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Sonntag» den 1V. Mar.

Redaktions-Fernsprecher No. 82.

1903.

»». Jahrgang.

Erscheine in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag S« Pfg. monatlich, durch die Post s Mk. so Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

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U0. 217. verlagS-Fernsprecher No. 288».

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Morgen-Ausgabe.

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in Port «der nufere (El-ßcpIlogcitlintciL

Ein weites und doch recht nahe liegendes Gebiet unserer Lebensweise ist heute mehr als wünschenswert, besonders durch den Kampf gegen die Trinksitten, in den Hintergrund gedrängt worden, obgleich cs besonders für Deutschland auch recht reformbedürftig erscheint: das

Men. Was, wieviel, wann sollen wir essen? sind Fragen, die sich der gut situierte Bürger selten vorlegt. Der Aeutel und der Appetit sind ihm, solange er sich gesund fühlt, allein maßgebend. Erst wenn sich die Folgen un­richtiger Ernährung dadurch bemerkbar machen, daß dies hnd jenes ihm nicht mehr bekommt, lenkt der bedächtige Mann seinem „täglichen Brot" oder vielmehr dem, was er dazu genießt, die Aufmerksamkeit zu — gewöhnlich zu spät-

Durch die erfreuliche Gründung von Kochschulen und Lehrküchen im Anschluß an die Volksschulen seitens ge­meinnütziger Vereine oder der Gemeinden kann im Laufe der Zeit gewiß für die wenig Bemittelten eine bessere Auswahl und größere Abwechselung der Speisen, eine rationellere Ausnützung des schmalen Wirtschaftsgeldes ungebahnt werden, aber die, welche die Kochschulen ins Leben rufen, denken selten daran, wie reformbedürftig ihre eigenen Eßgepflogenheitm sind. Frühstück, Mittag­brot und Abendessen mit den eingeschobenen kleinen „aus der Faust" genossenen Mahlzeiten lenken unser Sinnen und Trachten zwar immer wieder zum Essen zurück, aber es sind meist Unlustgefühle, die hervorgerufen werden: bald haben wir keinen Appetit, bald müssen wir unge- duldig warten, dann ist es nicht nach unserem Geschmack. 'Und die liebe Not mit den Kindern, denen die schöne kräf­tige Kost nicht mundet! Der Suppenkaspar ist ein an vielen Familientischen oft heraufbeschworenes Gespenst.

Wer in den Ländern des englischen Volkstums oder in Frankreich gelebt hat und die dortigen Eßgewohnheiten in dm mittleren Bürgerfamilien, nicht in den Gast­häusern, mit den unfrigm vergleicht, dem werden merk­liche Unterschiede nicht mtgehcn. Vor allem die erste und die letzte Hauptmahlzeit sind kräftiger und reich­licher als bei uns, während die mittlere in beidm Ge­bieten mehr den Charakter einer flüchtigen Sättigung trägt. Ter Engländer genießt zu seinem breallkast verdauungsbefördernden Tee mit einem ordentlichen Stück Fleisch oder einem Fischgericht; der Franzose da­gegen trinkt oder suppt vielmehr viüfach seinen cafd au lait, recht dünnen Kaffee mit viel Milch und brockt sich tnassenhafte Weißbrotscheiben hinein. Um die Mittags­zeit kommt beim einen das Inneb, aus einem steak oder 'chop und einem leichtverdaulichen stark gezuckerten Pudding, beim anderen das däjennsr, aus einem kleinen Fleisch- und einem Gemüsegericht oder im Sommer viel­fach einer Eierspeise mit Salat und stark verdünntem Wein an die Reihe. Ein Täßchen Kaffee folgt zum Schluß. Die Hauptmahlzeit, oft aus mehreren Gerichten

Feuilleton.

Aus der Kladl des Schulstreiles.

-1- Trier, im Mai.

Seit vielen Jahren ist das weltabgelegene Trier nicht so oft genannt worden, wie jetzt in der Zeit des Kampfes um die Paritätische Töchterschule. Wer aber annimmt, daß hier hochgradig gespannte Verhältnisse herrschen, daß die zum Teil leidenschaftlichen Preßerörterungen die Stimmung der Trierer Bevölkerung widerspiegeln, der irrt. Gewiß entstand hier große Aufregung, als Bischof Korum seinen papiernen Bannstrahl gegen die Schule schleuderte, als das, was wochenlang vorher schon als in der Luft liegend besprochen wurde, sich zum bekannten Kanzelpublikandum der Stadtgeistlichkeit verdichtete. Da­mals drehte sich jedes Gespräch beim Schoppen, im Damen- kaffeekränzchen, die hier noch blühen, um den Schulkrieg. Aber sehr bald trat Beruhigung ein, und während drau­ßen der Lärm erst recht losging, verfolgte man hier die Entwickelung der Angelegenheit mit fast kühler Neugierde und hatte für andere Dinge, z. B. die Weinversteige­rungen, mehr Interesse als für den Korum-Dasbachschen Feldzug. Die Trierer Luft begünstigt nicht die Entfal­tung andauernder und energischer Regungen. Man ver­trägt sich hier besser als in vielen anderen Städten. Civil und Militär stehen stets auf freundschaftlichstem Fuße und die Katholiken leben mit den Protestanten im allge­meinen ganz friedlich zusammen, obgleich Bischof Korum für Geistliche und Laien den Abschluß wünscht, obgleich im hiesigen Priesterseminar und einem Teil des Dom­kapitels so etwas wie der Generalstab des deutschen Ultramontanismus zu erblicken ist, obgleich die Presse des Kaplans Dasbach das möglichste tut, um Unfrieden Mischen den Konfessionen zu säen.

bestehend, ist gegen das Ende des Tages verlegt, nach- dem Körper und Geist ihre Hauptarbeit vollbracht haben. Diese Mahlzeiten passen sich der durchgehenden Arbeits­zeit vollständig an. Wir Deutschen begnügen uns ge- wöhnlich mit einem dürftigen Frühstück, mis ziemlich starkem Kaffee und etwa zwei Brötchen bestehend, das natürlich für die Tagesarbeit keinen „Grund" legt. Die Herren Gemahls müssen zu ihrer Stärkung dann gegen 11 oder 12 Uhr öfters inal zum Frühschoppen gehen. Die hauptsächlichste Sättigung folgt aber nun mitten in der schönsten Arbeitszeit, die, mit oder ohne Alkohol ge­nossen, hauptsächlich in reiferen Jahren körperliche Er­müdung hervorruft. Das Verdauungsgeschäft nimmt uns nach derselben so ganz in Anspruch, daß wir uns dem süßen Mittagsschläfchen „nur ein Viertelstündchen", wie auf dem Ruhekissen gestickt steht, hingeben müssen. Auf die Mittagspause kann man bei uns in wohlsituierten Kreisen etiva 3 Stunden rechnen. Abends folgt dann der obligate, um nicht zu sagen obligatorische, kalte Aufschnitt, denn das konsistente Mttagbrot hält ja vor. Und wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen; sie mögen wollen oder nicht — sie müssen doch folgen und hübsch ausessen. Gehorsam ist nicht nur die erste Bürger-, sondern auch die erste. Kindespflicht, mögen unsere Anordnungen der Natur des Kindes entsprechen oder nicht. Während die kleinbürgerliche französische Küche mit ihren leichten Fleisch- und Gemüsegerichten, süßen Speisen und schönen Früchten dem kindlichen Ge­schmack sich an und für sich anpaßt, sucht man in Eng­land dem kindlichen Bedürfnis durch eigene Gerichte ent­gegenzukommen. Zum Frühstück gibt's da das nahrhafte Hafermus mit Sirup (porridge), auch zuweilen mit Brot und Milch gekochte Datteln, was man bei uns gar nicht kennt. Das Inncll nimmt die Mutter gewöhnlich mit den Kindern ein, während der Vater infolge der Ent­fernung zwischen Wohn- und Arbeitsstätte vielfach aus- wäpts ißt. Bei der Hauptmahlzeit, dem opulenten dirtner, sind in vornehmeren Familien die Kinder meist nur Sonntags zugegen. Für sie wird sonst besonders gekocht, da man der Meinung ist, daß die schwere, oft stark gewürzte Kost der Erwachsenen ihnen nicht zuträglich ist. Bei uns unterscheidet sich die Nahrung der Kinder, wenigstens von dem schulpflichtigen Alter an meist nur durch die Menge, nicht durch die Art von der der Er­wachsenen. Die Abneigung vieler Kinder gegen Fleisch­nahrung ersi^int vielen Leuten als bekämpfenswerter Eigensinn, während dieselbe doch nur eine Reaktion gegen verfrühte Zumutungen ist; während ihre Vorliebe für süße Speisen als kindisch törichterweise oft ins Lächerliche gezogen wird. Gerade so wie man heute mit vollem Recht für die Kinder volle Enthaltsamkeit von geistigen Getränken empfiehlt, wird sich vielleicht auch die Ansicht Bahn brechen, daß ihnen vegetarische Diät am zuträg­lichsten ist.

Mit dem Vegetarianismus verhält es sich vielleicht ähnlich wie mit der Abstinenz: Für ein gewisses Lebens­alter, für gewisse Kategorieen eigenartig beanlagter Menschen, gegen gewisse krankhafte Zustände als Kur dringend zu empfehlen!

Der ganze Kern der Trierer Bürgerschaft ist katho­lisch, und der Zahl nach machen die Katholiken über % der 50 000 Einwohner ans, welche Trier mit den nächsten Vororten aufwcist. Aber die Geistlichkeit übt — bisher wenigstens — längst nicht die absolute Herrschaft aus, welche man nach diesem Verhältnis erwarten sollte. I m Stadtrat sind fast % liberal, von der 1. und 2. Klasse gewählt, ein deutlicher Beweis, daß Besitz und Intelligenz sich vom Klerikalismus noch nicht haben unter­kriegen lassen. Freilich laufen die Parteigrenzen vielfach durcheinander. In den meisten Häusern, in welchen die Väter liberal sind, haben die Geistlichen an den Frauen und Töchtern umso willfähigerc Werkzeuge. Daß da der Schulzank in manche Familie Zwist gebracht hat, ist be­greiflich. Einen nennenswerten Verlust aber hat die Schule nicht erlitten. Ein kleines Geschichtchen, das den Vorzug hat, wahr zu sein, beleuchtet die Lage ganz hübsch. Zwei Schülerinnen einer unteren Klaffe waren dicke Freundinnen geworden. Die eine ist katholisch, die an­dere evangelisch. Als sie nun dieser Tage nach Schluß der Osterferien Hand in Hand aus der Schule kamen, bleibt das katholische Kind plötzlich stehen, betrachtet seine Freundin von oben bis unten und sagt dann sinnend: „Ich möchte nun doch wissen, was an Dir eigentlich so gefährlich ist?"

Im Zentrumslager klafft ein Zwiespalt. Vor fünf Jahren hat bekanntlich Kaplan Dasbach eine Art Palast­revolution ins Werk gesetzt und sich durch die Landgeist­lichkeit ins Abgeordnetenhaus wählen lassen. Dieser Gewaltstreich ist ihm noch nicht verziehen. Er sitzt freilich so fest jetzt im Sattel, daß Justizrat Müller, welcher über 20 Jahre lang die Zcntrumswahlen leitete, nicht erst den Versuch wagen wirb, seine wieder ausgestellte Kandidatur zu bekämpfen. Die beiden Richtungen sind sich spinne­feind, aber gegen die Liberalen halten sie notgedrungen zusammen.

Auch die allgemeine Beobachtung dürfte richtig sein, daß in unseren gut gestellten Kreisen nicht nur zu viel getrunken, sondern ebenso zu viel und zu „nahrhaft" ge­gessen wird. Während unsere Arbeiterbevölkerung gewiß durchschnittlich zu wenig Fleisch genießt, genießen ver­mögende Leute zweifelsohne zu viel. Statistiken für den Fleischkonsum der einzelnen sozialen Schichten gibt's ja freilich nicht. Während in England die Seefische und in Frankreich das Geflügel eine große Rolle spielen, kommt bei uns das schwer verdauliche Fleisch der Säugetiere mehr in Betracht. Ein Wandel darin wäre recht wünschenswert. Auch Zucker und Obst sind durch die deutschen Männer fast in Mißkredit geraten, wie auch die Milchspeisen, da sie nicht recht mit Bier und Tabak harmonieren. Vom Mißbrauch der Gewürze wollen wir hier schweigen.

Aber nicht nur zu üppig essen wir, sondern auch zur falschen Zeit. Morgens, wenn der Magen ausgeruht ist und schnell die Kost assimiliert, zu wenig; in der Mitte des Tages, wenn der Geist am angespanntesten arbeiten soll, wo es daraus ankommt, die Zeit für den Beruf „m^zukaufen", zu viel. Der Mittagsschlaf, welchen Franzosen, Engländer und Amerikaner ebenso wenig wie den deutschen Schlafrock kennen, aber ist nicht nur ein Räuber an unserer Zeit, er kann auch zum Mörder an unserer Gesundheit werden.

Die lebensfrohen und -frischen Greise Englands und Frankreichs, die keine hypochondrischen Anwandlungen kennen und die selten an unserem Nationalübel, der „Korpulenz", leiden, waren nicht nur zeitlebens müßige Trinker, sondern ebenso auch mäßige und bedächtige Esser. | R. S,

Deutsches Deich.

Auch eine Kirchcnfragc.

Es liegt in der Natur der Dinge, daß Bestrebungen wie die, einen gesamtdeutschen evangelischen Kirchenbund herzustellen, nur einer geringen Teilnahme begegnen. Genauer gesagt: Der Kreis der Personen, die sich für solche Fragen interessieren, ist ungemein beschränkt, während diejenigen Personen, die in dies Problem ein Gemütsintercsse hineinlegen, allerdings stark davon er­griffen sein mögen. Sa läßt sich denn feststellen, daß sich in den Blättern evangelisch-kirchlicher Richtung ein leb­haftes und langes Hin und Her von Erörterungen über die Zweckmäßigkeit oder Unzweckmäßigkeit, über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer Vereinigung der evangelischen Kirchen entspannen hat. Wenn man vom Standpunkt kühler Beobachtung aus Notiz von diesen Auseinandersetzungen nimmt, so kann es mit der Gewiß­heit geschehen, daß alle betreffenden Wünsche und Gegen­wünsche überflüssig sind. Es wird nicht zu der, auch von hohen Stellen her betriebenen Zusammenschmelzung der verschiedenen evangelischen Bekenntnisse und Kirchen- gemeinschaften kommen, und die leidenschaftlichen Lutheraner, Reformierten :c., die alle Mittel der Bered- samkeit gegen^die vermeintlich drohende Ausdehnung des preußischen Summepiskopats spielen lassen, bemühen

Äußerlich tritt in Trier das Erstarken des Klerikalis­mus in den vielen Neubauten von Klöstern zu Tage. Die barmherzigen Brüder haben seit Beilegung des Kulturkampfes eine Anstalt für Kranke und Irre er­richtet, die ein vollständiges Stadtviertel bildet. Die Borromäerinnen haben ihr Mutterhaus ausgedehnt und für Mägde das Helenenhaus errichtet. Die vielgenannte Ursulinenschule bewohnt einen mächtigen Neubau. Im Simernsstift steht ein palastartiges Kloster für hochadelige Damen. Ein Riesenbau ist die eben fertiggestelltc Diözesanbcsserungsanstalt zum guten Hirten. Die weißen Väter haben sich häuslich eingerichtet. Kurz, überall sind große und prächtige Bauten in den letzten 20 Jahren entstanden, die von der Kirche abhängen. Daß der Saal- vau „Traviris" den Beinamen „Katholisches Vereins­haus" trägt, gehört zur Vervollständigung des Bildes.

Die Baulust war übrigens auch in Bürgerkreisen neuerdings sehr rege. Jahrzehnte laug blieb Trier in einem Dämmerzustand, die Stadt wie die einzelnen Be­wohner schienen jeden fortschrittlichen Unternehmungs­geist verloren zu haben. Das hat sich gründlich geändert. Etwa zwei Dutzend neue Straßenzüge sind entstanden, der immer angekündigte Baukrach ist aber immer noch nicht cingctretcn und die Mieten wollen nicht heruntcr- gehcn. Die Stadt aber hat so viele Betriebe übernommen und so große Umwälzungen begonnen, daß den armen Steuerzahlern angst und bange wird. Nur um 50 Pro­zent ist z. B. am 1. April die städtische Steuer,chraube angezogen worden. Man hofft aber, in Bälde einen Er­folg der großen Ausgaben zu sehen. Ist erst die Kana­lisation durchgeführt, leuchten erst die elektrischen Straßenlampen, sind die melancholischen Straßenbahn­pferde durch den elektrischen Strom ersetzt, so wird das alte Trier mit seinen großartigen Nömerresten ein Aus­sehen gewinnen, daß es sich endlich mit Ehren inmitten seiner wunderschönen Umgebung sehen lassen kann.