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gl. Jahrgang.

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orge getragen.

Mn» 227. verlagS-Fernsprecher Jl». 285*.

Samstag» den 16. Mar.

RebaktionS-Fernfprecher No. 52.

1963.

Morgenausgabe.

Politische Uebersrcht.

Der Wahlkampf hat jetzt allenthalben nahezu 5bcn Höhepunkt erreicht, denn es trennen uns noch vier Wochen von dem Tage, der über die Zusammensetzung des Neuen Reichstages und damit aller Voraussicht nach über die Richtung der Politik des nächsten Jahrfünfts ent­scheiden soll. Neben den herannahenden Wahlen beschäf­tigt jedoch noch manch anderer Gegenstand die allgemeiiie Aufmerksamkeit. Der Kriegsminister v. G o ß l e r , der vm Freitag seinen dreimonatigen Urlaub angetreten hat, wird in diesem Urlaubsquartal seine Amtsmüdigkeit nicht bewältigen, sondern das Ende seines Urlaubs wird mit dem Beginn seiner Ruhestandszeit zusammenfallen. Über die Gründe, weshalb Herr v. Goßler zurücktritt, ist in der letzten Zeit ebenso viel debattiert worden wie über den noch überraschenderen Rücktritt des Erb­prinzen von Sachse n - M e i n in gen vom Kommando des VI. Armeekorps.

Die leidige Venezuela-Frage ist auch wieder um einen Schritt vorwärts gerückt. Tie mit der vene­zolanischen Regierung vereinbarten Abkommen über die Regelung der Entschädigungsfrage sind nunmehr definitiv abgeschlossen und unterfertigt worden, aber über die Frage der bevorzugten Behandlung derjenigen Mächte, welche die störrischen Venezolaner zahm gemacht haben, hat noch das Haager Schiedsgericht zu entscheiden. Der Schiedsgerichtshof im Haag aber arbeitet langsam und gründlich, und die Mächte ebenso wie die geschädigten Privatpersonen werden sich in Geduld fassen müssen.

Eine Art Geduldspiel stellen, auch die Vorgänge auf dem Balkan dar. Ter Sultan hat versprochen, die Reformen in Makedonien auszuführen, deren Aus­führung er schon vor 25 Jahren, nämlich auf Verlangen des Berliner Kongresses, versprochen hat, aber die Reformarbeit besteht zunächst darin, daß die türkischen Truppen sich mit den aufrührerischen Macedoniern balgen. Indes dürfte der Sultan jetzt etwas Lust be­kommen, denn Bulgarien hat infolge der Warnungen der Mächte ein Haar im Putschen gefunden. Der bul­garische Ministerpräsident Danew hat versichert, daß die bulgarische Regierung sich bemühen werde, alle Verwick­lungen zu vermeiden und Ferdinand der Ehrgeizige hat vor Schreck seinen Aufenthalt in Paris, wo er sich treff­lich amüsierte, abgebrochen und ist zu seinen geliebten Bulgaren zurückgekehrt, denn die Balkansache schien ihm doch etwas sengerig zu werden.

Sehr komisch sind die Versuche der englischen Presse, die deutsche Regierung zu verdächtigen, daß sie den Sultan gegerr die anderen Mächte aufputsche. Deutschland

Feuilleton.

Im europäischen Wellerwinkel.

Reiscbriefe von Paul Liudeuberg.

X.

Der Nachrichtendienst in der Türkei. — Nur immer langsam voran! — Erinnernngen an Saloniki. — Von Konstantruopel nach Philippopel. — Die ..Bewachung" der Bah«. — Allerlei vom Bat, in Adrianopcl. — Ans welchem Wege gelangte das Dynamit nach Saloniki? — Jenseits der Grenze. — Vergleiche. — Ans bnlga- rischem Bode«. — In Philippopel.

Philippopel, 6. Mai.

Hier erst in Philippopel erfuhr ich nach meiner gestrigen Ankunft durch Wiener Blätter die ganze Trag­weite der Ereignisse in Saloniki. Hätte ich näheres da­rüber in Konstantinopel gewußt, wo man nicht einmal an den zuständigsten Stellen genügende Auskunst erhielt, »o wäre ich sofort nach Saloniki zurückgefahren, freruch tritt ja stets nach dem Sturm eine Ruhe ein, aber ich hätte meinem lieben Otto Trümplcr das letzte Geleit geben und hätte dem schwerverwundeten Ingenieur Philipps die Hand drücken können. Welch frohe Stunden hatte ich noch vor kurzem mit beiden verlebt, wie heiter und zu­versichtlich klang ihr: „Auf Wiedersehen in Deutschland, wenn uns iw Sommer unser Urlaub dorthin fuhrt I und jetzt schläft der eine von ihnen bereits den letzten Schlaf unter den dunkelschattigen Cypressen des einsamen Friedhofes hoch über dem blauenden Meer, dessen Strand und Land im Laufe der Jahrhunderte schon soviel blutig Schreckliches gesehen. Otto Trümpler, der zu den angesehensten europäischen Kaufleuten der Hafenstadt ge­hörte, war ein Schweizer, bieder, zuverlässig, hilfsbereit, von echtem Freundschaftsgefühl beseelt; über zwanzig Jahre weilte er schon im Orient, unermüdlich tätig und voll Eifer seinem Berufe ergeben, sein ganzes Glück in seiner Familie findend, an der Seite seiner liebens­würdigen, anmutigen Gattin, einer Landsmännin von ihm, und seiner beiden hübschen, aufgeweckten Kinder, -einem fünfjährigen Mädchen und einem elfjährigen Knaben. In seinem traulichen Heim, wo noch vor kurzem -unsere Gläser so hell zusammenklangen, herrscht nun düstere Trauer, und der Frohsinn, der dort stets ein will-

denkt gar nicht daran, auf dem Balkan, in Marokko oder sonst wo den Hecht im Karpfenteiche zu spielen. Es hat hier wie dort ein Interesse an der Aufrechterhaltung des Status quo, aber tut übrigen gedankt es, sich da von Einmischungen fernzuhalten, wo es nicht politisch inter- essiert ist. lind das ist weder in Macedonien, noch m Marokko der Fall, wo übrigens die Eifersucht der drei betelligten Mächte England, Frankreich und Spamen schon ganz von selbst für die Aufrechterhaltung des be­stehenden Zustandes sorgen wird.

Nicht minder gleichgültig ist es der deutschen Politik, wie sich die Dinge in der Mandschur e.i weiter ent­wickeln werden. Es ist hoch komisch, wenn in der englischen Presse Vorwürfe gegen Deutschland erhoben werden, daß es sich nicht den englisch-japanischen Bemühungen, das Gleichgeivicht in Ostasien aufrecht- und die Russen voll der Mandschurei fernzuhalten, anschließe. Was ist uns Hekuba? Was ist uns die Mandschurei? Die Eng­länder und Japaner und allenfalls die Herren Amerikaner mögen dort ihre Rechnung mit den Russen machen. Diese Rechnung wird zum Schluß doch mit einem Plus für die Russen endigen, denn die zahmen Proteste des englisch­japanischen Zweibundes sind Worte, nichts als Worte.

Derartige Proteste fertigt die russische Regierung höchstens mit einigen amtlicheil Dementis ab, die freilich im Grunde herzlich wenig beweisen. Im übrigen aber geht man in Rußland über diese Proteste ebenso zur Tagesordnung über wie über die Proteste derFinnländer, deren Widerstand gegen die russische Gewaltpolitik immer mehr erlahmt. Im Reiche des Zaren gärt es zur Zeit allellthalben. Aus dem einen Ort wird von llihilistischen Umtrieben, aus dem anderen voil Arbeiterunruhen, aus dem dritten voil Bauernaufständen und aus dein vierten von blutigen Verfolgungen der Juden berichtet.

Nicht minder alarmierend lauten die Berichte aus Kroatien, wo sich Zustände entwickelt haben, die völlig deir Eindruck einer Revolution gegen die ungarische Regierung macheil. Die Aufruhrbewegung niit ihren blutigen Ausschreitungen ncacht der ungarischen Regie- rang um so mehr Sorge, als sie die slavisch-klerikalen Kreise in Österreich der heimlichen Unterstützung der kroatischen Bewegung bezichstgen zu können glaubt. — Es sieht somit, alles in allem, zur Zeit recht unruhig und unfriedlich auf unserer alten Erde aus.

Die Wirren in der Türkei.

1. Konstantinopel, 11. Mai. Jeder, der hier die frem­den und besonders die deutschen Blätter liest, muß sich erstaunt fragen, wie es möglich ist, daß dieselben noch immer offiziöse Mitteilungen des hiesigen Preßbureaus veröffentlichen, die ein ganz falsches Bild der Sachlage geben. Es sieht beinahe so aus, als ob man absichtlich

kemmener Gast gewesen, er ist für immer daraus ge­wichen! —

„Glückliche Reise!" — es waren die letzten Worte, die ich mit dem lieben Freundeskreise in Saloniki ge­wechselt. Jener Wunsch auf die Fahrt, der meist ganz gewohnheitsmäßig gesagt wird, er hat zur Zeit im osmanischen Reiche seine besondere Bedeutung, und als am vorgestrigen Abend unser Zug Konstantinopel ver­ließ, da hatte man als Spezialgepäck einen ganzen Sack voll dumpfer Gerüchte miterhalten, von Brücken­sprengungen bei Adrianopel und von sonstigen ge­schehenen, bezüglich geplanten Attentaten auf diese Linie, die ja schon vor mehreren Wochen von einem Dynamit- anschlage bei Mustapha-Pascha heimgesucht worden war.

„Aber die Bahn wird doch militärisch bewacht," hört man sagen. Gewiß, und zwar mittelst eines recht starken Truppenaufgebotes, aber was will das bedeuten ... in der Türkei! Bor wenigen Tagen inspizierte General Jsak-Pascha auf einer Draisine die Strecke; als er in Adrianopel eintraf, versetzte er zu einigen dortigen Europäern in geläufigstem Französisch: „Meine Herren, Sie können ruhig schlafen, denn die Soldaten an der Bahn schlafen auch! Die Parole auf der ganzen Linie lautet: Schnarchen!" — Auch bei diesen armen

Teufeln in fadenscheinigen Uniformen wiederholt sich, was ich schon von der Bahn Saloniki-Ueskueb berichtet: sie suchten kürzlich die Ortsbehörden auf und baten flehentlich: „Wir wollen ja gar kein Geld, gebt uns doch nur Nahrung, wir verhungern sonst!" —

Zum Bali (Oberpräsidenten) des gewaltigen Bezirks Adrianopel kamen einflußreiche Europäer: „Exzellenz, es muß mehr für die Sicherheit der Bahn geschehen, jeden Augenblick kann etwas mit den Zügen passieren — denken Sie, wenn der Orient-Expretzzug in die Luft geht, welch ein Spektakel in ganz Europa." — „Ja, meine Herren," sagte der würdige Beamte, „tun Sie, was Sie wollen, ich habe kein Geld." Und dabei bezieht dieser Pascha ein doppeltes Gehalt als General-Gouverneur und oberster Truppen-Kommandant seines Bilajets, und er empfängt es auch, denn seine Gemahlin stammt aus dem Palais- Harem, sie ist eine Prinzessin, und deren Männer läßt man nicht aus Bezahlung warten. Desto länger die Be­amten, Offiziere, Soldaten, Gendarmen.

die Dinge auf dem Balkan verkennen und sich in eine falsche Sicherheit wiegen will. Die Beruhigung, die den erivähnten Waschzetteln zufolge eingetreten sein soll, herrscht nicht nur nicht, sondern die Lage wird von Tag zu Tag drohender. Die Botschafter der Mächte scheinen sich glücklicherweise endlich zu einer richtigen Beurteilung aufgerafft zu haben; denn sie verlangen die Einstellung der Verfolgungen der Bulgaren, und die Pforte trägt dem auch in der gewohnten Weise Rechnung, indem sie strenge dahingehende Ordres an die Höchstkommandieren­den in Macedonien und Albanien sendet! Sie teilte auch den Botschaftern mit, daß der Einmarsch Omer Ruchdis in Diakowa sich unter enthusiastischem Jubel der Albanesen (sie!) vollzogen habe. Das ist nun zufällig richtig, doch weiß hier jeder, daß das Terrain vorher „präpariert" worden war, weil die Parole nach wie vor lautet: „Keine Gewalt gegen die Albanesen". Wie nun das Terrain präpariert worden ist, läßt sich leicht denken, nämlich durch Geld und — Versprechungen. Wenn Omer Ruchdi aber diese Versprechungen nicht hält, und er wird sie nicht halten können, dann muß der Tanz sogleich wieder los­gehen. Es ist daher auch ganz gut, daß die Mächte wei­tere Kriegsschiffe hierher entsenden; zwei französische Panzerkreuzer sind bereits in Milos eingetroffen und drei englische Kreuzer über Gibraltar avisiert, doch wer­den diese Schiffe, „um das Empfinden der türkischen Be­völkerung nicht zu verletzen, bis zum Eintritt von Even­tualitäten" lediglich in der Nähe bleiben.

Ausland.

Über das Jndenmassakrc in Kischincw,

worüber wir krlrz berichtet, meldet die russische Zeitung „Nowosti" noch nachträglich wahrhaft entsetzliche Dinge. Besonders schwer haben, so schreibt das Blatt, diejenigen Juden gelitten, .die an dem Ijnglückstage die Trambahn benutzten. Wenn die raubende Menge bemerkte, daß in einem Trambahnwagen ein Jude saß, so schrie sie, sich zu den christlichen Passagieren wendend: „Schmeißt uns den Juden raus!" Der Jude wurde hinausgeworfen und buchstäblich dem Mob ausgeliefert, der ihn in schrecklicher Weise mißhandelte. Es sind uns viele authentische Fälle bekämst, wo auf diese Weise aus den Waggons hinaus- geworfene Juden von der Menge auf der Stelle getötet wurden. Es sind Fälle von geradezu bestialischer Ver­stümmelung von Leichen festgestellt worden. Wir wollen hier ferner einiges von den: uns von einer sehr kom­petenten Person, l>r. N. A. Doroschewski (Arzt am Landschaftshospital) Mitgeteilten anführen: 1. Der

Jüdin Sura Fonarschi sind zwei Nägel in die Nasenlöcher geschlagen worden, die durch deir Schädel hindurch­drangen: sie starb infolge dieser Wunden. 2. Dem Juden Lys, der an der Ecke der Swietschnoj- und Gostinojstraße

Ein hübsches Stückchen von dem gleichen Bali, wobei

ich erzähle, daß all diese Nachrichten, auch die Aufsehen erregenden folgenden, aus absolut sicherer, unparteiischer Quelle herrühren. Die Reformen bedingen die An­stellung einer gewissen Zahl christlicher Polizisten, und auch in Adrianopel wurden ihrer zwanzig bis dreißig — wahrscheinlich höchst minderwertige Gesellen — geworben, mit einem Monatssold von 12 Medschidje (etwa 40 Mk.). Gut, sie erhalten sogar neue Uniformen und paradieren in diesen bei dem Bali vorbei. Als sie sich gleich darauf in der Wachtstube des Konaks einfinden, heißt es: „Zieht mal die Uniformen aus!" — „Ja, aber die können wir doch behalten!" — „Was, für euch Kerle so gute Uni­formen? Nichts da, hier, nehmt diese!" und man warf ihnen Lumpen hin. Und als sich dann die Polizisten ihr erstes Gehalt holen wollten, da schnauzte man sie an: „Paschol, weg, wir haben selbst nichts," und erst auf viel­faches Drängen gab man jedem von ihnen 2 Medschidje.

Daß unter solchen Umständen diese verehrlichen „Hüter des Gesetzes" mit Dieben und Gaunern Hand in Hand gehen, darf nicht Wunder nehmen. Man mutz da noch sehr erstaunen, wenn man vernimmt, daß das zu den Attentaten in Saloniki und dem übrigen Macedonien benutzte und noch zu benutzende Dynamit zu Schiff in Kavala, einem Hafenorte am Agäischen Meere, anlangte, und als Mehl — cs waren „nur" anderhalb Tonnen — eingeführt wurde, d. h. ein paar Goldstücke werden wahr­scheinlich diese Einführung ermöglicht haben. Eine an­dere Dynamitscndung traf in einer Kiste in Saloniki ein; zufällig versieht ein europäischer Beamter auf der Steuer den Dienst, ihm fällt das Gewicht der mit Tabak beladenen Kiste auf, er sieht nach und findet einen doppelten Boden und darunter Dynamit, der Abholer war spurlos verschwunden — bei einem türkischen Be­amten hätte jedenfalls ein silberner Händedruck genügt, um das übliche „pekei" („es ist gut!") zu erzielen.

Bei dieser Lässigkeit und Bestechlichkeit der türkischen Behörden erklären sich auch die Erfolge und das provo-. zierende Auftreten der Macedonier, die u. a. im Vilajet Adrianopel ungeniert eine Lotterie veranstalteten zum Besten der bulgarischen Banden, und die Lose wurden bei Christen wie Türken überraschend schnell abgesetzt...! Übrigens fühlen sich die wenigen Europäer in Adria-