si. Jahrgang.
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218. Berlags-Ferusprecher No. Ad».
Montag» den 11. Mai.
Redaktious-Fernsprecher No. 82. 1903.
Abend-Ausgabe.
Der Kampf um den % 2.
p. Berlin, 10. Mai.
Die ultramontane Presse schwelgt noch immer in schwungvollen Schilderungen des Besuches, den der Kaiser bei seinem Aufenthalt in Rom im Vatikan dem Papste abgestattet hat, und an diese Schilderungeir knüpfen sich allerlei mehr oder minder phantastische Kombinationen über die angeblichen innerpolitischen Folgen dieses Besuches, der doch in Wirklichkeit nur ein Akt diplomatischer Höflichkeit war. Es ist auch bereits ein Wermutstropfen in den Freudenbecher der klerikalen Presse gefallen, und zwar in Gestalt der Unterredung, welche der Reichskanzler Graf Bülow mit dem Kardinal- StaatssÄretär Rampolla über die Frage der Aufhebung des 8 2 des Jesuitengesetzes gehabt haben soll.
Es entzieht sich selbstverständlich der Kontrolle, ob die Berichte über diese angebliche Unterredung zutreffen. Wir halten es für ausgeschlossen, daß der deutsche Reichskanzler mit dem römischen Kardinal eine Unterhaltung über diese Frage der inneren Politik angeknüpft hat, da sonst leicht der Anschein hätte erweckt werden können, als ob bei der Behandlung der Jesuitenfrage die Rücksichten auf den Vatikan ausschlaggebend seien. Möglich ist es dagegen, daß Herr Rampolla das Bedürfnis empfunden hat, die Stellung des Grafen Bülow zur Jesuitenfrage kennen zu lernen, und da ist es denn sehr wahrscheinlich, daß die Antwort, die Graf Bülow auf eine solche Interpellation gegeben hat, für den Vatikan nicht besonders tröstlich und ermutigend war.
Wie berichtet wird, soll nämlich Graf BAow dem Kardinal Rampolla die Gründe auseinandergesetzt haben, weshalb zur Zeit die Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes untunlich sei. Die Zentrumspresse ist hierüber sehr entrüstet und erhebt gegen den Reichskanzler den Vorwurf, daß er sein dem Zentrum gegebenes Versprechen nicht halte. Wenn wir auch nicht zum Anwalt des Reichskanzlers bestellt sind und auch am wenigsten Neigung verspüren, diese Anwaltschaft in Bezug auf die Jesuitenfrage zu üblernehmen, so muß doch gegen jene Darstellung entschieden Einspruch erhoben werden. Es ist dem Reichskanzler gar nicht eingefallen, dem Zentrum die Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes zu versprechen, sondern er hat lediglich erklärt, daß Preußen bereit sei, im Bundesrat für die Aufhebung dieses Paragraphen zu sttmmen. Wenn nun, wie behauptet wird, im Bundesrat keine Mehrheit für die Rückwärtsrevidierung des Jesuitengesetzes zu haben ist, so kann Graf BAow seine Hände in Unschuld waschen, und er hätte, da er ja gern citiert, dem Kardinal Rampolla mit dem klassischen Citat
Im Meißen Kleide.
Roman von M. Böhme (O. Sandor).
1. Kapitel.
Der Mond schälte sich eben aus durchsichtigen Wolkengebilden heraus und zeichnete weiße Lichtstreifen über die nächtliche Heide, aus deren meilenweiter Ebene hier und da ein Hünengrab aufstteg. Es war im August um die Zeit der Erikablüte; in den herben Dust der Heide und des wilden Thymians mischte sich der süßere des verblühenden Ginsters. Die Luft war totenstill; nicht der leiseste Windhauch, nicht der allerleiseste Laut, der das Vorhandensein eines lebenden Wesens verraten hätte. Etwas von der ursprünglichen Erhabenheit der unent- weihten Schöpfung war über diese schlafende Heidenwelt ausgegossen, der tiefe Frieden der Natur, in die sich noch keines Menschen Fuß und Qual verirrt hat.
Dann ein leises, unregelmäßiges Knarren, das die Stille noch tiefer werden ließ, weil es diese Stille merkwürdig intensiv durchdrang und die ganze Heide zu erfüllen schien. Aber das Knarren wurde immer deutlicher; die unbestimmten Laute formierten sich zu den raschen, jugendlich elasstschen Schritten eines Menschen. Quer über die finstere Ebene kam er und stapfte in die Mondstraße, die wie Wasser durch das Dunkel glitzerte. Lang und schwarz fiel der Schatten des Mannes über den iveißen Glanz. Er sah nicht um und nicht vor sich. Seine Blicke suchten den Boden, indem er vorwärts hastete. Sein Atem keuchte. Er bemerkte nicht, daß das Mondlicht am Fuße eines Hügels verschwamm, und erst As er gegen die schattenbelegte Wand des alten Grabes stolperte, hielt er, stefatmend, im Laufen inne. Ein paar Sekunden hielt er füll, dann setzte er sich am Hügelhange nieder und stützte den Kopf in die Hände. So saß er eine Weile, ohne sich zu rühren. Dann hob er den Kopf ein wenig und ließ den Blick mit leerem, traurigem Ausdruck über das schwermütige Nachtbild der Heide schweifen. Der größte Teil der Ebene lag wieder dunkel, Schatten liefen in Schäften, nur stellenweise durchflackert von kleinen Licht
antworten können: „Kardinal, ich habe das Meinige getan. Tun Sie das Ihre!" D. h., mischen Sie sich nicht in Dinge, die Sie nichts angehen.
Wir halten es iibrigens für verfehlt, die Ablehnung der Aufhebung des § 2 im Bundesrat schon als feststehende Tatsache hinzustellen und auf diese Ablehnung zu bauen. Es wäre ja auch keineswegs in Abrede zu stellen, daß der Bundesrat an sich zur Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes eine starke moralische Berechtigung hätte, da der Reichstag seit einem Jahrzehnt mit chronischer Regelmäßigkeit mrd mit überwältigender Mehrheit die Aufhebung des § 2, ja sogar mit starker Mehrheit die Aufhebung des ganzen Jesuitengesetzes gefordert hat. Wer es ist uns immer fraglich gewesen, ob diese Beschlüsse der Reichstagsmehrheit den Anschauungen der Mehrheit des deutschen Volkes entsprechen, und es ist uns insbesondere sehr fraglich, ob das zur Zeit der Fall ist.
Seft der letzten Wsftmmung über die Jesuitenfrage hat sich unverkennbar manches geändert. Der SchA- kampf in Tridr hat gezeigt, wie schwach es mit dem angeblichen Frieden zwischen dem Staat und dem Klerus bestellt ist, und die wachsende Begehrlichkeit des Klerus hat auch den Bestrebungen, die gesteigerten Ansprüche des Klerikalismus zu bekämpfen, neire Kraft verliehen. Allan kann über die praktische Bedeutung der Aufhebung des §2 des Jesuitengesetzes streiten, denn damit würden nicht die Jesuitenorden als solche in Deutschland zugelassen werden, sondern es würde' nur die Befugnis fortfallen, die Jesuiten, soweit sie Inländer sind, aus besftminten BeziÄen auszuweisen oder sie in bestimmten Bezirken zu internieren, und soweit sie Ausländer sind, sie außer Landes zu verweisen. Wer über eines kann man jeden- falls nicht streiten, daß nämlich, wie die Dinge liegen, die Aufhebung dieses Paragraphen einen Triumph des Kleri- kAisnms darstellen und daß das Zentrum sie als einen Ansporn betrachten würde, nunmehr für die Aufhebung des ganzen Jesuitengesetzes zu agifteren.
Wie liegen nun die Dinge im Bundesrat? Von den 58 Sttmmen des Bundesrats sind die 17 Sttmmen Preußens mit der 1 Waldecks und voraussichtlich auch die 6 bayerischen Sttmmen für die Aufhebung des § 2. Mt Sicherheit gegen die Aufhebung sind Sachsen und Württemberg mit je 4 und Baden und Hessen mit je 3 Sttmmen. Es fehlen Preußen mithin zur Mehrheit nur 6 Stimmen. Wer selbst wenn sich jene 6 Stimmen noch finden sollten, so kann es doch als ausgeschlossen gelten, daß Preußen versuchen würde, diesen Antrag auch nur gegen eine starke Minorität durchzusehen. Jedenfalls wäre es Sache des deutschen Volkes, am 16. Juni einen Reichstag zu wählen, der in der Frage des Jesuitengesetzes ein steiferes Rückgrat zeigt als der bisherige, sonst könnte dem deutschen Volke eines Tages eine unangenehme Grattfikatton in Gestalt der Jesuiten beschert werden!
fliftern, die wie zerzupfte SilbSrblüten über den schwarzen Boden wehten. Am Horizonte stand eine düstere Wolkenwand, in der Mitte von einem mehr als taghellen, beinahe weißen Streifen durchschnitten. Das war da, wo das Moor anfing, das weite schwarze Moor mit seinen geheimnisvollen Sümpfen und verrufenen Tiefen.
Der junge Mann streckte die Arme plötzlich von sich, As wollte er etwas abwehren. Mt einer wilden, ausholenden Bewegung schlug er in die Luft, seine geballte Faust sauste in das Ginstergestrüpp an seiner Seite nieder, aber das Unsichtbare, das nur seine geistigen Augen sahen, ließ sich nicht verscheuchen, es verharrte, peinigte ihn weiter. Mehrere Male hintereinander holte er tief Atem, als wollte er mit der Nachtlust die Sttlle und Kühle derselben einschlürfen, die Fieberhitze seiner inneren Erregung zu dämpfen. Während des raschen Laufes über die Heide hatte er nicht denken können; das dumpfe beklemmende Gefühl einer ungeheuren ohnmächtigen Wut und die bis zur physischen Schmerzempfindung gesteigerte SeelenguA hatten ihm die Fähig- kefi logischen Denkens und Überlegens genommen. Erst wie er so still dasaß und die Ruhe der weltfernen Heidennacht auf sich einwirken ließ, kam er zur vollen Besinnung des Geschehenen — des Gehörten.
Am Nachmittage hatte er sich von seinem Meister ver- abschiedet. Stark entwickelter Freiheitsdrang, Sehnsucht nach der großen Welt jenseits des HeideAandes und vor allem seine künstlerischen Anlagen und Neigungen, die sich nur widerwillig, einzig dem eisernen Zwange des Müssens gehorchend, der Schablone seiner handwerklichen Tätigkeit anpaßten, trugen seine Phantasie und seine Wünsche schon lange über die enggesteckten Grenzen der Kleinstadt und ihres engatmigen Lebens hinaus, ohne daß er bis jetzt im stände gewesen wäre, sich frei zu machen. Schon vor Jahresfrist war er einundzwanzig Jahr alt geworden: die Vormundschaft konnte ihm also jetzt nichts mehr in sein persönliches Wollen hineinreden. Meister Wille, bei dem er seine vierjährige stramme Lehrzeit und zwei arbeitsreiche Gesellenjahre durchgemacht hatte, war vernünfttg und wohlwollend genug,
Juni MMtt des Erbprinzen von Meiningen.
Berlin, 11. Mai. Wie die „Breslauer Morgenzeitung" erfährt, wurde der Erbprinz von Sachsen- Meiningen durch einen „blauen Brief" zur Einreichung seines Abschiedsgesuches aufgefordert. Der Brief wurde, da der Erbprinz sich zu sener Zeit in Oppeln befand, von dem diensttuenden Adjutanten geöffnet und dann erst an den Adressaten weiterbefördert. Auf dem Bahnhofe in Oppeln erhielt der Erbprinz die erste Kenntnis davon,, daß er das Kommando des VI. Armee-Korps niederzulegen habe.
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Ter Rücktritt des Erbprinzen Bernhard von Sachsen- Meiningen vom Kommando des VI. Armee-Korps wirft zugleich neues Licht auf die gespannten Beziehungen, die seit längerer Zeit zwischen Berlin und Meiningen herrschen. In einer Meininger Korrespondenz der „Wgsb, Abendztg.", die offenbar von einem guten Kenner der Verhältnisse herrührt, wird zunächst darauf hingewiesen, daß die Rücktrittsabsicht des Erbprinzen nicht von den letzten Monaten dattert; auch sei es in eingewechten Kreisen kein Geheimnis, daß das Verhältnis der Erbprinzessin Charlotte zu ihrem Bruder (dem deutschen Kaiser) schon seit Jahren nicht mehr so herzlich und innig wie früher sei. Dann heißt es weiter:
„Schon im vorigen Jahre war Erbprinz Bernhard nahe daran, sein Abschiedsgesuch einznreichen, die Angelegenheit fand aber, wie man sagt, durch Vermittelung des Königs Albert von Sachsen ihre Beilegung, trotzdem auf die Dauer dieses Berhältnis unhaltbar schien. Es kam am eklatantesten zum Ausdruck, als Kaiser Wilhelm im vorigen Jahre zum Jagüausenthalte in Schlesien weilte und bei dieser Gelegenheit sein Knrassierregiment in BreSlau auf einige Stunden besuchte. Damals siel es allgemein auf, daß der Erbprinz und die Erbprinzessin sich wenige Tage vor Ankunft des Kaisers nach Schloß Erdmannsdors begaben. Wie verlautet, beabsichtigt bas erbprinzliche Paar, zunächst eine größere Auslandsreise anzutreten und daun bauernd seinen Wohnsitz ir» Meiningen zu nehmen."
«Die Zuschrift kommt dann auf die VerhAtnisse am Meininger Hof zu sprechen. Bekanntlich ist Herzog Georg morganatisch mit der Freifrau v. Heldburg, ge- borenen Ellen Franz, vermählt. In der Zuschrift wird aber betont, daß seit Jahren das beste, ja sogar freundschaftlichste Verhältnis zwischen dem erbprinzlichen Paar und der Gemahlin des Herzogs bestehe. Meinungsverschiedenheiten über die etwaige Rangordnung könnten in Meiningen nicht in Frage kommen und seien auch bei den wiederholt in den letzten Jahren dagewesenen fürstlichen Besuchen nie in Frage gekommen, da der Herzog seiner Gemahlin den Rang nach den Prinzessinnen des herzoglichen Hauses verliehen habe. Zum Schluß lvird über die seit Jahren bestehende Spannung des Herzogs! Georg mit Kaiser Wilhelm II. gesagt:
„Die Spannuug ist auf den nach dem Regierungsantritt des Kaisers angesagten Antrittsbesuch desselben am Meininger Hofe zurückzusührcn, welcher fast in letzter Stunde, nachdem Hof und Land sich schon ungeheuere Koste» verursacht hatten, wegen
seine Absicht zu billigen. „Du hast recht, daß du dich ein- mal ein bischen in der Welt draußen umsehen willst, Thygo", sagte er, „du kannst draußen noch viel lernen. In dir steckt ein ganzes Ende Künstler. Schade, daß deine Mutter dich nicht die Malerschule besuchen lassen will. Wer brauchst dich deshalb nicht zu grämen, Junge. Ein tüchttger Kopf wie du kommt überall voran. Ich würde dir raten, in eine große Stadt, vielleicht nach Berlin, zu gehen. Die Dekorattonsmaler an solchen Plätzen können Leute wie dich gebrauchen. Ich werde es dir in dein Zeugnis schreiben, daß man sich auf dich verlassen kann, du bekommst leicht Arbeit."
„Und noch eins, Thygo", fuhr der Alte fort, indem er die Wgangspapiere zusammensuchte. „Tu weißt, ich meine es gA, deshalb höre auf mich. Laß dein Handwerk nicht im Stich. Ich weiß wohl, du möchtest höher hinaus;; Hab' dir oft genug die Flügel sttrtzen müssen, sonst wärst du mir ausgerückt, verstehst du mich — deine Phantasie wäre oft mit dem Pinsel durchgebrannt — na, du weißt, wenn ich dich stramm hielt, war es zu deinem Besten. Also behalte es: Handwerk hat noch immer goldenen Boden, und ein tüchttger Malergeselle, der sein Fach versteht, ist hundertmal besser dran, als so'n ver- kommenes und verhungertes Künstlergenie, wie sie zu Tausenden in der Welt 'rumlaufen. Bleib' bei deinem Handwerk. Wenn du Sonntags oder Feierabend zu deinem Vergnügen ein bischen „Kunst" treiben und Bilder malen willst: gut. Und kommst du Wester damit, kaufen sie dir die Bilder ab: noch besser. Aber nur den festen Boden unter den Füßen halten und kein Sprung ins Ungewisse; ist schon mancher dabei reingeplumpst, und zurück ging's dann nicht mehr, 's wär' mir leid um dich. Der Hang zum Aparten liegt bei dir im Blut. Dein Vater selig trieb's genau so; Hab' ihn gut gekannt. -Schade uw ihn, daß er so umkommen mußte-"
Meister Wille verstummte plötzlich. Der gespannte, flehend fragende Ausdruck in den fest auf ihn gerichte- ten Augen des jungen Mannes machte ihn darauf aufmerksam, daß er sich im Eifer verschwatzt hatte.
„Ich r>ed' nur so, Mas man damals hin und her ver-
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