Einzelbild herunterladen
 

WitMkner THlstt.

<M- Jahrgang «Irftfiettw in zwei Ausgaben. — BezugS-Prei»: durch den Verlag S« Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. 50 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

10,000 Abonnenten.

Slnzeigen-PreiSr Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeigen 15 Pfg.. für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Pctitzcile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.

lür die Abend-Ausgabe bi» 12 Uhr mittag», für die Morgen »Ausgabe bi» 3 Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme später cingereichter Anzeigen zur nächst- g*”' “ ywwmjiw erscheinenden Ausgabe, tote für die Anzeigen-Äufnahme an bestimmt vorgeschriebenen Tagen wird kein« Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

Qq* 213» verlagS-Ferusprecher No. SOS».

1 ‘ >. Bi. - ■ ■ "' I

Morgen -Ausgabe.

¥ —'-- ■ --i ! -1- ' -1

Aach den Festen.

Unser Pariser Korrespondent schreibt unter dem fl. Mai: Die französische Hauptstadt hatte die ihr seit langer Zeit nicht beschieden gervesene Ehre, einen der mächtigsten Souveräne Europas in ihren Mauern be­grüßen zu dürfen. Illuminationen, Empfänge, Bankette, Soireeen, Galavorstellungen folgten ohne Unterlaß auf einander und die beflaggten Straßen strotzten während dreier Tage von Menschen. Zwei Wochen hindurch war Algerien der Schauplatz der zu Ehren der Anwesenheit des Präsidenten der Republik veranstalteten Festlich­keiten. Alle größeren Städte wurden vom Präsidenten und seinem zahlreichen Gefolge besucht und auch in Algerien und Tunis löste ein Bankett das andere, ein feierlicher Empfang den anderen ab. Zweifellos wird uns dieser ununterbrochenen Reihe von Festtagen manches Ersprießliche für die französischen Interessen erwachsen. Namentlich die afrikanische Kolonie, die bisher vom Mutterland« arg vernachlässigt wurde, dürfte direkten Nutzen aus der Reise des Präsidenten der Republik ziehen und einen neuen Aufschwung ihrer Kolonisation, welche immer nur langsam und matt vor sich ging, zu verzeichnen haben. Die das Staatsoberhaupt auf seiner Reise begleitenden Journalisten ließen es sich angelegent­lich sein, die Franzosen über die in Nordafrika schlum­mernden Naturreichtümer aufzuklären. Die Leute von der Presse, die dithyrambische Artikel über die daselbst noch zu erschließenden Quellen des Wohlstandes ver­öffentlichten, werden wohl mit frischeren Augen um sich geschaut haben als die ins Land geschickten Beamten, deren Horizont oft nicht über den grünen Tisch hinausgeht. Was die Früchte anbetrifst, die der Aufenthalt Eduards VII. in Paris in politischer Hinsicht gezeitigt hat, so scheinen sie uns vorderhand noch recht chimärischer Natur zu sein. Es mag sein, daß der bewaffnete Welt­frieden eine weitere Garantie erhalten hat, obwohl der englische Souverän, welcher in seinem Lande doch nur ein Schattendasein führt, von keinem seiner Minister begleitet war. Aber die angebliche „Herzlichkeit", mit der der König von England laut der Regierungspresse begrüßt worden sein soll, muß, wenn man bei der Wahrheit bleiben will, schlechterdings auf den Ausdruck „Höflich­keit" zurückgeschraubt werden. Zwar ließ sich die Pariser Bevölkerung nicht auf die Anzapfungen ein, welche Millevoye, der Chefredakteur der vielgelesenen „Presse", unternommen hatte und die darauf hinausliefen, daß die Pariser dem König von England dieselbe Aufnahme wie

l ea’a'j.'. ' B BiBB .. > > ——

Freitag» den 8. Mai.

einstmals dem König von Spanien bereiten sollten, also einen Empfang mit Pfeifen und Verwünschungen. Hatte doch selbst der sonst immer die Glut der Unzufriedenheit schürende T^rouldde den gescheiten Einfall — vielleicht den ersten seines Lebens —, seine Anhänger von der Patriotenliga vor stürmischen Kundgebungen gegenüber Eduard VII. zu warnen — allerdings mit der für uns Deutsche äußerst schmeichelhaften Begründurrg, daß es unangebracht sei, den König von England auszupfeisen, weil darunter der dem deutschen Kaiser zugedachte Empfang — von einer Reise desselben nach Paris scheinen die Franzosen immer noch täglich zu träumen — leiden und vielleicht zu wenig kontrastvoll, zu wenig katzenmusik- artig ausfallen würde. Aber, Millevoye und D6rouldde bei Seite gelassen und um so mehr bei Seite gelassen, als uns diese politischen Klopffechter, die auf die schlimmsten Instinkte der Masse ihre Hirngespinste gründen, in Deutschland vollständig kühl lassen, der Empfang des englischen Königs war bei weitem nicht derjenige, wie ihn die französische Regierungspresse auszumalen beliebt, und noch.gestern schrieb die Pariser Zeitung „Eclair": „Die Menge war im Grunde feindlich gesinnt und man hat etwas mit dem Feuer gespielt, als man einen fremden Herrscher leicht möglichen Beleidigungen aussetzte."

Immerhin, Emile Loubet, der sich nun nach den großen Anstrengungen der letzten Wochen auf einige Tage bei seiner alten würdigen Mutter in Marsanne einer wohlverdienten Ruhe hingeben wird, der Minister des Auswärtigen und der Kolonieenminister können mit den Festen und Ereignissen der jüngst vergangenen Zeit zu- frieden sein. Ihnen hängt der Himmel, was die aus- wärtige und die Kolonialpolisik anbelangt, voller Geigen. Die innere Lage Frankreichs sieht dagegen keineswegs rosig aus und einige Betrachtungen hierüber mögen unter der Überschrift: „Nach den Festen" um so eher am Platze sein, als zu befürchten ist, daß die Regie- rung nunmehr auf den nach ihrer Meinung erzielten Lorbeeren eine Weile ausruhen und die wirtschaftliche Notlage eines Teils der Bevölkerung darüber vergessen wird. Diese Notlage erstreckt sich von der bretagnisckM Küste bis in den Süden Frankreichs. In der Bretagne herrscht ivegen des Ausbleibens der Sardinen am atlantischen Ozean nach wie vor Elend und Hunger und man kann nicht gerade sagen, daß das Kabinett sich über­große Mühe gegeben hat, um die dortige Not zu lindern. Ob an diesem saumseligen Eingreifen der Regierung der Widerstand der Bretonen gegen die Kirchengesetze die Schuld getragen, mag dahingestellt bleiben. Schlimmer noch sieht es im Südwesten und Südosten Frankreichs aus. Ter Weinbau wird in diesem Jahre eine Krisis durchmachen, wie er sie seit den Verwüstungen durch die Reblaus nicht erlebt hat. Der Monat April hat die

RebaktionsHernsprecher No. SS. 1903.

Hoffnungen der Weinbergbesitzer und Weinbauern durch seine wintermäßige Temperatur, die er nach einem vor­zeitigen Frühling in den Tagen vom 14. zum 20. zeigte, gründlich vernichtet. Auf dem Weinbau beruht aber gerade zum großen Teil der Nationalreichtum. In den Vorjahren war die Weinernte eine so übermäßige, daß die Verkaufspreise auf ein so lächerliches Niveau sanken, daß angesichts der vermehrten Betriebskosten kein Gewinn zu erzielen war. In diesem Jahre tritt in manchen Gegen­den insofern das Gegenteil ein, daß überhaupt kein Wein zur Reife kommt. Mit Kartoffeln, Obst, Getreide sieht es nicht besser aus. An einem gelinden Katzenjammer nach den jetzigen Freudentagm wird es mithin nicht fehlen!

Deutsches Deich.

Die sozialpolitischen Aufgaben der Volksschule.

Das. preußische Kultusministerium hat neuerdings an sämtliche Regierungen eine Verfügung erlassen, welche auf die sozialpolitischen Aufgaben der Volksschule hin- weist. Es kann in der Tat keinem Zweifel unterliegen, daß in einer Zeit der wirtschaftlichen Entwickelung, der fortgesetzten Verschiebung der sozialen Verhältnisse, der Veränderungen in der sozialen Gesetzgebung, der Fort- schritte auf den Gebieten der Landwirtschaft, des Ver- sicherungswesens, des Verkehrs u. dergl. auch die Auf- gaben jener Anstalten sich erweitern müssen, in welchen rund 95 Prozent der Bevölkerung Deutschlands ihre grundlegende Ausbildung genießen. Wir sprechen von grundlegender Ausbildung, welche die Volksschule ge- währt, denn daß diese Ausbildung durch eine obligatorische Fortbstdungsschule oder besondere Fachschulen ergänzt werden muß, davon dürfte heute so ziemlich jeder über- zeugt sein, der entweder als Handwerker, Kaufmann oder Arbeiter den Kämpf ums Dasein an sich selber er- lebt, oder in entscheidender Stellung für die Zukunft des Vaterlandes um die Hegemonie unserer Industrie auf dem Weltmärkte besorgt ist. Es entspricht denn auch der frischere Zug, welcher durch die Handelsministerien bezüg- lich der Gründung neuer Fachschulen, Meisterkurse rc. geht, einem zeitgemäßen Bedürfnis. Daß die Volks- schule dem Faktor „Entwicklung" immer Recht trüge, kann nicht gerade behauptet werden. Me Rubrik: „Die Kulturausgaben leiden nicht", bringt Beweise genug Um so fteudiger ist jener Erlaß zu begrüßen, der auf eine Besserung hindeutet. Es wird in demselben darauf hingewiesen, daß die Gegenwart der Volksschule eine Reihe von Aufgaben stellt, die wichtig genug seien, in ent­sprechender Weise berücksichtigt zu werden. Dahin ge­hörten die Gesundheitspflege, die Nahrungsmittellehre.

Feuilleton.

Im europäischen Mrtterwinkel.

Reiscbriefe von Paul Lindcnberg.

VI.

8on Saloniki nach Mouastir. — Geschichtlicher Bode«. — Grobe Eindrücke. — Die Bewachung der Bahn. — Ankunft in Mouastir.

— Militärisches Lebe«. — Bon der Einwohnerschaft. — In den Straße». — Beim General-Gonvernenr Ali Risah-Pascha. — Wichtige Äußerungen. — Allerhand Ansichten nnd Meinungen.

— Bnlgare« und Albanese«. — Überfälle. — Die Reformen. —

Was wird werbe«?

Mouastir, 22. April.

Es ist denkwürdiger, geschichtlicher Boden, über den uns die Bahn von Saloniki nach Monastir in 10 Stunden führt; die Heerscharen Philipps von Makedonien und Alexanders des Großen sammelten sich hier zu kühn­gewagten Eroberungszügen, wie sie vor- und nachher nie die Welt gesehen, und das kleine, mißachtete Reich der maceöonischen Herrscher vor Philipp, es ward der Schrecken von Rom und Athen, der persischen und indi­schen Länder. Und später, als nach kurzer Herrlichkeit der so plötzlich aufgegangene Glanz erloschen, welch ver­wirrendes, blutiges Getümmel sahen diese zu hoher Kultur gelangten Gebiete! Mit ungeheurer Wucht wurden sie von den gallischen Massen überschwemmt, Pyrrhus folgte mit seinen Heeren, die Römer durchzogen sie kampfentflammt, dann rangen hier die Byzantiner mit den kühn emporstrebendcn slawischen Völkerschaften, zu­mal den Bulgaren, um die Vorherrschaft am Balkan, bis die Osmanen erschienen und siegreich überall die Fahne des Propheten wehen ließen, nachdem auf dem Amsel- fclde Sultan Murad die slawische Kraft gebrochen.

Von neuem aber sucht sich jetzt letztere empor- »uringen zu keckem Wagnis und zu selbständiger Macht- intfaltung. Die Losreißung Griechenlands, Rumäniens, Serbiens, Bulgariens vom türkischen Staate hat die in Macedonien lebenden Zugehörigen jener Stämme mit gärendem Selbstbewußtsein erfüllt und läßt ihre Blicke sehnlichst über die Grenzen schweifen, von dort Hülfe erwartend. Aber von wem und für wen? Zu viele fmd's, die hier auf Beistand von draußen harren, von denen jeder für sich den besten Teil des fetten Bissens

beansprucht. Und keiner gönnt dem anderen auch nur

das geringste. Die Griechen sagen: „Lieber tausend Jahre unter den Türken, als zwei Jahre unter den Bulgaren", und ähnlich dürften wiederum die letzteren, ferner die Serben, die Walachen, die Albanesen, Lenken.

Niemand traut seinem christlichen Nachbarn vom an­deren Stamme Gutes zu. „Kommen die Bulgaren an die Spitze, so können wir schon gleich einpacken und verschwin­den", meinen die Serben. Vor einem kräftigen Bul­garen hegt jedermann hier berechtigte Besorgnis, und man ist einig im Haß gegen den bulgarischen Großmachts­kitzel, während man andererseits Furcht I*it vor aller­hand „unbewußten" geheimen Plänen Rußlands, die in der Phantasie der Bevölkerung, auch der türkischen, sowie in der politischen Unterhaltung der meist national sehr engbegrenzten geselligen Kreise eine große Rolle spielen. Davon gelegentlich Näheres.

Blau schimmerte das Meer herüber und helle Morgensonne lag auf dem flachen Weideland, als um die siebente Stunde unser Zug Saloniki verließ. Aus den kleinen Dörfern ragten, gleich Kastellen, die Wohnstätten der wohlhabenden Grundbesitzer hervor, festgemauerte Behausungen mit turmartigem Aufbau, der unten nur Schießlukcn enthält und bei einem Überfall den Bewoh­nern als Festung dient, in der sie sich so lange halten können, bis Unterstützung naht. Denn ganz sicher ist's hier immer noch nicht, selbst nicht in der nahen Umgebung von Saloniki, und ein guter Revolver, ein schußfertiges Gewehr gehören zur nötigen Ausstattung auf der „Cam- pagna", dem Lande. Im Hinblick auf das bulgarische Bandenwesen ist die militärische Bewachung der Bahn eine sehr sorgsame; Patrouillen zu Fuß und zu Pferde erblickt man längs der Gleise, auf jeder Haltestelle Gcn- darmcrie-Posten, jede Brücke nnd jeder Tunnel werden doppelt bewacht, in weißen Zelten, auch in schnell errich­teten Lehm- und Reisigbaracken find die Soldaten unter- gebracht, einzelne Ortschaften haben eine Einquartierung von 00 und mehr Mann erhalten.

Rechtsseitlich der zweiten Station, Kerdjelae, führt der Weg zur Stätte der ehemaligen Pella, jener freudigen macedonischen Königsstadt, in der Alexander der Große geboren ward, von welcher aber heute nichts mehr er­halten geblieben ist außer geringfügigen Trümmerresten. Und einige Stunden später, nachdem wir in dem mitten

im Grün gelegenen Karaferia kurze Rast gemacht, be­rühren wir eine zweite ehemalige Residenz der Könige Macedoniens, Wodena, das alte Edessa, in dem Philipp, der Vater Alexanders, seinen gewaltsamen Tod gefunden. Auf trotzigem, aus Tropfstein gebildetem Bergvorsprung, von dem sich silberne Wasserfälle in die tiefe, grün, besponnene Ebene ergießen, während aus der Ferne der Olymp weißschimmernd majestätisch hcrübergrüßt, ruht der Ort mit seinen weißen Häuschen so malerisch, so friedlich und idyllisch, daß sich unwillkürlich ein bewun­dernder Ruf auf die Lippen drängt. „Hier sollten Sie bei Ihrer Rückkehr Station machen", sagte mein kundiger, liebenswürdiger, auf einer Inspektionsreise begriffener Begleiter, Bauinspektor Hochgraßl, fast garnicht besucht wrrd die Stadt von Touristen und sie bietet doch so viel in jeder Beziehung." — „Gut, abgemacht, auf der Rückfahrt bleibe ich hier!"

f unier umpcyttgster deut- scher Verwaltung stehende Bahn immer höher in das Ge­birge hrnern, durch zahlreiche Tunnels geht's und über lange, raffelnde Eisenbahnbrücken, welche jähe Abgründe überspannen. Dann plötzlich in der Einsamkeit ein lteb- nches Landschaftsbild: der weite Ostrowo-See mit seinen grünlich-blauen Fluten und der massigen, schneebedeckten Felskette als Abschluß, bald dahinter der Peterska-See an seinen Ufern einzelne Dörfchen, deren Herden von bewaffneten, nt faltige, dunkle Mäntel gehüllten Hirten auf bre Weide getrieben werden. Keuchend, dichte graue Dampfwolken auspuffenö, schleppt die Maschine langsam die schwere Last bergan; großartige Ausblicke eröffnen lick, rn ernste Gebirgstäler mit blinkenden Sturzbächen von allen Seiten schieben sich die Berge zusammen, Eis um­hüllt ihre Häupter und dichte Schneefelder erstrecken lick» brs zu ihren Füßen, es ist eine Alpenscenerie von wilder Wucht und überraschender Romantik. Und sie steht in schroffstem Gegensatz zu den wohlgepflegten Getreide­feldern und den blütenüberschütteten Obstbäumen L

pelagomschen Ebene, in die jetzt unser Zug hinabrollt und dort unten taucht nun Monastir auf, hinter ihm aber die lange, stolze Kette der eisumpanzerten Neretschka Blanina-Alpen, zwischen denen der 2300 Meter Hobe Peristeri sein spitzes Haupt hoheitsvoll in die Wolken reckt.

Br, man merkte bei der Ankunft in Monastir die