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Beilage zum Wiesbadener Tagblatt.

Po. 218. Morgen-Ausgabe.

Samstag, den 9. Mat.

51. Jahrgang. 1903.

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Mein Plan btr Landung in England war gigantisch. )► Ich hätte Häsen und Schiffe bauen sollen. Bruix war der * rechte Mann, mich in diesem Unternehmen zu unterstützen.

# Er trug eine Fenerseele in einem schwächlichen Körper/ it Napoleon.

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(18. Fortsetzung.)

Spate Erkenntnis.

Roman von Alexander Römer.

Es war ein trüber Abend, die Stunde vor dem xiner. Die einzige, welche Miß Scott mit großer Energie für sich allein oder zum ungestörten Austausch mit ihrer Partnerin festhielt, während welcher jede Störung unter- sagt war.

In Miß Scotts behaglich, ja elegant eingerichtetem Arawing Room brannte schon ein wärmendes Feuer im Kamin. die schweren Vorhänge waren geschlosseir. und die chtt rosa Schirm versehene Lanrpe erleuchtete den nächsten Umkreis deZ Tisches, an dem Ellen mit Miß Scott saß. Die Damen waren beide schon in Diner-Toilette, schwerer, rauschender Seide, und Ellen hatte sich zu einer höchst anmutigen, jedem auf den ersten Blick sympathischen Er- scheinung herausgebildet, schmiegsam und freundlich. Während die ein paar Zoll größere Miß Scott die personifizierte Würde darstüllte.

Da klopfte es draußen. Miß Scott wandte mit einer Falte auf der Stirn ihren Kopf und rief herein! Sie waren gerade in einer wichtigen Auseinandersetzung be- griffen.

Es war Mabel, das zierliche Zimmermädchen mit dem koketten Häubchen auf dem blonden Scheitel.

„Verzeihung! aber es ist ein Eilbrief."

Mabel überreichte knixend Ellen denselben.

Diese erschrak und Prüfte verwundert die Handschrift der Adresse. Aus Schwanau — aber weder von der Mutter, noch vom Bruder — sie öffnete unter Herzklopfen das Couvert.

Drei dicht beschriebene Seiten.-Zum Schluß

hieß es: Me arme Mama weiß niemals, wo er sich be- finoet. Seit einigen Tagen ist sie nun ganz zusammen­gebrochen. bettlägerig, und ich fürchte, sie wird sich nicht so bald wieder erheben. Ich hörte sie oft eine Sehnsucht nach Ihnen aussprechen — sie fühlte sich ratlos und der- lassen. aber sie wird Sie nie zurückrufen. Ich meine aber, daß Sie kommen sollten. Hilfe muß geschafft werden, «ine Fremde kann in diesem Falle wenig leisten, wo es sich nur um ein mögliches Eingreifen, um seelische Auf- richtung handelt. In solchen Zeiten gehört die Tochter zur Mutter, vielleicht vermögen Sie auf den Bruder zu wirken. Ich kenne Sie zu gut, ich weiß, daß ich nicht um­sonst mich an Ihr Pflichtgefühl wende."

Ellen war kreidebleich, das Blatt zitterte in ihren Händen. Das kam unerwartet, klang rätselhaft — schrecklich. Ihr Kopf schwindelte. Wie konnte sie denn Hier fort, augenblicklich, wo alle ihre Interessen, ihre glänzenden Zukunftsaussichten lagen. Sie stöhnte un­willkürlich laut auf.

Miß Scott, welche ein Buch genommen und anscheinend sich in die Lektüre vertieft hatte, um sie nicht, zu stören, trat jetzt teilnehmend zu ihr. „Schlechte Nachrichteit, Mß Ellen?" .„ _

Mit ihrem bleichen, verstörten Gesicht reichte Ellen ihr den Brief. Me Dame las mit steigendem Erstaunen.

„Aber wa§ für ein Mensch ist denn Ihr Bruder?" rief sie unwillkürlich. .

Ellen sagte sich bitter, daß es schwer für sie sei dte Frage zu beantworten. Sie hatte nur rühmend von Leopold gesprochen, wo sie seiner erwähnt hatte, sie glaubte ihn im Hafen, vom Glück getragen — und doch, wenn sie sich ernstlich prüfte, wie beurteilte sie im Grtinde seinen Charakter? Wenn sie ganz ehrlich war, so wußte sie von jeher, er war ein großer Egoist, der nie auf andere Rücksicht nahm. Me Mutter _■— Susi, das Mädchen, das er aus ihrer stillen, . friedevollcn Welt herausgelockt — wie handelte er an ihnen? Eine Reihe von tiefen Schatteir, die sein Bild verdunkelten, sttegen ihr auf. sie vermochten keine Antwort zu geben.

„Ich fürchte, teure Ellen. Sie müssen gehen", sagte Mß Scott nach einer langen Pause.

Ellen zuckte zusannnen, es rann kalt durch ihre Adern.

„Wenigstens für eine Zeit lang, um mit eigenen Augen zu sehen, was da vorliegt, um Ordnung zu schaffen", entgegnete sie tonlos.

„Natürlich nur für eine Zeit lang — hoffentlich nur für kurze Wochen —" bestätigte Mß Scott.

In Ellen stieg es bitter auf. Sie. die vom schwachen Geschlecht, sollte den durch eigene Kraft eroberten Boden unter ihren Füßen verlassen und sich auf eilt schwankend Schiff begeben, in Not und Sorgen um Ordnung zu schaffen, wo der Bruder, der von jeher zu ihrer Stütze bestimmt gewesen war. die Fäden heillos verwirrt hatte. Wer konnte sagen, wann sie wiederkehrte, wenn sie hier jetzt schied — wer wußte, was inmittelst geschah — hier oder dort. Aber es half nichts, je mehr sie nachdachte, desto klarer drängte es sich ihr auf. daß es ihre Pflicht . sei zu gehen, stark zu sein, und auf sich zu nehmen, was Gott schickte.

Recht zerschlagen an Leib und Seele saß sie schon nach wenig Tagen an Bord des Postdampfers „Vienna". Sie war noch kaum zur Besinnung gekommen seit der auf­regenden Nachricht, die nöttgen Vorbereitungen für eine längere Abwesenheit, der Abschied von den Schülerinnen, der sich sehr stürmisch und tränenreich gestaltete, hatte ihre Gedanken in Anspruch genommen. Sie fühlte bei diesem Scheiden, wo die bange Frage, wann und ob sie werde wiederkehren können, sie beängstigte. wie fest sie inmitten dieser Jugend wurzelte, wie heimlich alle an ihr hingen.

Nun war sie allein, ihr Kopf schmerzte, sie vermochte es nicht, unten in ihrer Kabine zu bleiben, wo es heiß und schwül war. Sie nahm ihren dunkeln Regenmantel, zog die Kapuze über den Kopf und ging auf Deck. Schlafen würde sie in dieser Nacht doch nicht können, jetzt kamen die schweren sorgenvollen Gedanken, was sie zu Hause finden werde, mit peinvoller Wucht über sie.

Sie saß auf einem Haufen zusammengerollter Taue in einer windgeschützten Ecke, die See war ruhig, der

Koloß glitt in gleichmäßiger Bewegung durch die Wogen, ttnd in dem von der Schraube aufgewühlten Gischt und Strudel zitterten die Mondstrahlen.

Sie kauerte da in sich versunken, die kalte Nachtluft tat ihrem schmerzenden Kopf wohl, die marternden Ge­danken ertrugen sich hier besser, als da uutcn. _ Es war still an Deck, die Passagiere schliefen in den Kabinen, nur die wachthabende Mannschaft ging hin und her, tvechselte Reden und Zurufe.

Sie achtete auf nichts, was um sie her geschah, sie stützte den durch die Kapuze verhüllten Kopf in den Hän­den und blickte auf das Wellengewoge.

Da schlugen wohltönende Laute einer sonoren Männerssimme an ihr Ohr, und gleich darauf ein jugend­frohes Lachen. Sie wandte den Kopf, rechts von ihr. nur wenige Schritte entfernt, standen zwei dunkle Gestalte^ die sich scharf abhoben vom Horizont in der klaren Lust der Septembernacht. Der eine war ein großer, kräftig gebauter Mann, in seiner Haltung lag etwas Ruhiges und Stolzes. Ein weicher Filzhut saß auf dem wehenden Blondhaar, sie sah sein Gesicht im Profil, feste, scharf ge- schnitten« Züge, ein weicher freundlicher Mutid unter dem blonden Schnurrbart, es schielte gerade ein Lächeln um denselben, das Kinn darunter breit und kräftig.

Sein Gefährte erschien jünger, hochaufgeschossen und langbeinig, sie sah die weißen vorstehenden Zähne rm Mondlicht blitzen, er dehnte sich nachlässig auf der Bank am Schiffsrand.

Die beiden achteten ihrer nicht, sie unterhielten sich in englischer Sprache. Sie hätte darauf wetten mögen, daß der Große, so fließend er die Sprache auch redete, ketn Engländer sei. ®er Jüngere war zweifellos ein Lohn Albions.

Unwillkürlich lauschte sie den getauschten Reden, der Klang der Stimme des Älteren tönte ihr so sympathisch im Ohr. Sie sprachen vom Zauber südlicher Sonne, der Jüngling ttat seine erste große Reise an. er wollte mit deni Schiff bis Getiua und den Winter m Italien der- leben, ein großmüttger Onkel hatte ihm die Rersekasss gefüllt Er ward nicht müde, den andern, der von )en- seits des Ozeans kam. von Valparaiso, und die halbe Welt bereist zu haben schien, auszufragen über hundert Mnge. Er schien recht ungenügend vorbereitet für sein« Jtalienfahrt.

Der Ältere gab unermüdlich Antwort und guten Rat. Es lag etwas Sicheres. Festes. Erschöpfendes in jedem Wort, welches er sprach. Ellen horchte ftmner inter- essterter. Er ging jetzt nach Brüssel, wo er Geschäfte zu erledigen hatte, dann später auch nach Italien, der Jung- ling sprach lebhaft die Hoffnung auL. daß sie sich dort wieder tteffen möchten. Sie saßen jetzt beide in ihrer unmittelbaren Nähe, ihre dunkle Gestalt verschwamm wohl mit dem Hintergrund, sie achteten ihrer nicht. Der Ältere wandte ihr sein, jetzt voll vom Mond beschienenes Gesicht zu. ein schönes, gutes. Verttauen erweckendes Gesicht. Freundliche klare Blauaugen, eine hohe Stirn, umweht von dem vollen Blondhaar. Er hatte den Filz,' Hut abgenommen, und der frische Seewind wirbelte es um seine Schläfen.

«Fortsetzung folgt.)

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