Uitsbsdkiw Tiigli latt.
st. Jahrgang
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-PreiS: durch den Verlag S« Pfg. monatlich, durch die Post 2 Mk. s» Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
19,000 Abonnenten.
Anzeigen-PreiSr ^^^"lpaltige Pctitzeilc für lokale Anzeige» t5 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden SO Pfg., für auswärts 1 Mk.
Anzeigen-Annahme «!? m. die Morgen. Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. - Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur nächst.
J erscheinenden Ausgabe, wie für du Anzcigcn-Aufnahme an bestimmt vorgeschnebencn Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
Uv. 229. «erlags^ernsprecher R». 298».
Sonntag» öen 17. War.
Rebaktio«»Fer«sprechcr No. 82.
1903.
Morgen-Ausgabe.
Ader dkiilslhe Inlictirliniä ii äitslanöc
fettbet uns ein mit den Verhältnissen Südamerikas durch langjährigen Aufenthalt und durch wichtige Stellungen, die er dort bekleidete, auf das genaueste bertrauter Mitarbeiter folgende beachtenswerte Betrachtungen:
Die Früchte unserer Venezuela-Expedition sind rasch gereift, nicht nur, daß Argentinien beschloß, den Hafen von Buenos Aires mittels schwimmender Forts zu befestigen, und nicht nur, daß in der Chilenischen Senatssitzung vom 5. Januar cr. —- bei Gelegenheit der Be- ratuiig der Eisenbahnkonzession über ' den Paß von Antuco — der Antrag gestellt wurde, die Verzichtleistuiig auf jede diplomatische Intervention als Bedingung in den Vertrag aufzunehmen, sondern auch Brasilien schenkt uns Deutschen jetzt besondere Aufmerksamkeit.
Wenn man den Artikel „Die alldeutsche Gefahr in Südamerika" in der „Kölnischen Zeitung" liest, so sollte man meinen, daß die betreffenden Regierungen durchaus keine Veranlassung zu derartigen Befürchtungen hatten, allein wer die ausländischen Verhältnisse kennt und zu- gleich das Verhalten der Alldeutschen, ferner die deutsche Kanonenboot-Expedition auf dem Amazonas und endlich das pretentiose Auftreten zahlloser deutscher Kolonisten in jenen Ländern in Betracht zieht, der muß sich sagen, daß jene Regierungen allen Grund zur Vorsicht haben.
Tie von der „Kölnischen Zeitung" aufgestellte Behauptung, daß die Südamerikaner eine drohende Gefahr nur in den Vereinigten Staaten Nord-Amerikas, keineswegs aber in Europa suchten und zu suchen hätten, beruht aus vollständiger Unkenntnis der Sachlage, denn man weiß dort sehr genau, daß kein Mensch der Union-Staaten an einen Gewaltstreich denkt, wogegen man infolge der jüngsten Ereignisse in Venezuela allen Grund zu' Mißtrauen hat. Es kommt hierbei selbstredend nicht in Betracht, ob Deutschland wirklich Erweiteriingsabsichten hegt, sondern es fragt sich nur, ob sowohl die Regierung, als auch Private — Alldeutsche — den Anschein hierzu erwecken, und von diesem Standpunkte aus muß man den Vrasilenos Recht geben. Selbst wenn die deutsche Regierung dem Wunsche des „Mercnrio" entsprechend — ber 1 übrigens nicht in Santiago, sondern in Valparaiso erscheint und weniger ein politisches, als ein Handelsblatt ist, welches seinen Leserkreis hauptsächlich unter den Aus- ländern hat, deren Handelsinteressen es vertritt -— seine friedlichen Absichten öffentlich kundgäbe, so würde man dieser Erklärung keinen anderen Wert beilegen als jeder anderen diplomatischen Phrase auch, nämlich 0,000 — weil der durch die Tatsachen! hervorgerufene -Schein das Gegenteil sagt.
->«•» ftö) nun andererseits, ob da: sie, halten des
Alldeutschen Verbandes, der Kolonialges' ..rt :c„ den
deutschen Auswandererstrom möglichsl nach einem Puntcke zu leiten und vor allem dafür z,> sorgen, daß das Deutschtum unter ihnen hochgehalten werde, wirklich im Interesse der Auswanderer selbst, sowie des Mutterlandes tlegt, eine Frage, die auf Grund folgender Argumente absolut zu verneinen ist, wenigstens insofern, als es sich um Südamerika handelt.
Zunächst läfet sich beim besten Willen nichts dagegen einwenden, daß die einzelnen Republiken verlangen, Herr in ihrem Hause zu sein und zu bleiben, denn wir prätendieren ja dasselbe auch bei uns. Wenn nun aber eine größere Anzahl Kolonisten ein und derselben Nationalität . sich zusammentun zum Zweck der Wahrung ihrer nationalen Eigenschaften, so setzen sie sich dadurch in einen um so größeren Widerspruch zu den Landes-Em- geborenen, je mehr diese nationalen Eigenschaften von denen ihres Gastgebers abweichen, so lange eine solche Kolonie unbedeutend ist, wird das einzige Resultat dieser Absonderung sein, daß es hier und da zu Reibereien zwischen den Kolonisten und den Nachbarn kommt, sowie daß es jene niemals bis zu einem günstigen Einflüsse auf die Eingeborenen bringen und endlich, daß sie wegen ihrer Unbeliebtheit keine großen Geschäfte machen werden. Ziehen nun aber die bereits Anwesenden immer neue Einwanderer nach sich, die denselben Grundsätzen huldigen, so wird die Regierung bald zu der Erkenntnis kommen, daß sich ein Staat im Staate bildet, und dann ist es um das „größere Deutschland" in jenem Lande geschehen.
Bis zur Affäre von Venezuela war der Deutsche im Allgemeinen der beliebteste Ansiedler, und zwar einzig und allein deshalb, weil die Kunst, sich fremden Verhältnissen anzupassen, uns wie kaum einer anderen Nation eigen ist, nicht nur dadurch, daß man leicht die Landessprache erlernt, sondern vor allem dadurch, daß er sich manchen Landesbrauch aneignet und einen regen freundschaftlichen Verkehr mit den Bewohnern unterhält. Dieses Anpassungsvermögen geht so weit, daß eine große Menge deutscher Frauen sich mit Vorliebe der spanischen „mnuto" bei ihren Vormittags-Ausgängen bedienen, ja man sieht nicht selten Jüdinnen und Protestantinnen den katholischen Gottesdienst besuchen, wenn kein Tempel ihrer eigenen Konfession vorhanden.
Es leuchtet auf den ersten Blick ein, daß besagtes Anpassungsvermögen das allerbeste Mittel zur Anknüpfung persönlicher Beziehungen ist, diese aber sind die Vorbedingung jeder geschäftlichen Entwickelung für den Kaufmann, den Handwerker, den Künstler, Gelehrten, Landwirt :c. ec. Die ungeheuren Mengen deutscher Waren, welche nach Südamerika exportiert werden, müssen begreiflicherweise von den Südamerikanern verbraucht werden, dieses aber würde sicherlich nicht im heutigen Maßstabe stattfinden, wenn es der Deutsche nicht so gut
verstände, sich beim kaufenden Publikum beliebt zu machen. Ginge der Ausländer nicht in liebenswürdiger Werse auf die Eigenart der Eingeborenen ein, so würden ffe zweifellos ihr Geld einem sympathischeren Händler bringen. Hieraus folgt, daß es gar nicht im Interesse des Ausländers liegt, sein Nationalitätsbewußtsein äußerlich so sehr zu betonen.
Dieselbe Rückwirkung übt nun zweifellos das Verhalten des einzelnen aus dessen Heimatland, denn wenn dieser nicht vorwärts kommt, so ist es mit dem Exports jeires ebenfalls schlecht bestellt, und demnach liegt es gleichfalls im Interesse des Mutterlandes, daß der Aus- Wanderer sich möglichst anpasse. Daß dem so ist, beweist ja so schlagend der Umstand, daß die Deutschen den Engländern fast überall in jenen Ländern den Wind aus den Segeln nehmen, trotzdem letztere früher am Platze waren, über reichere Mittel verfügen und — anerkanntermaßen noblere Geschäftsleute sind als die Deutschen. Der Grund dieser Erscheinung liegt lediglich in der persönlichen Sympathie, die der Engländer sich nie zu erwerben vermochte, weil er das ist, wozu die Jnlanddeutschen aus reiner Unkenntnis der Dinge den Auslanddeutschen machen möchten. Wie schädlich übrigens diese Nationaldressur auf das friedliche Zusammenleben von In- und Ausländern wirkt, haben wir ja noch im vorigen Jahre an den Reibereien gesehen, die gerade in Brasilien zwischen einer deutschen Kolonie — alldeutschen Stils — und Eingeborenen stattfanden und woran gerade die Lehrer in hervorragender Weise beteiligt waren. Die Berichte, welche über solche Vorkommnisse nach hier gesandt werden, entstammen selbstredend deutscher Quells und da ist es kein Wunder, wenn die Eingeborenen als halbwilde, rohe Menschen geschildert werden, während diese Leute uns Deutschen im allgemeinen als nachahmungswürdige Beispiele von Toleranz und persönlichem Liebenswürdigkeit dienen können.
Es wäre ein Unsinn, aus dem Gesagten den Schluß ziehen zu wollen, als solle der Deutsche im Auslande alle seine Eigenschaften ändern, im Gegenteil muß mau wünschen, daß er alle seine guten Eigenschaften beibehalte, dagegen die minderwertigen, deren wir mehr besitzen, als unserer Bildungsstufe entspricht, ablege. Auch gegen die Errichtung deutscher Schulen im Auslande ist nicht das Geringste einzuwenden, aber nicht etwa um das Nationalgefühl zu steigern, sondern um den Kindern eine bessere Bildung angedeihen zu lassen. Wer lange Jahr« im Auslande gelebt und ein offeires Auge für dortige Verhältnisse gehabt hat, wird gar zu häufig die Erfahrung gemacht haben, daß der Einwanderer mit einem gewissen Dünkel auf die Einheimischen herabsieht und sich wundert, wenn er diesen gegenüber nicht seitens der Behörden bevorzugt wird. Wenn auch in dieser Hinsicht der Engländer die erste Stelle einnimmt, so kommt der Deutsche doch gleich nach diesem, und man hat nur zu oft
Feuilleton.
Im europäischen Melterwinkel.
Reisebriefe von Paul Lindcnberg.
XI.
In bet bulgarischen Hauptstadt. — Allgemeine Eindrücke. — Jetzt »nd früher. — Abenteuerliche Gerüchte. — Empfang seitens des Ministerpräsidenten Di. Dänen,. — Wichtige politische Mitteilungen. — Bulgarien und Macedonie«. — Die Türkei und die Grcnzübermachung. — Andere Erörterungen. — Die Maccdonicr in Bulgarien und ihre Ziele. — Makedonien als autonome Provinz. — Die Ansichten macedonischer Führer. — Organisation und Propaganda. — Böse Aussichten für Macedonien.
Sofia, 8. Mai.
Es ist eine anmutende Stadt, dies Sofia, schmuck und freundlich sich ausdehnend in weitem Talkeffel, als Hintergrund desselben die reckenhaften, mit frischem Grün bedeckten, oben noch schneeumhüllten Gebirgszüge des Vitosch. Selbst wenn man nach kürzerer Abwesenheit das Stadtgebiet von neuem betritt, bemerkt man wesentliche Fortschritte in seiner Ausgestaltung und Verschönerung,- in energischer Weise ward die orientalische Vergangenheit abgestreift, und das Wenige, was heute noch davon erhalten ist, dient mehr zu einem Vergleich zwischen einst und jetzt. Und wie mutz dies Einst gewesen sein, wenn man hört, datz im Jahre 1879, als Fürst Alexander nach Bulgarien kam, das sogenannte „Palais" gerade zwei bewohnbare Zimmer enthielt, während es bei schlechtem Wetter in die übrigen Räume lustig hineinregnete, daß die Wagen im grundlosen Schmutz stecken blieben, daß man abends, da es eine Beleuchtung nicht gab, sich mit Laternen versehen mußte, um nicht in die unter Dorngebüsch und Unkraut versteckten Brunnen zu versinken, daß diese Häuser dem Einsturz nahe waren oder auch einpurzelten, weil die russischen Soldaten während des Winterfelözuges das Holz herausgeriffen und als Brennmaterial benutzt hatten.
Damals zählte Sofia 12 000, heute über 70 000 Einwohner. Auf der sorgsam gehaltenen, breiten Chaussee vom Bahnhofe zur Stadt sausen in schneller Fahrt die großen Wagen der elektrischen Bahn entlang, elektrische
1 Bogenlampen verbreiten mit Einbruch der Dämmerung ihr mildes Licht, die Straßen mit den prächtigen Blicken auf die landschaftlich reizvolle, bergige Umgebung sind in bestem Zustande. Die neueren stattlichen Bauten wurden in sehr gefälligem Stil errichtet, nahe den anmutigen, mit Denkmälern geschmückten Parkanlagen dehnen sich allerliebste Villenquartiere aus, kurz, man hat oft das Gefühl, sich in einer adretten deutschen Residenzstadt, die im Bädcker sich ihre zwei Sterne verdienen will, zu befinden.
Für das Fremdartige sorgen die zahlreichen Erscheinungen der Landleute, die sich langsamen Schrittes durch die Straßen bewegen, oft ihre schwerfälligen, von mächtigen Stieren gezogenen Wagen begleitend, die Bauern trotz der Hitze in langen, mit dem Fell nach innen gekehrten Schafpelzen, unter denen bunt durchwirkte, weiße Gewänder hervorgucken, die Bäuerinnen in roten und blauen Trachten mit selbstgefertigten, schönen Stickereien, mit riesigen, silbernen Gürtelschnallen und altererbten klingenden Silbermünzen, welch letztere sich die jungen Mädchen auch in die langen Zöpfe geflochten haben. Das Militär belebt gleichfalls durch die verschiedenen Uniformierungen, die den russischen sehr ähneln, das Straßenbild,- Offiziere wie Soldaten sind kraftvolle Erscheinungen von feldmarschmäßigem Aussehen und Auftreten, Haltung wie Kleidung sind gleich gut.
Natürlich bilden hier die Ereignisse in Macedonien, besonders in Saloniki, den häufigen Gesprächsstoff, und es fehlt dabei nicht an dunklen Prophezeiungen, daß sich das junge Fürstentum zu abenteuerlichen Schritten fortreißen lassen könnte, zumal, wie man behauptet, das Militär derartigen Wagnissen nicht abgeneigt wäre. Es mußte daher von großem Interesse sein, die Meinung des verantwortlichen Leiters der bulgarischen Politik, des Ministerpräsidenten Dr. Danew, zu erfahren, und auf eine Anfrage erhielt ich sogleich zustimmende Antwort.
Dr. Danew bewohnt eine zierliche Villa in einer der neuen Straßen, die abseits des regeren Verkehrs liegen und durch ihre Lauschigkeit sehr anmutend wirken. Der Ministerpräsident mag etwa Ende der 40er Jahre stehen, mit dunklem Haar und kurz gehaltenem Bart, mit leb
haft blickenden Augen, drückt das mit schlichtelegantem Äußeren verbundene Wesen Energie und Klugheit aus. Sein mit Bücherregalen voll besetztesArbeitszimmer liegt nach dem Garten zu, in dessen Kastanienbäumen und Fliedergebttschen allerhand befiederte Sänger munter lärmen, das Ganze friedlich und freundlich. In vorzüglichem, geläufigstem Deutsch begrüßte mich I)r. Danew, der in Prag und Heidelberg studiert hat, und bald wandte sich die Unterhaltung den schwebenden politischen Fragen zu. Nachdem ich die obigen Gerüchte hervorgehoben und eventueller kriegerischer Verwickelungen gedacht, meinte der Minister bestimmten Tones: „Nein, und ich bitte Sie, erklären Sie auf das allerbestimmtefte, datz sämtliche ausschlaggebende Faktoren in Bulgarien den Frieden, den absoluten Frieden wollen. Wir denken garnicht daran, den Großmächten ihr ohnehin so schweres Werk noch schwieriger gestalten zu wollen und wir denken ebensowenig daran, die Türkei irgendwie zu provozieren, wie ich auch überzeugt bin, datz sie dies nicht mit uns tun wird. Wir wollen Ruhe und Frieden auf der Basis gesunder Entwickelung und eines gedeihlichen Fortschrittes unseres Staates und Volkes. Wir streben schon deshalb nach Ruhe, da wir unseren Kredit stärken wollen, indem wir die 6-prozentigen Obligationen unserer Anleihe in 5-prozentige umzuwanöeln gedenken, wobei wir auch auf die tätige Mithilfe des deutschen Geldmarktes rechnen. Unsere letzte Anleihe war eine 5-prozcntige und wurde fast zu einem Drittel in Deutschland gedeckt. In ein paar Wochen werden wir den neuen Hafen von Burgas dem Verkehr übergeben, was für den deutschen Handel von großer Wichtigkeit ist, und wir hoffen dabei auf die Anwesenheit eines Dampfers der regsamen deutschen Levante-Linie in Hamburg, deren schöne und stattliche Schiffe ja jetzt soviel für den deutschen Verkehr mit dem Orient tun und dem deutschen Handel zu wesentlichen Fortschritten gegenüber dem österreichischen und französischen verhelfen."
Das Gespräch berührte die Vorgänge in Macedonien: „Ich brauche kaum hervorzuheben", meinte Dr. Danew, „daß gleich uns auch die vernünftigeren Macedonier auf das schärfste die Dynamit-Attentate verurteilen. Sehr groß ist die Zahl der in Bulgarien lebenden Macedonier, welche in vielen einflußreichen Stellungen zu finden sind
