Einzelbild herunterladen
 

WikMkner Tsgblck.

*»• Jahrgang

Erscheint in zwei Ausgaben. — BezugS-PreiSr durch den Verlag so Pfg. monatlich, durch dir Post 9 Mk. so Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

10,000 Abonnenten.

Anzeigen-Preisr Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzcile für Wiesbaden 50 Pfg.,

für auswärts 1 Mk.

f ür bie Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittaas, für die Morgen. Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme später cingercichter Anzeigen zur nächst, er» 5 » erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzetgen-Aufnahme an bestimmt vorgeschricbencn Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

Uli*« 231. LerlagSHernsprecher Ro. 2951.

Dienstag, den 19. Mai.

RedaktlonS-Fernsprecker No. SS.

1903.

fifior gern-Ausgabe,

Politisches aus England.

Unser Londoner »-Korrespondent schreibt unter dein 16. d. M.: Gestern herrschte in der englischen poli­tischen Welt ganz außerordentliche Regsanikeit. Mr. Balfour empfing da in Gemeinschaft mit dem Scha-tz- kanzler in Westmiuster eine große Deputation, die ge- komnren war, um gegen die Aufhebung des Getreidezolles zu protestieren. Mr. Chamberlain aber besuchte seit seiner Rückkehr aus- Südafrika zum ersten Mal sein treues Birmingham, Mr. Wyndham verteidigte in Bournemouth das neue irische Landkaufgesetz und Sir Henry Campbell- Bamlernmn bemühte sich, wie die „Times" schrieb, in Scarborough die Liberalen zu einer Attacke auf die Regie­rung anzuseuern. Letzteres Blatt glaubt aber, daß trotz aller Achtung vor dem Leiter der Opposition und dem Staatssekretär für Irland die Nation ihr Interesse den Vorgängen in Westmiuster und in Birmingham zu- wenden würde. Sobald die Nation die beiden Reden ge­lesen haben wird, dürste sie sich wahrscheinlich sehr be­griffsstutzig vorkommm und mit ihrem Kopfschütteln über die sonderbare Geschichte einen förmlichen Orkan in England veranlassen. Da erklärte Mr. Balfour einer zum größten Teil aus Tories und Unionisten bestehenden Deputation, der Getreidezoll müsse wieder aufgehoben werden,, nicht nur weil die Regierung nicht wünsche, das Freihandelsprinzip zu Gunsten der Landwirte an den Nagel zu hängen, sondern auch, weil diese durch die Verteuerung der sonst aus den Vereinigten Staaten empfangenen Kleie eine große Schädigung aus dem Ge­biete der Viehzucht erlitten. „Mumpitz", sagt dazu die „Times", und behauptet, das Vorgehen der Regierung ließe sich allenfalls als ein Zug erklären, durch den der Oppositionspartei eine Gelegenheit für einen Angriff ge­raubt wird,. verteidigen ließe es sich aber nimmermehr. Nicht nur dieses Blatt, sonderu auch die übrigen Jingo­organe snrd tief betrübt, ja sogar zum Teil sittlich ent­rüstet. Es muß aber auch in der Tat sehr unangenehm sein, heute in der Presse einer Schutzzollpolitik das Wort reden zu haben und morgen das Gegenteil ver­teidigen zu sollen. Zudem wissen die Zeitungen in Ge­meinschaft mit der kopfschüttelnden Nation gar nicht recht, woran sie eigentlich sind. Mr. Chamberlain ist doch auch kein Pappenstiel, ja man behauptet sogar, er wäre die Hauptperson in der Negierung und im Staate, und der hat gestern wieder einmal nachgewiesen, daß das britische Reich unfehlbar in Stücke gehen müsse, wenn England bei seiner gegenwärtigen Zollpolitik verharre. Wie er

sagte, sind die Kolonieen unter der Führung des patrio­tischen Kanada bereit, dem Mutterlande die weit­gehendsten Zollvergünstigungen vor den Fremden ein- znräumen, aber sie erwarten dafür auch Gegenleistungen. Ohne Schutzzöllner zu sein, hält es Mr. Chamberlain für die Pflicht Englands, alle Rücksichten auf die aus­ländischen Konkurrenten seiner Kolonieen fallen zu lassen und seine Zollpolitik in einer Weise zu gestalten, die Reziprozität angängig macht. Er sprach schließlich auch noch die Überzeugung ans, daß Bright aind Cobdm unter den obwaltenden Verhältnissen ebenfalls einen Pflock zunickgesteckt haben würden, kurz und gut, er er­neuert seine früheren Anstrengungen, England einer Schutzzollpolitik zu überliefern, jetzt mit verdoppelter Energie. Nach seinem Dafürhalten muß der große Schritt ohne Verzug, also innerhalb der nächsten Jahre unter­nommen werden, da sonst das Reich zu zerbröckeln drohe. Wenn die Jingoregierung länger am Ruder bleibt, scheint also unmittelbar eine Umwälzung bevorzustehen, die die anderen Nationen der Welt zu der Einsicht bringen dürfte, daß England sich der während der letzten fünfzig Jahre annektierten Kolonieen unter falschen Vor­spiegelungen beinächtigte.

Airslanb.

Deutschland und Transvaal.

m. A in st e r - a m, 17. Mai.

Zur Vorgeschichte des Burenkrieges bringt der frühere Redakteur der Johannesburger „Rand Post", Walter, in der Zeitschrift „Onre Eeuw" gelegentlich einer Kritik von Krügers Buch über den Krieg interessante Auf­schlüsse. Er bedauert, daß die vielen herausgegebenen Werke der Burenführer und so auch das des Präsidenten, das rn Wahrheit von Bredell und Grobler, früheren Staatsbeamten und jetzigen Begleitern Krügers, ge­schrieben und von letzterem nur beglaubigt ist, geschicht­lich wertlos sind. Es seien wohl in Ohm Pauls Buch einige auch für den Historiker interessante Seiten zu finden, aber die Ernte wäre sehr gering. So ist z. B kein Wort darin über die Gründe zu dem Verhalten Deutschland gegenüber im Jahre 1896 und später ent­halten. Dieses ließ nämlich, nachdem maii den Schutz Kaiser Wilhelms iiachgesucht hatte, durch den Konsul v. Hersf im obersten Rat der südafrikanischen Republik mitteilen, die Beinannung des „Kondor" stehe zur Ver­fügung des Präsidenten und derselbe hätte nur an­zuordnen, ob diese zum Schutze des Konsulats in Pretoria gerufenen Seesoldaten den englischem Angriffen ein Ende machen sollten. Dies sei jedoch abgelehnt und im Rate fielen die Worte, inan wolle lieber englisch als deutsch

werden. Hierüber steht in Krügers Buch eben so wenig wie über die Begegnung, die vr. Leyds in jenen Tagen mit dem deutschen Kaiser gehabt hatte. Zur Zeit des Jameson-Einfalles seien wichtige Dinge vorgegangen, worüber man jetzt schreiben müsse, wenn man Belehrung! in der Vergangenheit des Krieges finden will. Während die Bürger zu den Waffen griffen, war die Regierung in großer Ratlosigkeit und bereitete, um den Sturm zu beschwören, einen Gesetzentwurf vor, welcher das Wahl­recht in der liberalsten Weise verlieh. Diese Schwäche Transvaals wurde natürlich der englischen Regierung bekannt, und letztere beeilte sich, in Berlin davon Kennt­nis zu gebm, daß die Buren überhaupt nicht beabsich­tigten, Herren im eigenen Hause zu bleiben. Darauf ist dann die Änderung der Politik der deutschen Regierung zurückzusühren.

Zur bulgarischen Ministerkrise.

a. Sofia, 15. Mai.

Die Ursachen der Ministerkrisis, die unter dm augen­blicklichen Verhältnissen natürlich von ganz besonderer Wichtigkeit sind, mutz man hauptsächlich in dem Umstande finden, daß Fürst Ferdinand etwas tun zu müssen glaubt, um seine stark bedrohte Position wieder zu festigen. Die öffentliche Meinung war nicht nur gegen ihn persönlich, sondern auch gegen das Kabinett in höchstem Grade er­regt, weil sie die letzterem von Rußland „bisher" vor­geschriebene Politik des Lavierens, welche Bulgarien treulich befolgte, nicht billigte. Sie verlangte ein ent­schiedeneres Vorgehen gegen die Türkei oder richtiger! ein energischeres Auftreten zu Gunsten der Bulgaren in Macedonim. Dazu kommt noch, daß man hier ein ganz außerordentliches Zutrauen zur Armee besitzt. Dev schwarze Punkt war nur der, zu erfahren, wie der Zav sich im Falle eines Krieges mit der Pforte stellen würde, und in dieser Beziehung schien das Auftreten des russischen Gesandten Zinoview in Konstantinopel eine deutliche Handhabe zu gebm. Derselbe verlangte nämlich die Freilassung des bulgarischen Bischofs von Strumitza, Gerassimos, während Rußland sich sonst grundsätzlich feindselig gegen die schismatischm Exarchen gestellt hatte. Dieser Frontveränderung in Petersburg ist nun das Kabinett Dcmew nicht gefolgt, wahrscheinlich, weil es eine solche überhaupt nicht in diesem Vorgehe,: findet, wobei es jedenfalls richtiger urteilen wird wie die öffentliche Meinung hier, bei der eben der Wunsch der Vater des Gedankms ist. Wenn nun der Fürst das Ministerium zum Rücktritt zwang, so glaubt er, indem er dm Wünschen der Bevölkerung Rechnung trägt, sich wieder eine gewisse Popularität verschafsm zu können. Die Chancen sprechen also dafür, daß die Lage sich in Bezug auf die Eventualität eines Krieges wenigstens äußerlich verschärsm werde

Feuilleton.

Pie Sprache der und Fechtbrüder".

Von A. Felz.

Dem Winter wird's ungemütlich. Langsam, schritt­weise, wie er gekommen, zieht er sich zurück, klettert die hohen Berge hinan und pustet von droben verzweifelt um sich, immer hinter ihm mit triumphierendem Sonnen­lachen unter dem Jubel vielstimmiger Vogclchöre und schwellender Bltttenpracht der Frühling. • ttber Nacht regt sich's auch im höchsten Berggipfel. Goldblütige Kätz­chen stäuben Frühlingsgrütze ins Tal.

Durch Stadt und Dorf strömen neue Lebensgeister. Hinaus, wo der Kuckuck in die Berge lockt! Hinaus, wo der übermütige Waldbach in die unbekannte, freie Welt eilt! Auf der breiten Landstraße, den schmalpfüdigen Waldwegen und an den bnntblumigen Hecken hebt sich die Brust frei von Winterweh in Frühlingsfreude.

Das ist so die Zeit für die Gesellen da draußen auf der Landstraße, denen die rauhen Winterftürme oft gar empfindlich durch die luftigöünnen Lumpen griffen, daß sie mehr und mehr sich in die geschlossenen Straßen der Dörfer und Städte zurttckzogen und hier verstohlen in einen Schuppen, einen alten Stall, eine öffentliche Halle oder unter ein Schutzdach krochen. Nun die Frühlings­sonne all das Weh mit einemmal vergessen macht und laue Winde die Fluren wieder küssen und streicheln, strömen die Burschen hinaus in die gastlichen Hallen ihrer lieben Mutter „Grün". Ich meine mit diesen „Burschen" die Vertreter der malzenden „Fechterwelt" samt ihren weib­lichen Begleiterinnen.

Es ändern sich die Zeiten. Das Handwerk kränkelt. Es zieht seine frischen Kräfte aus der Fremde zurück. Der Strom der tüchtigen Handwerkergesellen schrumpft zusammen. Das Häuflein der Wcgpilze aber gedeiht unterdessen und der Fortschritt der Zeit mit dem Maschi­nenwesen düngt ihm den Boden. Diese Pilze wuchern üppiger, erheben sich aus den Gräben und wälzen sich bald breit die großen Straßen. Zu jeglicher Arbeit un­tauglich und für jegliche energische Handlung, die Kraft jmtö rücksichtslosen Willen fordert, in ihrer eingefleischten «Schlaffheit unzugänglich, schlendern sie dahin in den

Ufern zwischen arbeitender Bürgerwelt und wagender Verbrecherexistenzen. Unter der verdächtig struppigen Bärenhaut der Walzbrüder stecken aber erschlaffte, harm­lose Seelen, denen jegliche Spannkraft zum Handeln abgeht.

Wird man dies jederzeit bedenken, so schwindet manche Furcht, fällt manche Schranke, die bisher die „armen Reisenden" umschloß.

Ja, „arme Reisende" sind sie, diese Gesellen, denen leider das Reisen Lebensbedürfnis geworden ist, und von denen kein Ratschlag niit so viel ernsten und motivierten Antworten auf die Unmöglichkeit der Ausführung beleuch­tet wird als der, doch zur Arbeit zu greifen.

Sie bilden eine Welt für sich, beinahe unverständlich für uns, die wir in anderen Kreisen Leben atmen. Man braucht ihnen nur draußen auf der Landstraße näher zu treten, sie zu beobachten. Freilich wird das schwer,- aber wie muß man staunen, wenn es gelingt, einen Einblick zu erhalten. Da haben diese Burschen in ihrem „Staat" ihre tonangebenden Oberen, denen Achtung gezollt wird. Freilich aus anderen Gründen als bet uns — sie haben ihre heimlichen Bureaus mit den „Meistern" in Aus­stellung der erforderlichen Papiere, die die Persönlich­keiten im Getriebe mit der „vornehmen" Welt sichern,- sie haben ihre Herbergen zu dem zu gestalten gewußt, was dem gesitteten Menschen der Verkehr und die Ge­sellschaft in Stadt und Dorf ist. Sie haben ihre eigenen Zeichen zur interessanten Schriftsprache entwickelt — an­gewendet an Türpfosten, Ecken, Hausfluren ihrer „Reviere" — und reden in einer Sprache, in der Brocken aller Sprachen zusammenklingen. Gerade der Sprach­schatz dieser Gemeinschaft — „die Kundensprache" — übt durch den Reichtum der oft treffenden und drastisch ge­zeichneten Bilder für Vorgänge und Dinge der Wirklich­keit einen eigentümlichen Reiz aus, dem Leben dieser Leute mit mehr Interesse zu begegnen.

Da tritt in erste Linie das reiche Namenregister für ihre eigene, werte Persönlichkeit, mit der sie sich uns vor­stellen, als: „Fechtbruder", d. h. „Fechter" mit dem Hut in der Hand unter der Losung: „Armer Reisender bitte! um einen Zehrpfenntg" — „Türklinkenputzer", denen es eingefleischte Pflicht ist, keines Menschen Türklinke nn- beachtet zu lassen — „Berg- und Talversetzer" in de-, Rolle eines Münchhausen — „Chausseegrabentapeziercr"

— „Schneeschipper im Sommer" — „Turmspitzenvergol­der und Kirschenpflücken im Winter" — „Kommando­schieber" — „Kunden" — „Tippelbrüder" — „Ballert- brüder" — „Walzbrüder" — „Masemattenmacher" — „Citronenschleifer". Viele der Titel bezeichnen sie als die geborenen Tagdiebe, Weltlungerer und Faulenzer.

So schleichen sie auch vereinzelt durch ihre „Reviere" der Städte und Dörfer, selten zu zwei oder drei. Be­gegnen sie sich zufällig unter den Blicken anderer, so tun sie befremdend, als hätten sie einander nie gesehen. Der Hunger stiert ihnen aus den Augen. Ihre hageren Ge­rippe zittern vor Frost. Der Winter ist ihnen die härteste Zeit. Sie gleichen den Walötieren, nur daß denen die Natur noch freigebig ein dichteres Winterkleid gibt und sie somit besser stellt. Da kann man sich denn nicht ent­halten, ihnen einen Rock, ein Paar Schuhe, einen abge­tragenen Hut oder auch ein warmes Essen zukommen zu lassen. Aber, muß es nicht befremden, daß sie gar häufig das warme Essen ausschlagen? Sie nehmen lieber ein Stück Brot, eine Schweinerippe oder einen abgeschälten Schinkenknochen, wenn man ihnen nicht gleich 1, 2 oder 5 „Pnrscher", d. h. Pfennige, geben will. Ja, mit diesen Sachen — alte Kleidungsstücke, eingeheimste Eßwaren — laßt sich noch etwas verdienen.

Sind die „Himmelsfeger" den Tag über glücklich der scharfsichtigen Polizei, oder wie die Leute sich in ihrer Sprache auszudrücken pflegen: „der Polente" oder „Tcckelci" oder dem berittenen und wegtippelnöen Gen­darm, den sie unter die charakteristische Marke: „Blank­hut" — „Klempners Karl" — „Blitzableiter" —„Schucker"

— „Spitzkopp" nehmen, oder auch einem „Achtgroschen­jungen" sPolizeispitzel) entgangen, dann kommt nach des Tages Mühe und Demütigung der freie Genuß all der errungenen Güter unter „Brüdern" auf der Herberge oder „Penne".

Natürlich mutz die „Penne" unter der Leitung eines verständigen Herbergsvaters oder „Penneboos" stehen, der in dem Bunde erfahren, und nicht gar zu engherzig ist. Darin hat allemal die Lanöherbcrge den Vorzug. Da strömen sie alle zusammen, die in den Straßen der Menschensiedelungen ihr Heimatrecht verscherzt haben oder solches nie kannten. Wer unter den „Fechtern" bet seiner Tagesarbeit reiche Ernte gehalten hat, tritt hier als „wahrer Jakob" aus, errichtet seinen ..Kleiber- oder