51 . Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — BczugS-PreiS: durch den Verlag 5« Pfg. monatlich, durch die Post s Mk. 5« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
19,000 Abonnenten.
Anzeigen-PreiSr
Die einspaltige Pctitzeile für lokale Anzeige« 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.
ttiPtrtPlf - 3L tfttriltttti* lür die Abend »Ausgabe bis 13 cgvimnijine erscheinenden Ausgabe, wie für die
Uhr mittag», für die Morgen»Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur nächst» Anzeigcn-Aufnahme an bestimmt vorgcschriebcnen Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
222. Berlags^ernsprecher No. 248».
Mittwoch» de« 13. Mai.
Neb«kiionS.AcrnsprcLcr No. 82. 1903»
Abend>Ausgabe.
pit üetitfttic NlUdklHMk int Mhrc 1902.
Das Kaiserliche Statistische Amt hat soeben ein Tabellenwerk über den Bestand der deutschenSeeschiffe am 1. Januar 1902 veröffentlicht. Nach dieser neuesten Zahlung besteht die gesamte deutsche Kauffahrteiflotte, ausschließlich der Schiffe unter 50 Kubikmeter oder 17,65 Reg.-Tons, aus 39059 Schiffen mit 3 080 548 Reg.- Tons Brutto-Raumgehalt und 53 946 Mann Besatzung. Dem Raumgehalt nach entfallen hiervon mehr als dreiviertel der ganzen deutschen Handelsflotte auf die Dampfschiffe, während in den Rest sich Segelschiffe und Schleppschiffe, etwa im Verhältnis wie 7 : 1 teilen. Der Anzahl nach ist das.Verhältnis dagegen fast umgekehrt; nur etwas über ein Drittel aller sind Dampfschiffe.
Im Vorjahre war das Verhältnis des Raumgehalts der Segelschiffe zu dem der Schleppschiffe noch 8 :1; vor zwei Jahren sogar 11 :1; seitdem haben die Schleppschiffe in jedem Jahre annähernd doppelt so viel an Raum gewonnen als die Segelschiffe verloren haben.
Der bei weitem größte Teil der deutschen Seehandelsflotte gehört den beiden Hansestädten Hamburg und Bremen. Über 82 % der ganzen Tonnage kommt auf die beiden Seestädte, davon 1 607 059 Reg.-Tons oder 52 % auf Hamburg und 918 605 Reg.-Tons oder 30 % auf Bremen. Der Anteil Hamburg an der Dampferflotte allein ist sogar noch größer, er beträgt 1 347 824 Reg.- Tons oder 55 %, derjenige Bremens 699 083 Reg.-Tons oder 29 %. Neben diesen beiden großen Seestädten kommen, allerdings in weitem Abstand, eigentlich nur noch Flensburg mit 4 %, Stettin mit 3 % und Kiel mit 2 % Anteil an der deutschen Dampfertonnage in Betracht. Dann folgen Geestemünde, Danzig und Lübeck mit 1 %, während Schleswig und Oldenburg schon weit unter 1 % bleiben.
Auch bei der Seglerflotte stehen Hamburg, und Bremen durchaus an erster Stelle, doch ist hier das Übergeivicht Hamburg nicht so bedeutend, wie bei den Dampfern. Hamburg besitzt 40 %, Bremen dagegen 32 % der gesamten Segelschiffstonnage. Daneben sind in erster Linie nur noch die oldenburgischen Weserhäfen Elsfleth und Brake mit einem Anteil von 6 % und 4 %, sowie Rostock und Emden mit 2 % von Bedeutung. Geestemünde, Barth, Stralsund und Papenburg bleiben schon unter 1 %.
Die Seglerflotte ist bekanntlich ständig in Abnahme begriffen: zugenommen hat sie nur in Bremen, Geestemünde und Emden gegen das Vorjahr.
Die Seeschleppschiffahrt beschränkt sich fast ausschließlich auf Hamburg und Bremen, und zwar steht hier Bremen an erster Stelle mit 50 %. Der Anteil Ham
burgs beträgt nur 43 %. Die Seeleichterflotte Hamburgs hat erst in den letzten Jahren einen merklichen Zuwachs erfahren.
Was die Größe der Schiffe anbetriftt, so kommen für die großen Seeschiffe auch wieder nur Hamburg, und Bremen in Betracht. Obwohl Bremen in den größten Dampfern Hamburg gegenüber nicht zurücksteht — beide Seestädte besitzen je 11 Dampfer mit mehr als 10 000 Reg.-Tons —, hat Harnburg doch durchschnitflich um ca. 20 % größere Dampfschiffe. Bremen hat dagegen eine verhältnismäßig stärkere Besatzung, da es mehr Passagierdampfer besitzt. Umgekehrt ist das Verhältnis bei den Seglern. Hamburg hat zweieinhalbmal soviel Segelschiffe als Bremen, doch sind die Segelschiffe Bremens durchschnittlich doppelt so groß als die Hamburgs.
Im Alter seiner Dampferflotte scheint Bremen günstiger dazustehen als Hamburg. Während dort sieben Jahre ungefähr die mittlere Altersgrenze bildet — die größere Hälfte der Schiffe hat ein Alter unter flehen Jahren —, sind in Hamburg 60 % der Dampfer sieben und mehr Jahre alt. Bei de:, Segelschiffen halten sich die Altersklassen unter und über 15 Jahren m beidenStädten fast genau das Gleichgewicht.
Das Hauptmaterial ist bei den großen Dampferflotten Hamburgs und Bremens natürlich in überwiegendem Maße Stahl. In Hamburg sind 76 %, in Bremen sogar 80% der Dampfschiffe aus Stahl erbaut; der Rest bis auf drei kleine hölzerne Dampfer, von denen zwei Hamburg gehören, besteht aus Eisen. In den weniger bedeutenden Seehäfen, namentlich im Ostseegebiet, überwoa bis zum vorigen Jahre noch das Eisen als Hauptmaterial. Jetzt besteht auch dort die größere Hälfte aus Stahl. Dampfschiffe, deren Hauptmaterial ganz oder teilweise aus Holz besteht, gibt es in der ganzen deutschen See- handelsflotte überhaupt nur noch acht. Im Vorjahre waren es neun, vor zwei Jahren noch elf.
Bei den Segelschiffen herrscht dagegen durchaus das Holz als Baumaterial vor, 78 % aller sind aus Holz erbaut. Im Osffeegebiet kommen fast allein hölzerne Segelschiffe vor, und auch im Nordseegebiet sind noch nicht ganz 25 % aus Eisen oder Stahl. Auffallend ist in dieser Beziehung das Verhältnis von Hamburg und Bremen. Während auch in Hamburg die hölzernen Segelschiffe vorherrschen — noch nicht ganz 45 % sind von Eisen oder Stahl —, sind in Bremen dreiviertel aller Segelschiffe ganz von Stahl oder Eisen, und von diesen die größere Mehrzahl sogar aus Stahl erbaut.
Die Schleppschiffe sind mit ganz geringen Ausnahmen aus Stahl oder Eisen erbaut, und zwar zu zwei Dritteln aus Stahl.
Chronometer führen im ganzen noch nicht der dritte Teil aller Seeschiffe, zwar 59 % der Dampfer, doch nur 15 % der Segler. Zwei Chronometer hatten 11 % aller Dampfer und 4 % aller Segelschiffe. Ein oldenburgisches
Segelschiff und nur ein Dampfer hatten drei Chronometer an Bord. ,
Im letzten Jahrzehnt hat die deutsche Handelsflotte an Raumgehalt um mehr als die Hälfte zugenommen, während die Zahl der Schiffe nur um etwas über 8 % gestiegen ist. Für das Nordseegebiet beträgt die Zunahme sogar dreiviertel des früheren Raumgehalts, während das Ostseegebiet eine Abnahme von fast 20 % aufweist.
Die ganze Zunahme kommt auf die Dampferflotte, die sich, im ganzen genommen, seit zehn Jahren mehr als verdoppelt hat. Auch hier ist die Zunahme für das Nordseegebiet allein noch bedeutend größer, sie beträgt beinahe 160 %, während das Ostseegebiet nur um etwas über die Hälfte an Dampferraum gewonnen hat. Tie Seglerflotte ist dagegen in der Abnahme begriffen. Im Ostseegebiet ist der Raumgehalt um 86 % zurück- gegangen, die Zahl der Segelschiffe um 444, d. i. mehr als die Hälfte. Im Nordseegebiet zeigt sich dagegen eine geringe Zunahme.
Die Schleppschiffe haben ihren Raumgehalt in den letzten zehn Jahren vervierfacht.
Deutsches Reich.
Znm Rücktritt des Erbprinzen von Meiningen.
Noch immer fehlt hie Aufklärung über die sensatio- nellen Meldungen, nach denen der Erbprinz von Meiningen durch einen „blaum Brief" zum Rücktritt ver- anlaßt worden sein soll oder, nach einer anderen Darstellung, durch Vorhaltungen wegen seines vielberufenen Korpsbefehls, betreffend die Soldatenmißhandlungen. Tie neuerlichen Behauptungen, die sich als Bestätigungen bald jener und bald dieser Version einführen, entbehren des Notwendigsten, das zu ihrer vollen Würdigung gehören würde, nämlich der Beglaubigung durch unzwei- heutige Darstellungen von berufener Seite. Wäre der Reichstag versammelt, so ließe sich die Aufklärung wohl herbeiführen. Denn bei dein Ernste und der weittragenden Bedeutung dieser Angelegenheit sollte es der Militärverwaltung in solchem Falle schwer sein, das in angemessener Form etwa gestellte Ersuchen um nähere Angaben unbeantwortet zu lasset: oder ausweichend zu bebeantworten. Einstweilen ist man auf Indizien angewiesen, die allerdings sowohl einzeln wie in ihrem Zusammenhänge einen höchst unerfreulichen Eindruck machen. Sicher ist, daß das erbprinzliche Paar Breslau unter sehr eigentümlichen Umständen verlassen hat. Der Erbprinz hat jede Abschiedsfeier besttmmt abgelehnt, und seine Gemahlin soll beim Verlassen der^Stadt auf dem Bahnhofe in Träne:: ausgebrochen sein. Sicher ist ferner, daß die Ausstreuung, als habe der Herzog von Meiningen gewünscht, seinen Sohn fortan in der Nähe zu haben, unhaltbar ist. Nachdrücklich wird jetzt von Meiningen aus
Im weißen Klewe.
Roman von M. Böhme (O. Sandor).
(2. Fortsetzung.)
Thies nahm einen herzhaften Schluck aus seinem Bierglas und begann zu rauchen.
„Und dann?" fragte Thygo nach einigen Minuten, als Thies immer noch keine Anstalt machte, den Faden seiner Erzählung wieder aufzunehmen.
„Seitden: hat man deinen Vater nicht wiedergesehen, Thygo." Wieder entstand eine Pause, während der Thies gelassen weiter schmauchte.
Durch Thygos wachsblasse Züge ging eine merkbare Bewegung. „Weiter, Thies", bat er heiser, kaum im stände, seine Aufregung zu bemeistern.
„Ja, was weiter! Fünf bis sechs Wochen vergingen, bevor Inges Verschwinden auffiel. Wie es schließlich herausgekommen ist, weiß ich nicht, denn man sah den Heidhcster oft monatelang nicht. Aber auf einmal wußte man, daß Inge Arfst verschwunden war und nieinals wiederkommcn würde, weil Knut Weber ihn auf jener Fahrt am Abend durch die Heide umgebracht und im Moor vergraben hatte. Als ob der Wind es mit sich geführt hätte, lief das Gerücht im Handumdrehen durch Stadt und Land und von Mund zu Mund. Moorgräber, die in jener Nacht noch spät von der Arbeit heimgekehrt waren, erzählten, daß sie damals Knut Weber übers Moor haben laufen sehen, und weiter am Wege sei ihnen der Wagen vom Heidhof begegnet, es habe aber niemand drin gesessen, sondern Marike sei nebenher gegangen und habe die Pferde geführt. Andere Moorleute behaupteten, sie hätten gerade um diese Zeit tagelang eine Blutlache auf dem Wege am Moor gesehen. Die Gerüchte wuchsen ins Ungeheuerliche, eine fürchterliche Aufregung bemächtigte sich der Gemüter, und innerhalb 24 Stunden hatte auch das Gericht Wind von der Sache bekommen. Knut Weber und Marike wurden beide verhaftet, die Untersuchung brachte aber nicht viel zu Tage. Marike behauptete, ihr Mann sei an jenem Abend wohlbehalten zu
Hause angekommen. Er habe aber schon lange die W- sicht ausgesprochen, nach Amerika zu gehen, und am Tage nach jener Marktfahrt habe er sich unter Mitnahme einiger Papiers und alles im Hause befindlichen Bargeldes entfernt und sei nicht wiedergekommen. Die Wahrnehmungen, welche die Torfgräber angeblich in jener Nachr gemacht hatten, bezeichnete sie als unrichtig; sie selbst sei dem Wäger: eine kurze Strecke entgegengegangen und dann mit aufgestiegen. Ihr Mann hätte es sich hinten im Wagen bequem gemacht, während Knut Weber allerdings, um den Pferden das Ziehen auf hem schlechten Wege zu erleichtern, nebenher gegangen sei. Wohin sich ihr Mann gewandt, nachdem er den Heidhof verlassen, wußte sie nicht, sie hoffe aber von Amerika aus Nachrichten zu erhalten. Diese Angaben beschwor Marike, und da keine weiteren Verdachtsmomente gegen sie Vorlagen, kam sie nach ein paar Tagen frei. Die Magd, welche in der bewußten Nacht freilich nicht zu Haufe gewesen war, bezeugte ebenfalls, daß Inge Arfst oft den Wunsch geäußert, in die Welt zu gehen. Das Leben auf dem Heidhof hatte ihm von Jugend an nicht zugesagt. Die Magd konnte mehrere Äußerungen ihres Dienstherrn wiedergeben, aus denen hervorging, daß er sich schon länger mit der Absicht getragen hatte, den Heidhof zu verlassen und auszuwandern. Knut Weber selber begnügte sich damit, einfach alles, was man ihm unterschieben wollte, zu bestreiten, ohne sich auf nähere Angaben einzulassen. Die Zeugnisse jener Moorleute waren endlich auch nicht ganz zuverlässig; die Aussagen der einzelnen widersprachen einander in verschiedenen Punkten, außerdem war es denkbar und sogar wahrscheinlich, daß sie sich in der Finsternis geirrt hatten. Kurz und gut, sie hielten Knut einige Wochen fest und ließen ihn dann wegen Mangels an Beweisen laufen. Wenn man ihm aber auch von Gesetzes wegen nichts anhaben konnte, die Leute ließen sich doch deshalb den Mund nicht stopfen, und Gedanken sind ohnehin zollfrei. In den Äugen der Welt ist Knut Weber Inge Ärfsts Mörder geblieben bis auf den heutigen Tag, und wieviel man Marike Schuld an der ruchlosen Tat beimißt, will ich nicht weiter erörtern.
Die beiden werden sich dereinst vor ihrem ewigen Richter zu verantworten Haben. Die Leute verdachten es Marike auch schwer, daß sie Knut Weber gleich nach seinem Frei- kommen wieder aufnahm: schon der Welt halber hätte sie das nicht tun müssen. Aber Marike fragte der Welt nicht nach und tat, was sie wollte. Der Heidhof aber kam immer mehr in Verruf: kein ehrlicher Mensch mochte Gemeinschaft mit den beiden draußen haben. Dabei war die ganze Umgegend unsicher. Den Tiefsielern, deren Land an die Gemarkung des Heidhofes grenzte, wurde eines Nachts die ganze Kartoffelernte aus dem Acker gestohlen. Die Schafe auf der Weide waren nicht mehr sicher vor Dieben, und mehrere Male sind Leute, die noch spät abends auf die Heide mußten, von einem verkappten Kerl überfallen und ausgeraubt worden. Man erzählte sich noch andere Schauergeschichten, aber natürlich war auch vieles übertrieben und vielleicht ganz aus der Luft gegriffen. Im geheimen bezeichnete man Knut Weber als den Urheber aller dieser Schandtaten, laut wagte es niemand zu sagen, einmal, weil man keine wirklichen Beweise dafür hatte, und zweitens, weil man Knut Webers Rache fürchtete. Noch heute gibt es Leute, die schon von weitem vor Knut die Mütze abnehmen, um sich ihn zum Freund zu erhalten. Ja, ja, das ist so, Thygo: es gibt Leute, die man wegen ihrer Laster feiert, wie andere um ihrer Tugend willen."
„Ist wirklich niemals ein Lebenszeichen von meinem Vater gekommen —" fragte Thygo atemlos, „hat sich nie
eine Spur gesunde::, daß die Angaben ■-meiner
Blutter doch vielleicht richtig, daß er einfach verschollen ist?"
Thies Hannemann verzog den breiten Mund zu einem mitleidigen Lächeln:
„Eine Spur? Jawohl. Acht Jahre nach Inges Verschwinden fanden Torfgräber eine männliche Leiche im Moor, und da das Moor die Eigenschaft hat, gut zu konservieren, war dieselbe noch beinahe in dem Zustande, wie sie vor x Jahren hineingegraben sein mag, denn daß sie schon -jahrelang drin gelegen, ist ziemlich sicher, sflur das Gesicht war durch eine Anzahl scheußlicher, von Messer»
