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Beilage zum Wiesbadener Tagblatl.

Uo. 223. Morgen-Ausgabe.

Donnerstag, den 14. Mai.

51. Jahrgang. 1803.

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Das Beispiel der großen. ursprünglichen und über­ragenden Menschen rettet n»S ans den Irrgängen der Gleich­machung und schützt un« gegen den Einfluß der Zeitgenossen. Da« sind die Ausnahmen, die wir brauchen in dieser nivellierenden Zeit. Emerson

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( 22 . Fortsetzung.)

Spate Erkenntnis.

Roman von Alexander Römer.

Nun wurde Don Adolfs just erwartet, als mein Mann so plötzlich starb, ich war ganz vernichtet in meinem Kummer, ganz unfähig zu allem, ich hatte nur den einen Wunsch in nieine Heimat, zu meinen Verwandten zurück­zukehren. Da sind wir denn gereist, ehe Don Adolfo. dessen Ankunft sich verzögerte, eintraf, auf dieWeise haben die beiden sich noch nicht gesehen. Er ist jetzt in Neapel, und wir werden ihn hoffentlich bald hier haben. O! er ist ein vortrefflicher Mensch und sehr reich."

„Sie kennen den Herrn natürlich", bemerkte Ellen, um doch etwas zu sagen. Im Grunde interessierte sie diese Verlobungsgcschichtc zweier einander gänzlich Unbe- kannten wenig. Sie vermochte sich keine Vorstellung davon zu machen, wie ein erwachsenes Mädchen sich in solche^Pläne fügen könne, die ihre Person einem ihr gänz­lich Fremden überantworteten.

„Ich?" fragte die Dame verwundert, „nein, ich kenne ihn auch nicht, wie sollte ich — er war ja nicht in Valparaiso so lange ich da war. er war in Hamburg, und später in NemPork, in Westindien, aus Haiti lange Zeit, - o! er war überall, in der halben Welt. Er ist sehr klug und sehr gut!"

Sie sagte das Letzte so ausdrucksvoll und bestimmt, als habe sie die gewissesten Bürgschaften dafür, nur nicht ihr eigenes Urteil, dem auch vielleicht wenig Gewicht bei- zumessen war.

„Ich habe hier sein Bild, er hat es kürzlich für Angela geschickt, wollen Sie es sehen?"

Tie Dame nahm von der Etagere, die neben dem Sofa stand, ein Porträt in Kabinettform, in elegantem Rahmen, und reichte es Ellen.

Diese warf einen flüchtigen Blick daraus und zuckte plötzlich zusammen. Das war ja dasselbe Gesicht, das vor ihrem inneren Auge so oft noch auftauchte, der Un- bekannte, den sie in der Mondnacht auf der Vienna sah.

Ihr war eine jähe Röte emporgeflammt, die von Frau Rose gottlob nicht sofort beobachtet wurde, ihr Herz schlug ungestüm, das war doch unerklärlich, sonder­bar. —

Ihre Hände zitterten, als sie das Bild zurückgab und in gleichgültigsten Tone hervorbrachte: „Ein sehr ange­nehmes Gesicht."

„Nicht wahr? o! er gilt für einen schönen Mann. Angelas Photographie, die wir ihm nach Neapel sandten, hat ihn auch entzückt, sie ist ja auch schön, wie ein Märchen."

Also die äußere Schönheit war hier das Haupt- erfordernis.

Ellen empfand ein unbestimmtes Gefühl, als habe sie von jenem Fremden, dessen Züge und Stimme ihr so sympathisch gewesen waren, anderes erwartet, als erlebe sie eine Enttäuschung. Es war plötzlich eine Leere in ihr, die sie nicht verstand, sie verabschiedete sich rasch. Wegen der Stunden war vorher schon das Nötige verabredet worden.

Als sie unten aus der säulengeschmückten Vorhalle trat, hielt eine Reiterkavalkade vor dem Nachbarhause. Lautes Lachen und lebhafte Ausrufe schlugen an ihr Ohr, darunter ihr bekannte Stimmen. Die Reiter, welche dort hielten, waren meistens Offiziere, nur ein Civilist darunter, eine schlanke, elegante Gestalt, die ihr den Rücken wandte.

Er lachte und beugte sich zu seiner Nachbarin, einer stolzen Amazone in grünem Reitkleid, mit der er vertrau­lich flüsterte.

Ellen stand wie gebannt — das war ja Leopold, ge­wiß — jetzt sah sie sein Gesicht im Profil, und die Dame — Adine von Rodenfels. Sie hätte nicht Rechenschaft zu geben vermocht von den blitzähnlichen Gedanken, die durch ihren Kopf fuhren. Die Gruppe klatschte jetzt in die Hände und rief laut und stürmisch einm Namen, „Frau Lodoiska", „Frau von Trembow!" Alle sahen zu den Fenstern des stattlichen Hauses empor.

Jetzt erschien die Dame unter den Säulen unten, und trat in den Vorgarten, sie knöpfte noch an ihren Hand­schuhen, war aber ebenfalls im Reitkleid. Ihr kolossale Figur wurde nicht dadurch gehoben. Um den hohen Reit- hut, der auf ihrem breiten Kopfe saß, schlang sich ein grauer Schleier, den sie jetzt festknüpfte. „Gemach! ihr Herrschaften, und Geduld", sagte sie mit einer schnarrm- den Stimme und deutlich erkennbarem ausländischem Accent.

„Monsieur Kramer, na Sie tun mir wieder den Ritterdienst, Sie sind stets der Chevalier sans peur et sans reproche. Bonjour Adinchcn — hu! blutrote Nelken heut im Knopfloch — das Sinnbild der glücklichen Ehe." Sie lachte laut und unschön.

Leopold war vom Pferd gesprungen und half ge­schickt der nicht allzu zierlichen Reiterin in den Sattel. Witzreden, Neckereien, die Ellen von ihrem Standpunkte aus und unter dem Geräusch des Scharrens der Hufe nicht mehr verstehen konnte, flogen hiü und her.

Die Kavalkade setzte sich in Bewegung, Leopold ritt mischen den beiden Damen, sie kamen an Ellen, die sich hinter einer Säule verborgen hielt, vorüber. Adine sah frisch und sehr schön aus, sie trug blutrote Nelken an ihrer Brust, und unterhielt sich sehr lebhaft mit ihrem Nachbar und den dicht hinter ihr reitenden Offizieren.

Was war das? fragte sich Ellen — Adine — verkehrte sie mit der Frau Lodoiska? und — ihr Kopf verwirrte sich, sie wagte gar nicht weiter zu denken.

Sie schritt in tiefem Grübeln nach Hause. _ Sie hatte heute viel Unerwartetes erfahren. So sollte sie also dem Fremden vom Schiff hier wieder begegnen — warum kam sein Bild unter all den Eindrücken und Sorgen wieder herauf? Was ging er, der Verlobte dieses hübschen, oberflächlichen Mädchens sie an? Wie kam es, daß sie sich so viel mit ihm beschäftige?

Ihr waren viele fremde Männer auf Reisen begegnet,

und sie wußte sich keines einzigen mehr zu erinnern, warum haftete denn dieser in ihrem Gedächtnis?

Sie schüttelte über sich selber den Kopf, das kam von der Untätigkeit, an die sie nicht gewöhnt war.

Den Unterricht Fräulein Angelitas begann Ellen noch vor Weihnacht. Tie Mutter der jungen Dame eilte damit, sie betrachtete es als eine unangenehme Not­wendigkeit, die so bald und so rasch als möglich abgetan werden sollte. Man erwartete von Ellen, daß sie ihrer Schülerin das nötige Wissen in großen Dosen direkt cin- impfen, und binnen kürzester Zeit glänzende, nach außen sichthare Resultate erzielen solle.

Ellen erschrak über die unglaubliclie Unwissenheit der jungen Dame. Unter dem glatten oberen Schliff war absolute Leere. Wo war da überhaupt ein Anfang zu machen?

Ellen besaß ein hervorragendes Talent interessant und anregerid zu lehren, das hatte schon Miß Scott früh er­kannt, die Schülerinnen hingen alle mit Enthusiasmus an ihr. . , .

Auch hier erzielte sie ein kindliches Anschmregen bei Sennorita Angela. Sie empfing ihre junge Lehrerin, stets mit einer zärtlichen Umarmung, und begann dann sofort zu plaudern.

Ellen nahm ihre Aufgabe gewissenhaft, wie es in ihrer Natur lag, ging aber vorsichtig zu Werke. Sie versuchte das zu Lehrende in die Unterhaltung einzuflechten, Prüfte, beobachtete, berichtigte falsche Vorstellungen und Äuße­rungen, und sagte sich beständig, daß es sich hier nicht mehr um das gründliche Aneignen von Kenntnissen handeln könne, sondern einzig um ein Ausfüllen allzu klaffender Lücken. Mit dieser Methode kam sie am weitesten. .

Dennoch waren die Stunden eine Anstrengung und eine meist tief entmutigeiide Aufgabe für sie.

Dazwischen störte sie oft der überflüssige Gedanke, wie cs möglich sei, daß man nach der äußeren Erscheimrng eines Menschen so leicht Schlüsse auf sein Inneres mache, die sich dann ganz falsch erwiesen, wie in diesem Fall. Ihrem Unbekannten vom L-chiff, dessen schönes sym­pathisches Gesicht ihr nun täglich da aus dem Rahmen entgegenblickte, sich als Verlobten dieses Mädchens zu denken, schien ihr unglaublich, und dann schalt sie sich, soltben Gedanken nachzuhängen — die beiden Menschen gingen sie garnichts an. Sie wurde für rhre Muhe be­zahlt, sie tat ihre Pflicht, so gut es ging, und man war mit ihren Leistungen zufrieden.

Frau Rose sagte ihr täglich, wie ausgezeichnet sie es verstehe, Angela zu fesseln; sie habe nie geglaubt, datz die Kleine ausbaltcn und Lust zum Lernen haben werde. Ellen fand freilich die Summe dieses Gelernten recht gering.

Sie bemühte sich endlich, ihre tiefe Niedergeschlagen- heit abzuschütteln. MH Scott hatte ihr liebevoll ge­schrieben und sie versichert, daß sie einstweilen nur inter- misüsch eine Stellvertretung engagieren werde und ihr Platz mindestens ein Jahr für sie frei bleibe. Slber, wenn es auch ein Trost war, wer konnte sagen, wie es hier nach einem Jahre aussah.

«Fortsetzung folgt.)

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