1. Mage Min Wiesbadener Taablatt.
Uo. 21ll. Morgen-Ausgabe.
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Vom Unglück erst zieh ab die Schuld.
Was übrig ist, trag in Geduld. Tb. Storm.
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(20. Fortsetzung.)
Späte Erlrerrntnis.
Roman von Alexander Römer.
Es widerstrebte ihr, hier ohne des Besitzers Wissen und Anwesenhert zu weilm, sie schritt durch die Zimmer zuruck und streß mit dem Fuß an ein zerknülltes Papier, welches, vom Schreibtisch gefallen zu sein schien, wohl als LaS Mädchen dort Staub wischte, und das sie achtlos liegen gelassen.
Ellen bückte sich und hob es vom Boden auf. Es war xin stark parfümiertes Billet, offen, zerknittert. Sie las, von offenbar weiblicher Handschrift geschrieben, die Worte:
„Heute, 12 Uhr, Segelpartie, Lunch auf der Liebes- tnsel, die bewußte Gesellschaft, trautster Verein, äeux L ckern. Lodoiska."
So —- das also war die Segelpartie, sie legte das Paprer, ern wenig geglättet, auf den Schreibtisch zurück Wer war denn diese Lodoiska? Sie erinnerte sich an die Stelle im Brref der Hofrätin Breding — wo von einer neu hergezogenen Familie, die Frau sei Polin von zweifelhaftem Ruf, die Rede war. Sollte Leopold in solchen Banden sein? Ihr wurde immer beklommener.
Als sie dem Ausgang zuschritt, stand sie plötzlich dem eintretenden Bruder gegenüber.
Leopold erschrak augenscheinlich bei ihrem Anblick und wich einen Schritt zurück. Glich sie denn einer Medusa? sind war es etwas so Schreckenerregendes, wenn sie nach Hause kam?
„Guten Tag, Leopold, mein Gott! kennst du mich gar- nicht?" sagte sie ruhig.
Lag nun im Ton ihrer Stimme etwas ihn Auf- reizendes, seine Entgegnung war jedenfalls wenig freundlich.
„Na, wahrhaftig, wenn mir da in rneinen Räumen, die ich während meiner Abwesenheit doch leer wähne, jemand unvermutet entgegentritt, wie eine Erscheinung -"
»Du wirst dich jetzt überzeugt haben, daß ich keine Erscheinung bin, ich kam heute mittag an, und sah mich hier, nachdem ich die Mutter versorgt, in diesen mir neuen Räumen um, entschuldige es, bitte. Ich glaubte mir als Schwester so viel Freiheit nehmen zu dürfen."
„Na natürlich, aber daS ist ja eine kolossale Überraschung — was führt dich denn so unvermutet her?"
Leopold hatte sich gesammelt und sprach freundlicher, blickte aber mißtrauisch forschend in der Schwester Gesicht.
Sie beobachtete des BrudersErscheinung jetzt schärfer.
Er sah sehr gut, sehr elegant aus, nur seine Wangen waren hager und in seinen Augen brannte ein ihr so fremdes Feuer.
„Mama finde ich recht krank und elend. Das schrieb mir ihre_ alte treue Freundin, die Hofrätin Breding, darauf reiste ich sofort hierher", entgegnete sie.
Leopold, der die Schwester auf sein elegantes Sofa
Dienstag, den 12. Mar.
genösigt und sich neben sie gesetzt hatte, sprang ungestüm empor.
„Diese alten, verrückten Schachteln", rief er, „es ist unglaublich was die aushecken und anrichten. Ich bitte dich, was willst, was sollst du denn hier anfangen, du, die du da jenseits des Kanals so gut aufgehoben bist. Mama war immer schwach und dünn, wie ein Zwirnsfaden, das Mädchen ist ganz ordentlich und versorgt sie, sie kann liegen und ruhen, hat gar nichts zu versäumen, ich esse im Hotel, was mir nebenbei weit besser paßt."
Ellen saß schweigend und folgte jeder seiner unruhigen Bewegungen. Sie beschloß vorsichtig zu sein, und den Versuch zu machen, sich des Bruders Vertrauen zu erringen.
„Freue dich nur ein wenig über mein Kommen", sagte sie in leichtem scherzenden Ton, „es ist traurig, wenn man keinen freundlichen Willkomm sindA. lind im übrigen, es scheint mir recht nützlich, wenn ich einmal im Hauswesen nachsehe, der Mutter Pflege liegt in keinen guten Händen, von solchen Dingen versteht ihr Männer nichts. Und nun laß uns von dir reden, wir sahen uns lange nicht, große Veränderungen für dich liegen in den zwei Jahren, seit wir uns nicht sahen. Hast du dich mit dem Leben hier, mit deinem dir aufg^wungenen Beruf ausgesöhnt?"
„Aufgezwungen — ja, das ist das rechte Wort, ich danke dir, daß du es gebrauchst", sagte er hasfig. „Wenn ich mir nicht mit meiner Persönlichkeit hier eine Ausnahmestellung geschaffen hätte, wäre ich einfach untergegangen."
„Eine Ausnahmestellung? in wiefern?" sagte Ellen ruhig. „Deine Praxis scheint einträglich zu sein, wenn ich nach der Umgebung, die du dir geschaffen, urteilen darf —" sie blickte mit bedeutsamen Ausdruck um sich her — „und da genießest du dein Leben auf deine Art."
Er sah sie wieder höchst mißtrauisch von der Seite an.
„Soll das Ironie sein, oder wie meinst du es?" entgegnete er kurz. „Ich habe von jeher ästhetischen Feinsinn gehabt,. und kann nicht in disharmonischer Umgebung exisfieren. Was hat man denn schließlich weiter vom Leben."
„Du denkst noch nicht daran, dir einen Hausstand zu gründen?" fragte sie. „Ich erwartete immer von Susi zu hören, wie stehst du zu ihr? Du antwortetest mir damals nichts auf meine Frage nach ihr."
Leopold warf sich in einen Sessel, daß es krachte. ..Susi! ha! ha! ha! Ihr Mädchen seid doch alle kurzsichtig und sentimental. Du kluge Ellen, solltest doch damals aus der ganzen Natur des Verhältnisses, und da du das kleine Mädchen sähest und kennen lerntest, schon erkannt haben, daß es eine dieser Liebschaften war, wie jeder junge Mann und viele Mädchen von Susis Sorte sie wohl in ihrem Leben anknüpfen. Du mußtest mich recht gering taxieren, wenn du einen Augenblick glauben konntest, daß ich Susi heiraten würde."
Er streckte die Beine lang von sich und sprach hart von oben herab.
In Ellen stieg eine große Empörung herauf, sie beherrschte sich aber gewaltsam.
„Du sprachst dich damals so aus, als ob das deine feste Absicht sei, ließest es jedenfalls das Mädchen glauben, du gabst eine große Leidenschaft für sie kund."
51. Jahrgang. 1V09.
„Eine große Leidenschaft! bitte wende daS Wort nicht auf die kleine Episode an, das klingt wie Entweihung"/ rief er heftig. „Du hast ja keine Ahnung, was eine große Leidenschaft im Leben eines Menschen bedeutet. Gis adelt ihn, wirft ihre Strahlen über all die ihn umgebende Alltagsmisere, über all diesen erbärmlichen Kleinkram« die übergoldet alles.
Seine Augen sprühten in dem dunkeln, unheimlichen Feuer, das ihr vorhin schon ausgefallen war.
Sie erwiderte eine ganze Weile nichts, es wurde totenstill im Zimmer, er saß vornübergeneigt und atmete schwer.
Ellen erfaßte eine große Angst. Diese Frau mit dem bedenklichen Ruf, diese Polin, das Weib eines anderen, welche die Hofrätin wohl nicht ohne Absicht in ihrem Brief erwähnte, das „Lodoiska" Unterzeichnete Billet — sie reihte sich allerlei zusammen. Machte eine gewissenlose Circe ihn seinem Beruf und Pflichten abwendig, und wav das die „große Leidenschaft", die ihm das Hirn verbrannte und seine Sinne verwirrte? Vor ihr lagen dunkle Rätsel, vor denen ihre unerfahrene Seels schauderte. Wie verinag ein Mädchen, das selbst noch nichts erfuhr, in die Abgründe einer Mannesseele zu schauen.
„So hast du also mit der kleinen Susi gebrochen", sagte sie endlich leise, „weißt du denn, was aus ihr ge< worden ist?"
Er fuhr empor wie aus tiefen: Sinnen. Als habe der Name Susi kaum noch einen Erinnerungsklang für ihn, so zerstreut war seine Miene. Er strich mit der Hand über seine Stirn und sammelte erst seine Gedanken«
„Ich habe nicht einmal mit ihr gebrochen", sagte er dann mürrisch, „sie vielmehr mit mir in alberner Empfindlichkeit. Ich war anständig und ließ sie, es war auch für sie Zeit, daß die Tändelei ein Ende nahm. Später erfuhr ich, ihr Vater sei gestorben und sie aus Clausthal fortgezogen.
Ellen sah angelegentlich auf das Muster des Teppichs und den Bruder nicht an. „Armes Ding", murmelte sie und erhob sich. Sie war überzeugt, daß des Bruders Darstellung nicht der vollen Wahrheit entsprach.
„Wie lange gedenkst Du hier zu bleiben? fragt» Leopold, als sie sich anschickte zur Mutter hinüber zu gehen.
Sie wandte sich rasch um und sah ihm gerade in die Augen.
„Bis die Mutter gesund ist", entgegnete sie.
Er zuckte die Achseln. „Gesund — sie erklärt ja gesund zu sein, schwach wird sie bis an ihr Ende bleiben, der Doktor sagt, sie bedarf nur der Ruhe."
„Freilich, Ruhe, Ruhe im Gemüt. Me müssen ihr« Kinder ihr zu geben versuchen. Augenblicklich scheint st« ihr durchaus zu fehlen. Verzeih, Leopold, ich kann nach diesen wenigen Stunden hier nicht über den Stand dev Dinge urteilen, muß aber bei der Mutter bleiben, sc» lange sie meiner bedarf. Du magst es mir glauben, daß ich mich nicht leichten Herzens aus meinem Wiickungs- kreise, der mir alles bot, was ich bedurfte, losriß, aber — ich habe bis jetzt den Eindruck, daß mein Kommen nötig war."
iFortsetzung folgt.)
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