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L Beilage zum Wiesbadener Tagblatt.

Ko. A33. Morgen-Ausgabe. Mittwoch, den 20. Mai. 51. Jahrgang. 1903.

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Von dem Augenblicke, da I» Chef der Regierung ge­worden dm. war mein Kopf der Ratgeber, und ich habe mich dabei wohl befunden; ich habe erst angefaugen mich zu irren, als ich mein Ohr den Ratgebern lieh.

Napoleon.

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(27. Fortsetzung.)

Spate Erkenntnis.

Roman von Alexander Römer.

In der zweiten Hälfte des Konzerts trat der junge Geiger auf, ein schöner, genial aussehender Mensch, der dre Hörer zu rauschendem Beifall hiuriß. Seine Geige sang süße Liebeslieder, jubelte und schluchzte. Ellen vergaß eine kurze Weile alle Nebengedanken und gab sich ganz dem Eindruck dieser herzbewegenden Töne hin.

Als er geendet, wandte sich Welcord zu ihr, sie tauschten leise, wie zwei, die eines Einverständnisses ge­wiß sirrd, einige Worte. Es waren aus den: Alltagsdruck ernporgehobene Minuten, die sich bald genug wieder ver­flüchtigten.

Jetzt kam die letzte Nummer des Programms, eine Komposition von Schumann, die Ellen genau kannte, und oft selbst gespielt. Sie folgte jedem Ton und wachte wie aus einem Traum erst aus, als das Rauschen und Scharren der in Bewegung geratenden Menge begann.

Der junge Geiger wurde vom Herzog gnädig mit einer anerkennenden Ansprache ausgezeichnet, das Ge­dränge im Saal gestattete kein rasches Vorwärtsdringen, viele verweilter: absichtlich länger, um noch die Vorgänge da oben vor dem Podium zu beobachten.

Die herzogliche Familie hatte sich schon mtfernt, aber das schöne Fräulein von Rodenfels fesselte noch die Neu­gier. Sie unterhielt sich lebhaft mit dem jungen Geiger, und sagte ihm wohl sehr Verbindliches, denn das Antlitz des Künstlers strahlte, und seine Bewunderung der schönen Dame sprach aus jeder seiner Mienen.

Adine lachte, ihr silbernes Lachen, — es klang zu Ellens Standort herüber und berührte sie heirt wie ein Mißton. Sie warm durch die Wogm der dem Ausgang Zudrängmden mehr nach obm geschoben, und sie fand sich in geringer Entfernung von Adine, und plötzlich nebm ihrem Bruder Leopold.

Herr Welcord, der Angela führte, hatte bereits dm Ausgang erreicht, Frau Rose war neben ihnen.

Ellen tat einen Schritt vorwärts, um den Bruder fix erreichen. Aber er sah und hörte nicht, als sie ihn an­ries. Mt fast haßerfülltem, in Leidenschaft funkelndem Blick schaute er auf das Gebühren von Adine, die noch immer mit dem Geiger redete. Seine Zähne knirschtm, seine Lippm warm bläulich gefärbt, er drängte mergisch vorwärts, und stand schließlich am Ausgang nebm Adinm.

Was war das? Ellm konnte sich nicht täuschm, er raunte ihr im Vorübergehen einige Worte zu, sein Gesicht war jetzt purpum, ein Audmck wilden Zornes lag darauf.

Sie blickte flüchtig auf, hochmütig, kalt. Im nächsten Augenblick war ihr Begleiter, Herr v. Saldern, wieder

neben ihr, und sie wandte sich zu diesem. An der Frei­treppe nahm sie dessen Arm. . ^ , ,

Ellens Herz klopfte, das also war sein Geheumns, unglücklicher Leopold! dachte sie. Das zog ihn ab von jeder Pflicht, macht ihn Ehre und Gewissen vergessen. Sie strebte nun auch mergisch dem Ausgang zu. Leopold war im Gewühl verschwunden. „ „ _ w

Unten im Portal wehte eine eisige Zugluft. . Ellen nahm rasch in der Garderobe ihrm Mantel und erlte m:t ihrer Begleiterin auf die Straße zu kommen.

Da schlug noch einmal Adinms Stimme an ihr Ohr. Sie stand nebm ihrem Wagen, in ihren weißen Abend­mantel gehüllt, und verabschiedete sich vom Vetter Saldem.

„Die Mama ist heut gamicht wohl", hörte Ellm sie sagm. „Peter ist allein da. mich zu Holm, Heinrich mußte zu Haus bleiben, im Fall Mama ihn brauchte — ich gehe gleich hinauf und nehme dm Tee mit ihr, daher kann ich dich nicht bitten, mit hinauszukommm —"

„Da komme ich morgen, mich zu erkundigen" — die schnarrende Stimme Herrn von Salderns verhallte unter dem Geräusch der rollmdm Wagen. Er küßte seiner schönm Cousine die Hand und entfernte sich, er versclMmd bald im Dunkeln.

Adinms Kopf aber erschien noch einmal am Wagm- fenster.

„Peter!"

„Gnädiges Fräulein."

„Annmstraße 19."

Um Ellens Lippen kräuselte sich ein verächtliches Lächeln. Sie hatte mit ihrer Freundin ein paar Augen­blicke verweilen müssen, weil die Wagm den Ausgang der- sperrtm. So war sie Zmgin dieser kleine Scene ge­worden. Annenstraße 19 — sie wußte, was das be- dmtete. Es war das Haus der Frau v. Trembow.

Leopold, der seine Schwester garnicht gesehen hatte

— sein ganzes Wesen war in fieberischer Erregung ge- wesm — schritt jetzt, nachdem der Platz vor dem Theater­gebäude sich völlig geleert hatte, einsam in der Richtung nach dem See zu. Es zuckte ihm in jedem Nerv. Er hatte Stundm, wo er sich sagte, sie spielt mit dir, und heute war eine derselbm.

Ja — sie war über ihn gekomnien, die große Leidenschaft, sie hatte seinm ganzen Menschen in ihrm Bann geschlagen. Er kämpfte einen wilden Kanws mit sich. Der bessere Mmsch :n chm war lange schon so ein­geschläfert, daß er kaum noch Lebensregungen gab.

Wenn er jetzt nach Hause ging, sein Blut beruhigte, morgm und viele Tage hindurch sie nicht sah — vielleicht blieb er dann Sieger. Sie nie mehr sehm — er zitterte

— eS schüttelte ihn wie Fieberfrost, es dünkte ihn Tod. Und sie — konnte sie denn ohne chn leben? Wie tausmd- mal hattm ihre süßm Lippm ihm geschworen, daß er zu ihrem Lebm gehöre, wie das Licht und die Sonne. Wmn auch ihre dämonische Seele nie ohne Reizungen sein konnte, wenn sie ihn auch guälm mußte, sie liebte ihn doch — ihn allein. Wer konnte von ihr lassen.

Er rannte auf und ab in der Allee am See, in der­selbm, in der ihn vor zwei Jahrm Ellm mit Susi ge- troffm. Die Zeit war versunkm, völlig ausgelöscht'in seinem Gedächtnis. Heute brannte sein Hirn und seine Pulse flogm. Verriet sie ihn? oder war sie doch treu?

Wie wenig hatte er sich danials gefragt, ob er Treue halten wolle.

Seine Schritte wirrdm langsanier, ein zwingenden Magnet zog ihn in eine gewisse Richtung, dahin, wo dis Annensttaße lag. Zögernd stand er vor dem wohlbe- kanntm Hause. Oben hinter dicht geschlossenen Vor­hängen wußte er, daß Licht brannte, er drückte den Knopf am Tore, es wurde von innen geöffnet. Den Diener, der ihn kannte, ließ ihn schweigend vorüber, ev sprang die Stufen der breiten Treppe hinauf. Eine ein­zelne, niedrig geschraubte Gaskrone erhellte den Flur, mehrere Überröcke hingm dort am Ständer, er warf auch dm seinen ab und trat unangemeldet in ein kleines, links gelegenes Gemach.

Dumpfe Sttlle, nur das leise Klirrm rollmder Gold­stücke! Um dm grünm Tisch in der Mitte saß eine Gruppe von Herren, nur zwei Damen unter ihnm, Frau Lodoiska und Adine. Dian spielte Makao, die Einsätze warm hoch — die gespannten Mienen hafteten an dm Karten . Mitunter ein kurzes Auslachm^ ein Witzwort,, die Goldstücke wandertm von Hand zu Hand.

Leopolds Eintritt verursachte kaum eine Unter­brechung. Man wandte flüchtig die Köpfe, nickte ihm zu we einem gutm Bekanntm. Nur Adine, die nachlässig und anscheinmd gleichgülttg ihre Kartm umschlug und jedesmal höhere Summm setzte, schaute mtt emem triumphierenden Aufblitzen in ihrm Augen einm Moment in sein Gesicht, ohne sich weiter um chn zu kümmern. „ t . r .

Er trat hinter Frau Lodoiskas Stuhl und lreß fern« brennenden Augen nicht von ihr, die der Dame gegm- übersaß. Sie fühlte dm starren Blick ohne aufzuschm, und er ward ihr unbeguem. Sie schob jäh ihrm Stuhl zurück und stand aus.

„Ach! es ist unerträglich heiß hier."

Sie schob mtt chrer schönen weißen Hand dm Hausen Vanknotm und Goldstücke zusammen, ein ansehnlicher Getvinn, wie es schim. und nahm es an sich,

Frau Lodoiskas laute unschöne Sttmme rref: Adln«, Sie sind ein Glückspflz sondergleichen, Fortuna sollte ihr« Gaben nicht alle auf ein Haupt häufen." ^ Ä

Die Herren Offiziere in Civil, unter ihnm der Here vom Hause, Herr von Trembow, ein, im Gegmsatz zu seiner korpulenten Gattin, auffallend hagerer Herr von vornehmen Ansehm, blickten auf, lächeltm, äuß erten em paar galante Worte, setzten aber ihr Spiel erfrig fort.

Adine hatte am Tische stehend noch einmcll grsetztund wieder gewonnm, chre Taschen mußten mit Gold gefüllt sein.

„Lodoiska, habm Sie Sekt kalt . sie, „Herr Kramer" — sie wandte sich ^

Leopold, — „bitte bringen Sie mir ein Glas.

Sie rauschte in ein Nebmzimmer, da« nur durch eins farbige Ampel matt erhellt war, und warf sich m em«k Sessel

Leopold stand jetzt vor ihr mü dem schäumenden Kelch,

„Adine!" , .. .

„Nun — was soll's -— wir warm heute wieder sm- mal"kolossal unvorsichttg, wütend, wie ein toll gewordener

Elephant. c „ . .

„Mein Herr! Sie solltm wißen, daß Ihnm da»

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