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Sonntag, 29. August 1915.
Morgen- Ausgabe.
Ur. 401. » 63. Jahrgang.
(Eine neue Offensive in Galizien.
Die russischen Stellungen an der Zlota-Lipa durchbrochen. 20 Gsfiziere und 6000 Mann gefangen.
Im westen Fliegerangriffe» auch auf Mühlheim in Baden. — Im Norden 2000 Nüssen gefangen sowie 2 Geschütze und 9 Maschinengewehre erbeutet. — Auch an der übrigen Zront siegreicher Vormarsch. — Deutsche Reiterei warf eine russische Navalleriedivision.
Der Tagesbericht vom 28. August.
W. T.-B. Großes Hauptquartier, 28. Aug. (Amtlich.)
Westlicher Nriegsschauplatz.
Ein französischer Handgranatenangrifs aus dem Lingekvpf (nördlich von Münster) wurde abgc- wicse».
Aus einem großen Teile der Front war die Tätigkeit der Artillerie und der Flieger kehr rege.
Feindliche Flieger bewarfen ohne Erfolg Ostende, M i d d e l k e r k e und Brügge. In Mühlheim in Baden wurden drei Zivilpersonen durch Fliegerbomben getötet.
Gestlicher Kriegsschauplatz.
Heeresgruppe des GeneralfeldmarfchaUs von Hindenburg.
In den Gefechten nordöstlich von Bausk und Schönberg ist der Gegner geworfen. Uber 2000 Russen wurden gefangen genommen, 2 G e s ch ü tz e und 9 Maschinengewehre erbeutet. Feindlrche Vorstöße gegen Teile unserer Front zwischen Radstwülschkr und Swjadosze wurden abgeschlagen.
Südöstlich von Kowno schreiten die Truppen des Generalobersten v. Eichhorn siegreich weiter vor.
Zwischen dem Bobr und dem Bialo-Bteska-Forst wird verfolgt. Die Stadt Narew ist besetzt.
Heeresgruppe des Generalfeidmarschaüs Prinz Leopold von Bayern.
Die Heeresgruppe ist im Vordringen in den Bialo- Bieska-Forst und über die Lcsna-Brawa, deren östliches User am Unterlauf sie bereits gewonnen hat.
Heeresgruppe des GeneralfeldmarfchaUs von Mackensen.
In der Verfolgung ist die Straße Kamieniec- L i t o w s k - M h s c z c z y c e überschritten. Zwischen dem Muchawirc und dem Pripetslnß treiben unsere Truppen den geschlagenen Feind vor sich her. Deutsche Reiterei warf gestern bei S a m a r y (an der Straße Kowel-Kobrin) eine feindliche Kavallerie-Division.
Südöstlicher Nriegsschauplatz.
Unter Führung des Generals Grafen Bothmcr haben deutsche und österreichisch-ungarische Truppen gestern an der Zlota-Lipa, nördlich und südlich von Brzezany, die russischen Stellungen durchbrochen. Nächtliche feindliche Gegenangriffe wurden blutig abgewiesen. Hente früh gab der Gegner nach weiteren Mißerfolgen den Widerstand auf. Er wird verfolgt. Oberste Heeresleitung.
Radsiwtliischki liegt 10 Kilometer östlich Schönberg, Swjadosze liegt 60 Kilometer Mich Ponewesch.
*
Die russischen Stellungen an der Zlota-Lipa in 30 Nilometer Breite erstürmt. Rückzug der Russen auf der ganzen Zront. — Mehrere erfolglose erngriffe der Italiener.
Der österreichisch-ungarische Tagesbericht.
W. T.-B. Wien, 28. Aug. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 28. August, mittags:
Russischer Kriegsschauplatz.
Unsere in Ostgalizien stehenden Armeen haben gestern die seit Wochen ansgcbaute russische Front an der Zlota-Lipa an mehreren Stellen durchbrochen. Sie kämpfen hierbei auf dem Ehrenfelde der ersten größeren Schlachten, die zu Beginn des Krieges östlich und südöstlich Lemberg ausgekämpft wurden und sich in diesen Tagen zum erstenmal jähren. Sowohl östlich Przemylsanh als auch westlich Podhajse und von Monastcrzyska drangen wir in die feindlichen Linien ein. Zwischen Gologorh und Brzezanv wurden die russischen Stellungen in einer Ausdehnung von 30 Kilometer genommen, wobei
zwischen Gologory und Dunajow österreichisch-ungarische Regimenter und nächst Brzezany unsere nnd deutsche Truppen st ü r m t e n. Der geschlagene Feind, der 2 0 Offiziere und 6000 Mann als Gefangene zurückließ, versuchte vergebens die verlorenen Positionen durch Gegenangriffe wieder zu gewinnen. Er mußte das Schlachtfeld raumen und trat heute früh an der ganzen Front den Rückzug an. Auch östlich Wladimir- Wolynski kam es zu Känrpfcn größeren Umfangs. Die Armee des Feldzeugmeistcrs v. Guhalo warf den Feind in der Richtung gegen den Luck zurück und hat die Verfolgung ausgenommen. Nördlich der Pripct- Sümpfe. nähern sich unsere Verbündeten Kobrin von Süden und Westen. Die bei K a m i e n i e c - L i t o w s k kömpfcnden österreichisch - ungarischen Sircitkräfte schlugen den Feind aus seinen Stellungen nördlich und östlich dieser Stadt zurück.
Italienischer Rriegsschaupiatz.-
An der küstenländischen Front versuchte der Feind hente nacht nnd bei Morgengrauen an mehreren Stellen anzngrcifen. Er wurde überall abgewiescn, so östlich Polazzo und San Martina, ans der Hochfläche von Dobcrdo, dann an unseren Höhenstellcn nördlich des Tolmeiner Brückenkopfes. Im Raume von Flitsch dauert das Gefecht kort. In Tirol gehen die Italiener nördlich des Sugana-Tales näher an unsere Stellungen heran.
Der Stellvertreter des Chefs des Gcneralstabs: v. H ö f e r, Feldmarschalleutnant.
Oie „geeignete Stellung".
Rußlands dritte Verteidigungslinie.
Als Warschau fiel, hatte Rußland seine „erste Verteidigungslinie" verloren. Als Brest-Li towsk erstürmt wurde, hatte es keine zweite Verteidigungslinie mehr. Aber Rußland besitzt noch eine dritte Linie, auf der es vielleicht hofft, dem Ansturm unserer herrlichen Truppen Halt zu gebieten und den Bewegungskrieg in einen Stellungskrieg zu verwandeln. Ein Blick auf die Karte sagt jedem Laien, daß diese dritte Linie in der Richtung von Norden nach Süden von den Flüssen Düna, Beresina und Dnsepr gebildet wird.
Tie Düna, von den Russen westliche Dwina genannt, soll die aus St. Petersburg führenden Wege sperren. Bald hinter Witebsk erreicht der Strom schon eine Breite von 180 und eine Tiefe von 3 Meter, bei D w i n s k (Dünaburg) 280 und 6 Meter. Bis über Dwinsk hinaus — bis zur Einmündung des Laakaisees — sind die Ufer im allgemeinen trocken, aber im weiteren Verlaufe treten häufig Sumpfstrecken heran, während eine große Menge von Weihern und kleinen Seen in der Gegend westlich von Dwinsk die Annäherung erschweren. Bei Riga verzeichnet die Mina die stattliche Brette von 800 Meter. Durchschnittlich 125 Tage im Jahre ist sie hier von Eis bedeckt. An dieser äußersten rechten Flanke der dritten russischen Verteidigungslinie hat der Kampf bereits eingesetzt. Die Hindenburg- schen Nordtruppen stehen vor Riga. Südlich davon strebt die deutsche Front zum Laus der Düna.
Verlängert man die Richtung des Dünastromes von Riga nach Dünabuvg talaufwärts weiter nach Süden, so gerät man genau in die Richtung der B e r e s i n a, die dem Dnjepr zuströmt. Sie wird durch einen breiten Sumpfgürtel auf beiden Ufern geschützt, außerdem erreicht sie schon von der Einmündung des Beresina- kanals ab, wo sie schiffbar wird, eine anschnliche Breite, die bei der Festung Bobruisk 200 Meter erreicht. Südlich von Nishnij-Berefino nahmen die Sumpfstrecken gewaltige Ausdehnung an; so wivd das freie zwischen den Oberläufen des Dnjepr und der Düna liegende Gelände westlich von Smolensk, über das die wichtigen Verbindungen nach Moskau laufen, in wirk- saiuer Weise durch das B e r e si na h i nd e r n i s gesperrt, -das schon zweimal in der Kriegsgeschichte eine Rolle gespielt hat: 1708, als Peter der Große hinter dein befestigten Übergang von Borissow den Angriff des Schweöenkönigs Karl XII. erwartete, der hierdurch zu einer mühsamen ausholenden Bewegung über Niishnrj- Beresino gezwungen wurde und ferner 1812, als die Franzosen wohl im Marsche auf Moskau den Wuß-
-übergang bei Werchnij-Beresino, Borissow und Nishnij- Beresino unbehindert bewerkstelligten, bei ihrem Rückzug im November jedoch die einzige Brücke bei Borissow gesperrt fanden und gezwungen waren, sich unter ungeheuren Verlusten weiter nördlich — bei Studianka — auf zwei mit großen Schwierigkeiten hergestellten Hols- brückpn den Übergang zu erkärnpfen.
Den östlichen Abschnitt des Kriegsschauplatzes bildet der Dnjepr. In seinem Oberlaufe von Smolensk, bei Orscha wird er bei einer Breite von 60 un>d einer Tiefe von 2 Meter schiffbar. Von Schhlow an nimmt die Breite des Flusses bedeutend zu, das westliche Ufer lehnt sich an schwer durchschreitbares Waldgelänide cm, Brücken und Furten sind nicht vorhanden. Die Muffigsten Übergangsverhältnisse sind auf der Strecke Orscha- Schklow anzutreffen. Um an den Dnjepr zu gelangen, kann der Angreifer aber auch südlich der Rofitnosümpfe gegen Kiew vormarschieren. Der Weg geht barm iSet das vielgenannte wolhynische Festnngsdreieck Luzk- Rowno-Dubno. Die Modernisierung dieses Festungskeiles, der den volnffch-galizischen Kriegsschauplatz vom padolischen trennt, soll ungeheure Smrswen verschlungen haben. Nach den Erfahrungen -von Nowp° georgijews, Kowno, Brest-Litowsk wivd man aber auch auf russischer Seite nicht mehr viel von der Widerstandskraft der Besestigungswerke halten. Ein so geschwächtes und zerrüttetes Heer, wie es das gsschlagene russische jetzt ist, könnte den Durchbruch eines im-Sieges* sturm erstarkten Feindes hier lrwhl nicht anehr aushal- ten. Schon die nächsten Tage, ja Stunden werden wohl darüber Aufschluß geben, in welcher Richtung «das gewaltige Kriegsdrama weiter feinen Lauf nimmt.
Die englische Meinung über die deutschen Absichten.
Br. London, 28. Aug. (Erg. Drahtbericht. Zeus. Bln.) Die „Times" schreibt über die kritische Lage, in der sich Rußland befindet: Die Nachrichten über die Gefechte zwischen der deuffchcn und russischen Seemacht im Golf von Riga stellen den zun ehmen- d e n Ernst der Lage im Osten in ein grelles Licht. Die deutsche Bedrohung der baltischen Provinzen scheint die gefährlichste aller Operationen zu fein. Der Besitz Rigas ist eine unumgängUchc Notwendigkeit für den Versuch, die ruffische Macht ans der Dünafront zu vertreiben und deshalb machen die Deutschen zu Lande und zur See die größten Anstrengungen, sich recht bald in den Besitz des großen Seehafens zu setzen. Die Bewegungen — so sagt das Blatt weiter —, welche Riga und die Dünafront znm Ziele haben, bilden einen Teil des riesenhaften Planes, die nördliche und die zentrale Armee gefaw-gcn zu nehmen oder zu vrrnichfin, ein Plan, der, wenn er glückt, die gewaltigste militärische Tat der Geschichte sein werde. - - . ^
Anerkennung der deutschen Leistungen und schwere Enttäuschung in England.- W. T.-B. London, 28. Aug. (Nichtamtlich.) Die „Daältj News" schreiben in einem Leitartikel: Der Fall der stärksten russischen Festung so bald nach der Einnahme von Warschau, Nowogeorgijewsk und Kowno gibt dem gewalti gen! Glückswcchsel in Rußland seit Ende April, als die Bewegung gegen den Dunajec begann, ein starkes Reli es. Es wäre töricht, die Ecüßedieser L e i st u n g heraLfetzo.r ,nnd unsere schwere Enttäuschung darüber kchrgny.it zu wollen. Die Lage ist zweifellos kritisch. Die rufst schö Armee ist von ihrer Hauptstadt abgeschnitten und hat nur noch eine Rückzugslinie offen. Wenn die Arme« Linsingen das Hindernis der Sümpfe am Pripet überwindet, entsteht die ernste Gefahr, daß der linke Flügel des russischen Heeres aufgerollt wird. Trotz dieser Erwägungen kommt der Artikel zu der optimistischen Auffassung, daß der Fe:nd fein Hauptziel, die Vernichtung des russischen HcqreS im ff eien Felde, nicht erreicht hat.
„Rußlands größter Dienst für Europa/'
Lugano, 28. Aug. Der berüchtigte Milttärkritiker Oberst Barone, der vor dem Fall Warschaus ankündigte, die Mittelreiche lägen auf dem östlichen Kriegsschauplätze in den letzten Zügen, schreibt heute einen seiner unfreiwillig komischen Artikel, in dem er sich für ferne Anschauungen auf die geheime Kenntnis unzulänglicher, diesmal russischer Dokumente beruft, um zu dem Schluß zu gelangen, daß die Deutschen und Österreicher tu Rußhrrw der AWojung -ept-
