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41. Jahrgang.

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Ds» 224. Berlags-Fernfprecher N». 2951.

Donnerstag, den 14. Mai.

Redaktions-Fernsprecher No. 52. 1903.

Abend-Ausgabe-

Eine neue WalderholungsstäNr.

Die Provinz Hessen-Nassau ist sehr früh und sehr energisch in deir Kampf gegen die Verheerungen durch die Tuberkulose eingetreten und besitzt jetzt drei große Lungenheilstätten, von denen zwei, die in Ruppertshain im Taunus und die zu Oberkaufungen bei .Kassel, für die Angehörigen der unbemittelten oder wenig bemittelten Stände, die dritte zu Naurod gelegene für solche Luitgen­leidende bestimmt ist, die einen mäßigen Betrag für ihre Kur aufzuwenden vermögen. Neuerdings wird auch die Errichtung einer Heilanstalt für tuberkulöse Kinder aus der Provinz Hessen-Nassau und den Fürstentümern Waldeck und Pyrmont in Erwägung gezogen. Der im zweiten Jahre jetzt tätige Verein zur Bekämpfung der Schwindsuchtsgefahr in der Provinz Hessen-Nassau und dem Fürstentum Waldeck hat eine umfassende Wirksam­keit entfaltet, um die nötigen Kenntnisse über die Schwind­suchtsgefahr und ihre Verhütung überall im Bezirke zu verbreiten, solchen Kranken, für die die Landesversiche- rungsanstalt, die Berufsgenossenschaften und Kranken­kassen nicht zu sorgen verpflichtet sind, die Möglichkeit des Aufenthalts in einer Heilanstalt zu gewähren und endlich namentlich auch durch Errichtung von Erholungs­stätten der Entstehung und Verbreitung der Tuberkulose cntgegenzuarbeiten. In letzter Richtung ist soeben ein interessanter Versuch gemacht und die Einrichtung einer Walderholungsstätte in dem in der Nähe von Kassel landschaftlich reizend gelegenen Kragenhof unternommen worden, wie solche schon in der Umgebung von Berlin, Leipzig und einzelnen anderen deutschen Städten bestehen.

Die Walderholungsstätte liegt auf einem der Stadt Kassel gehörigen Gute, auf einer schönen nach Süden abfallenden Berglehne mitten im prächtigen aus Laub­und Tannenholz gemischten Wald und gewährt einen herrlichen Ausblick in das malerische Fuldatal. Sie wird zunächst für 50 Kranke männlichen Geschlechtes eingerichtet, denen eine 40 Meter lange und 5 Meter tiefe, nach Süden offene, gedeckte Halle zur Verfügung steht, in welcher sich eine Anzahl von Liegesesseln befinden. Eine Döckersche Baracke enthält die Küche, sowie den Aufenthaltsraum für die von dem Vaterländischen Fraucnverein in Kassel gestellte leitende Schwester voni Roten Kreuz, die Hülfsdamen und das Küchenpersonal.

Die Leidenden, bei denen man vor allem auf Ge­nesende, auf ganz leicht brustkranke und nervöse Personen rechnet, fahren jeden Morgen früh 7 Uhr von Kassel mit der Eisenbahn nach der Walderholungsstätte und kehren abends nach Hause zurück. In liebenswürdigem Entgegenkommen hat die königliche Eisenbahndirektion hierzu Wochenfahrkarten dritter Klasse bewilligt; auch

hat sie, was sehr wertvoll ist, gestattet, daß das erforder­liche Wasser der Eisenbahnstation Kragenhof entnommen wird. Die Erholungsstätte liegt in nächster Nähe eines Bahnhofs, so daß weitere Märsche vollständig erspart sind. Die Erholungsbedürftigen erhalten gleich nach ihrem Eintreffen morgens ein Frühstück von Milch, um 11 Uhr einen Imbiß und mittags ein gutes, kräftiges Mitlagsessen, ebenso nachmittags eine Speisung.

Sobald die Witterung es erlaubt, wird die Erholungs­stätte eröffnet und soll so lange in den Herbst hinein in Betrieb bleiben, wie es möglich ist, jedenfalls bis Ende September. Da die Kurzett auf zwei bis drei Wochen vorläufig festgesetzt ist, so würden über 250 Leidende hier die ersehnte Erholung finden können. Sollte^ es sich im Laufe des Aufenthaltes in der Erholungsstätte Herausstellen, daß der Kranke besser in einer Lungen­heilanstalt am Platze ist, dann kann alsbald seine Auf­nahme in der Heilstätte Oberkaufungen bewirkt werden, die ganz in der Nähe liegt.

Tie nicht unerheblichen Mittel, die die neue Ein­richtung erfordert, werden von der Landesverficherungs- anstalt, von dem Verein zur Bekämpfung der Schwind­suchtsgefahr und von den Krankenkassen getragen, deren Vorstände sich in einer zur Besprechung des geplanten Unternehmens veranstalteten Versammlung sehr zufrieden über die Idee ausgesprochen hatten und beabsichtigen, einen Verband aller Kassen zu gründen, um die Unter­bringung ihrer Genesenden in das neue Erholungsheim zu ermöglichen.

Es kann ja nicht verhehlt werden, daß eine Ein­richtung, die den Leidenden auch dm Aufenthalt während der Nacht möglich macht, vorzuziehen wäre. Eine solche würde qber so unverhältnismäßig viel Mehrkosten ver­ursachen. daß davon wenigstens vorläufig Abstand ge- nommen werden mußte. Immerhin ist der Vorteil eines Aufenthaltes in der schönen, gesunden Waldluft während des ganzen Tages und der zweckmäßigen guten Beköstigung so groß, daß er nicht hoch genug angeschlagen werden kann. Tann wird aber auch das Unternehmen nur als ein Versuch betrachtet, dem, wenn er nur einiger- maßen gelingt, bald Erweiterungen und Verbesserungen folgen werden. r. o.

Deutsches Deich.

Die Erbprinzcn-Affärc.

L. Berlin, 13. Mai.

Die jüngste Breslauer Meldung, wonach der viel­erörterte Korpsbefehl des Erbprinzen von Meiningen, be- treffmd die Soldatenmißhandlungen, tatsächlich zurück- gmommm wordm sein soll, macht die unerfreuliche An­gelegenheit nicht nur noch unerfreulicher, sondern auch noch dunkler als bisher schon. Tmn man versteht nicht, wie von einer Zurücknahme jenes Erlasses gesprochen

werden kann, wie man sich diese Zurücknahme vorzu- stellm hätte. Indem der Erlaß veröffentlicht wordm ist und somit Geltung erlangt hat, mag dieser oder jener Satz das Mißfallen der Vorgesetzten Militärstellen erregt haben, aber die Gesinnung selber und ihr Ausdruck, also die Bekundung des festm Willens, den Mannschaften Recht und Gerechtigkeit werden zu lassm, könnm doch nur gebilligt werden, zumal sie sich im Rahmen der selbst­verständlichen gleichartigen Absichten der Militär­verwaltung und der obersten Kommandostelle bewegen. Eine Zurücknahme also würde bedeuten, daß der Inhalt des Korpsbefehls selber nicht gebilligt wird, und diese Voraussetzung muß in dem Augenblick, wo sie ausge­sprochen wird, zugleich als hinfällig bezeichnet werden. Also weiß man wirklich nicht, was es heißen soll, wenn von einer Wiederaufhebung des Erlasses gesprochen wird. Noch dunkler wird die Sache durch die von mehreren Seiten kommmde Versicherung, daß der Rücktritt des Erbprinzen von Meiningm wirklich nichts mit dem Korpsbefehl zu tun habe. Welche anderen Differenzen so heftig gewesen sein sollen, daß sie eine so verhängnis­volle Wirkung haben mußten, darüber fehlt jede An- dmtung, und es ist auch nicht möglich, sich eine Vor­stellung davon zu machen, was vorgegangen sein soll, da­mit diese aufregende Wirkung eintreten mußte. — (Von durchaus kundiger Seite wird uns übrigens auf das. be­stimmteste versichert, daß in dem Erlaß, den wir seiner Zeit mitteilten, nicht das geringste sei, was an höheren Stellen Anstoß erregen könnte und daß derartige Erlasse etwas durchaus nicht Ungewöhnliches seien. Der „blaue Brief" hänge also mit diesen Dingen nicht zusammen, sondern es seien, ganz andere Gründe maßgebmd. Im übrigen werde man in militärischen Kreisen den Rücktritt keineswegs bedauern, wie man denn überhaupt in . dev Armee von den Prinzen-Kommandos im allgemeinen sehr wenig halte und diese feudale Einrichtung geradezu für ein Übel ansehe. D. R.)

Löhning als freisinniger Reichstagskandidat.

Wie mitgeteilt wird, hat der frühere Provinzial­steuerdirektor Löhning die ihm von der freisinnigen Volkspartei im IV. Berliner Reichstagswahlkreise ange­tragene Kandidatur angenommen. Seine Wahl würde inj den Reichstag eine Persönlichkeit bringen, der ein allge­meines und sehr starkes Interesse, und zwar nicht allein eines der bloßen Sensation, den Weg zur öffentlichen Be­achtung ebnen würde. Indem der Geheimrat Löhning seine Bereitwilligkeit erklärt, ein freisinniges Mandat an­zunehmen, bekennt er sich selbstverständlich als Mitglied der freisinnigen Volkspartei. Nun ist es ja nicht gut möglich, die Angehörigen der höheren Bureaukratie, zumal wenn sie noch im Amte sind, gründlich auf ihr« wahre politische Gesinnung zu prüfen, und man hat so­mit keine Berechtigung, ihre Parteistellung nach zufälligen Indizien bestimmen zu wollen. Aber die Vermutung

„Du kommst spät, Thygo", sagte sie mit klangloset monotoner Stimme, „hast du zu Abend gegessen?"

„Ich habe für acht Tage genug; bemühe dich nicht."

Die Starre in des jungen Mannes Haltung löste sich- mit zwei Schritten war er am Tisch und stützte die Hand aus die Platte. „Ich komme auf einen Katzensprung herein und hinaus. Der Heidhof sieht mich in dieser Stunde zum letztenmal. Dies eine Mal noch und nie wieder."

Tie Frau stutzte. Mehr als der drohende scharfe Ton schien der sie finster fixierende Blick ihres Sohnes sie zu verwirren und bestürzt zu machen. Aber auch in die reg­los auf der Ofenbank hingestreckte Gestalt kam plötzlich Leben. Mit einem Ruck warf Knut Weber die Beine nieder, die Mütze bekam einen Stoß nach hinten, unter den halb gesenkten Lidern hervor glomm ein lauernder Blick nach Thygo hinüber.

„Willst du nicht über Nacht bleiben?" fragte Marike anscheinend gleichgültig, aber ein aufmerksames Ohr hätte ein leises Schwanken ihrer Stimme herausgehört,

„Nein!" sagte Thygo schneidend. Und seine Stinime lauter erhebend, fuhr er nach einer Weile fort: „Ich möchte keine Nacht mehr mit euch unter einem Dache wohnen, keine Stunde lang will ich mehr eine Luft mit euch atmen. Schlimm genug, daß mir die Erinnerung an meine bisherige Gemeinschaft mit euch anhaftet. Fort­an habt ihr Ruhe vor mir, ich gehe und komme nicht wieder. Nie wieder. Mörder, Ehebrecher, Meineidige —• pfui — pfui — und der Heidhof eine Verbrecherhöhle — pfui Teufel —"

„Du bist betrunken, Thygo!"

Schwer, beinahe lallend fielen die Worte von den Lippen der großen Frau; das Zinnober ihrer Wangen vertiefte sich, aber der entsetzte Blick ihrer eishellen Augen flog an Thygo vorüber nach Knut, der fast gleichzeitig mit ihr von seinem Platze emporschnellte und auf Thygo zusprang. Die Mütze hatte er abgerissen: ein Wald voll Borsten, sträubte sich das graue starre Haar um seinen Kopf, in den etwas eingekniffenen schwarzen Augen funkelte das unheimliche Phosphor zweier Raubkaüen-

Jin weißen Kleide.

Roman von M. Böhme (O. Sandor).

(3. Fortsetzung.)

Etwas ruhiger als vorhin, stand er auf und schritt in der Richtung nach dem Heidhof weiter. Nach einer viertelstündigen Wanderung tauchte das plumpe breit­gestreckte Gebäude mit dem weit iiberhängenden Stroh­dach, unter dessen unverhältnismäßiger Höhe das niedrige Gemäuer fast verschwand, vor ihm auf. Der nach dem Garten liegende Teil des Hauses wurde hell vom Mond beschienen, während die vordere Seite im Dunkel blieb, nur die beiden schwach erhellten Fenster blinzelten wie ein verschlafenes Augenpaar in die Nacht hinaus, und vom Dachfirst schwebten glitzernde Mondstreifen über die unten wogenden Schatten. Vor dem Hause stand der Soot (Brunnen), dessen hoch aufragender Schwengel in der ungewissen Beleuchtung einem drohend erhobenen Riesenarme glich.

Das Einfahrtstor war in der Mitte quer geteilt; der obere Flügel stand angelehnt. Thygo langte hinein und schob von innen den Riegel zurück. Durch die Dunkelheit der Loodiele (ländlicher Flur ohne Decke) tappte er nach der Stubentür und öffnete diese.

Eine kleine schlecht brennende Lampe verbreitete ihr spärliches Licht in der schmalen blitzsauberen Stube. Das einzig Bemerkenswerte unter den Einrichtungsgegen­ständen des ländlich einfachen Wohnraumes war ein großes Bild im schwarzen Rahmen, eine Bleistiftzeichnung des verschwundenen Inge Arfst, den zwölfjährigen Jesus im Tempel darstellend, das über der eichenen Schatulle an der Hauptwand hing. Die Auffassung mochte, dem jugendlichen Alter des Zeichners entsprechend, naiv und die Technik mangelhaft sein, aber die einzelnen Figuren und Köpfe waren so vollendet wiedergegeben, das Ganze trug trotz seiner primitiven Ausführung so unverkennbar die Signatur des wahren Künstlers, daß das Bild un­zweifelhaft einen gewissen Kunstwert hatte.

Schon als Knabe hatte Theo öfters die Zeichnung mit staunender Bewunderung betrachtet;- er hatte sogar mehreremale versucht, einzelne Figuren des Bildes zu kopieren, aber es war ihm nie gelungen, eine Kopie zu schaffen, die annähernd dem Original gleichkam. Bisher hatte die väterliche Schöpfung freilich nur den Wert einer Dkusterleistung auf seinem eigenen Interessengebiet für ihn gehabt, einer Studie, die ihm Anregung und Be- lehrung bot; in dieser Minute, in der das Bild unwill­kürlich seine Blicke anzog, gewann es die Bedeutung einer Reliquie für ihn, den Wert eines geheiligten Vermächt­nisses seines hingemordeten Vaters, dessen geistiger wie leiblicher Erbe er war, und er beschloß/ das Bild mit sich u nehmen, es unter keiner Bedingung hier zurückzu- asscn. Minutenlang stand er mit unterschlagenen Armen in dem Rahmen der Tür und starrte die Zeichnung an, dann wunderten seine Augen langsam nach den beiden In­sassen der Stube.

An dem klotzigen, weißgescheuerten Eichentisch unterm Fenster saß Marike Arfst und nähte. Sie war eine große hagere Frau mit scharfen Gesichtszügen, zwei zinnoberroten Flecken auf den etwas hervorstehenden Backenknochen und grell blickenden grauen Augen. Ihr weißblondes Haar, das in prall und glatt anliegenden Scheiteln die Stirn umrahmte, wirkte trotz seiner hellen Farbe mehr dunkel als licht, schattenartig umhüllte es bis zum Nacken die hintere Kopfpartie.

Knut Weber lag anscheinend schlafend auf der Ofen­bank. Seine eher schmächtige als kräffige Gestalt erreichte kaum die Mittelgröße, aber die kurzen sehnigen Glieder erweckten dennoch den Eindruck großer Kraft und Ge­wandtheit. Das braungelbe faltendurchzogene Gesicht des Mannes erinnerte an eine anfike Holzschnitzerei, die Augen wurden von dem Lederschirm der tief in die Stirn gezogenen Mütze bedeckt.

Über das harte Gesicht der Frau lief ein sichtbares Erschrecken, als ihre Augen dem Blicke ihres Sohnes be­gegneten; sie legte die Näherei hin und ließ die Hände . in dm Schoß sinken.