«• Jahrgang.
Erschein» tn zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag S« Pfg. monatlich, durch die Post s Mk. so Pfg. »ierteljShrlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
19,000 Abonnenten.
Anzeigen-PreiS:
Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklame» die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für aurwä
auswärts 1
A«k-i»-«. Annahme SKSLSS« K L SÄWÄAÄL
230* BerlagS-Fernsprecher N». MM.
Mo«1aan de« 18. Mai.
Medaktionö.Tkernlnreckcr No. SS.
Abend-Ausgabe.
Unser täglich Krat.
Ein bekanntes Wort der alten Griechen bezeichtlet das Wasser als das Beste. Die gliche Auszeichnung gebührt dem Brote. Seine hervorragend« Eigenschaft als Nahrungsmittel kommt auch dadurch zum Ausdruck, daß sein Name bei zahlreichen Völkern zum Begriff für Nahrung überhaupt geworden ist. Wer trotzdem ist es leider wahr, daß heute die wenigsten Stadtmenschen wissen, was Brot eigentlich ist. Allerdings kennt man die Zusammensetzung des Brotes ganz genau, oder glaubt sie wenigstens zu kennen. Man weiß, daß ein Brot aus Roggenmehl, Wasser, Salz und Sauerteig besteht; aber wie gutes Brot ausfehen und nun gar wie es schmecken muß, weiß man selten. Die wenigsten Stadtmenschen haben nämlich schon einmal richtiges Roggenbrot gegessen und auch den Dorfleuten wird es immer weniger geboten. Das ist auch ein Stück moderner Entwickelung, auf das man trotz aller Fortschrittsgelüste gerne verzichten möchte.
Natürlich bin ich auf Widerspruch gefaßt. Die wenigsten Menschen hören ja gerne, daß sie eine Sache nicht kennen, und nun gar unser täglich Brot. Es ist aber doch so. Selbstverständlich will ich auch niemand einen Vorwurf machen; der Brotesser handelt sicher im besten Glauben, wenn er gutes Brot zu essen glaubt, und der Bäcker kann im allgemeinen das Brot nicht anders backen, als es von ihm verlangt wird. Der Geschmack des verehrten Publikums ist auch hier, wie in Modesachen, ein Tyrann; ein Bäcker, der wirkliches Brot backen würde, müßte zunächst ein Vermögen zuzusetzen haben, denn ein Jdealbrot ist etwas teurer als das alltägliche Brot und der Konsument würde es vielleicht nicht einmal kaufen wollen. Der städtische Esser verlangt nämlich ein Brot, das etwa so aussieht wie sehr altes Pergament oder kultiviertes Holzpapier, das einige Zeit in der Sonne gelegen hat. Je mehr seine Farbe ins Helle spielt, um so weißer und also auch um so besser das Brot, so glaubt der Durchschnittsesser. Er trifft mit dieser Ansicht aber sehr daneben. Je heller die Rinde des Brotes ist, um so weniger ist es ausgebacken.
Gut ausgebackenes Brot ist heute überhaupt nur noch auf energische Bestellung zu haben, doch auch nur bei wenigen Bäckern. Das verschuldet, wie gesagt, der Tyrann Geschmack und die Polizei. Man kann ein ganz loyaler Bürger sein, um trotzdem dieser hohen Behörde diesen Vorwurf nicht ersparen zu können. Das zum Verkauf gestellte Brot muß nach fast überall bestehenden Polizeiverordnungen ein ganz besümmtes Gewicht haben. Je kräftiger der Brotteig ausgebacken wird, um
Im weißen Kleide.
Roman von M. Böhme (O. Sandor).
(6. Fortsetzung.)
Trotz seines Fleißes und seiner anerkannten Tüchtig- keit mochte niemand Knut als Knecht hcchen; nirgends hatte er seine Stelle halten können, bis er endlich auf dem weltfernen Heidhof Anker warf. .
Das große vernachlässigte Besitztum mit fernen vielen noch unkultivierten und brach liegenden Ländereien, dem überall der kundige Überblick und die schaffende Hand des Herrn fehlten, bot ihm ein reiches Feld zum Wirken. Hrer konnte er seiner Liebe zur Natur, zum Pflanzen , und Hegen genugtun, hier, wo das Auge, soweit es reichte, nur Moor, Heide und Himmel umfaßte, fand auch fern Menschenhaß wenig Nahrung zum Weitergedeihen. Und niemand redete ihm in seine Arbeit, niemand machte ihm Vorschriften; der gutmütige, etwas verträumte Besitzer, der froh war, einen tüchtigen Vertreter in der Arbeit gefunden zu haben, behandelte ihn fast als gleichberechtigt, kurzum, Knut Weber fühlte sich so wohl in seinem Wirkungskreise, wie dies bei seiner düsteren, zur Unzufrieden- heit neigenden Natur überhaupt möglich war.
Sein Verhängnis wurde die Frau.
Er hatte bald heraus, daß Marike weder Neigung noch Achtung für ihren Mann empfand, der, aus anderem Holz geschnitzt, in keiner Weise zu ihr patzte. Etwas länger dauerte es, bevor er begriff, worauf die auffallende Freundlichkeit und Vertraulichkeit, sowie die wiederholten Anbändlungsversuche der Bäuerin hinaus- wollten. Dann, als er seiner Sache sicher war, ließ er die Gelegenheit, sich in doppeltem Sinne zum Vizebauer des Heidhofes zu machen, nicht entschlüpfen. Die hübsche, üppige, resolute Frau gefiel ihm nicht übel, und wie meistens in solchen Fällen wuchs seine anfänglich mit einer guten Quantität Berechnung untermischte Neigung im Laufe der Zeit zu einer wirklichen Leidenschaft aus. _ Sie hatten viele gemeinsame Züge: beide tief im ländlichen Alltag wurzelnde Krastnaturm mit gemeinsamen Neigungen, gemeinsamen Interessen, Leiden gleich der Trieb zum '-rastlosen Schaffen und die brutale Rücksichtslosigkeit und
so mehr verliert er an Wasser und um so leichter wird das Brot. Da nun aber Wasser billiger ist als Mehl, so gehört keine große Rechenkunst dazu, um herauszubringen, daß für den Bäcker der Vorteil um so größer ist, fle weniger das Brot ausgebacken wird. Er kann etwaige Gewissensbisse ja auch mit der tatsächlich bestehenden Vorliebe der Käufer für ungenügend ausgebackenes Brot beruhigen. Der Durchschnittsesser wünscht eine schwammige, feucht-klebrige Ware, die eigentlich nur frisch genossen einigen Geschmack besitzt, alt aber auf die Geschmacksorgane überhaupt keinen Eindruck macht, während ein gutes Brot den rechten Wert uni) feinen Geschmack erst bekommt, wenn es einige Tage in einem guten Keller gelegen hat. Ich lasse mir mein Brot besonders Herstellen; das heißt, mein Bäcker hat die Weisung, mein Brot stets geraume Zeit länger im Ofen zu lassen als die andere Ware. Um den Mann nicht zu schädigen, habe ich ihm erklärt, mein Brot brauche das vorgeschriebene Gewicht nicht zu besitzen. ,
Das ist zwar ganz polizeiwidrig, aber mein Magen steht sich gut dabei. Er wird nicht durch eine glitschige Masse malträtiert, die von den Berdauungsorganen kaum Halb ausgenutzt werden kann. Ich will gar nicht das hier naheliegende Thema Magenkrankheiten und schlecht gebackenes Brot anschneiden, aber ich meine, daß namentlich der ohnhin übel genug behandelte moderne Magen Ursache hätte, sich gegen die moderne Brotbäckerei zu sträuben.
Auf diesem Gebiet scheint der Fortschritt ehe ein Rückwärts zu sein. Nach dem neuen Brockhaus soll von allen Einrichtungen, deren sich die Gewerbe bedienen, sich keines so unverändert während Tausende von Jahren erhalten haben wie der Backofen. Die gleichen Formen, die sich in den Zeichnungen Ägyptens dargestellt finden, die Konstruktionen, die in Pompeji wieder an das Tageslicht befördert wurden, sollen noch heute in großer Zahl vorhanden sein. Erst die neueste Zeit habe zu ver- besserten Einrichtungen geführt. Mein alter Dorfbäcker, der, wie ich mit Bestimmtheit annehmen darf, von der Konstruktion pompejianischer Backöfen keine Ahnung hat, läßt auf seinen eigenen uralten Ofen auch nichts kommen: er meint, daß die ganzen modernen Neukonstruktionen nicht viel wert seien, denn in der Hauptsache komme es doch nicht auf den Ofen an, sondern auf das, was der Bäcker hineinschiebe. Mir als gänzlichen Laien in Bäckereiöfen leuchtet das um so mchr ein, da der Alte ein vorzügliches Brot bäckt, obgleich sein Backofen vielleicht auch noch altägyptischen Stils ist. Mein Fachmann bäckt noch mit Holz und er meint, daß mit Kohle und Gas ein gutes Brot überhaupt nicht herzustellen sei. Den Einfluß des Holzes auf den Backprozeß hat er mir nicht ganz deutlich machen können, viel leichter begreife ich jedoch die Wirkung des tadellosen Mehles, das er zu nehmen pflegt. Hier liegt vielleicht das Geheimnis der ganzen
Konsequenz in der Verfolgung eines gesteckten Zieles. Dem Bauer konnten die Beziehungen seiner Frau zu dem Knechte auf die Dauer nicht verborgen bleiben. Es kam zu heftigen Auftritten, aber Inge Arfst war nicht der Mann, den beiden die Zähne zu zeigen und reines Haus zu machen;? seine Gedanken weilten meiste in fernen Regionen, die Frau war ihm gleichgültig, ja mehr als das — unsympathisch: vielleicht sah er dem Verhältms auch nicht ganz auf den Grund ....
Marike aber suggerierte ihrem. Liebhaber Mordgedanken. Immer wieder brachte sie die Sprache auf die Zukunft, die sich für sie beide frei und glücklich gestalten würde, sobald Inge Arfst den Platz geräumt hätte. Sie schürte geschickt sein Herz, seine Eifersucht, sie ruhte und rastetete nicht eher, bis sie ihn dahin gebracht hatte, wohin sie ihn haben wollte: bis er sich ernstlich mit dem Gedanken beschäftigte, Inge Arfst bei Seite zu schaffen.
Sein Verdienst war es nicht, wenn eine gütige Vorsehung ihn vor der Ausführung seines Mordplanes bewahrt hatte. Er selbst war aufrichtig genug, um das zuzugestehen. Psychologisch rätselhaft blieb immerhin sein Verhalten Marike gegenüber. Mit einem gewissen Behagen ließ er sie an den Mord glauben und beobachtete ihr Verhalten danach. Vielleicht leitete ihn ein natürlicher Instinkt dabei, wenigstens empfand er eine Art schmerzlicher Genugtuung, als seine geheime Voraussetzung sich später erfüllte.
Marike tat das Menschenmögliche. Sie schwor ihm zu Gefallen mit dreister Stirn und erhobenen Fingern das Blaue vom Himmel herunter; sie nahm ihn nach seiner Freflassung wieder auf und gab ihm uneingeschränkte Herrenrechte auf ihrem Besitz, aber — von der Heirat war keine Rede mehr, und Knut wußte, warum nicht. Ihr graute vor seinen blutbesudelten Händen, sie hatte den Mord gewünscht und fürchtete nun doch den Mörder. Wohl wußte er genau, daß ein einziges Wort von chm genügen würde, die unsichtbare Scheidewand zu zerstören — trotzdem sprach er es nicht.
Unter allen verwerflichen Eigenschaften, die ihm inne- wcbnten. hatte sich ein edler Grundzug erhalten: die
Wahrhaftigkeit gegen sich selbst und andere, und von diesem Punkte aus Mlte er sich über Marike erhaben.
Kunst. Wenn es überall erreicht werden könnte, daß Brotteig aus tadellosem Mehl gut ausgebacken würde, so könnte man vielleicht bald wieder mit mchr Recht als heute sagen, daß Salz und Brot die Wangen rot macht . o. ,
Deutsches Deich.
Chamberlain gegen Deutschland.
Die scharfen Ausfälle Chamberlains gegen Deutschland, die Drohung mit zollpolitischen Unannehmlichkeiten für den Fall, daß sich die deutsch-kanadischen Tarifdifferenzen verschärfen, müssen selbstverständlich in dem Matze ernst genommen werden, in dem der britische Minister! Bedeutung und Gewicht beanspruchen kann. Beides aber kann er, 'wie man weiß, durchaus. Gleichwohl sind dev Rede von Birmingham gegenüber Ruhe und Nüchternheit des Urteils am Platze. Es wäre eine ebenso törichte wie schwächliche Nervosität, die Gefahren und KomPli- kaflonen schon darum für bevorstehend zu halten, weil Chamberlain einige, allerdings sehr kräftige, um nicht zu sagen anmaßende, Worte gebraucht hat. Me Lage, die durch den deutsch-kanadischen Zollkonflikt geschaffen, worden ist, datiert doch nicht von heute und gestern, sie ist viele Woche alt, und sie war schon seit vielen Monaten, zu erwarten gewesen. Trotzdem hatte es bis dahin keine Aufregung wegen dieser Sache gegeben, auch in England! nicht. Wenn jetzt Chamberlain plötzlich die Trommel schlägt, so geschieht es vorzugsweise aus innerpolitischen Gründen, infolge der Mißhelligkeiten, die zwischen dem Premier Balfour und Chamberlain entstanden sind, und zwar in Anknüpfung an die britische Kornzollfrage. Immerhin will es beachtet sein, daß Chamberlain auf Erfolg gerade dadurch hofft, daß er die antideutsche Note besonders lebhaft anschlägt. Wenn er es nun aber als eine unerhörte Neuigkeit hinstellt, daß Deutschland Kanada so behandeln wolle, als wäre es ein Land füv sich, so darf man sich schon wundern. Diese Entdeckung; hätte Chamberlain schon vor Jahr und Tag machen, können, und er konnte schon damals wie zu jeder be- liebigen früheren Zeit wahrnehmen, daß die in England selbst herrschende Auffassung von dem Verhältnis zwischen! dem Mutterlande und seinen Kolonieen durchaus im Einklänge mit derjenigen war und ist, zu der man sich bei uns berechtigt erachtet, berechtigt auf der gegebenen, Grundlage des staatsrechtlichen Verhältnisses zwischen! Großbritannien und seinen überseeischen Kolonieen. Chamberlain will doch erst seine imperialistische Politik verwirflichen und aus dem Stammlande und den! Kolonieen ein geschlossenes Gesamtreich bilden. Einstweilen aber sind das Zukunftspläne und keine Wirklich, keit, und man wüßte nicht, wie Deutschland Kanada zoll-
Das Material seiner Menschenverachtung hatte eine
neue Bereicherung erfahren: das Weib, um dessentwillen er mit kaltem Blute den Mord begangen haben würde, war verlogen und feige, verachtenswert wie alle anderen. Beinahe bereute er es, das erlösende Wort jetzt endlich gesprochen zu haben. Als Strafe für ihre Feigheit hätte sig seinetwegen die Gewissenspein bis an ihr Ende tragen können.
Was scherte ihn Marike, was ging ihn die Welt an! Er hatte mit allem abgerechnet. Seine Seele hatte sich! mit Haß und Bitterkeit vollgesogen; er hatte die Welt satt, er sehnte sich nach dem Ende.
Schon feuchtete der Tau die kühl und dunkel gewordene Luft, und vom Moore her wallten milchdunstig« Morgennebel über die Heide, als Knut sich mit steifen Gliedern erhob und ins Haus ging.
3. Kapitel.
Der vordere Raum des eleganten Lokales an dev Friedrichstraße hatte sich langsam entleert; soeben ent- fernten sich die letzten Gäste, und der Piccolo schickte sich auf das Geheiß des Oberkellners gerade an, die Gas- flammen des Kronleuchters auszudrehen, als die auf den Korridor mündende Tür geöffnet wurde und noch ein verspäteter Gast eintrat, der die nasse Kälte der Märznacht von der Straße hereinbrachte.
Der Angekommene wurde von dem Ober- und dem aus dem Hintergründe des Lokals herzueilenden Speise- kellner mit einer superlativen Höflichkeit und Zuvorkommenheit begrüßt, die ziemlich sichere Schlüsse auf ein« anerkannte Freigchigkeit mit Trinkgeldern schließen ließ. Beide bemühten sich, dem Herrn beim Wiegen des elo, ganten, schneefeuchten Straßenpelzes behilflich zu sein.
„Die Herren sitzen noch drüben", sagte der Ober- kellner halblaut, „ich glaube, sie erwarten den Herrn Professor."
„Wer ist noch hier?" fragte der Professor, indem er die Handschuhe auszog und mit dem leicht parfümierten Batisttuch Gesicht und Haar betupfte.
„Me Herren Doktor Lauffen, Rittmeister Schönfeld, Professor Denzmann, Herr Baron v. Nietschmannhausen und ein fremder Herr, den ich nicht kenne,"
