Beilage Mn Wiestmüener Tagblatt.
Uo. 227. Morgen-Ausgabe.
Samalaa. hrtt 16. Mai.
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j Er ßfitüflt nicht, fliitf geistige Anlagen zn besitzen, die fr J Hauptsache ist. sic ant anznwenden! ... Die nur ganz £ langsam gehen, aber immer den rechten Weg verfolgen, können ! viel weiter kommen als die, welche lausen und ans Abwege fr geraten. DercartcS. fr
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(24. Fortsetzung.)
Späte Erkenntnis.
Roman von Alexander Römer.
"® u schwärmst also für Liebe ohne Heirat", sagte Ellen m bitter sarkastischem Ton.
, ^ Adine wandte sich jäh zu ihr und sah ihr mißtrauisch ms Gesicht. „Seit wann sprichst du von Liebe?" rief sie hohnend.
, . ."2$ sagte es ja gleich, du bist riesig verändert, nein, sei still, ich habe ein Auge für dergleichen. Und Schatz, es Ware ,a zu nett, wenn du dich verliebtest, bei dir folgt ja sicherlich die Heirat darauf, und dir ist die Ehe auch kern Gchreckbild. Nein, bitte, sag nichts mehr, ich weiß ll^nau, was du innerlich dmkst, und wenn wir uns m Worten ergingen, so tief und unerschöpflich, wie das Meer, wir beiden kämen mit unseren Ansichten vom Leben nimmer zusammen. Also lassen wir das. Aber du mußt setzt mit ^ mir hinüberkommen zu meiner Mama, sie zankte mit imr, weil ich dich bei deinem letzten Besuch ihr nicht zugefuhrt hatte. Sie ist jetzt ganz an ihren Rollstuhl gefesselt."
, Adine hatte so rasch und erregt gesprochen, daß gar keine Entgegnung möglich war. Sie sprang jetzt auf, -ruckte den Knopf der elektrischen Klingel und befahl der eintretenden Jungfer, sie usid ihren Besuch bei der Hof- marschallin zu melden.
„Komm! Mamachen wird sich riesig freuen, dich zu sehen. Das zerstreut sie."
Ellen folgte ihr, die voraufschritt, durch mehrere Gemacher.
„Sie weicht mir aus", dachte sie bei sich — „wie ge- waltig verändert ist sie." Ihr Herz war schwer und voll heimlicher Angst.
Sie traten jetzt in ein halbverdunkeltes Zimmer in dem die Leidende saß. Die alte, halb blinde Dame war schr freundlich, aber augenscheinlich verwirrt. Adine mußte der Mutter die ehemalige Jugendgespielin erst wieder ms Gedächtnis rufen, die kranke gelähmte Frau hatte schwerlich je den Wunsch ausgesprochen, Ellen Kramer wiederzusehen. Sie wiederholte mehrmals den Namen und besann sich, nickte dann und sagte ein paar korwentionelle Worte.
Ellen empfahl sich bald. Me üb ^reundschaftsausdrücke Adinens beim M chr nicht das Gefühl, daß sie zum letzten"
Hause eingekehrt sei. es barg so viel Eri sie, ihr war sehr weh zu Mut.
Unten schüttelte sie noch dem alten Hand, und der alte weißhaarige Diener, ^ uuull t , cl unb derselbe wie in früheren Tagen geblieben war, geleitete sie noch ein Stück Wegs durch den verschneiter:
Garten. Sie gingen hinten herum, wo die Flora auf dem Rasenrondel jetzt mit einer Bretterhülle umgeben war, iim sie vor den Unbillen der Witterung zu schlitzen. Me Sonne schien blendend auf den Schnee, es glitzerte wie lauter Diamanten. Der Garten erschien nicht sehr sorgfältig gepflegt, nach der Seeseite hatte man alles dicht Zuwachsen lassen, das mußte im Sommer ein undurchdringliches Dickicht sein.
Der alte Barnekow berichtete, daß das gnädige Fräulein diese Wildnis liebte. „Sie mag das Geschnirkelte nicht, aber dies ist beinahe zu arg", meinte er, „wenn Sie noch Kinder wären und da Verstecken spielen wollten, wie vor Jahren, da ließe ich's gelten. Ich hab's ihr genug vorgeredtet, daß es ja gerade gemacht ist, damit sich Mebe und Einbrecher darin verkriechen können — ja denken Sie nur Fräuleinche, wenn da einer mit deni Kahn an- legen wollt, ganz ungesehen könnt er sich hier herumschleichen. Aber unser gnädig Fräulein hat einen unruhigen Kopf, und alle Tage etwas anderes muß sie haben, und sie regiert allein im Haus, es ist niemand da, der ihr drein redet. Der gnädige Herr Papa tut's nicht, na und die gnädige Frau, die sitzt da oben und hört und sieht nichts."
Ellen schritt schweigend neben dem Alten in allerlei Betrachtungen versunken. Jetzt stutzte sie. Was war denn das? Aus dem kleinen, halbverfallenen Kiosk nah« am Seeufer war ein größerer, stattlicher Pavrllon geworden, mit Fenstern, an denen sogar Vorhänge hingen.
„Das sieht ja aus, als ob jemand darin wohnte", rief sie.
„Ja", meinte der Alte, der steht nun schon seit dem Sommer vor einein Jahr, da hatte das gnädige Fräulein den Einfall, daß sie sich den Kiosk als Lesezimmer einrichten wollte. Und da war er natürlich zu alt und zu morsch und es wurde dieses große moderne Ding hin- gebaut. Das gnädige Fräulein hat noch bis heut ihr Steckenpferd daran, sie trägt den Schlüssel immer bei sich, und nur wenn drinnen geheizt werden soll, wie es Winters jetzt zumeist geschieht, gibt sie ihn mir auf eine halbe Stunde. Sie weiß, daß sie sich auf mich verlassen kann, ich rühre ihr da nichts an und lungere da nicht herum, was sie gar nicht leiden kann. O! es ist hübsch, hochelegant drinnen."
Der Alte trat an eins der Fenster nach der Seeseite heran, „sehen Sie, ich habe heute wieder Feuer machen müssen, das eine Rouleau ist noch offen. Es raucht mitunter, und dann muß ich lüften. Sie sind ja die einzige wirkliche Freundin vom gnädigen Fräulein und mit all ihren Kinderstreichen bekannt. Sie dürfen immer schon mal hineingucken, sonst soll das niemand, ich mach gleich nachdem das Rouleau wieder zu."
Ellen blickte hinein, voll Verwunderung. Es sah sehr " enpolster, eine Menge zier- anddekorationen, Blumen, in genialer Unordnung auf
linsamkeitsgelüste hätte sie laut.
Plötzlich zuckte sie zusammen. Diese kleine Vase aus Malachit, von ganz besonderer Form, kannte sie ja. Leopold hatte sie als Knabe einmal vom Justizrat zum
Gesckienk erhalten — weil er das kleine Kunstwerk bewunderte und sofort in seinem Wert erkannte, überkam den Gestrengen damals die Gebelaune, die sich sonst in solchen Nebendingen nicht äußerte.
Ellen erinnerte sich noch deutlich des Eindrucks, den das Geschenk derzeit auf Leopold, auf die Mutter und auch auf sie geinacht. Durch Jahre hatte sie es immer auf des Bruderö Schreibtisch gesehen. Wie kam die Vase hierher? Sollte es eine zweite solche geben? Kaum — 1 sie war zn ungewöhnlich in der Form — es wäre jedenfalls ein höchst seltsamer Zufall.
Sie fühlte sich plötzlich elend und grenzenlos unbehaglich, sie kam sich vor, als spähe sie hier nach Geheimnissen, die zu wissen ihr vielleicht wenig frommte. Sie druckte dem alten Barnekow die Hand, sagte ihni^ein paar freundliche Abschiedsworte und eilte, auf die «traße hinaus zu kommen und nach Hause.
Zu Ende des Januar wurde Herr Welcord, der Zukünftige Fräulein AngelitaS, erwartet. Frau Rose erklärte Ellen, daß die Stunden für eine Zeit lang ausgesetzt werden müßten. Angelita sollte den unbekannten Verlobter: in aller Ruhe kennen lernen, und durfte nicht weiter angestrengt werden.
Ellen fand das nur zu natürlich. Warum geriet sie selbst bei der Nachricht in Aufregung, sie verstand sich nicht mehr. Aber so ernsthaft sie auch dagegen ankämpste, immer kehrten ihre Gedanken zu dem Hause in _ dev Annenstraße zurück, und ihre Phantasie schuf die Bilder und Semen dieser ersten Begegnung der Verlobten.
Ob Angelitas Schönheit ihn entzücken, ihm alles er- füllm würde, was er erwartete und forderte? Unsinn! sie kannte den Mann, dm sie ein paar Minuten unter nächtlichem Himmel gesehen hatte, gar nicht, sie hatte ihn sich idealisiert, ihm einen Geist angedichtet, dm er wahr- scheinlich gar nicht besaß.
Es war ein ungewöhnlich mildes und sonniges Wetter in diesm Tagen, und als sie am Nachmittag über den Marktplatz ging, sah sie in einem offenen Wagen Frau Rose und Angelita vorüberfahren, auf dem Rücksitz faß ein Herr -— er war es.
Wie ihr Herz plötzlich schlug!
Angelita erkannte sie, lehnte sich vor und grüßte sie mit ihren lebhaften Gesten. Er war aufmerksam und zog den Hut. Ihre Augm trafen einen flüchtigm Moment ineinander, es war wie ein elektrischer Schlag — ob er auch sie erkannte? er bmgte sich nach einmal aus dem Wagen und sah nach ihr zurück, sie bog rasch um die Ecke, sie hielt ihre Hand auf ihr Herz gepreßt, sie fühlte, wie alles Blut ihr ins Gesicht geschossm war.
Das war schier unheimlich — sie mußte sich fest am Zügel nehmen — was war denn über sie gekommen, sie verfiel ja in Lächerlichkeit.
Ach, es lag cm der Luft um sie her, an dieser schwülen mit Zündstoff geladmen zu Hause. Alles regte sie jetzt auf, sie sah überall Gespenster. Vielleicht kam noch ein krankhaftes Heimweh nach Putnep hinzu, sie war zu glücklich dort gewesen. Jeder von Liebeserweisen erfüllte Brief von dort brachte Tränen in ihre Augen.
(Fortsetzung folgt.)
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