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31 . Jahrgang.

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Uo. 234.

BerlagS^ernsprecher No. 2953.

Mittwoch» den 20. Mai.

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

1903 .

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Deutsch-englische Reibungen.

Seit im Juli vorigen Jahres in London die englische Kolonialkonsereuz stattgesnnden hat, die freilich wie das Hornberger Schießen ausging, hat der englifd>e Kolonial- Mnister Chamberlain unermüdlich für feinen Plan des „0-renter Uritnin", des Größeren Britannien, welches an die Stelle von Großbritannien treten soll, weiter .agitiert und immerhin nicht ganz ohne Erfolg. Herr !Chamberlain, der Inspirator dieser Sammlungspolitik, 'hat genau genommen drei Pläne. Sein höchstes Ziel ist, England mit den Koloniecn zu einer politischen Einheit jzu verschmelzen, aber diesen Plan hat er als unausführ­bar aufgeben müssen. Sein zweites Ideal bestand darin, die Organisation der Vaterlandsverteidignng derart zu gestalten, daß der Löwenanteil oder wenigstens ein statt­licher Prozentsatz der Kosten den Kolonieen zugeschobcn wird. Tn aber die Engländer in den Kolonieen ebenso gut rechnen können wie die Engländer im Mutterlande, so zerschlug sich auch dieser schöne Plan.

Es bleibt somit der dritte, am wenigsten weitgehende Plan Chamberlains, nämlich ein stärkerer wirtschaftlicher Zusammenschluß Englands mit seinen Kolonieen, die Herbeiführung der britischen Zollunion, aber auch dieser Plan ist noch weit, sehr weit von seiner Ver­wirklichung entfernt. In Kanada zwar, wo man bei der Getreideausfuhr nach England seine Rechnung findet, ist der Gedanke der britischen Zollunion sympathisch begrüßt worden. Aber in den südafrikanischen Kolonieen, wo die Frage soeben zur Debatte steht, machen sich noch starke Bedenken geltend, und in Australien ist die Sympathie für die Zollunion noch geringer. Am allergeringsten aber ist sic endlich ini Grunde genommen im englischen Mutter-

Im weißen Kleide.

Roman von M. Böhme (O. Sandor).

(8. Fortsetzung.)

„Jeder", bekräftigte Gottburgsen mit einem unter­drückten Seufzer, „wenn cs auch nicht gerade jedem gleich schwer aufliegt."

Es war sehr warm in dem kleinen Raum. Ter Majolikaofen strömte trotz der vorgeschrittenen Nacht­stunde noch seine unverminderte Glut aus. In kleinen blauen Wölkchen wirbelte der Cigarrenrauch um die Köpfe der Herren, hing sich, emporsteigend, wie ein leichter ^Schleier in die mit Milchglas überkuppelten Gasflammen Und schwebte weiter die holzgetäfelte Decke entlang, um sich in den schweren Stosfvorhängen der Fenster zu ver­kriechen. Lauffen und der Rittmeister hatten vorhin einen fragenden Blick mit einander ausgetauscht; beide fanden die Einladung des Amerikaners, der zum ersten Male in ihrem Kreise weilte, etwas unangebracht, aber da der Professor ohne weiteres zugestimmt, konnte man schon aus Rücksicht auf diesen nicht gut refüsieren. Die Unterhaltung stockte eine Weile und flackerte dann wieder auf. Jemand nannte den Grafen Gröden wieder. Dirken fragte, weshalb der Minister überhaupt demissioniert habe, er lese nämlich seit Jahr und Tag keine Zeitungen. Auf die verwunderten Mienen der Herren fügte er eine flüchtige Erläuterung hinzu. Als Besitzer einer der größ­ten Druckereien Ohios hatte er in Cincinnati eine täg­lich zweimal erscheinende politische Zeitung heraus­gegeben. Unter der dreißigjährigen aufregenden Tätig­keit im Zeitungswesen hatten seine Nerven arg gelitten; aus Gesundheitsrücksichten hatte er vor Jahresfrist sein Geschäft verkauft, um nach Deutschland zurückzukehren und hier den Rest seines Daseins zu verleben. Er habe einen förmlich krankhaften Widerwillen gegen jeden be­druckten Papierfetzen, und es werde ihn große Über- Windung kosten, sich wieder an ein regelmäßiges Zeitungs- lesen zu gewöhnen, aber da es unbestritten notwendig sei, sich wenigstens bezüglich der wichtigsten Tagesvor­gänge auf dem lausenden zu halten, müsse er über kurz oder lang doch wieder in den sauren Apfel beißen.

lande selbst, ob auch Herrn Chamberlains Reden für die Zollunion vorübergehend noch so lauten Beifall finden mögen.

Die britische Zollunion wäre nur dann ausführbar, wenn England vom Freihandel grundsätzlich zum Schutz­zoll überginge und nur den Kolonieen Zollfveiheit ein- räuinen wollte. An eineii solchen Systeinwechfcl denkt aber die Mehrheit des englischen Volkes nicht; hat doch die englische Regierung zur Entrüstung des Herrn Chamberlain bereits die Aufhebung des ans finanziellen Gründen, nämlich wegen der südafrikanischen Kricgs- kosten, erhobenen Kornzolles angekündigt. Die Mehrheit des englischen Volkes will voii dem Schutzzollsystem und damit voii dein Plan der Zolluiitoii nichts wissen, weil in einem solchen Fall die .Kolonieen den Vorteil und das «iglische Volk, welches in Gestalt der Zölle die Kriegs­kosten der Union zu tragen hätte, das Nachsehen hätte.

Diese Erkenntnis, daß es mit der Verwirklichung der britischen Zollunion arg hapert, die Abneigung, auf die Herr Chamberlain bei seinem Plan in England selbst stößt, und endlich die Opposifion, auf die er bei seinen eigenen Ministerkollegen gestoßen ist, haben Herrn Cha'm- berlain in eine so gallige Stimmung versetzt, daß er das Bedürfnis empftrnden hat, seinem Herzen durch Schimpfen Luft zu machen. Und da Herr Chamberlain, wenn er schimpft, mit Vorliebe auf Deutschland schimpft, so hat er auch diesmal also getan. Der engere Zusammen­schluß zwischen England und Kanada, welches jenem eine vorzugsweise 'Zollbehandlung einränmte, sollte die Basis für Herrn Chamberlains Zollunionspläne werden, aber die Sache geht schief, darüber ist Herr Chamberlain empört, und sein Zorn richtet sich gegen Deutschland.

Auf Grund des deutsch-englischen Handelsvertrages vom 30. Mai 1865 fand die aktive und passive Meist-- begünstigung wie auf ganz England, so auch aus „die Kolonieen und auswärtigen Besitzungen Ihrer britischen Majestät" Anwendung. Aber auf Drängen Kanadas hat England am 30. Juli 1897 den Vertrag gekündigt, und seit dem 30. Juli 1898 gewährt Kanada Deutschland die Meistbegünstigung nicht mehr, sondern es erhebt andere Zölle von englischen als von deutschen Waren. Selbst­verständlich vergalt Deutschland Gleiches mit Gleichem und entzog auch den kanadischen Waren die Meist­begünstigung. In England ist man darüber empört — oder man tut wenigstens so —, daß Deutschland sich die Vorzugsbehandlung Englands durch Kanada nicht ge­fallen ließ, und wenn es nach Herrn Chamberlain ginge, dann würde zwischen England und Deutschland, welches jenem nebst seinen Kolonieen bis zum 31. Dezember 1903 provisorisch die Meistbegünstigung gewährt hat, nach dem Ablauf dieses Termins ein frisch-fröhlicher Zollkrieg ent­brennen.

Lauffen gab die gewünschte Auskunft. Eine ver­unglückte Regierungsvorlage sei der Anlaß zu Grodens Rücktritt gewesen. Nachdem der Reichstag in seltener Einmütigkeit die Vorlage verworfen, sei dem Minister schlechterdings nichts anderes übrig geblieben, als zu demissionieren. Es sei eben ein totgeborenes Kind ge­wesen, aber Gröden war der Vater.

„Sagen wir lieber die Mutter", witzelte Schönfeld, „er ist sozusagen im Wochenbette gestorben."_

Man lachte und erörterte den Fall Gröden weiter. Allgemein war man der Ansicht, daß es Gröden schwer angekommen sei, seinen Posten zu verlassen. Wenn er die Folgen vorausgesehen hätte, würde jene Idee, die er mit Leib und Seele verfochten, wahrscheinlich nie das Licht des Reichstages erblickt haben.

„Ja, wenn man alles voraussehen könnte, käme manches anders, als wie es in Wirklichkeit geschieht", sagte Dirken. „Es existiert wohl kaum jemand, der nicht irgend etwas zu bereuen hätte, und sei es nur einen Dummenjungenstreich aus der Kinderzeit, und der dies oder jenes nicht anders machen würde, wenn er ein zweites Dasein mit Bewußtsein des vorangegangenen durchzuleben hätte. Ich würde es für eine ganz weise Einrichtung der Schöpfung halten, wenn jedem mensch­lichen Individuum solch ein wiederholtes Leben vorge­sehen wäre. Das zweite Leben, in dem dann alle Frr- tümer und Fehler des ersten ausgeschaltet würden, würde sich jedenfalls dem Ideale paradiesischer Vollkommenheit und Glückseligkeit schon um ein bedeutendes näherm."

„Man würde die alten Fehler korrigieren und dafür neue Schnitzer machen. Der Irrtum ist einmal das Fatum der Menschen", entgegnete Lauffen.

„Fatum", wiederholte Gottburgsen gedankenvoll, „glauben Sie an ein Fatum, Lauffen?"

„An das Fatum der Erbsünde von Adams wegen, das aber keineswegs das Recht der Selbstbestimmung ausschließt; ich glaube an den Irrtum nicht nur als Ver­hängnis, sondern als Recht des Menschen. Eine Welt voll vollkommener Geschöpfe entspricht nicht meinem Ideal vom Paradies. Wenn ich ein ähnliches Institut wie die Erde einzurichten hätte, würde ich trotz aller Mängel unseres vielgeschmähten Planeten die neue Ord-

Abcr die Engländer sind zu gescheit, um eine solche Politik der Torheit, wie sie Herr Chamberlain anstrebt, zu treiben, und sie wissen, daß bei einem deutsch-englischen Zollkrieg England mindestens die gleichen Verluste wie wir erleiden würde. Die deutsche Einfuhr aus Groß­britannien beträgt über 800 Millionen, die deutsckst: Aus­fuhr nach Großbritannien über 900 Millionen Mark, was besagt demgegenüber unsere Einfuhr aus Kanada von 7 Millionen und unsere Ausfuhr dorthin von .26 Millionen! England kann an einen Zollkrieg mit Deutschland nicht denken, weil es beim Zollfrieden besser auf seine Rechnung kommt, und aus dem gleichen Grunde wird es sich von Herrn Chamberlain nicht zuni Schutzzoll­system verleiten lassen. Wir können deshalb die Cham- bcrlainsche Zollagitation ebenso wie seine Schimpfereien mit kaltblütiger Ruhe aufnehmen. Man liebt es in Eng­land, von Zeit zu Zeit den „wilden Mann" zu spielen, aber es dauert nicht lange, dann kehrt die Vernunft wieder und es „legt sich die wilde Gewalt!"

Deutsches Deich.

Arbciterfürsorge.

L. '-Berlin, 19. Mai.

Wie wir hören, hat ein Ausschuß der Stadtverordneten- Versainmlung einstimmig den Antrag Nathan ange­nommen, wonach den städtischen Arbeitern, wenn sie fünf Jahre im Dienste der Stadt gestanden haben, je ein acht­tägiger Sommerurlaub unter Fortbezng ihres Lohnes gewährt werden soll. Die erfreuliche sozialpolitische Maßnahme wird hoffentlich vorbildlich werden für andere Stadtverwaltungen, aber auch für die Großindustrie.

Zum Wahlkampfe.

Ter Oberpräsident von Posen hat in einem dortigen Blatte die Behauptung eines bündlerischen Agitators dementieren lassen, wonach er, der Oberpräsident, dem bündlerischen Wahlfonds eine namhafte Summe aus dem Dispositionsfonds überwiesen haben soll. Das Dementi ist gewiß erfreulich, obwohl es andererseits kaum nöttg gewesen wäre, den höchsten Beamten der Provinz Posen von dem Verdacht zu reinigen, daß er Staats Felder zu Zwecken der gegen die Regierung gerichteten agrarischen Demagogie verwendet haben soll. Immerhin mochte die Richtigstellung insofern notwendig gewesen sein, als der Lberpräsident keine Stunde lang dulden durfte, daß ihm Derartiges nachgesagt wurde. Eine besondere Veran­lassung zur Genugtuung darüber, daß Herr v. Waldow auf diese Weise deutlich vom Bunde der Landwirte ab­gerückt sei, vermögen wir nicht anzuerkennen. Es wäre ja unerhört, wenn Herr v. Waldow anders gehandelt

nung ganz nach dem alten Muster Herstellen. Dieselben Menschen mit Schwächen und Jrrtümern — —"

„Ganz meine Meinung. Ein bißchen Sünde ist die Würze des Lebens", sagte Schönfeld.

„Etwas weniger Schwindel und Heuchelei —"

„Und etwas mehr Money für die Guten", warf der Baron ein.

„Natürlich! Leute Ihrer Qualität käinen selbstver­ständlich nur als Millionäre auf die Welt."

„Die Fehler und Jrrtümer unseres heutigen Ge­schlechtes könnten Sie Ihren Zukunftsmenschen allenfalls belassen. Wenn Sie ihnen nur die wirkliche Schuld nähmen", sagte Gottburgsen mit einer sonderbaren Be­klommenheit im Tone, „ich meine jene Gewissensschuld, die zum Fluche des Menschen wird, die das Leben ver­giftet, die fried- und freudlos macht •—"

„Erlauben Sie, das ist ein Punkt, der unter die Paragraphen der Selbstbestimmung fällt, Herr Pro­fessor. Das Gewissen ist Privateigentum, mit dem jeder nach Gutdünken schalten und walten kann. Die erste Bedingung zu einem wirklich menschenwürdigen Leben bleibt doch die Freiheit des Denkens und Handelns."

„Und für Gewisscnsschulden gibt es ein sicheres Mittel, ihrer quitt zu werden", sagte Dirken.

„Das wäre?" fragte Gottburgsen.

„Man bezahle sie einfach wie alle anderen Schulden."

„Wieso?"

„Durch Sühne", sagte Dirken schlicht. „Die L-ühne befreit, sie allein macht das Gewissen leicht und das Herz froh. Wenn ich nicht irre, ist das auch die Grundidee Ihres Vaters, auf welche er seine philanthropischen Be­strebungen aufbaut."

„Jawohl, jawohl", sagte Gottburgsen zerstreut; seine Gedanken weilten plötzlich bei ganz anderen Dingen.

Der Kellner schleppte den Sektständer herein, aus dem die silbernen Flaschentopfe hcrvorragten. Bald knallten die Pfropfen, und wie der Sekt sprühend und perlend in die Gläser schoß und die Kelche mit ihrem melodischen Kristallklang aneinander stießen, belebte sich die etwas schläfrig gewordene Stimmung wieder. Unter dem Szepter der schaumgeborenen Weingeister kamen leichtflüssige, muntere Gespräche in Gang; der prickelnde