenfell ähnelte. Der Papst ließ daraufhin alle Bärenbilder zerstören.
Auch der bedeutendste französische Chirurg deS 16. Jahrhunderts, Ambroise Parä, berichtet merkwürdige Fälle von Versehen. So erzählt er von einer Frau aus Fontainebleau, die sich an einem Frosch versah und ein froschähnliches Kind bekam.
Der größte Gelehrte der damaligen Zeit, Baptista de la Porta, erklärte das Versehen folgendermaßen: Die Wirkungskraft der Seele ist sehr groß und die Einbildungskraft vermag körperliche Bewegungen zu veranlassen. Wenn die Frauen einen heftigen Gemütseindruck erleben, entstehen in den Lebensgeistern die
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