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Beilage zum Wiesbadener Tagblatt.

Wo. 221. Morgen-Ausgabe. Mittwoch, den 13. Mai.

51. Jahrgang. 1803.

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NiLt lenkt der Mensch den Krieg;

Gott piekt und nimmt den Sieg,

Doch den getrosten Mut,

Den Mut, der Wunder tut,

Gicbt die gerechte Sache. L. Th- Kosegarten.

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(21. Fortsetzung.)

Späte Erkenntnis.

Roman von Alexander Römer.

„söötig — wie meinst du das? Willst du hier Krankenpflegerin sein und deine Interessen aufgeben? Da ließe sich ja eine Pflegeschwester engagieren, wenn Mama sie wirklich bedürfte. Ich spreche einzig in dem Sinne, dich vor überflüssigen Opfern zu warum", setzte er hinzu, „wenn man die Dinge gehen läßt, schiebt sich vieles vonflelbst zurecht."

„Der Satz stimmt nicht mit meinen Ansichtm", meinte sie, „ich halte ihn für sehr gefährlich."

Er lachte.

„Laß uns sehen, wessen Theorie sich am besten be­währt", rief er, „ich fahre schon lange mit der meinen phr gut."

*

Dar Jahr neigte sich seinem Ende zu, Ellm mußte einm Entschluß fassen, sie durfte Miß Scott nicht länger in Ungewißheit lassen über den Zeitpunkt ihrer Rückkehr. Sie hatte sich zersonnm nach einem Ausweg. Die Be­richte welche die Hofrätin Breding ihr vertraulich gab, hoben ihrm Mut nicht. Hier konnte eines Tages ein plötzlicher Zusammenbruch alles Bestehenden erfolgen.

Die Mutter erholte sich unter ihrer Pflege, es war ersichtlich, daß die Möglichkeit des Aussprechens, das An- lehnm an die auch geistig stärkere Tochter ihr einm Trost und Halt gab. Sie wurde bleich und sah hülslos und ge- ängstigt aus, wenn Ellen nur eine Andeutung von ihrer bevorstehmden Abreise machte.

Je mehr Einblicke Ellen hier gewann, desw klarer wurde es ihr, daß des Bruders Praxis gleich Null war. Woher nahm er die Mittel zu seinem großartigen Leben. Er speiste mit den Offizieren im Hotel du Nord, hatte fein Reitpferd im Tattersaal, war jeden Abend irgend­wo mgagiert.

Zu Hause sah man ihn seltm genug. Einige der- dächtig aussehende Jndividum, die bei ihm aus- und ein­gingen brachte Ellen aus sehr sorgenvolle Gedanken. Leopold steckte tief in Schulden und wartete auf die Erb­schaft, wmn der Justizrat einmal die Außen schloß.

Dm altm Herrn schim er regelmäßig zu besuchen, —; der einzige Zwang, den er sich auferlegte — er erzählte mitunter von seinm Eindrücken dort und verwunderte sich stets, wie es möglich sei, daß er noch immer lebe.

„Er verläßt ja sein Zimmer seit Jahren nicht mehr, und vegetiert nur noch", sagte er, „es ist unglaublich, daß die Lebenskraft noch immer aushält."

Der Justizrat glaubte ihn jedenfalls wohl versorgt, und gab ihm sicher keine Zuschüsse mehr.

Ellen erblickte Frau Lodoiska v. Trembow eines Tages auf der Straße, die Hosrätin, die mit ihr ging,

machte sie auf die Dame aufmerksam. Ellen entsetzte sich und lachte dann. Diese auffallend gekleidete, korpulente Frau mit den plumpen slavischm Zügen, dm stechenden schwarzen Augm, über denen die dichten Brauen an der Nasmwurzel zusammentrafen, konnte dem mit „ästheti- schem" Feinsinn ausgestatteten Bruder doch unmöglich gefährlich werden.

Me Hofrätin zuckte die Achseln, als sie ihre Meinung aussprach. „Über dergleichm können wir Frauen gar- nicht urteilm", sagte sie, „alle Welt hier glaubt an ein Verhältnis Leopolds zu ihr. Er soll täglich in ihrem Hause sein."

„Me Dame hat aber doch einm Gatten", warf Ellen ein.

„Der soll sehr tolerant sein, sehr beschränkt, nur reich. Achl liebe Ellm, was wissm wir ehrbaren Frauen von solchen Mngm, so eine, wie die, ruiniert dre Männer."

Ellm schauderte, wenn es sich nur nicht um Leopold gehandelt hätte.

Die Hofrätin, und mit ihr wohl viele der näher Be­freundeten waren der Meinung, daß Ellm bleiben müsse und die Mutter in ihrer traurigm Lage nicht verlassen dürfe. Man machte ihr schon Vorschläge, wie hier sich eine Tätigkeit und Erwerb für sie finden könne. __ Denn die Mutter bestritt die Ausgaben für ihre Bedürfnisse schon lange von ihrer kleinm Pension und darbte dabei. Sie möchte dem Sohn nicht mit Geldforderungen kommen, und dieser schim nicht daran zu dmkm, daß sie etwas bedürfte.

Der Postm einer Lehrerin an der höheren Töchter­schule wurde zu Neujahr frei, man redete Ellen zu, sich darum zü bewerben, sie hatte nur drei Stunden täglich zu geben und er bot eine feste jährliche Einnahme. Gestern erhielt sie nun ein Schreiben von einer Dame, welche in Valparaiso an einm reichen Kaufherrn ver­heiratet gewesm, und jetzt als Mtwe mit ihrer 17-jähri- gen Tochter nach Schwanau, ihrer Vaterstadt, zurück­gekehrt war. Sie wünschte für ihre junge Tochter eine tüchftge geprüfte Lehrerin, welche die drüben lückenhaft gebliebene Bildung der jungm Dame vervollständigen half. Sie stellte ein sehr hohes Honorar in Aussicht und sprach vornehmlich den Wunsch aus, eine gereiftere Freundin und Gefährtin für ihre Tochter zu erwerben.

Ellen hatte müde, verweinte Augm. als sie dm Brief prüfte. Sie verstand, das ging von den Freunden und Bekanntm aus, die alle der Meinung warm, sie könne die Mutter nicht verlassen. Und sagte sie es sich denn nicht selbst, daß sie keine ruhige Stunde in Putney haben werde, wenn sie die den Verhältnissen so wenig ge- wachsme Mutter in diesm unsicheren, unklaren Zu- ständen zurückließ. Sie hatte daran gedacht, sie mit sich zu nehmen, welch ein behagliches, sorgenfreies Leben konnte sie ihr in England schaffm, aber die Mutter würde sich nimmermehr von Leopold trmnen, war überhaupt nicht zu verpflanzen. Wo war da ein Ausweg.

Sie sah starr hinauf zu dem graum Dezemberhimmel, an dem die dunklen Wolken sich jagten, kein Sonnenblick, keine Erlösung. Heiße Tränm rolltm Wer ihre Wangen, und unter diesen Tränen schrieb sie einen Brief an Miß Scott. „Ich kann nicht zurückkehren, es muß geschieden sein." Gott allein wußte, was es sie kostete.

Sie nahm nun den Brief der Dame aus Valparaiso. Frau Rose war ihr Name, noch einmal vor und überlegte, Valparaiso, an dem Ortsnamen haftetm ihre Gedanken. Er führte ihr ihr kleines Erlehnis auf dem Schiff wäh­rend ihrer Überfahrt Weder vor Augm, jmes schöne gute Gesicht des Unbekannten, das immer noch merkwürdig lebndig.vor ihr stand. Ja, es gab glückliche, freie Menschen, sie seufzte und ein brmnmdes Sehnen, ein unverstandenes, kam in ihre Seele.

Seit wann gab sie sich denn mit eiteln unmöglichen Wünschen ab? fragte sie sich kopfschüttelnd, die erschwer­ten ihr nur ihr Loos.

Nach wmigen Tagm hatte sie sich für die Annahme der beidm Posten entschieden und der Frau Rose ihren Besuch gemacht.

Die Dame bewohnte ein sehr elegantes Quarfter in der Annmstraße, das mit höchstem Luxus ausgestattet war. Ihre Person machte Ellm keinen bedeutendm, im Gegenteil einm sehr oberflächlichen Eindruck. Sie redete viel in einem blasiertm, renommistischm Ton und stellte Ellm ihre junge Tochter vor. Ein bildhWsches, dunkel­äugiges Mädchen mit dem mattm, farblosm Teint den Südländerinnen und wundervollem schwarzem Haar.

Me junge Dame frappierte auf den ersten Blick, er­schien aber wie ein Kind, sobald sie sprach. Sie.war sehr verwöhnt und verzogen augenscheinlich, und hatte etwas Schlaffes, Gelangwefltes in ihrem Gesichtsausdruck.

Der Papagei, der in seiner Ecke auf einer Messing­stange gesessen, kletterte auf ihre Schulter, sie koste und tändelte unaufhörlich mit dem Tier und machte ein paar recht alberne Bemerkungen.

Vor der Mutter hatte sie wmig Respekt, sie gab oft übellaunige Antworten. Ellen, ihre künftige Lehrerin, musterte sie neugierig, halb scheu, halb mißtrauisch, er­klärte aber zuletzt, daß sie es zufrieden sei, noch etwas zu lernen, wmn das Fräulein sie nicht quälen wollte.

Ellen hatte den Eindruck, daß ihre Aufgabe diesem verzogenm Püppchm gegenüber, keine leichte sein werde, Scnnorita Angela grüßte graziös, — Bewegungen waren reizend, — und schwebte aus dem Zimmer.

Die Mutter sah ihr mit glücklich stolzem Blick nach, „Sie ist schön, und ihr ist immer jeder Wunsch erfüllt worden, ich würde sie garnicht mehr plagen wollen, wmn nicht ihr künftiger Verlobter, der jetzt noch auf Reisen ist. so dringmd den Wunsch ausgesprochen hätte, daß für ihre wissenschaftliche Bildung noch etwas getan werde. Er ist ein Deutscher, wissm Sie, und die Deutschen sind immer für das Gründliche. Einem Spanier von drübm wäre so etwas garnicht eingefallen."

„So ist die junge Dame schon verlobt", rief Ellen überrascht, „ich wußte das nicht."

„Ja verlobt, wie man das hier zu Lande nennen würde. Me Beidm kennen sich noch gamicht. Herr Adolf Welcord ist der Sohn des Compagnons meines seligen Mannes, und kam erst nach Valparaiso, als wir schon fort waren. Die Partie war lange vorher zwischen dm Vätern geplant, — das geschieht oft so da drüben —• die Vermögmsverhältnisse stimmten, und es paßte nach allen Richtungen.

iFortsetzung folgt.)

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