1. Beilage juttt Wiesbadener Tagblatt.
Uo. 231. Morgen-Ausgabe.
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Die Frauen sind, wenn sie einmal an» den Grenzen ihre» nächsten Berufs berausgetreten sind, ihrer Natur nach der fanatisierendcn Gewalt einer Parteistimmung in besonderem Grade unterworfen.
Ernst CurtiuS.
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(26. Fortsetzung.)
Spate Grkentttms.
Roman von Alexander Römer.
Er lächelte, — ein seltsames, wehmütiges, vergeistigtes Lächeln. „Me ineisten Menschen sind sich selber fremd", sagte er, „langsam erst steigt man unter festem Wollen von Erkenntnis zu Erkenntnis empor."
Sie saßen einander gegenüber, und Ellen sah stumm in seine klaren Augen, in denen es so wunderbar leuchtete. Ihr war, als würde sie emporgehoben aus dieser Erdenschwere in eine andere unbekannte Welt, wo alles Licht war.
Sie dachte nicht an irdisches Leid, nicht an irdisches «Glück in diesen: Augenblick, sie war zeitentrückt.
Me ein Mißton traf Angelitas Stimme da hinein. Sie rauschte ins Zimmer mit dem neuen Kleide angetan, blaßblaue Seide mit viel Band und Spitzen verziert. Die Mama folgte. Don Adolfo sollte sein llrteil abgeben, ob ihr die Farbe stand, ob das Arrangement ihm gesiel.
Ellen empfand den Übergang wie einen schweren Hall aus lichter Höhe in die nüchterne Wirklichkeit. Es oauerte ein paar Sekunden, bis sie sich in die Situation schickte.
Herr Welcord war aufgestanden und an Angelita herangetreten. Mit einer freundlichen,schmiegsamen Art fügte er sich den Wünschen der Dameir, musterte die schöne, jugendliche Erscheinung, ließ seine prüfenden Blicke über hie neue Toilette gleiten und gab launig sein Gutachten ab.
Nach seinen Begriffen sollte das Kleid zu der Trägerin sümmen, in einer Weise, daß es nie zuerst ins Auge fiel. Me Schönheit der Person müßte allein wirken, und das sei hier ja uneingeschränkt der Fall.
Angelitas matter Teint zeigte eine erhöhte Farbe, sie äh beglückt aus und schwamm in ihrem Element. Frau llose schien mit dem Ausspruch ebenfalls zufrieden, weim ie ihn auch nicht ganz verstand. Als er nun gar eine 'leine Änderung vorschlug und die reichliche aufdring- iche Garnitur von Band und Spitzen verringert wünschte, obte sie erfreut seinen Geschmack.
Ellen stand verwundert, der Mann wurde ihr wieder unverständlich.^ Spielte er Komödie? er konnte sich doch unmöglich für diese Nichtigkeiten interessieren. Aber,
K sie sich gleich darauf, die äußere Schönheit Ange- sesselte ihn, darum stimmte er sich zu ihr herab.
Der Zauber der vorhergegangenen Minuten war zerronnen, platte Alltäglichkeit trat wieder in ihr Recht.
Angelita verschwand noch einmal auf kurze Zeit, um dann in ihrer früheren Toilette wieder zu erscheinen, sie setzte sich neben Don Adolfo und plauderte weit lebhafter, als vorhin.
Er unterhielt sich ausschließlich nur noch mit ihr, in
Dienstag, den 18. Mai.
einer heiteren, freilich immer etwas überlegenen Mise, die ihr indeß kaum zum Bewußtsein kam. Sie ließ es deutlich merken, daß der ihr bestimmte Gatte chr nicht unangenehm sei, und daß sie ihn sehr liebenswürdig fand.
Als Ellen nach einer Stunde etwa ging, hatte Herr Welcord sich auch über den Unterricht Angelitas geäußert. Er schien das System der Lehrerin zu verstehen und zu billigen. „Sie handeln sehr richtig, wenn Sie Donna Angela nicht übermüden, nur ein frischer Geist ist empfänglich, und nur, wo Interesse geweckt wird, haftet das Gegebene", sagte er.
Als Ellen draußen auf der Straße stand, herrschte nur der eine Gedanke in ihrem Kopfe: er betrachtet sie bestimmt als seine Braut.
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Me Winterkonzerte int Schauspielhause hatten eine gewisse Berühmtheit. Es herrschte viel musikalischer Sinn in Schwanau, das Orchester war ausgezeichnet, und der Intendant sorgte meist für hervorragende Gäste, die das Programm verlockend machten.
Es war das letzte von den acht Konzerten der Saison.
Ellen hatte ein Billet erstanden und ging mit einer Freundin; ein junger Geiger, von dem in der Kritik viel die Rede gewesen, sollte die Hörer entzücken.
Die herzogliche Familie liebte den Prunk, und so war es Sitte in der kleinen Residenz, daß die Damen in großer Toilette im Konzertsaal erschienen, wo meist der Hof anwesend war.
Angela und ihre Mutter, auch Herr Welcord waren da, und Ellen saß zufällig unmittelbar hinter ihnen. Sie trug ein^ elfenbeinfarbenes Kaschmirkleid mit reicher weißer Seidenstickerei, das sie in London bei festlichen Gelegenheiten schon getragen. Angelita war in der neuen blaßblauen Toilette. Der Saal mit den vielen geputzten Menschen bot ein strahlendes Bild.
Ellen sah sich nach allen Seiten um. Sie war hier doch fremd geworden während der Jahre ihrer MWesenheit, nun tauchte manches halb vergessene Gesicht ihr wieder auf, die sie als Kinder gekannt, sah sie erwachsen, sie kam sich beinahe alt vor.
Herr Welcord, der unmittelbar vor ihr saß, fragte sie nach einzelnen Persönlichkeiten, die ihm auffielen, und sie orientiere ihn über dieselben. Auch Angelita, welche wenige der in den vorderen Reihen Sitzenden kannte, aus- schließlich die Hofgesellschaft, war schr interessiert für diese ihr noch verschlossenen Kreise.
Jetzt entstand dort eine Bewegung — man glaubte schon, es sei die herzogliche Familie — aber es war nur eine junge Dame in pfirsichblütfarbener Seide mit Maililien am Gürtel und Halsausschnitt, gefolgt von einem Herrn in Uniform. Adrne von Robenfels und ihr Vetter, der Adjutant des Herzogs, Waldemar von Saldern.
Ellen erkannte den Herrn sofort wieder, obgleich sie ihn, seit er als jüngster Leutnant damals ihr und Adinen so unmrssprechlich langwellig erschienen war, nicht wieder- gesehen hatte. Es war noch dasselbe langgezogene, ein- sättige Gesicht.
Ädine sah strahlend aus. Ihr Eintritt erregte Aufsehen, die Offiziere, welche unter den Säulen in Gruppen umherstanden, machten Front, als sie vorüberrauschte, und verfolgten sie mit bewundernden Blicken. Sie war
51. Jahrgang. 1888.
bald von einem Schwarm Hofkavaliere umringt, unfr huldigende Grüße wurden ihr von allen Seiten.
„Wer ist die schöne Dame?" fragt» auch Herr Mtcorch
Ellen gab ihm Ausklärung. AIS sie erwähnt», daß Adine ihre Jugendgesprelin gewesen sei, und sie sehr an» einandergehangen hatten, sah er sie mit einem merkwürdigen Blicke an.
„Hm — mich wundert beinahe, daß sie auch im ßbt» desalter so haben zusammenpassen können", bemerkte er.
Ellen lachte. „Nun eigentlich gepaßt haben wir wohl nie, schon unsere Lebensverhältnisse waren zu verschieden, aber ich hatte Adine damals schr lieb, und sie —• zeigt mir ja noch heute eine warme Anhänglichkeit. Dennoch - "
„Ist jede wirkliche Gerneinsck-ast jcht unmöglich", ergänzte er ihre stockende Rede.
Sie sah ihn erschrocken an. „Woher wissen Sie —* Sie kennen die junge Dame nicht-"
„Nein, aber ein Blick über ihre ganze Erscheinung verrät mir, in welcher Atmosphäre sie lebt. Der heiße Odem derselben hat Ihre Ssirn nie berührt und wird sie nie berühren."
Ellen überlief ein Zittern, die Persönlichkeit dieses Mannes übte auf sie wieder etwas wie einen myssischen Bann aus.
Angelika wandte sich jetzt plaudernd zu ihm, und Ellen lehnte sich zurück. Da eirtdeckten ihre Augen plötzlich ihren Brtider Leopold, in einiger Entfernung stand er da zwischen den Säulen. Er sah bleich . und^ hoblwangig aus, und in seinen Augen brannte ein düsteres Feuer. Sie blickte starr in die Richtung, wo Adine, von einer Gruppe Herren und Damen umgeben, stand.
Jetzt drehte er sich um, hinter ihm erschien die umfangreiche Gestalt Frau Lodoiska von Trembos, in hochroter Seide, nüt funkelnden Steinen an Hals und Armen. Ein hochroter Federtuff schwankte auf den schwarzen Locken. ^ .
Sie redete Leopold an, und ihre lebhaften Gesten verrieten den vertraulichen Verkehr, iir denr sie standen. Er geleitete sie jetzt zu ihrem Platz, es wurde erst nach der Nummer gesucht, das. verursachte einige Unruhe, und aller Blicke richtete sich auf das Paar. Ellen sah es, wis die Menschen die Köpfe zusammenstecktett und flüsterten.
Als sie endlich saß und Leopold den Weg durch dis Reihen zurückmachte, richtete er es so ein, daß er dicht an Adine vorbellam. Sie blickte über , die Schulter zurück und erwiderte seinen Gruß — ziemlich kühl. Ellen sah, wie sein Gesicht fahl wurde.
Der Hof erschien jetzt, das gab eine allgemeine Bewegung. Dann hatte jeder seinen Platz eingenommen, das Orchester setzte ein und das Konzert begann.
Ellen kam zu Anfang nicht zum Genuß des TonstückL eine BrahmSsche Sinfonie, ihre Gedanken waren noch bei dem Bruder. Warum gab er so ösfenüich seine vertrau- lichen Beziehungen zu dieser abenteuerlichen Polin kund, er brachte sich dadurch in den Mund der Leute, es konnts ihm nach allen Richtungen nur 'schaden. Den angstvollen Verdacht, der daneben im Hintergrund ihrer Seele auf» stieg, wagte sie gar nicht in klarer Form zu fassen.
(Fortsetzung folgt.)
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No. 215 des Wiesbadener Tagblatts enthält ein Inserat der Firma F 1 . ScMlnpel, worin unter der Spitzmarke „Eine Zierde für jeden gcmütftlichen Raum" ein angebliches Citat an» unserem Blatte gegeben wird. Der Satz: „Diese Uhren dürfen wirklich al« die einzig billigen und geschmackvollsten genaimt und müssen über die ganze kultiviere Welt verbreitet werden, da man sie überall mit dem größten Enthusiasmus ausnimmt" hat niemals in unserer Zeitung gestanden I I« unserer Besprechung der in Rede stehenden billigen Fabrikate haben wir die Ausdrücke „einzig billigen" nnd den Superlativ „geschmackvollsten" nicht gebraucht und ebensowenig haben wir gesagt, daß die Uhren über die ganze Welt vervreitet werden „müssen". Der Nachsatz „da man sie überall mit dem größten Enthusiasmus aufnimmt" ist vollends vom ersten bis zum letzten Buchstaben frei erfunden!
""8"mm,chk°. 1908 Deutsche Uhrmacher-Zeitung
Carl SXarfels A.-G. F 48
