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1. Beilage ;um Wiesbadener Tagblatt.
Uo. 229. Morgen-Ausgabe.
Sonntag, den 17. Mai.
31. Jahrgang. 1908.
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Ein dummer Teufel ist der Schuft, fr
Weil er doch der Geprellte ist. fr
Wenn ihn ein rein einfältig Herz Mit großen, klaren Augen mißt.
^ Gottfried Keller.
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(25. Fortsetzung.)
Spate Erkenntnis.
Roman von Alexander Römer.
Rof?^ sp^er er hielt sie ein Billet von Frau
„Möchten Sie heute um 5 Uhr den Tee mit uns nehmen, Angelitä hat Sehnsucht nach Ihnen, und Herr Welcord mochten sie gern kennen lernen."
Eilen empfing das Briefchen in Gegenwart der Mutter um sah lange starr auf dasselbe, als habe sie den Inhalt der kurzen Zeilen immer noch nicht in sich aufge- Ruhe^brin Sollte erst das dumme Herzklopfen zur
, ^rau Rose schreibt dir doch nichts Unangenehmes?" fragte die Mutter.
„O nein gar nichts Besonderes, sie bittet, daß ich heut um 6 Uhr zu ihr komme." ^ ;
<• 'owfH- ^Ehst gar nicht sehr wohl aus", meinte die Doktorin, der es letzt unter der besseren Pflege und den geordneten Zuständen, welche die Tochter im Hause geschafim, bedeutend besser ging. „Ich glaube, ich habe dir noch gar nicht einmal so recht von Herzen gedankt für das ^pfer, welche du uns bringst ■—- dein Kommen war eme große Erlösung — mich dünkt, der Poldel ist auch wie^r besser rm Gleichmaß, wenn er es sich auch nicht Erken laßt du ubst doch einen Einfluß auf ihn aus " Ellen küßte die Mutter und widersprach ihr nicht. Tie hatte den Glauben, daß Poldel im Banne anderer Mächte lag, gegen welche sie nicht zu kämpfm vermochte.
Nachmittag ging sie in die Annenstraße. Sie verweilte ein paar Sekunden vor dem Spiegel, ehe sie sich ^n einfachen, runden Filzhut aufsetzte. Das dunkelblaue Kleid war von modernem Schnitt und paßt sich ihrer Figur vortrefflich an, der blendend weiße, schmale Linnen» kragen oben am Halse erhöhte die Einfachheit der Toilette, aber sie fand sich nicht schlecht aussehend. Sie seufzte — du lieber Gott! es war so völlig egal, wie sie aussah. Niemand fragte darnach, und sie mußte endlich mit diesen Schwacheanwandlungen fertig werdeir.
Sie ging gewappnet und geharnischt.
In dem kleinen, äußerst behaglich ausgestatteten Salon waren Frau Rose, Angelika und Herr Welcord versammelt.
Angelika lief ihr entgegen und umarmte sie.
„Sehen Sie, Don Adolfo" —- sie nannten sich also noch «re — „bte§ ist das liebe kluge Fräulein Kramer, das so Mel Geduld mit meiner Dummheit bat, und mich gewiß dermaleinst voll Weisheit pfropft."
Ellen und der Fremde auf dem Schiff standen sich gegenüber, luer unter der brennenden Gaskrone neben dem gedeckten Teetisch. Sie blickte ihm unbefangen ins
Gesicht — sie nmßte es können, hatte sie sich gesagt — und nahm seine ausgestreckte Hand.
„Wir sahen einander schon", hörte sie durch das Brausen, das doch vor ihren Ohren ging, „unterwegs auf der Vienna, während der überfahrt von Harwich nach Stook tauchten Sie wie eine Erscheinung vor mir auf — wie aus dem Meer heraufgesttegen — ich weiß noch nicht, lvoher Sie eigentlich kamen."
Er lächelte und seine Stimme klang ihr wieder wie Musik. Der Mann hatte ein ganz wunderbar klingendes Organ.
Sie lachte jetzt. „So hätten Sie mich wiedererkannt", meinte sie. „Unsere Begnung war flüchtig genug und wir wechselten kein Wort miteinander. Sie hatten mich in meiner Ecke nicht gewahrt, und ich war unabsichtliche Lauscherin bei all den guten Ratschlägen, die Sie dem jungen Romfahrer gaben."
„So •— also Sie waren länger in unserer Nähe — ich glaubte beinahe an einen Spuk."
Er sah ihr fest in das Gesicht. Seine Allgen taten es ihr wieder an, sie senkte unwillkürlich die ihren unter seinen forschenden Blicken.
Angelika rief in höchster Derwimderung: „Sie kennen sich schon?" und Frau Rose bemerkte mit einem leichten Anflug von Ironie. „Na, etwas Nixenhaftes hat Fräu- lein Kramer nun gerade nicht an sich."
„Nein", entgegnete Herr Welcord, „aber ein Gesicht, das man nicht vergißt."
Ellen wendete sich ab und setzte sich auf den ihr angewiesenen Platz. Die Unterhaltung wurde allgemein. Es schien ihr, als ob Herr Welcord, oder Don Adolfo, wie er von beiden Damen, der spanischen, drüben erlernten Sitte gemäß, tituliert wurde, sehr formell mit denselben verkehrte.
Kein Uneingeweiter würde nähere Beziehungen zwi- schen ihnen gewittert haben. Ja, die Unterhaltung ging sogar, da Ellen sich zu Anfang sehr zurückhaltend verhielt, ein bischen schwer im Geleise, und es kam ihr der Gedanke, vielleicht habe Frau Rose durch ihre Gegenwart eine Erleichterung für diese häuslichen Stunden schaffen wollen. Angelitas kleine naiven Reden verfingen bei dem Herrn nicht recht, sie plauderte nicht gerade geistreich, der Stadtklatsch, Toiletten und die ganz kleinen Dinge des Lebens füllten ihr Hirn. Sie drückte sich nicht einmal korrekt im Deutschen aus, da das Spanische ihre zuerst erlernte Sprache war, und das Englische beherrschte sie erst recht nicht.
Ihr Dialog war oft ein Gemisch von drei Idiomen, was sich ja originell und aus ihrem Munde auch reizend cmhörte, aber nicht allzu viel Sinn barg. Und der da, schien anderes zu fordern.
Er lenkte jetzt das Gespräch auf seine letzte Reise nach Italien und Sizilien, und Ellen schaltete, eine Frage nach dem jungen Engländer ein, der damals sein Gefährte auf dem Schiff gewesen war.
Herr Welcord lächelte. „Na der — er hat aus seine Weise seinen Preis aus der Reise herausgeschlagen, sich mit den Lazzaroni und den schwarzäugigen Jungen in Lumpen verbrüdert, sich als unermüdlich kleine Münzen- Verteilender zuni König der Forestieri aufgeschwungen
und war auf diese Weise früher mit seiner Reisekass« fertig geworden, als berechnet gewesen.
„Von den Wundern und Schätzen des Lande- hat « nichts erfaßt, wird es auch nicht vermissen", meinte er.
Ellen war vertraut aus Wort und Bild mit der Kunst da unten, sie würde sie wohl nie in Wirklichkeit schauen. Einige ihrer Bemerkungen wirkten anregend.
Frau Rose war mit ihrer Tochter mich durch Italien gereist, als sie von drüben kamen, sie hatte eine Menge Bilder und Andenken mitgebracht, die herbeigeholt wurden, sie hoffte Angelita damit aus ihrer Passivität zu wecken.
Diese lehnte gelangweilt in ihrem Sessel und fand, daß Don Adolfo ja ein recht gut und imponierend aussehender Manu, aber schrecklich wenig galant sei. Sie erklärte, daß die Galerieen in Rom sie unendlich ermüdet und gelangweilt hätten, und daß Italien nicht halb so schön sei wie Chile.
Ellen und Herr Welcord aber fanden sich, ehe sie es gewahr werden, in einem regen lebendigen Austausch miteinander, und waren lange nicht mehr bei Italien und den Bildern, sondern von ganz anderen Dingen — schon bei den Problemen der Menschheit.
Die Zofe trat ein und meldete die Schneiderin, welch« das neue Kleid für die Sennorita Angela bringe. Sofort sprang diese wie elektrisiert auf, und Frau Rose erklärte bei der Anprobe zugegen sein zu müssen.
Sie bat für ein Viertelstündchen um Entschuldigung. Ellen und Herr Welcord blieben allein.
Einen Moment stockte die Unterhaltung, dann führte er sie unbesangen fort. Er hatte sich in seinen Stuhl girückgelehnt. und sein Profil hob sich wieder scharf von der dunklen Zimmertavete ab, dieses feste Profil mit dem kräftigm Kinn. War solch ein Mann im stände sich ein Wesen, wie Angelita, zu erziehen, in sie hineinzupflanzen, u,n§ er doch, um glücklich zu sein, fordern mußte?
Angelita war gutmüfig und anschmiegend, aber ließ sich eine Individualität umsormen?
Was sie da dachte, sprach er aus. Sie waren vom italienischen Volkscharakter auf dm Begriff Charakter, Individualität überhaupt gekommen, und er hatte seine ei qmm Ansichten darüber.
„Was ist der Charakter eines Menschen", sagte er, die mehr oder wmiger verknöcherte Wesenheit seines Geistes, die er — vielleicht in vielfachen Daseinsphasen — aus dieser Verknöcherung erlösm soll. Die kurze Spanne Zeit hier zwischm der Wiege und dem Grab zählt dabei wmig. Und darum sagen wir mit einem gewifim Recht: Charaktere ändem sich nicht, sie bleiben unter den wechselndm Verhältnissen scheinbar ungewandelt."
Wie klar und überzeugend das aus diesem Mund« Uang. Gedankenreihen weckend, die über Selbsterleb teS, persönlich Naheliegendes streiftm und wette Perspektiven öffneten.
„Inwieweit sind wir verantwortlich für unser Tun?" sagte Ellen leise.
„So weit unsere Erkmntnis reicht", entgegnete er fest.
Sie sah ihn stutzmd an. „Wir wissm wohl alle, Wal Recht und was Unrecht ist", meinte sie.
(Fortsetzung folgt.)
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