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Po. 217. Morgen-Ausgabe. Sonntags den 10. Mai.

51. Jahrgang. IVOS.

Wo stet» die Sonne brennend scheint. Dort wird auch reiche» Land zur Wüste Kein Mensch wird tragen stete» Glück, Der'» nicht durch Herzvcrsanduug büßte

Lcixner.

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(19. Fortsetzung.)

Späte Erlrenntnis.

bloman von Alexander Römer.

Ellen war traumhaft zu Mut. Das Lauschen auf das Gespräch der beiden hatte sie von ihren quälenden Ge­danken abgelenkt, ihre Sorgen eingelullt, und die Bilder des sonnigem Südens, die Cedern, die Pinien und Rosen erstanden vor ihrem Bild. Eine unbekannte Sehnsucht, ein schmerzhaftes Wünschen überkam sie — wer so frei sväre, wie die da, und die Welt schauen durste in ihrem wechselnden Zauber, all die Schönheit der Natur und Kunst. Ihr Horizont war eng gewesen von jeher, und wurde vielleicht nun noch enger. Seit sie aus Putney ge- schieden, hatte sie nur trübe Ahnungen.

„ Ihr wurde ihre Lage, der Sitz auf den Tauen all- inählich sehr unbequem, sie wünschte aufzustehen, umher ju wandeln oder hinunter zu gehen, nur genierten die beiden sie. _ Die erste Bewegung von ihrer Seite verriet sie als Lauscherin, das war ihr peinlich.

Ha, jetzt erhoben sie sich — Gottlob! sie wechselten ihren Standort und wandten ihr den Rücken. Sie sprang rasch auf ihre Füße ünd dehnte ihre steif gewordenen Glieder.

In diesem Moment kehrte der Ältere sich noch einmal um, seine Cigarrentasche lag da auf dem Platz, wo er gesessen, er vermißte sie und kam sie zu holen. Sie standen sich ganz nahe. Aug in Auge gegenüber.

Die Kapuze war ihr in den Nacken geglitten, auf ihren braunen Flechten flimmerte das Mondlicht und eine jähe Röte schoß in ihr Gesicht.

Er stutzte, für ihn mußte es rätselhaft sein, woher diese Erscheinung plötzlich auftauchte, auf dem leeren Platz, wo er eben gestanden. Seine Augen forschten scharf in ihrem Gesicht, sie standen beide ein paar Sekunder: steif und stumm.

Dann faßte sie sich und glitt mit einem leichten Neigen des Kopfes an ihm vorüber, nach dem Vorderdeck eilend, wo die Treppe zur Kajüte hinunterführte.

Der Fremde verfolgte sie mit seinen Blicken und -hlieb noch eine Weile unbeweglich auf seinem Platz, dann wandte er sich an einen der Schiffsleute, der in der Nähe ein Tau aufrollte.

„Wo kam diese Dame her?" fragte er, „ich habe hier doch ein gut Weilckien gesessen und sie nicht bemerkt, sie hätte ja an mir vorüber gemutzt, wenn sie von der anderen Seite kam."

Der Mann wandte sich schwerfällig um. „Wen meinen Sie, Herr?"

„Nun, die Dame, welche da eben um die Ecke bog. Haben Sie hier jemand außer uns beiden in der letzten Viertelstunde gesehen?"

Der Mann spuckte einen Priem, den er im Munde

hatte, in großem Bogen in die See, reckte den Hals und schüttelte dm Kopf. „Nee, Herr, ich Hab nichts gesehen — die is woll aus der See heraufgekommen, — na, wenn sie Jhnm zugelacht hat, bringt's Glück."

Der Fremde nahm seine Cigarrentasche und sah sich nochnials nach allm Seiten um, die Stelle hatte keinen anderen Zugang — „wunderlich!" murmelte er. „Aber ein Wesen von Fleisch und Blut war sie, sie hatte nichts Geisterhaftes. Will mich mörgm früh nach ihr um- schauen, das Gesicht kenne ich unter Tausmden wieder."

Ellen war am anderen Morgen eine der ersten, die ans Land stieg, sie sah den großen Herrn noch einmal aus der Ferne, wich ihm aber geflissentlich aus. Eine aber- malige Begegnung beim Tageslicht hätte sie verlegen ge- macht. Sie bestieg eilig ihren Zug und setzte ohne Unter­brechung ihre Reise fort.

*

Am Mittag des nächsten Tages war Ellm bei der Mutter. Die lag schwach, abgemagert, völlig kraftlos im Bett. -

Ellen lag auf den Knieen an ihrem Lager, tief be­wegt — und streichelte die welkm Hände der Kranker:. Sie mußte ja fröhlich scheinen und ihr plötzliches Auf- tauchen nicht zu einem Besorgnis erregenden Akt für die Kranke machen. Sie war selbst nervös, erschöpft, über­wältigt, das wurde ihr schwer.

Wie verklärt hatte der Mutter schmale" Gesicht auf- gelerrchtet bei ihrem unerwarteten Eintritt, um dann einem Erschrecken Platz zu machen.

„Kind! aber was bedeutet das? wie kommst du denn so plötzlich nach Hause?"

„Ich muß dich einmal sehen, wissen, wie es hier bei euch aussieht, ich hatte große Sehnsucht, und als nun die Hofrätin Breding mir schrieb, du seiest garnicht wohl —

Die Kranke richtete sich auf, ihr magerer Körper zitterte, sie rang mühsam nach Atem. Du lieber Gott! wie abgezehrt sah sie aus, ihre Hände waren feucht und kalt. Ellen mußte an sich halten, um nicht laut auszu­schluchzen.

„Die Hofrätin?" rief die Mutter erregt, „was hat sie dir geschrieben? oh, sie hätte es nicht tun sollen, du — du kannst hier nichts helfen."

Die Kranke sank matt in ihre Kissen zurück, das wenige Sprechen hatte sie völlig erschöpft.

Ellen schaute sich um und legte Hut und Jacke ab. Wie fremd war ihr diese Umgebung. Große, teilweise neu eingerichtete Räume, ihr erschienen sie kahl und unwohn­lich. Die Mutter, an übergroße Sparsamkeit gewöhnt, mochte es nicht verstanden haben, harmonisch zu wählen. Altes und Neues war unschön durch einander gemengt oder — Altes wieder unter das Neue gemischt, wenn viel­leicht Lücken gerissen waren. In der Mutter Schlaf­gemach sah es beinahe dürftig aus.

In des Bruders Räumen drüben war Ellen noch nicht gewesen. Er sei nicht zu Hause, berichtete ihr das sehr ungeschult erscheinende Mädchen — in dem Bureau, an dem sie bei ihrem Eintritt vorüberschritt, hörte sie Stimmen, und erfuhr, der Schreiber sei drinnen und ein paar wartende Bauern. Der junge Herr werde aber heute nicht mehr zur Sprechstunde kommen, er mache eine Segelpartie.

Ellen faßte wieder der Mutter Hand und setzte sich zu

ihr auf den Bcttrand. „Dir tut Pflege not, Mütterchens, meinte sie, „versteht denn das Mädchen zu kochen und sorgt sie für dich?"

„Ach Ellen, es ist zu dumm, daß ich nun so ganz hin­fällig geworden bin. Solch ein Mädchen, das magst du dir denken — wenn diese unbeaufsichtigt ist, da geschieht nichts rechtes. Na, Leopold ißt jetzt im Hotel du Nord, das ist ihm auch lieber, und ich — ich brauche recht wenig."

„Leopold ist nicht zu Hause, wie ich höre", sagte Men und schlug den Fenstervorhang zurück, um besser sehen zu können.

Die Doktorin blickte ängstlich in der Tochter Gesicht.

„Er wird einen notwendigen Geschäftsgang haben tun rnüssen", sagte sie unsicheren Tones — „ob Klienten da sind?"

„Ein paar Bauern — er ist übrigens zu einer Segel­partie."

„Ach Ellen — wenn du doch einmal da bist -— es ist ein großer Segen, mein liebes Kind. Ich fürchte selbst beinahe, es ging nicht mehr anders. Ich weiß nicht, was der Poldel hat, aber seine Praxis verringert sich zu­sehends. Und wenn er nichts verdient, wie soll es da gehen, bei dem Leben, wie er es führt. Er verkehrt ja hier in den allerersten Kreisen — ach! Ellen, es freut mich so sehr, du glaubst nicht, wie beliebt er ist, und wie vor­nehm er aussieht und auftritt. Das kostet nur Geld — urrd — und — ich mache mir so schwere Sorgen."

Ellen schwieg. Dann meinte sie: „Wir wollen nicht gleich alles in der ersten Stunde erörtern. Ich will lieber vorerst in der Küche Umschau halten, rnich mit dem Mädchen bekannt machen und für etwas Warmes für uns beide sorgen."

Ihr war recht elend zu Mute. Was sie in der ersten Stunde sah und hörte, war nicht geeignet, Trost zu geben. Vorräte waren kaum im Hause, und das Verhör, das sie mit dem gutwillig scheinenden, aber jedenfalls kindlich unfähigen Mädchen anstellte, ergab, daß für der Mutter Pflege nichts geschah.

Schweren Herzens übernahm sie die Zügel der Haus­regierung und traf mit Umsicht die ersten notwendigsten Anordnungen. Sie bereitete größteirteils selbst ein kräf­tiges Mahl für sich und die Mutter — so wenig sie auch in Kochkünsten geübt war, was man vernünftig angreift,, läßt sich erlernen, und sie hatte schon heute die Befriedi­gung zu sehen, wie gut der Mutter die Suppe schmeckte.

Am Nachmittag ging Ellen hinüber in des Bruders Wohnung, in der das Mädchen gerade aufräumte. Sie staunte über die Eleganz und den Luxus, der dort ent­faltet war. Seine Privaträume glichen mit den schwellen­den Polstern, den schweren Vorhängen dem Bilderschmuck an den Wänden, den vielen Vasen und^ Dekorations­gegenständen mehr den Salons eines verwöhnten Dame, als den Räumen eines Mannes, der einen anstrengenden Beruf hat. Das Rauchzimmer war im türkischen Styl mit Himmelbett und weichen Wolfsfellen.

Der Herr Bruder ließ sich jedenfalls nichts abgehen.

Ein eleganter Straßenanzug, wie sie nach der neuesten Mode in England getragen wurden, lag über einen Stuhl gebreitet, er trug am Rockkragen den Stempel einer Londoner Firma, die sie als die fashionabelste und teuerste dort kannte. (Fortsetzung folgt.)

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