Verlag Langgaffe 21
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Samstag, 28. 5lugust 1915.
Morgen-Ausgabe.
Nr. 399. ♦ 63. Jahrgang.
Deutschland und Amerika.
Oer Urieg.
Die Russen bei Brest-Litowsk in vollem Rückzug. — Gesterreichisch - ungarischer Vormarsch an der Lesna.
Lin Angriff der Italiener zurückgewiesen, ver österreichisch-ungarische Tagesbericht.
W. T.-B. Wie«, 27. Aug. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 27. August, mittags:
Russischer Kriegsschauplatz.
Die bei Brest-Litowsk geschlagenen russischen Armeen sind im vollen Rückzuge beiderseits der nach Minsk führenden Bahn. Die Truppen des Erzherzogs Joseph Ferdinand rückten gestern mittag durch die brennende Stadt Kamreniec-Litowsk an der Lesna. Deutsche Streit- kraste verfolgen von West und Süd in der Richtung auf Kobrin bei Kowel. Bei Wladimir-Wolynski und in Oftgalizien nichts Neues.
Italienischer Kriegsschauplatz.
Auf dem italienischen Kriegsschauplatz fanden gestern nur bei Flitsch Kämpfe von einiger Bedeutung statt. Hier wiesen unsere Truppen einen feindlichen Angriff auf ihre Talstellungen zurück.
Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. H ö f e r, Feldmarschallentnant.
»
Für Einnahme von Vrest-Lttowsk.
Br. Wlodawa, 27. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zenf. Bln.) Dem „Berl. Tagbl." wird berichtet: Nach dem Falle von Brest-Litowsk verfolgen wir den Feind in östlicher Richtung; die von Brest-Litowsk in südöstlicher Richtung führenden Straften und Eisenbahnen sind in unseren Besitz gelangt. Die Lage der in den Sumps- gebicten östlich Wlodawa sich befindenden russischen Truppen ist heute kritisch geworden. Die Bedeutung des Falles von Brest-Litowsk ist nach einer Darstellung des „Az Est" folgende: Die Aufgabe der Festung ist gleich der Aufgabe der Linie Brest-Litowsk-Bialostok, auf die die Russen nach offizieller Erklärung seitens der Ententemächte die Hoffnung setzten, eine Entscheidungsschlacht einzugehen. Die Aufgabe dieser Linie zeigt danach die kritische Lage der ganzen russischen Armee, die sich nicht einmal da entscheidend cntgegenstcllen konnte.
Die Freudenbotschaft in Wien und Prag.
W. T.-B. Wie», 27. STuß. (Nichtamtlich.) Der Kail von Brest-Litowsk hat in Wien mim so größere Freude iMvorge- rufen, als die Einnahme dieser starkem: Festung nicht so bald erwartet worden war. Die Stadt letzte Flaggenschmuck an. Bor dem Kriegsministerium kam es zu einer Kundgebung. Die Volksmenge stimmte die österreichische Volkshymne und die „Wacht am Rbein" an. Allgemeine Freude herrschte darüber. daß auch österreichisch-unyariftche Truppen an der Eroberung der Festuntz teil hatten. — Die „Wiener Allg. Ztg." schreibt zum Fall von Brest-Litowsk: Brest-Litowsk, da?
stärkste Bollwerk des Zaren, ist nun auch vom Schicksal ereilt worden. Brest-Litowsk gefallen. Ein furchtbarer Schlag hat abermals Rußland getroffen. Mit Jubel wird die neue Freudenbotschaft bei uns und unserem Verbündeten ausgenommen. Wohl noch niemals halben ; n so ra'chcr Reihenfolge vernichtende Schläge das Nu gische Rieseu- reich erreicht, wie dies durch unseren und der Deutschen ununterbrochenen viermonatigen Siegeszuy jetzt geschehen ist. Alle Trostgründe, mit denen die Entente sich über die Niederlagen Rußlands bmtvegzusetzen versuchte, erscheinen haltlos gegenüber der furchtbaren Sprache der Ereignisse.
W. T.-B. Prag, 27. Aug. (Nichtamtlich. Drahtbevicht.) Anläßlich des Falles- von Brest-Litowsk hat die Stadt reichen Flaggenschmuck in den Reichsfarbem, den deutschen und türkischen Farben angelegt Am Abend wogte eine große, freudig erregte Menschenmenge durch die Straßen. Um 9 Uhr war militärischer Zapfenstreich.
Die Meinung in Holland.
W. T.-B. Amsterdam, 27. Aug. lNichtamtkich. Drahtbericht.) „Nionwes van den Dag" schreibt in e'.neni Artikel über den Fall von Brest-Liiowsk: Das Staunmernegcnde an dem Fall der Festung ist, daß er unerwartet gekommen ist. Brest- Litowsk ist nicht belagert und kaum gestürmt worden. Der Platz fiel wie Warschau den Angreifern als eine reife Frücht ln den Schoß. Die vortreffliche Strategie der deutschen Heerführer hat diesen Erfolg gezeitigt. Sieht Man von Grodno, einer Festung zweiten Ranges, ab, dann liegt nunmehr das westliche Rußland den Deutschem und Oster- reichern offen.
Des Zaren „Sieses"-Zuv erficht.
W.T -B. Paris. 27. Aug (Nichtamtlich.) Die Agencr HavaS meldet: Der frühere Minister Cruppi ist in Petersburg vom Zaren empfangen worden. D-.r Zar brachte im
Saufe der Unterredung tuen Willen ganz Rußlands zum Aus.
druck, den Krieg bis zum Ende fortzusetzen. Frank reich könne auf seinen unerschütterlichen Willen rechnen. bis zum endgültiger S:ege zu kämpfen.
Wenn rwch- je hätte ein Herrscher trotz allen Unglücks äußern dürfen, daß er den Zusammenbruch kommen sehe. Und nun rollend« rn Rußland, wo jedes unbedachte Wort ihn hinwegräumeu würde.
Line neutrale Betrachtung der inneren Lage Rußlands.
Br. Stockholm, 27. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) ,-Swendska Dagbladet' hat einen Sonderberichterstatter nach Rußland entsandt. Er meldet seinem Blatt: Einstimmig ist man für die Focisetzung desKriegs bis zum ä u ß e r st e n. Drei Umstände stützen dabei die Hoffnung auf einen schließlichen Sieg: Erstens betrachtet man Rußlands Reserven für u n e r s ch ö v f l i ch, die der Gegner jedoch für begrenzt; ferner hoff: man, die Zufuhr vom Ausland werde durch die baldige Öffnung der Dardanellen vermehrt werden; schließlich glaubt man, die russische Industrie werde doch einmal imstande sein, den Armee- bedürfnis'en zu genügen. Der Krieg hat in Wahrheit die ganze Industrie in Polen und Kurland zerstört. Man hat zwar einen großen Teil der Maschinen ins Innere Rußlands geschafft, um sie neu zu montieren und dann für Kriegszwecke zu verwenden, aber der Abtransport geschah in so primitiver Weis-, daß im wilden Durcheinander ohne zweckmäßige Packung und Adressenangabe einzelne Maschinenstücke versandt wurden, die sich nun auf den Bahnhöfen in Kasan, Moskau und Jaroslaw derart angehäuft haben, daß es unmöglich ist. die einzelnen Maschinenteile zu finden, geschweige denn, die Maschinen zusammenzusetzen. Daher werden aus Amerika kontraktlich fiir 150 Millionen Dollar Maschinen bestellt. Durch die „Verteidigungstaktik von 1812" hat Rußland seine Schwierigkeiten nur vergrößert, ohne aber den Feind irgendwie aufgehalten zu haben Tie Bevölkerung, die ihre Heimat nicht verlaffen will, wird von den Soldaten weggetrieben, was oft den Rückzug der Truppen erschwert. Es sind Fälle vorgekommen, daß Wälder angezündet wurden, bloß um die dorthin geflohenen Flüchtlinge zu vertreiben. In den preisgegebenen Gebieten ist alles verödet, und es werden Jahrzehnte vergehen, ehe wieder erträgliche Verhältniffe sich dort entwickeln werden. Die Obdachlosen werden zu Tausenden in das Innere des Landes geschickt, ohne daß irgend welche Fürsorge für sie getroffen wurde. Es sind beispielsweise 10000 Letten in einer Stadt weit im Osten eingetroffen, die aber vom Gouverneur mit dem Bemerken zurückgeschickt wurden, daß sie Deutsche wären. Im Volk glaubt man, daß dieser Krieg das Ende des Systems sein wird. Alle Sünden der Regierung rächen sich jetzt; die Bestechlichkeit der Beamten, die provokatorische Arbeit der Geheimpolizei, deren letzte Tat der Moskauer Pogrom war.
Die Gefangenen von Nowogeorgijewsk in Warschau.
Wie», 27. Aug. (Zens. Bln.s Am Abend des 22. August Lime» nach Warschau unermeßliche Züge der in Nowogeorgijewsk gefangenen russischen Truppen. Sie wurden durch die großen Massen der Warschauer Bevölkerung in mehrere hundert zählenden Gruppen geführt. Auf dein Alexanderplatz mußte wegen des Durchmarsches der Gefangenen länge« Zeit der Wagen- und Stratzeirbahnverkehr eingestellt werden. Die Kriegsgefangenen sahen sehr ermüdet und entkräftet aus. Das Offizierkorps lvurdr abgesondert in Wagen durch Warschau gerührt. Das Sanitätspersonal blieb vorläufig in Nowogeorgijewsk, um die Verwunderen zu pflegen.
Line neue kaiserliche Ehrung Hindenburgs.
IV. T.-B. Berlin, 27. Aug. (Nichtamtlich. Drahtbericht? Der Kaiser hat aus Anlaß der Wiederkehr des TageS von Tannenberg ei« Lwiktelegramm an Genernlfeldmarfchall v. Hindenbnrg gerichtet, worin er ihm mitteilt, daß das zweite masurische Jnsanterie-Regiment Rr. 147, zu dessen Ehef der Kaiser Hindenibuvg anlängst ernannt hat, die Bezeichnung „Jnfan'erie -Regiment G e n e r a! f e l d m a r s ch u l l v. H i n d e n b n r g" (2. mas.) Nr. 147 führen soll.
ver Krieg gegen England.
Unser« V-Voote an der Arbeit.
Brennende Holzladungen.
Kopenhagen, 27. Aug. Wie „Berlingske Tidende" meldet, ist der Dampfer „Rimrod" von Leith in Kopenhagen angekommen. Er fuhr auf seiner Reise durch die Nordsee an nicht weniger als sechs großen brennenden Schiffen vorüber, die augenscheinlich alle mit Holz beladen und von deutschen Unterseebooten in Brand gesetzt worden waren.
Lin englisch-portugiesischer Vertrag.
w. T.-B. Lyon. 27. Aug. (Nichtamtlich.) „La Depsche" meldet aus Lissabon: Die spanische Zeitung „ABC" gab bekannt, daß zwischen England und Portugal ein Vertrag abgeschlossen wurde, wodurch Portugal sich verpflichtete, England' Munition zu liefern. Das Kriegs- Ministerium dementiert diese Nachricht; man meldet dagegen, daß General Botha die Portugiesen in Afrika Militärisch unterstützen werde.
Nachlaffendc Spannung.
W. T.-B. London, 27. Aug. (Nichtamtlich. Deahtbericht.) Die Blätter melde« übereinstimmend qus Amerika, daß der Schritt des Grafen Bernstorff in WashinKon sehr freund- l i ch ausgenommen wurde lunib daß sich die Spannung verringert hat. „Daily Telegraph" erfährt <m§ New Dark: Der Ton der deutschen Note wird als versöhMch attffgefaßt Und stützt die Auffassung, daß Deutschland keinen: Bruch Mt den Vereinigten Staaten wünscht. — „Morning Post" meldet aus Washington: In Reglervngskreisen hofft man, daß der Bruch der diplomatischen Beziehungen ixrdb des Handelsverkehrs vermieden wird. Die BeaMen löhnen e? äb. Sine Meinung auszusprechen. — Kardinal Gibbons sagte in einer Unterredung, cs sei beklagenswert, daß Amerikaner aus britischen Schiffen reisen. Die das täten, begäben sich mutwillig in Erfahr. Ter Kardinal erklärt sich energisch dagegen, daß das Land wegen einer persönlichen Laune weniger Amerikaner in einen Krieg hineingezogen wiiatde.
Line neue Brandrede Roosevelis gegen Deutschland;
Amsterdam, 27. Aug. Exvräsident Roosevelt erklärte, nach einer Reuter-Meldung, im Gespräch mit Geschäftsleuten im militärischen Übungslager von PlattSburgh (New Jork), daß die Vereinigten Staaten eine unedle Rolle unter den Nationen gespielt hätten. Sie hätten sich nicht gerührt, als die schwächeren Nationen, die zu beschützen ihre Pflicht gewesen wäre, vergewaltigt wurden, und als man amerikanische Männer und Frauen auf offener See ermordete. Nach der Haager Konvention sei es Pflicht der Vereinigten Staaten gewesen. Belgien zu beschützen, und die Regierung sei zu verurteilen, weil sie nicht den kleinsten Schritt getan habe, um ihre eigenen Rechte zu verteidigen. Weiter erklärte Roose- brlt, daß es ein Hohn auf jede Moral sei, wenn amerikanische Munitionsfabrikanten sich weigerten, Muni- rion nach Europa zu senden für die Heere, die versuchen, Belgien Sem eigenen Volk wiederzugeben. Die Namen solcher Fabrikanten müßten öffentlich an den Pranger gestellt werden. Dann wetterte Roosevelt gegen di« Deutschamerikaner, diese hätten die deutsche Propaganda in einer Weise unterstützt, die geradezu als Hochverrat gegen die Vereinigten Staaten bezeichnet werden müsse.
Unser Verhältnis zur Türkei.
Man kann von einem neuen Dreibund im formalen Sinne wähl nickt sprechen, aber er wird kommen. Er ist tatsächlich da, aber noch fühlt >der Staats- Vertrag, «der die Türkei an unsere und die Seite des Donaureichs mit bindenden Abmachungen führen soll, ! ad och er wird, daran ist kern Zweifel, nachgeholt werden, vielleicht schon während des .Krieges. Das Schicksal hat es. gefügt, daß die Türkei mit uns fortan auf Gedeih und Verderb zusammen geschmiedet wird. Wir kämpfen für dieTürkei in Ost und West, die tapferen osmanischen Truppen Wmpfen für uns Md unsere Weltstellung an den Dardanellen. Wenn wir unterlägen, wäre das Pfortenreich am nächsten Tage vernichtet'. wenn es den Feinden gelingen sollte, die Meerengen zu bezwingen, würden sie ein Pfand in die Hand bekommen, das wegen seiner weltgeschichtlichen Bedeutung sogar die ihnen bisher zugefügten Niederlagen einigermaßen auftviegen müßte.
Ter Weg unserer politischen und wirtschaftlichen Entwicklung geht nach dem Süd osten. Wer uns diesen Weg unterbindet, der trifft uns schwer, _ darüber dürfen wir uns nicht täuschen. Mso ist es eine große und wichtige Frage, ob und 'wie die Türkei sich gegen ihre Beidränger behauptet. Das weiß man überall bei uns, bas weiß man auch in Konstantinopel. Schon allein das nackte Interesse würde die jetzt vereint kämpfenden Staaten und Heere mit einem festen Ring zusammenschließen, aber das Verhältnis geht über den Rahmen der sachlichen Notwendigkeit hinaus, und mti aufrichtiger Genugtuung kann man feftstellen, daß es tiefer verankert ist. Das ist ja überhaupt der entscheidende Unterschied zwischen uns und unseren Verbündeten auf der einen, dem Vierverbande auf der anderen Seite, 'daß in unserem Lager auch die Einigkeit der Herzen herrscht, während drüben abgrundtiefe Gegensätze nur durch den Zwang dieses Krieges notdürftig überbrückt worden sind. Wir können darauf rechnen, daß die Bekenner des Islams uns mit ihren Gemütern zugeneigt sind. Verstand und Gefühl geben hier nicht getrennte Wege, sie finden sich in glücklicher und zukunftsreicher Weife zusammen. In Konstantinopel weiß man, daß wir die wahren Kulturbringer für das Reich des Kalifen sind und nichts anderes sein wollen.
Man sollte darum hören, was ein Kenner, chie es keinen von gleichen Qualitäten nochmals geben kann, Georg Schweinfurth, aus der Fülle seiner haMurrdert- jährigen Beobachtungen heraus über die Stellung her islanmttschen Welt zu uns mitzuteilen weiß. Ist' der Kolonialnummer der „Süddeutschen Monatshefte" untersucht der greise Gelchrte (die Gründe. hegen
