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«l. Jahrgang.

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fjtll. 225. «erlagS-Fernfprecher No. 2961.

Freilag, den 15. Mai.

RebaktionS-Fernfprecker No. 62. 1903,

Morgen-Ausgabe.

Schulhygiene.

Studie von I>r. med. H. Horst.

Vor zwei Jahren stellteil vr. Roser und Genossen im österreichischen Abgeordnetenhaus dm Antrag: Die Regie- pung wird aufgefordert, „dafür zu sorgen, datz die Kinder schon in der Volksschule mit dm Elementarbe­griffen der Hygime des täglichen Lebens — etwa in Form einer Gesundheitsfibel — bekannt gemacht werden und dadurch schon frühzeitig dem Schüler der Grund für eine gesunde Lebensanschalmng und Lebmsweise beigebracht werde." Dieser Antrag verdient die Sympathie und regste Förderung aller Volksfreunde. Die hohe Bedeu- tung einer derartigen hygienischen Erziehung für das Hellen betont auch der von Geh. Rat Rubner und Grasen Douglas begründete und geleitete „Deutsche Verein für Polkshygiene"; und dessen Berliner Ortsgruppe trägt sich mit dem Gedanken, populäre Vorträge auch vor Schülern zu veranstaltm. Und durch die Schulärzte selbst oder durch entsprechende Unterweisung der Lehrer läßt sich ein hygienischer Unterricht in die Schule — und nicht nur in die Gemeindeschulen, sondern auch in die höheren Schulm — einführen, der von großem Segen für das ganze Volk wäre.

Aber mit der sanitären Überwachung und Erziehung der Jugmd zur Gesundheit ist die Ausgabe des Schul­arztes noch nicht erfüllt. Durch die Schaffung der Schul- Pflicht, die tief in die Rechte der Eltern eingreift, hat ja der Gesetzgeber auch die Verantwortung für die Kinder übernommen. Des Schularztes gutes Recht ist es also, den Staat an diese Verantwortlichkeit immer wieder zu erinnern und dafür einzutreten, daß in den Einrichtungen 'und im Betrieb der Schule die Forderungen der Hygime erfüllt werden, damit die Jugend keinen Schaden an ihrer Gesundheit nehme.

Es sind wohl zum Glück die Zeiten vorüber, in denen man der Jugmd genug getan zu habm glaubte, wenn man Verstand und Gemüt bei ihr zu entwickeln und ans- tzubilden suchte. Die Schule hatte damals nur die geistige Ausbildung der Zöglinge im Auge, die körperliche Ent­wickelung dagegen wurde vielfach vernachlässigt. Heut­zutage läßt man nicht mehr dm Körper verkümmem, und JuvenalsAussPruch: „mens sana in corpore sano" — findet in Erziehung und Unterricht immer mehr Be­achtung. Trotzdem aber erzählt uns die Statistik noch wenig Erfrerlliches von dem Einfluß der Schule auf den Gesundheitszustand der Jugend.

Von der: Schulkommissionen wurden neuerdings in Dänemark 17 000, in Schweden 11 000 Schüler im Alter

Feuilleton.

Im europäischen Wettrrimnlrel.

Reisebriefe von Paul Lindenberg.

IX.

Allerhand Vergleiche. — Politische Eindrücke. — Was wird werden? — Gleichgültigkeit. — Bei Tewfik-Pascha, dein Minister des Äußeren. — Voll gnter Hoffnung! — Empfang seitens des Großveziers Ferit-Pascha. — Jetzt und vor zwei Jahre«. — Die Attentate in Saloniki. — Was man hier weiß! — Gerüchte. — Konstantinopcl und Scutari, Europa und Asien.

Konstantinopcl, 3. Mai.

Oftmals hier im Orient, wenn man, müde vom Um- hcrstreifcn, sich irgendwo ein Plätzchen zum Ausruhen gewühlt hat und es um uns wirbelt und quirbelt von Hunderten bunt und phantastisch gekleideter, schreiender, gestikulierender, hastender, faulenzender, lachender und schwatzender Menschen, dann kommt es einem vor, als ob man sich mitten iu einem Maskenfest befände und man wundert sich über sich selbst, daß man nicht teilnimmt an diesem lustigen, wirrenden und flirrenden Durcheinander. All diese Leute, die da in stetem Wechsel an uns vorüber- ziehcn, sie scheinen fröhlich und guter Dinge zu sein, sogar die Hamals, die Packträger, die einen Augenblick ihre drückenden Lasten niedersetzen, plaudern sofort vergnügt mit ihren Gefährten und gehen auf jeden Scherz ein, nicht minder die verstümmelten, blinden, altersgebeugten Bettler, welche zu Dutzenden auf der von brausendem Verkehr erfüllten Sultan Valide-Brücke hocken, stehen, liegen, sie benutzen jede flüchtige Pause ihres mühelosen Berufes, um sich einen Schnack zu erzählen, wobei häufig ein vergnügtes Schmunzeln über die sonst so wehleidigen Züge huscht.

Aber auch in anderer Hinsicht paßt der Vergleich mit dem erwähnten Feste auf viele Verhältnisse des Orients. Wie man beim Schellengeklingel des Prinzen Karneval nichts ernst nimmt und alles in rosigem Licht betrachtet, wie man nur der flüchtigen Stunde lebt und sie vollauf zu genießen strebt, ohne an den Morgen mit seiner katzen­jämmerlichen Stimmung zu denken, genau so hier im Reiche des Halbmondes. Die schwerwiegendsten Ereig-

von 7—20 Jahren untersucht. Zwei Haupttatsachen wurden hierbei sestgestellt: 1. Es waren durchschnittlich 44,8 %, mithin beinahe die Hälfte der Schüler leidend, und 2. im ersten Schuljahre zeigte sich der Gesundheits­zustand durchweg günstiger als in den späteren Jahren. Hierbei ist freilich zu berücksichtigen, daß in den schwedischen Schulen die Arbeitszeit — und zwar sowohl die obligatorische wie auch die häusliche — bei weitem länger, also die Überlastung größer ist als in unseren Schulen. Bei uns würde demnach eine amtliche Enquete etwas günstigere Ergebnisse liefern. Dennoch bleibt die Tatsache bestehen, baß der Schulbesuch die Gesundheit der Kinder in mannigfacher Weise bedroht. Gerade das zweite Faktum, daß nämlich in den späteren Schuljahren weniger gute Resultate des Gesundheitszustandes der Kinder gefunden wurden, spricht mit fast absoluter Be­stimmtheit für eine spezifische Einwirkung der Schule auf die Gesundheit der Zöglinge. Dadurch wird nämlich der Einwand, daß die beobachteten Gesundheitsstörungen bei den erkrankten Kindern auch ausgetreten wären, wenn sie nicht die Schule besucht hätten, widerlegt.

Als Randbemerkung will ich aus den Ermittelungen der dänisch-schwedischen Schulkommissionen noch aw führen, daß die Mädchen ein größeres Krankenkontingent stellen als die Knaben. Hieraus ließe sich zum „Mädchen­gymnasium" im einzelnen und zur „Frauensrage" im all­gemeinen vielleicht etwas sagen; aber ich will den Satz eines gewissen. Möbius, „daß bei der Frau Wünsche zu Gründen werden", nimmer ins Männliche iibertragen.

Was nun die Krankheiten cmlangt, die ans das Konto der Schule zu setzen sind oder wären, so kommen insonder­heit vier Erkrankungen in Betracht: die seitliche Rück­gratsverkrümmung (Scoliose), die Kurzsichtigkeit (Myopie), ferner krankhafte Veränderungen in der Blut­zirkulation und im Ernährungszustände und endlich die Infektionskrankheiten, nämlich Masern, Scharlach, Diphtherie, Kemhhusten, Skrophulose und Tuberkulose.

Die Scoliose wird durch dcküernde seitliche Krüm­mung des Körpers erworben. Die Ursache dieser Rück­gratsverkrümmung ist sicherlich in einer angeborenen Disposition, in einer verminderten Widerstandsfähig­keit der Knochen und Muskeln, in enter rhachitischen An­lage zu suchen; als das auslösende oder selbst mttveran- lassende Moment aber können wir die anormale Körper­haltung, wie sie durch unzweckmäßige Konstrukston der Schulbänke und durch die Schiefschrift bedingt wird, bezeichnen.

Die Schulbankfrage gehört mithin zu den wichtigsten Fragen der Schulhygiene. Die Schulbank bat die Aus­gabe, dem Schüler eine normale Körperhaltung zu er­möglichen. Ich kann hier nicht die Bedingungen er­örtern, die von der Schulbank gefordert werden, damit sie bei gerader Körperhaltung Lesen und Schreiben ge-

nisse werden leicht genommen, man tröstet sich: „ach, es wird nicht so schlimm sein", und wird's immer schlimmer, nun, „Allah akbar", „Gott ist groß, er wird schon hel­fen!" Und man trudelt und jubelt ungestört weiter und freut sich, daß das Dasein so viel Sonniges und Abwechs- lnngsvolles bietet. —

Es ist eine eigentümliche Erscheinung, datz die Orien­talen die prächtigsten und kühnsten Bauten aufzuführen, aber nicht dauernd zu erhalten verstehen. An wunder­vollen Moscheen, an verschwenderisch ausgestatteten Palästen, an kunstreichen Fontänen und dergleichen fehlt cs nicht, aber, mit wenigen Ausnahmen, wie sieht all das häufig nach mehreren Jahrzehnten aus. Und ähnlich ist's mit dem Staatengebilde. An die Zukunft wird nicht gedacht, was geht's uns an, was sich da ereignet, für uns ist das Haus, welches unsere Vorfahren gebaut, noch gut genug, uns wlrd's wohl nicht auf den Kopf regnen, denn wenn das Dach auch morsch ist, es hält noch einige Jahre, und wenn die Fundamente auch wackeln, nun, es wird wohl, so lange wir leben, nicht ein solch arger Sturm kommen, daß die Wände einfallen — „aprös nons le ddloge", „uad) uns die Sündflut!"

Und dabei steckt in dem llirlischen Volke — nicht zu verwechseln etwa mit der auf das mannigfachste zusammen­gesetzten Einwohnerschaft des gesamten Reiches — ein so tüchtiger, gesunder Kern, man fühlt warme Sympathicen mit diesen ruhigen, bescheidenen, mäßigen, frommen Menschen; das Land birgt Quellen des reichsten Wohl­standes, aber sie sind teils noch nicht erschlossen, teils werden sie ziellos vergeudet, und von all dem, was durch die oft sehr harte Arbeit von Millionen hervorgebracht wird, zehren jene paar Hundert, die an der Krippe sitzen und sich die Taschen füllen. Die Einblicke, die man in die Verhältnisse des Offiziers- und Beamtenstandes er­hält, sind traurigster Art, und man versteht es, daß viele die Gelegenheit ergreifen, für das oft in sechs, sieben, acht Monaten nicht bezahlte Gehalt sich auf unrechtmäßige Weise schadlos zu halten. Hunger tut weh und eine Familie will ernährt werden.

Zudem verfügt die Türkei auch über tüchttge, redliche, gewissenhafte Beamte, die sich des höchsten Ansehens bei Einheimischen wie Fremden erfreuen, aber was können trotz des besten Willens einzelne gegen ein System machen.

stattet. Wir haben, es schon glücklich aus über 200 SchulbankkonstruktionM gebracht. Am bestes genügt den hygienischen Prinzipien eine zweisitzige Schulbank, die behufs gründlicher Reinigung des. Fußbodens nmleg- bar oder um eine Klemmschiene drehbar, mit einer in Kreuzhöhe nach vorn konvexen Rückenlehne und mit einem Fußbrett, das mit Rillen und Schlitzen versehen ist.

An Stelle der üblichen schiefen Schriftweise lväre der Steilschrift das Wort zu reden. Versuche haben ergeben, daß steilschreibende Schüler eine bessere Körperhaltung annehmen als schrägschretbende. Die heute noch gang und gäbe recht schiefe, in einem Winkel von 45—50 Grad geneigte Schreibrichtung bringt die Schüler leicht dazu, den Kopf stark linksüber zu neigen; die Folge ist, daß sich die rechte Schulter in die Höhe zieht, das rechte Schulter­blatt nach rechts abbiegt und das Rückgrat so tmch und nach einen nach links konkaven Bogen bildet.

Die zweite bestimmte Krankheitsform, für die die Schüler inklinieren, ist die Kurzsichtigkeit (Myopie). Sie nimmt mit der Dauer des Schulbesuches zu; denn wäh­rend in Dorfschulen nur 1,4 %, in Mittelschulen 10,3 % myopisch sind, beträgt die Kurzsichtigkeit der Gymnasiasten 26,2 %. Außer der auch hier zu betonendeit vererbten Veranlagung trägt in erster Linie eine mangelhafte Be- letichtung, die die Schüler zwingt, das Buch möglichst dem Auge zu nähern, zur Entstehung der Myopie bei. Dem­nach verlangt die Hygiene für das Schulzimmer eine aus­reichende Beleuchtung. Die Fenstersläche soll ein Fünftel der Bodenfläche einnehmen, von jedem Arbeitsplatz muß ein Stück des freien Himmels sichtbar sein, und die Helligkeit soll durch linksseitiges Licht oder besser durch Oberlicht zugesührt werden. Das gilt natürlich von der Beleuchtung bei Tage. Von den künstlichen Beleuchtungs­systemen gebührt dem elektrischen Licht der Vorzug.

Unterstreichen möchte ich hier, daß auch das Haus, also Vater und Mutter, aus eine korrekte Haltung der lesenden oder schreibenden Kinder achten, und daß auch bei den häuslichen Abeudarbeiten für eine reichliche Lichtmenge gesorgt werde.

Die.Störungen in der Blutzirkulation und im Er­nährungszustand, die als Kopfschmerz, Nasenbluten, Bleichsucht, Reizbarkeit, Appetitlosigkeit, Abnahme des Körpergewichtes austreten, haben ihre Wurzeln in der Schulstubenluft.

Die Schulluft steht bekanntlich in einem „schlechten! Geruch", da sie durch die Anhäufung der Schüler in einem verhältnismäßig kleinen Raum schnell verdorben ist. Sie ist besonders reich an Koblensäure und flüchtigen organischen Stoffen. Aus die Wirkung dieser ausge­atmeten Selbstgiste sind die genannten Schulkrankheiten zurückzuführen. Und diese Lnftverschlechterung ist am größten in der Mitte des Zimmers. Hans Stick hat ex­perimentell nachgewiesen, daß selbst unter günstigen Der-

das zu tief eingewurzelt ist und zu viele Mitschuldige hat, als daß es überhaupt noch ausrottbar wäre, falls nicht einmal ein Herrscher mit starkem Arm und eiser­nem Besen kommt, der freilich bei solch gewagtem Unter­nehmen sein Leben aufs Spiel setzen müßte.

Zu den Männern von tadellosestem Rufe gehört der Minister des Äußern, Tewfik-Pascha, der lange Jahre als türkischer Botschafter in Berlin geweilt und sich zur Gattin eine Schweizerin erkoren. Völlig deutsch mutet uns sein in enger Nachbarschaft des massigen Gebäudes der deutschen Botschaft gelegenes Heim an, eine zierliche Villa mit idyllischem Vorgarten, in welchem zwischen Lorbeerhecken wohlgepflegte Beete mit Stiefmütterchen, Vergißmeinnicht und Tausendschönchen das Auge er­freuen, während in den Flieder- und Rosengebüschen goldene Käfige mit grünschillernden Papageien ihren Platz erhalten haben und sich in einem Verschlage hinter feingeflochtenem Drahtgitter zwei reizende Antilopen tummeln.

Drinnen im Hause der gleiche wohltuende Eindruck echter Behaglichkeit, Eleganz und Sauberkeit. Der Emp­fangssalon mit goldgemusterter Tapete, mit seidenüber­zogenen Sofas und Sesseln, mit dichtem, wundervoll ge­mustertem Teppich, an den Wänden deutsche Gemälde, Tiroler und Schweizer Alpengegenden, dann französische und japanische Bibelots, ebenso im anstoßenden, gold in weiß gehaltenen Musiksaale mit seinem Bechstein-Flügel, mit silbernen Kandelabern, mit kostbaren Vasen und mit mancherlei Prachtwerken auf den Bouletischchen. Unbe­schreiblich herrlich die Aussicht aus den hohen, offenen Fenstern dieser Gemächer auf den Bosporus und die jenseitige astatische Küste, auf die von Dampfern, Seglern, Pfeilschnellen Kalks durchfurchten blauen Fluten, auf die hellen Häuschen und Moscheen, die dunklen Cypresscn und Pinien Scutaris, auf den wellenumschäumten weißen Leanderturm unter uns und die in den Schoß des Mar- mara-Meeres friedlich eingebetteten, von plätschernden Wogen umkosten Prinzen-Jnseln da hinten. Hier wird einem das Warten nicht lang, und zu früh meldet der Diener: „Seine Exzellenz lassen bitten."

Das große, lichte Arbeitsgemach des Ministers liegt neben dem Salon, Teppiche von seltener Schönheit, Bil­der. Büsten, Ledersessel, Akten- und Bücherständer, Er-

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