M. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — BczugS-PreiSr durch den Verlag SO Pfg. monatlich, durch die Post 2 Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
1Ö,©®© Abonnenten.
Anzeigen-PreiSr
Die einspaltige Pctitzeilc für lokale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.
Anzeigen-Annahme
für die Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittag«, für die Morgen »Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme später eingereichtcr Anzeigen zur nächst» crscheincnden Ausgabe, wie für die Anzeigen-Aufnahme an bestimmt vorgefchriebcnen Tagen wird kein« Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
21IS. Berlags-Fernsprecher No. 2953.
Samstag» den 9. Mai.
RebaktionS-Fernspreiber No. 52. 1903.
Dir „Ex lex“-Ävn.
Budapest, 4. Mai.
So sind wir denn wieder glücklich oder unglücklich Mitten drin in der schon vor vier Jahren unter dem Regime Br. Banffys besungenen „schrecklichen, gesetzlosen Zeit", im „Ex lex"! Und die Welt — sie bewegt sich doch. Allerdings stellen sich dem Rcgierungs- karren Sz 6 lls auf seinem Wege ganz artige oder vielmehr unartige Hindernisse entgegen, aber das Gefährte humpelt vorderhand doch weiter, so gut es eben geht. Wir haben zwar kein acceptiertes Budget, aber die notwendigen Staatsausgaben werden dennoch geleistet. Militär und Staatsbeamte bekommen ihre Gehälter ausbezahlt, die Staatsgläubiger werden nach wie vor befriedigt, und last not least — die Herren Abgeordneten bekommen, als wäre nichts geschehen, ihr Honorar für ihre ganz respektablen Stimmleistungen, lies: Diäten. Schlimmer sieht es allerdings mit den Staatseinnahmen aus. In Ungarn ist nämlich seit einem kurzen Lustrum zum zweiten Male der beneidenswerte. Man möchte schier sagen paradiesische Zustand eingetreten, daß keiner, der da nicht frerwillig will, Steuern zu zahlen braucht. Alle Steuermahnungen, alle Exekutionen und Steuerfeilbichungen — sie schweigen im Walde, von Steuervexationen, hierzulande stark verschrieen, spürst du kaum einen Hauch, und so können sämtliche glücklichen Steuerorgane sich urplötzlich der vornehmen, sonst nur in unseren Ministerien üblichen Beschäftigung — der Nagel- Pflege hingeben. Freiwillig fließen die Steuerabgaben allerdings nicht eben schlecht ein: die Banken und Finanz- .anstalten im Lande beeilen sich, sich bei der Regierung ein Blatt einzulegen, und bezahlen die Steuern fiirs ganze Jahr auf einmal, und so ist der Ausfall an Steuereinnahmen in den ersten paar Tagen des Wonnemonats Mai im Lande bisher kaum mehr als 26 Prozent. Aber schließlich ist dies für den Anfang auch schon eine ganz respektable Summe, und wenn es noch recht lange so fortginge, so diirfte sich dieses Defizit alsbald zu einem ganz beträchtlichen Fehlbeträge auswachsen und sich sehr unangenehm fühlbar machen. Die Regierung wäre gezwungen, auch ihre Barvorräte heranzuziehen und wer weiß, welche Stockungen sich dann aus dieser sehr gefährlichen Praxis ergeben würden. Das fühlt Herr v. Szäll auch ganz gut und so ist seine Stimmung, trotz aller äußerlichen Energie, alles eher als zuversichtlich. Und diese Schwäche kann sich auch, falls in der Situation
FrniUrton.
Im europäischen MetlerwinKrl.
Reiscbricfe von Paul Lindeuberg.
VII.
Wieder nach Ueskneb. — Allerhand Gerüchte. — WaS ereignet sich? — Unterwegs. — Was man hier und da hört. — Von den bnlgarischen Banden. — In Ueskneb. — Militärisches Leben. - „Nichts Neues!" — Aussichten und Ansichten.
Ueskueb, 26. April.
Wie viele eindrucksvolle Bilder drängen sich doch hier im äußern Orient binnen wenigen Tagen zusammen! Monastir in seiner felsumschlofsenen Einsamkeit und mit dem blendenden Hintergrund seiner schneebedeckten Alpen, darauf Wodena, der einstigen macedonischen Herrscher stolze Königsstadt, in welcher bei frohem Hochzeitsmahle Philipp durch den Dolchstoß des Pausanias getroffen ward, heute das lieblichste Idyll mit dem Rauschen schäumender, sich in jähe Tiefe ergießender Wasserfälle, mit Sem Raunen wcitästiger Platanen, die marmornen Erinnerungszeichen einer großen Vergangenheit beschattend, mit Nachtigallenfang in den blühenden Fliederbüschen und dem Dornröschengerank gelber Kletterrosen vor geheimnisvollen Tropfsteinhöhlen, alles von so frühlingstrunkener, poesieerfüllter Schönheit, wie ich sie bisher nur auf der Alhambra gefunden, dann Saloniki mit dem lächelnden blauen Meere, der goldigen Sonne, dem tiefblauen Himmel, und jetzt wiederum das bergumrahmte Ueskueb mit grundlosem Schmutz, in welchem eben bei grellem Pfeifcnklang eine Kompagnie Smyrnaer Jäger festen Trittes zum Bahnhof marschiert.
Warum wieder in Ueskueb? Das kam so: In Saloniki Wispern und Flüstern: „Haben Sie schon gehört?" „Was, das wissen Sie nicht?" und auf die Drängenden Fragen: „Jbek in Albanien soll von den Truppen zcrniert sein! Die Kanonen haben schon gesprochen! Jetzt wird's ernst. 40 000 Albanesen stehen in Waffen den Türken gegenüber."
Da erwachte ungestüm das journalistische Gewissen. Nach Konstantinopel sollte es gehen, nun ging's mw Ueskueb, um an der Quelle Näheres zu erfahren unk um womöglich teilzunehmen an dem kriegerischen Getümmel. —
keine Änderung eintritt, jeden Augcniblick der heute noch einig scheinenden liberalen Partei bemächtigen. Das aber wäre heute in der Tat das Ende des liberalen Regimes. Schon wispert man in den Reihen der Abgeordneten von der eventuellen Etablierung einer konservativen Regierung unter Leitung des greisen, heute 71-jährigen Grasen Julius S z a p r y , der im Verein mit einzelnen Führern der Volkspartei angeblich sehr gerne bereit wäre, ein neues konservasives Kabinett zu bilden und an der Grenze des Psalmisten-Alters sich noch einmal mit dem Ruhine des Staatenlenkers zu bedecken. Zur Beruhigung der Liberalen jedoch sei's erwähnt, daß ein solches Kabinett sich allerdings recht leicht bilden ließe: wo es indes die nötige Majorität hernehmen soll, das ist eine andere Frage, auf welche die Antwort aussteht. Die Alt-Liberalen hinwieder hoffen auf ein Kabinett Graf Albin C s L k y , ein Kabinett der starken Hand, oder aber auf ein Regime L u k ll c s , der gegenwärtig als Finanzminister eine Stütze des Kabinetts Szäll und bei derKrone unbestritten persona gratissima ist. Me Neu-Liberalen (die frühere National-Partei) hingegen setzen ihre Hoffmmg auf ein Abwinken aus Wien, wo man in der Tat im gemeinsamen Kriegsministerium sehr eifrig anderRevisiondesWehr- g e s e tz e s arbeitet, welches die Zurückziehung der odiösm Militärvorlage ohne Rückzug der Majoritätspartei ermöglichen soll, da das neue Wehrgesetz nebst der zweijährigen Dienstzeit als Lockspeise im Wesen die Erhöhung des Rekruten-Konsingents im vermehrten Maßstabe enthalten soll. Doch ist in Wim die Situasion, ganz abgesehen von den finanziellen Schwierigkeiten der zweijährigen Dienstzeit, den Revisionsarbeiten nicht eben hold. Die ganze Aufmerksamkeit der politischen und militärischen Welt richtet sich im Momente auf den Orient, wo gegenwärtig der Flammenherd der Anarchie hoch auflodert. Und inmitten dieser europäischen Sorgen und Befürchtungen wütet der lokale Brand des „Ex lex" bei uns weiter und verheert und verwüstet unser politisches Leben; wer ihn endlich löschen wird, das weiß heute keiner.
Deutsches Deich.
Der bevorstehende Rücktritt des Kricgsministcrs v. Gostlcr kann als Ereignis von politischer Bedeutung nicht angesprochen werden. Es mag sein, daß Herr v. Goßler zu seinem Rücktrittswunsch noch durch andere Gründe als durch angebliche Gesundheitsstörungen veranlaßt worden ist; es mag sein, daß er die Empfindung hat, an der entscheidenden Stelle nicht mehr das früher bewiesene Wohl-
Für Langschläfer ist das Reisen im Orient nichts. Um die sechste Morgenstunde setzte sich der Zug nach Ueskueb in Bewegung; bald verschwindet das Meer und es geht durch weite, baumlose Ebenen, in denen albanische Hirten, das Gewehr auf dem Rücken, Schaf- und Rinderherden weiden lassen. Hier und da ragt ein Tumulus hervor, kleine, künstliche Hügel, die ehemals an dieser Völkerstraße zu Wachdiensten, vielleicht auch als Begräbnisstätten gedient haben mögen und in welchen man mit Hilse von Spitzhacke und Schaufel gewiß manch wertvolles Stück finden würde.
Heute steht der Schienenweg unter umfassender militärischer Bewachung, Patrouillen zu Pferd und zu Fuß erblickt man längs der Bahnstrecke, stärkere Posten, die in Zelten oder Lehmbaracken untergebracht sind, an den Brücken und Tunnels. Die armen Kerle! Von Strom- nitza aus, wo kürzlich ein blutiges Scharmützel zwischen türkischem Militär und einer bulgarischen Bande stattgefunden, sind auf 40 Kilometer 270 Soldaten bezw. Gen- öarnien unter dem Kommando von zwei Offizieren und neun Unteroffizieren verteilt. Die Leute haben seit drei Wochen nur Brot erhalten, nicht einen Happen Fleisch, nicht einen Pfennig Geld. „Mit leerem Magen müssen wir auf- uud abmarschieren, Tag und Nacht, bas ist kein Vergnügen für uns!" so klagen sie. Ein Offizier wandte sich dieser Tage an die Behörden von Gewkile: „Wir müssen bester verpflegt werden, wir sind zu matt, um die Bahn zu bewachen!" Ob's helfen wird?
Dies und Ähnliches hört man auf den Stationen von den „Eisenbahnern", den Stationschefs, Zugführern, Ingenieuren, die französisch, oft deutsch sprechen, steht doch auch diese Bahn unter deutscher Verwaltung. So wurde mir mitgeteilt, daß man vorgestern im Sumpfe von Ama- towo zwei türkische Fischer ertränkt aufgefunden — ein kleiner „Scherz" herumziehender Bulgaren. Der Terrorismus dieser Räuber, von denen jeder einen Strick — denn eine Kugel ist zu schade — verdiente, ist schrecklich. Sie brandschatzen die Dörfler in jeder Weise, wenn sie nicht Geld fordern, so Lebensmittel und Kleider; in einem Gewkile benachbarten Dorfe befahlen sie einem Bauern: „Schlachte ein Rind und pökele es gut ein, wir brauchen es bald", und wehe, wer einer solchen Anordnung nicht Folge leistet. Gelegentlich verstehen sie sich auch zur „Bezahlung" auf eigentümliche Art. So ging kürzlich eine Bande bewaffneter und zum Teil unifor-
wollen anzutreffen, aber von einer ernstlichen Störung seines Verhältnisses zu den maßgebenden Faktoren ist nichts bekannt geworden, und auch in seinem Verhältnis zum Reichstage ist nichts hervorgetreten, was chn zu dem Entschluß, sich ins Privatleben zurückzuziehen, hätte veranlassen müssen. Der eine Kriegsminister geht, der andere wird kommen, das ist so ziemlich der einzige Eindruck, den dieser! Personenwechsel machen kann.
Gegen kirchliches Gepränge
streitet Graf von Hoensbroech im Maiheft seiner Monats- schrift „Deutschland", weil es dem wahren Christentum zuwider sei. Er schreibt: Im Freiherrn von Heeremann ist ein wahrhaft edles Mitglied des Zentrums aus dieser Zeitlichkeit verschwunden, ein gläubiger, sich religiöser Katholik, dem ultramontanes Wesen, trotz seiner Zugehörigkeit zum Zentrum, innerlich stets fremd geblieben ist. Zur klaren Erkenntnis der Gefährlichkeit des Ultramontanismus hat er sich allerdings nicht durchgerungen, dazu waren die durch die Autorität seiner ultramontani- sierten Kirche gestützten Vorurteile in ihm zu mächtig, aber zuwider war und blieb ihm das Hineinzerren der Religion in den politischen Kampf. Zuwider, in siefster Seele zuwider wäre ihm auch gewesen das pomphasttheatralische Gepränge, mit dem man seine Leichenfeier in der Hedwigskirche umgeben hat. Ta war von Christentum nichts mehr, nur eitles Prahlen mit weltlichen Ehren, dünkelhafte Zurschaustellung „des vornehmen und eleganten Trauergefolges", prahlerische Aufzählung der erschienenen Exzellenzen und Hofwürdenträger. Das gilt übrigens heutzutage von fast allen kirchlichen Feiern, auch auf evangelischer Seite. An den höfisch-zeremoniellen Formen solcher Schaustellungen hat das schlichte, innerliche Christentum keinen Teil mehr. Ein vom echten Geiste Chrissi beseelter Geistlicher, gleichviel ob evangelisch oder katholisch, müßte im Namen des Christentums Ein- spruch erheben gegen diese Entweihung. Wer freilich, „die Verwüstung am heiligen Ort" ist schon lange etwas Alltägliches, Gewohntes geworden und wird es immer mehr. Der gottesdienstliche Prunk,' der sich — leider muß es gesagt werden: von den Fürstenhöfen aus —■ breiter und breiter in der Christenheit macht und zu dessen Ausbreitung katholische Bischöfe so gut wie evangelische Generalsuperintendenteir sich hergeben, ist zum fressenden Übel geworden, zu einem Mißbrauch der Religion Jesu Christi, der sich ihrer politischen Vergewaltigung durch den Ultramontanismus würdig oder besser unwürdig an die Seite stellt. Was haben doch im Laufe der Zeit Prunksucht der Fürsten und charakter- lose Nachgiebigkeit christlicher Geistlichen in dieser Be- ziehung aus dem Christentum der Evangelien gemacht!
miertcr Vulgaren, die selbst einen Trompeter bei sich hatten, über den Wardar nach Gratetz zu. Sie heimsten in einem Dorfe tüchtig ein, w-as sie nur aus Küche und Keller bekommen konnten, und stellten dann einen „Wechsel" aus auf einen in der Nähe wohnenden reichen, türkischen Grundbesitzer. Und der Türke berappte tatsächlich aus Angst vor der Rache der Banditen. In Köprülü, einer an der Bahn liegenden Stadt von 36 000 Einwohnern und mit starker Garnison, ward mir erzählt, daß die Leute nicht mehr wagten, ihre Weinberge zu pflegen und die entfernteren Felder zu bebauen, so groß ist die Unsicherheit.
Das ist nur denen verständlich, welche diese Gegen, den bereisten. Ernste, einsame Gebirgsketten mit zahllosen tiefen, mit Buschwerk bewachsenen Schluchten, mit trockenen Flußbetten, welche sich in Zickzackwindungen durch die Vergeinschnitte ziehen, ohne Weg und Steg, mit verborgenen Schlupfwinkeln überall; wenige Ortschaften, deren Bewohner aus Angst in jeder Weise die Räuber unterstützen und sie warnen, falls Militär naht. Erfahren dies wiederum die Soldaten, so geht's von ihrer Seite den Dörflern schlecht. Die Bauern sind bei diesen jammervollen Zuständen der leidendste Teil, und es steht sehr zu befürchten, daß sich auch in wirtschaftlicher Beziehung für diese so schwer heimgesuchten Gebiete die schlimmsten Nachteile ergeben werden. Hungersnot — das fehlte nun gerad' auch noch!
Wilde Romantik liegt über diesen schweigsamen, ver- lastenen, mit Buchsbaum und Flieder bestandenen Ge- birgspästen, durch die sich schäumend und brausend in vielfachen Strudeln der Wardar ergießt, dessen Laufe die Bahn meist folgt, an manchen Stellen fast eingeklemmt zwischen schroffen Felsenwänden, über denen Falken und Adler langsam ihre Kreise ziehen. Dann geht's hinein in das fruchtbare Tal von Ueskueb, nach achtstündiger Fahrt ist der Ort erreicht, der von fern bereits mit seinen grauen Festungsgemäuern und hellen Kasernenbauten hoch über dem Flusse einen prächtigen Anblick gewährt.
Schon auf dem Bahnhofe herrscht regstes militärisches Leben, eine Gruppe von Offizieren überwacht hier die Verladung einer Batterie, dort harren wiehernd und scharrend die Pferde der letzteren der Stunde, wo sie in die bereitstehenden, strohgefüllten Güterwagen verbracht werden, und da trotten einige Dutzend Maultiere einher, jedes mit zwei Holzkisten bepackt, an welchen mit großer,
W
