*1. Jahrgang.
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Morgen-Ausgabe.
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Unser Londoner n-Korrespondent schreibt unter fem 9. d. M.: Am Donnerstag, wo der Prospekt der ^genannten Transvaalanleihe bei der Bank von England mr Ausgabe zu gelangen hatte, umlagerten diese in Lüher Morgenstunde bereits eine so ungeheure, aus sungen Handlungsgehülfen und Kontordienern bestehende Menschenmenge, daß in dem betreffenden, einen der Hauptdurchgangspunkte der City bildenden Teile der Stadt der Verkehr vollständig unterbrochen wurde. Als sich die. eisernen Gitter und Tore der Bank öffneten, waren im Nu alle Höfe, Gänge und Räume zum Erdrücken gefüllt, so daß keine Menschenmöglichkeit vorhanden war, dem üblichen Geschäfte nachzugehen. Vergeblich bemühten sich Polizei und Bankbedienstete, die Anwesenden durch die Erklärung zum Gehen zu veranlassen, daß der Prospekt vor zwei Uhr nachmittags nicht zur Ausgabe gelangen würde, denn die Menge war eine zu ungeheure und der Lärm, den sie machte, ein zu betäubender. Da kam jemand auf beit klugen Einfall, an weithin sichtbaren Stellen jene Mitteilung auf großen Zetteln anzubringen, und nun erst wurde wieder Lust. Um zwölf Uhr begann die Ansammlung jedoch aufs neue und nahm dann noch einen weit gewaltigeren Umfang an, weil sich auch noch die Zeichner den Prospekt- holern anschlossen. Etwas Ähnliches hat man selbst hier in London noch nie zuvor erlebt, denn der Tumult am Donnerstag übertraf bei weitem den, der s. Zt. durch die Zeichnungen für die „Burma Ruby Mines" in den Kontoren der Firma Rothschild veranlaßt wurde. Lord Rothschild mußte damals mittels Leiter durch ein Fenster eines oberen Stockwerkes klettern, um in sein Geschäft gelangen zu können. Die Rubinenaktien, um die man sich damals schlug, mag heute kaum eine Menschenseele zu 14 8h. kaufen. Ein derartiges Geschick wird die doppelt und dreifach sicher gestellte und obendrein vom britischen Reiche garantierte Transvaalanleihe natürlich niemals ereilen, aber nichtsdestoweniger ist der Riesenandrang der Käufer unverständlich. Eine 3^-Anleihe al pari ausgegeben, ist doch wahrlich nichts so außerordentlich Begehrenswertes, da es doch nicht an andern, nicht minder sicheren Anlagewerten fehlt, die sich ebenso gut und mitunter sogar noch höher verzinsen. Zudem scheint niemand dem sonderbaren Zusammentreffen Beachtung geschenkt zu haben, daß fast zur gleichen Zeit, wo die vor Jahr und Tag beschlossene Reduktion der Konsolzinsen auf 214 %, gegründet auf den unvergleich-
Femlletorr.
Mus h. ßieblg, ein Gelehrter eigner Kraft.
Zum Gedächtnis seines 100. Geburtstages, 12. Mat 1903.
Von Dr. Alex. Visier.
Einer der bekanntesten Namen in Deutschland ist unstreitig der Name Justus von Ltebigs. Denn wie derselbe als hervorragender Chemiker oder infolge seiner Verdienste um die Landwirtschaft bekannt geworden ist, so haben ihn vor allem die beliebten Dosen und Töpfe mit Fleischextrakt bei jung und alt bekannt und populär gemacht. Aber gewiß nur wenige kennen den Lebensund Bildungsgang des bedeutenden Mannes. Wenn daher in diesem Jahre der 100. Geburtstag Justus von Liebigs wiederkehrt, so dürfte ein Lebensbild desselben Wohl gerechtfertigt erscheinen, welches uns zeigt, wie er aus dürftigen Verhältnissen hervorgegangen, sich durch sein Genie und seine Willenskraft so hoch emporgearbeitet hat.
Justus von Liebig ist geboren am 12. Mai 1803 in Darmstadt, wo sein Vater ein Material- und Farbwaren- geschäft besaß, welches aber ziemlich unbedeutend war, so daß derselbe manche der von ihm verkauften Farbstoffe, Lacke und Firnisse selbst herzustellen pflegte. Zu dem kleinen Laboratorium, welches er sich dazu angelegt hatte, hatte der Knabe, der seinem Vater zuweilen als Handlanger diente, Zutritt. Bei der Bereitung der Farben aber bediente sich der Vater chemischer Werke, die ihm der Knabe aus der Hofbibliothek besorgen mußte. Dieser hatte ein großes Interesse an den Arbeiten des Vaters, und so kam es, daß er nicht nur jene Bücher mit Eifer las, sondern durch den Bibliothekar der Hofbibliothek, der an dem Knaben Gefallen fand, erhielt er alle möglichen Bücher, die er nur haben wollte, und die er ohne die geringste Ordnung mit einer wahren Gier verschlang. Hatte er in diesen die Beschreibung irgend eines Versuchs gelesen, so machte er sich sogleich daran, denselben zu machen und wiederholte ihn so oft, bis er an dem Vorgänge nichts Neues mehr sah. Alles aber, was er sah, prägte sich in einer ungewöhnlichen Treue seinem Gedächtnisse ein. Einst hatte er bei einem benachbarten Seifensieder dem Seifekochen zugesehen,' sofort versuchte er sich selbst darin und konnte zu seiner großen Freude
Dienstag» den 12. Mai.
kichen englischen Staatskredit, in Kraft trat, England genötigt ist, einer verhältnismäßig bescheidenen Anleihe durch Gewährung von 3% Erfolg zu sichern. Konsols sind während der letzten drei Jahre von 114 auf beinahe 90 gefallen, über die Ursachen haben sich die Gelehrten den Kopf zerbrochen und zuerst den Krieg verantwortlich gemacht. Als dessen Ende nicht nur keine Erholung, sondern immer weitere Abschwächung brachte, schob man die Erscheinung auf vermeintlichen Mangel an Anlage suchendem Kapital. Nun, wo sich das Vorhandensein des letzteren in Masse zeigt, weil der Darlehen Suchende höhere Zinsen bietet, ist doch nur der Schluß möglich, daß sich sein Kredit recht verschlechtert hat. Bis zum Augenblick wurde das Resultat der Zeichnungen noch nicht bekannt, aber es unterliegt keinem Zweifel, daß sie alles übertroffen haben, was je dagewesen. Dafür sorgen schon die hiesigen Spekulanten, die erwarten, den Kurs unmittelbar auf 105 steigen zu sehen, und die daher auch an mehreren Tagen 1 7 / 16 Aufgeld, also beinahe 101*4 für die zu 100 zur Ausgabe gelangenden Stücke, boten. Vielleicht werden sie aber eine Enttäuschung erleben, was namentlich dann leicht möglich wäre, tvcnn viele von ihnen sich einen großen Teil der Stücke sicherten und plötzlich auf das Publikum ab- lüden.
Deutsches Deich.
* Sächsische Fürsorge für dem „Bohmak". In Sachsen, dessen trostlose Finanzverhältnifse ja bekannt sind, erregt es erhebliches Befremden, daß, wie die „Leipz. N. N." mitteilen, zwischen der sächsischen und der österreichischen Regierung ein Staatsvertrag geschlossen worden ist, kraft dessen in Böhmen wohnende, in den sächsischen Grenzorten beschäftigte Arbeiter sächsischerseits nicht besteuert werden sollen, um eine Doppelbesteuerung zu vermeiden. Die 1902 schon etwa bezahlten Steuern sollen auf Verlangen zurückerstattet werden. Nun entrichten aber die Arbeiter in Böhmen bis zu 500 Gulden gar keine Steuern. Statt dessen nehmen sie jährlich — es handelt sich um Hunderttansende von Arbeitern — Millionen von Mark mit über die Grenze, ohne in Sachsen etwas zu verzehren. Da die Lebensbedürfnisse in Böhmen viel billiger, als in Sachsen sind und Steuern dort kaum in Betracht kommen, können die böhmischen Arbeiter auch zu sehr niedrigem Lohn sich verdingen, wodurch sie wieder den deutschen Arbeiter empfindlich schädigen.
* Zum Einkommen der Arzte. In der bekannten Haeßlerschen Schrift, den wirtschaftlichen Ruin des Arzte- standes betreffend, war gesagt worden, daß noch nicht 10% aller Arzte ein Einkommen von über 10 000 Mk. erreiche. Dr. Nottebaum, dem diese Angabe unglaublich
ein Stück selbstgefertigter, mit Terpentinöl parfümierter Seife vorzeigen. Auch in den Werkstätten der Gerber und Färber, Schmiede und Messinggießer war er zu Hause, während es mit seinen Kenntnissen in der Schule dagegen recht traurig aussah. Hier hatte er fast immer den letzten Platz in der Klasse inne, der ihm aber später von einem seiner Mitschüler, Wilhelm Neuling, dem späteren bekannten Wiener Komponisten, streitig gemacht wurde. So kam es denn, daß unser Justus nur wenig Lob und Ehre in der Schule erntete, ja, daß er sogar als die „Plage seiner Lehrer und der Kummer seiner Eltern" bezeichnet wurde. Eines Tages fragte ihn der Rektor des Gymnasiums, was er denn eigentlich zu werden gedächte, und als der Knabe die schlagfertige Antwort gab: „Chemiker!", da brach die ganze Klasse und der Lehrer selbst in lautes Gelächter aus. Seine Gymnasialzeit fand aber ein jähes Ende, als eines Tages ein zu Hause angefertigtes und mitgebrachtes Knallpräparat plötzlich während des Unterrichts in der Mappe explodierte und Lehrer und Schüler in den größten Schrecken versetzte. Er kam jetzt nach Heppenheim zu einem Apotheker in die Lehre, wo er, wie der Vater meinte, nun nach Herzenslust experimentieren könne. Aber der Ort, wo er seine Versuche anstellte, nämlich die kleine Bodenkammer, in der er schlief, war dazu wenig geeignet, dazu mutzte er dieselben auch des Nachts machen. Da ertönte plötzlich in einer Nacht ein furchtbarer Knall, der alle Schläfer der Apotheke aus dem süßen Schlummer erweckte; man eilte die Treppe hinauf und fand den Lehrling halb betäubt am Boden liegend, während in der Stube alles durcheinander gerissen und das Fenster auf das Dach geschleudert war. Nunmehr war seines Bleibens nicht länger hier; der Vater aber gab dem beständigen Bitten des 17-jährigen Jünglings endlich nach und erteilte ihm die Erlaubnis zum Besuche der Universität Bonn, um Chemie zu studieren.
So hatte er denn erreicht, wonach er schon längst getrachtet hatte! Aber mit dem Studium der Chemie sah es damals in Deutschland recht traurig aus. Ein eigener Lehrstuhl für Chemie war fast an keiner Universität zu finden; gewöhnlich wurde diese von einem Professor der Medizin gelehrt, und dieser trug vor, soviel er selbst davon wußte. Dazu kam, daß der Experimentalunterricht in der Chemie an den Universitäten völlig yerabgekommcn war, während von Laboratorien so gut wie nicht die Rede
RedaktionS-Fernsprecher No. 82. 1903.
erschien, prüfte sie an der Hand der in den Fachzeitungen ausgeschriebenen Stellen nach und fand unter 300 Praxis- angeboten aus den Jahren 1897—1902:
3— 4000 Mk. 10% 8— 9 000 Mk. 5 %
4— 5000 „ 12% 9—10 000 „ 7%
5— 6000 „ 21% 10—12 000 „ 4%
6— 7000 „ 20% 12—14 0Q0 „ 2%
7— 8000 „ 17% 15—18 000 „ 2%
Von diesen 800 Ärzten nur 8% über 10 000 uno nu» 4% über 12 000 Mk. Zieht man aber die Betriebsunkosten, jährlich 3000 Mk., ab, so haben nur 4% der 800 Arzte eine Nettoeinnahme von 10 000 Mk. und mehr.
Ausland.
Rußland und Frankreich.
g. Petersburg, v. Mal
Die Versuche, eine Annäherung zwischen England und Frankreich herbeizuführen, berühren hier recht peinlich und verstärken die schon bestehende Abneigung gegen das Ministerium Combes, das ja sür eine solche Annäherung sehr viel Sympathie hegt, während die Nationalisten dieselbe auf jede mögliche Weise bekämpfen. In Rußland schlug und schlägt man sich stets aus die Seite dieser letzteren, doch da sie immer mehr an Bedeutung in Frankreich verlieren, droht auch der mit so unendlicher Mühe zu stände gebrachte Zweibund, der ja ein den Verhältnissen der beiden Länder widersprechender und daher widernatürlicher ist, völlig in die Brüche zu gehen. , Das kann man nicht nur aus der hiesigen Stimmung in politischen Kreisen im allgemeinen folgern^ sondern zeigt sich auch durch symptomatische Vorkommnisse in der letzten Zeit. Während nämlich früher dis hiesige Presse stets scharf zur Verantwortung gezogen wurde, sowie sie sich in verletzender Weise über die alliierte Republik äußerte, sie dagegen auf Deutschland ruhig schimpfen durfte, ist jetzt das Umgekehrte der Fall. So veröffentlichte z. B. die hiesige Börsenzeitung einen Angriff auf den Grafen Bülow im Zusammenhang mit den Zollverhandlungen und wurde daraufhin zwei Monate suspendiert. Heute zieht dasselbe Blatt in viel schärferer Weise gegen die Mitglieder der Pariser Regie, rung los und es geschieht ihm nichts! Auf der Kasanbrücke werden auch unbeanstandet aus Deutschland stammende Ansichtspostkarten verkauft, die reißenden Slbgang finden. Auf derselben sind abgebildet ein versinkendes Panzerschiff, ein in die Luft gesprengter! Kreuzer und untergehende Torpedoboote. Darüber befindet sich das Bild eines französischen Admirals in einer grotesken Uniform. Über das Vorgehen gegen di« Kongregationen in Frankreich äußern sich die russische Zeitungen sehr verletzend. Der „Swet" nennt es'
war. Denn was man so nannte, waren eher Küchen mit allerlei Ofen und Geräten zur Ausführung pharmazeutischer Prozesse. Wenn nun Liebig in dieser Beziehung wenig fand, fo gelangte er andererseits zu dem Bewußt» seiü, daß er in vielen Dingen noch recht unwissend war, und daher mußte er hier auf der Universität nachholen, was er früher in der Schule versäumt hatte. Während es aber in Deutschland ziemlich notdürftig für die Chemie aussah, hatte man in Paris um jene Zeit bereits nicht bloß ausgezeichnete Lehrer, sondern auch vortrefflich eingerichtete Laboratorien, und mit Sehnsucht richtete Liebig daher feine Blicke dorthin. Aber wie konnte sein Verlangen gestillt werden, da er von seinem Vater weitere Unterstützung nicht erwarten konnte, denn dieser hatte noch für sieben andere Kinder zu sorgen. Da erhielt er plötzlich im Jahre 1822 auf die Fürsprache eines seiner Professoren von dem Großherzog von Hessen-Darmstaöt, Ludwig I., eine bescheidene Beihilfe für die geplante Studienzeit in Paris, und nachdem die nötigen Vorbereitungen mit allem Eifer betrieben waren, machte er sich sofort auf die Reise nach Frankreich, und kaum waren einige Monate vergangen, da finden wir unseren Liebig, der kaum 19 Jahre alt war, als eifrigen Hörer und Schüler in den Vorlesungen der berühmtesten Gelehrten der Pariser Universität. Aber mit dem Hören der Vorlesungen allein war es nicht getan, wollte er die hohen Ziele erreichen, die er sich gesteckt hatte, so mußte er mit jenen Gelehrten in persönliche Beziehung treten. So sehr er aber versuchte, zu dem Laboratorium Gay-Lussars, des berühmtesten Chemikers jener Zeit, Zutritt zu erhalten, es war vergebens: denn dieser nahm keine Schüler an. Da war es Alexander von Humboldt, der eines Tages mit ihm in der Akademie eine Unterredung anknüpfte, sich mit ihm über den Gegenstand seiner Studien und seine Pläne und Beschäftigungen unterhielt und für ihn eintrat. Auf seine Fürsprache ösfneten sich dem jungen deutschen Studenten die Türen aller Institute und Labora- torien, ja, er wußte auch Gay-Lussar zu bewegen, ihn iu sein Privatlaboratorium aufzunehmen. Bald wurde aus dem Schüler ein Mitarbeiter des großen Gelehrten, und beide vollendeten gemeinsam eine seit langer Zeit von Liebig begonnene Arbeit über das „Knallsilber", denselben Stoff, der einst während des Unterrichts in der Schulmappe des Darmstädtcr Gymnasiasten explodierte und seine Entfernung vom Gymnasium zur Folge hatte.
