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«l. Jahrgang

Erscheint In zwei Ausgaben. — Bezugs-PreiS: durch den Verlag S«» Pfg. monatlich, durch die Post » Mk. S« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

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Do. 221. Berlags.Fernsprecher 91 $. 2951.

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Morgen-Ausgabe.

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Somlpolilische Umschau.

Die viel unfftriüene Krankenkassennovelle war be­kanntlich in schwerer Gefahr, an der Klippe des § 42 «u scheitern, durch den man das mit Recht geschätzte Selbstverwaltungsrecht der Kassen beeinträchtigt glaubte. fiSor der dritten Lesung wurde jedoch zwischen den Par­teien eine Verständigung erzielt, nach der die Gefahr im wesentlichen beseitigt ward. Der Gesetzentwurf wurde hierauf vom Reichstage angenommen, wie schon einige xage vorher jener über Phosphorzündwarcn, der vor- aussichtlich in Deutschland eine der schrecklichsten Berufs- krankheiten, die Phosphornekrose, wenn auch nicht gänz­lich beseitigen, so aber doch stark einschränken wird. Gänzlich überrascht wurde man auch in sozialpolitischen Kreisen durch die Mitteilung des Finanzministers v. Rheinbaben im preußischen Wgeordnetenhause, daß die preußische Regierung einen Entwurf zu einem Woh- Mngsgesetz fertiggestellt habe. Der Entwurf ist bereits an die geeigneten Verwaltungsstellen, wie Regierungs­präsidenten und Oberbürgermeister, zur Begutachtung gesandt.

Bei dem Entwurf dieses Gesetzes ist die preußische Regierung mit großer Vorsicht verfahren. Man hat nicht nur, wie das ja ganz natürlich ist, einen Unterschied zwischen Stadt und Land gemacht, sondern man hütete sich auch, etwa Mittel- und Kleinstädte im Osten so zu behandeln, wie gleiche Orte oder größere Städte im Westen des Reiches. Man hat, wie das auch z. B. in Sachsen der Fall ist, mehr allgemeine Grundsätze fest­gelegt, die nähere Anpassung an die örtlichen Verhält­nisse aber den Sonderbestimmungen der Bezirksregie­rungen und der Gemeindebehörden überlassen. Der preußische Minister betonte, man habe gerade auf diesem Gebiet bisher viel zu viel mit dem Bleistift und zu wenig mit dem Verstand und mit dem Herzen gearbeitet. Der Gesetzentwurf trifft, so vieles er auch dem besonderen Ermessen der unteren Verwaltungsbehörden überläßt, doch in Beziehung auf die Ausnützung der Häuser allge- meiir bindende Bestimmungen. Herr v. Rheinbaben sprach sich jedoch selbst über deren Wirkung überraschend pessimistisch aus, wenn er fast elegisch meinte, die besten Bestimmungen seien nutzlos, wenn es an der genügenden Kontrolle oder vielmehr an einer herzlichen Fürsorge bei den Gemeinden fehle. Herzliche Fürsorge bei den Gemeinden ist sicher ein gutes Ding, aber in diesem Falle scheint uns doch die gesetzlich vorgeschriebene Ein- ftchtung von Wohnungsinspektionen viel sicherer zum Biele zu führen, als das gute Herz preußischer Gemeinde-

Mittwoch, den 13. Mai.

Verwaltungen. Die Regierung betrachtet das Gesetz nicht eüva als Grenze für die Arbeiterwohnungsfürsorge, sie betonte vielmehr ausdrücklich, daß sie für die letztere nur einen Rahmen schaffen wolle und die einzelnen Verwaltungen nicht gehindert sein sollen, ans diesem Gebiet noch ein Übriges zu tun.

Besser als dieser Gesetzentwurf würde jedenfalls ein Reichswohnungsgesetz sein, natürlich gleichfalls mit weit­gehender Berücksichtigung landschaftlicher Eigentümlich­keiten, aber unter Festlegung namentlich gewisser sozial- hygienischer Grundsätze. übrigens muß man der preu- ßischen Regierung das Zeugnis ausstellen, daß sie in verhältnismäßig kurzer Zeit auf dem Gebiet der Woh­nungsfürsorge praktisch eine sehr umfangreiche Tätigkeit entfaltete.. So hat allein die preußische Eisenbahnver­waltung in den letzten Jahren für 211 600 untere und mittlere Beamte und Arbeiter nicht weniger als 34 000 Wohnhäuser geschaffen und sie baut heute keine Bahn­strecke, ohne gleichzeitig auch für derartige einfache, aber doch geschmackvolle und gut eingerichtete Wohnhäuser zu sorgen. Die preußische Bergverwaltung hat in den letzten Jahren etwa 4 Millionen für Arbeiterwohnhäuser ausgegeben. Erwähnt möge werden, daß nach dem Minister v. Rheinbaben sich das Zusanimenarbeiten von Staat und Privaten in der Wohnungsfrage, also wohl namentlich mit den Baugenossenschaften, durchaus be­währt hat.

Auch die sächsische Regierung hat jüngst an die obersten Verwaltungsbehörden einen Erlaß gerichtet, in dem es heißt, daß Mißstände im Wohnungswesen vor­handen seien in einem Gebiet, das mehr als die Hälfte der sächsischen Untertanen umfasse. Eine mangelhafte Beschaffenheit der Wohnungen finde sich nicht nur in den Groß- und Mittelstädten, sondern auch in Klein­städten und Bezirken mit ländlichem Charakter. Die Regierung schlägt die Einführung einer wirksamen Wohnungsaufsicht vor: die Vermehrung gesunder Woh­nungen soll durch Arbeitgeber, gemeinnützige Vereine und Gemeinden, welch letztere u. a. billiges Bauland zu gewähren hätten, angestrebt werden. Auch soll der Verkehr mit den Außenbezirken größerer Gemeinden erleichtert werden. In dem letzten Satz kommt zum Ausdruck, wie wichtig auch in der Wohnungsfrage ein billiger und häufiger Vorortsverkehr ist, der durch die sächsische Eisenbahnreform eben noch verteuert werden sollte. Der Erlaß bemerkt, daß eine Wohnung als zu teuer erachtet werden müsse, auf die der Inhaber mehr als ein Sechstel seines Einkommens verausgabe. Nach dieser Anschauung wird wahrscheinlich die weit über­wiegende Mehrzahl der sächsischen Meter zu teuer wohnen; keineswegs immer zum Vorteil des Hauswirts, sondern weil die Errichtung eines Hauses mit gesunden, und zweckentsprechend ausgestatteten Wohnungen heute

RrdakiionS-Fernsprecher No. 52. 1903.

überhaupt kostspielig ist. Augenblicklich sind in Sachsen für den Hauswirt eigentlich nur Metkasernen oder Häuser nrit hohen Ladenmieten und Kneipen rc. ertrags­reich. . Häuser, die nach gesunden Wohngrundsätzen ge- baut sind, also etwa freistehende Zwei- oder Dreifamilien­häuser mit Gärtchen, nicht zu west von der Stadt, zweck­entsprechend eingerichtet und natürlich den baupolizei­lichen Vorschriften entsprechend, sind heute so teuer, daß die Besitzer nicht nur keinen Gewinn aus ihnen ziehen können, sondern oft aus die vermieteten Wohnungen noch bares Geld darauf legen müssen, da vielerorts der Bau­grund übermäßig teuer ist.

Der preußische Eisenbahnminister hak im Interesse der Wohlfahrt der Beamten und Arbeiter die einzelnen Bahnverwaltungen angewiesen, dafür zu sorgen, dSß für die genannten Betriebspersonen nicht nur Aufent­halts- und Übernachtungsräume in genügender Anzahl vorhanden sind, sondern auch die Ausstattung derselben sauber und dem Zweck angemessen ist. Auch sollen überall Einrichtungen getroffen iverden, die es dem Fahrpersonal ermöglichen, . ein warmes Mahl einzunehmen. Sehr empfehlen würde es sich, wenn man auf einzelnen Sta­tionen, wo Beamte oft lange Stunden Aufenthalt haben, passende kleine Bibliotheken einrichtete, da jetzt die Langeweile dort vielfach durch Kartenspiel vertrieben wird.

Die von der Reichsregierung veranlaßte Erhebung über die etwaige Herabsetzung der Arbeitszeit gewerb- licher Arbesterinnen ergab, daß sich die meisten der be­fragten Untenrehmer gegen die gesetzliche Fesllegung einer längeren Mittagspause aussprachen. Es wurde betont, man sei genötigt, in manchen Betrieben im Winter das knappe Tageslicht auszunutzen: wolle man die Mittagspause der Arbeiterinnen gesetzlich auf l 1 /^ Stunden verlängern, so müsse befürchtet werden, daß jene Betriebe Arbeiterinnen überhaupt nicht mehr oder nur in beschränkter Anzahl in Zukunft beschäftigen würden. Weiter stellt die Reichsregierung Erwägungen darüber an, ob es nicht zweckmäßig ist, jugendliche Arbeiter und Frauen aus gewissen gefährlichen Betrieben überhaupt auszuschließen. Die Bestimmung über die den Verkäuferinnen in den Ladengeschäften zu gewäh- rende Sitzgelegenheit scheint nicht die gewünschte Wirkung gehabt zu haben, da es an der nötigen behördlichen Kontrolle fehlt. Es geht das aus einer Erhebung hervor, die von privater Seite in Berlin kürzlich veranstaltet ist. Es wird hierbei darauf hingewiesen, daß es für dis Angestellten jedenfalls vorteilhafter wäre, wenn sie eins längere Mittagspause hätten, die allerdings fast allge­mein für die in Ladengeschäften Angestellten so kurz ist, daß diese, besonders in den Großstädten mit ihren weit­läufigen Verhältnissen, das Mittagsmahl nur in größter Hast einnehmen können, um sich dann sofort wieder auf

Feuilleton.

Die Internationale Ausstellung

für künstlerische Bildnisphotographie im Rathause.

Von Dr. v. G.

Die Erteilung von Bildnisaufträgen war im pro- testanttschen Norden jahrhundertelang die normale Kunst­pflege des besseren Bürgerhauses. Daher findet man denn in Familien, deren Tradition genügend zurückreicht, freilich oft nur von wackeren Lokalkünstlern herrührend, die Bildnisse mindestens der Familienhäupter bis herab zur Generation unserer Urgroßväter. Der Zusammen­bruch der künstlerischen Kultur ganz Europas am Ende des 18. Jahrhunderts und zuletzt die Verarmung unseres Vaterlandes durch die napoleonischen Kriege bereitete u. a. auch dieser Sitte ein Ende.

Bei den Preisen, wie sie sich als normale während des 19. Jahrhunderts für mit dem Pinsel geschaffene Kunstwerke herausgebildet haben, ist nicht anzunehmen, daß die Porträtmalerei jemals wieder ihre alte Popu­larität zurückerlangen wird, andererseits ist der Wunsch nach dem Besitz eines tüchtigen Bildnisses der eigenen Person wie der nächsten Familienangehörigen das ele­mentarste Kunstbedürfnis, das nahezu von allen Menschen geteilt wird.

Man weiß, welche Hoffnungen in dieser Hinsicht der Photographie bei ihrem Aufkommen entgegengebracht wurden, man weiß aber auch, wie schnöde diese enttäuscht werden sollten, so daß es geradezu ein ästhetischer Lehr­satz wurde, die Kamera sei ihrer Natur nach nicht im stände, ein lebensvolles und künstlerisch wirkendes Bild­nis zu liefern.

Nun haben zwar die großen Künstleramateure im letzten Jahrzehnt die Unrichttgkeit dieser Auffassung zur Genüge bewiesen und das Publikum hat mit einem ge­wissen Staunen von diesen Leistungen Kenntnis genom­men, ohne daran zu denken, welche Möglichkeiten diese für die praktische Berufsphotographie eröffneten. Und doch sind diese, wie die heutige Ausstellung im Rathaussaale beweist, inzwischen bereits zur Wirklichkeit geworden. Auch in der Berufsphotographie, wenigstens in Deutsch­

land und Amerika, ist ein völlig neuer, ein künstlerischer Geist im Entstehen begriffen. Langsam beginnt sich aus der Menge der Dutzendphotographen eine obere aristo­kratische Schicht abzulösen, die des modernen Künstler­photographen.

Es ist das Verdienst der „Wiesbadener Gesellschaft für bildende Kunst", diesen Vorkämpfern einer neuen besse­ren Zeit der Bildnisphotographie zum ersten Male ein internationales Rendezvous gegeben zu haben, und man darf wohl sagen, daß das Resultat auch hochgespannte Erwartungen übertrifft. — Was wir da sehen, das sind — wenigstens der übergroßen Mehrzahl nach — keine Photographieen mehr im herkömmlichen Sinne: da ist weder etwas von der blutleeren Formlosigkeit, der Nüch­ternheit und falschen Pose des üblichen „Photographie­gesichts", noch stören den Betrachter die kleinliche Zeich­nung, die Unruhe und die faden, schrvächlichen Tonwerte der herkömmlichen Photographie. Diese in geschmackvollen Rahmen an fein getönten Wänden hängenden Bilder wirken in jeder Beziehung als vollgültige Kunstwerke, und nur der Katalog belehrt uns über die ungewöhnliche Art ihrer Entstehung. Ja, man kann wohl sagen: es dürste nicht leicht sein, eine gemalte Porträt-Ausstellung von so hohem Durchschnittskaliber zusammenzubringen, in der unter 300 Nummern gleich viel frisches, künstle­risches Leben und so wenige Nieten zu finden sind. Kein Zweifel: die Porträtphotographie steht im Begriffe, sich zu einer jüngeren, gleichberechtigten Schwester der Bild­nismalerei zu entwickeln und die alten, längst begrabe­nen Hoffnungen feiern nach 60-jähriger Pause ihre Wiederauferstehung. Schon heute kann, wer etwas Glück und Geschick entwickelt und eventuell eine kleine Reise nicht scheut, mit der Photographie seiner Person unter Umständen ein Kunstwerk erwerben, das den Geschmack des Bestellers nicht weniger ehrt wie der Besitz eines tüchtigen Gemäldes, und breitet sich die Bewegung in ähnlicher Weise aus wie bisher, so wird es bald in jeder größeren Stadt Photographen geben, die auch verwöhnte künstlerische Ansprüche zu befriedigen vermögen; hat doch jedes Jahr des letzten Lustrums neue Talente unter den deuffchen Berufsphotographen zu Tage gefördert.

Doch sehen wir uns nun die Ausstellung im einzel­nen an! Wie bekannt, ist die künstlerische Bewegung in

der Photographie durch die Hamburger nach Deuffchland verpflanzt worden. Die rechte Wand des Mittelraums ist ihnen reserviert. Wie schon öfters, haben die Gebr. Hofmeister mit dem aus dem Besik der Hamburger Kunsthalle geliehenen Bildnis des Dr. Woltus (Nr. 134) vielleicht die bedeutendste, sicher die imponierenöste Leistung der Ausstellung zugesteuert. Monumentale Kraft und höchste geisstge Energie zeichnen dies wie ein Alterswerk Tizians ansprechende Bildnis aus, das mit unerhörter Breite und Sicherheit aus dem Dunkel her­ausmodelliert ist. Von gleicher Großzügigkeit der geisti­gen Auffassung, nur durch schwere und tote Stellen in der Gewandung weniger ansprechend, ist das Gegenstück: Porträt des Dichters Gustav Falke (Nr. 136). Wie die Hofmeister die ersten Amateure, so ist R. D ü h r k o o p Hamburgs bester Berufsphotograph. Seine Stickerin (Nr. 161), die so eifrig über ihre Arbeit gebeugt ist, ge­hört bereits zu den Lieblingen des Publikums in der Ausstellung; bedeutender ist wohl sein großes Bildnis des Schauspielers Nihl (Nr. 54), der mit blitzendem Auge den Beschauer fixiert und im Begriff scheint, ein Bonmot zum Besten zu geben. Dieselbe Frische und Unbefangen­heit wie in den ansprechenden Zügen verrät sich auch in der ganzen Körperstellung dieses Meisterwerkes. Von allen Berufsphotographen zeichnet sich Dührkoop wohl durch die größte Vielseitigkeit aus: unter seinen zwölf Bildern sind nicht zwei von gleicher Auffassung oder Komposition! Würdig reiht sich neben die beiden eben Genannten Max May, der beste Bilönisamateur der soeben gegründeten „Freien Vereinigung von Amateur­photographen zu Hamburg", auf deren Eröffnungs- Ausstellung er mit den uns hier gezeigten Bildern das einstimmige Lob der Hamburger Presse erntete. Wie schlicht und vornehm zugleich in der Haltung ist das Bildnis des Dr. jur. W. (Nr. 158), wie keck lebendig bas des jovialen Herrn im Cylinder (Nr. 159), wie fein und energisch in der Charakteristik das des Schriftstellers Otto Ernst (Nr. 166) im Nebenraum!

Die gegenüberliegende Wand gehört den Sachsen, speziell den beiden Dresdener Berufsphotographen H. E r f u r t h und Erwin R a u p p , dem Leipziger Nie P e r s ch e i ö und den Amateuren Karl W e i tz-Dresden. A. Schneider -Meißen. An harmonischer Gesamt-