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Jahrgang.

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fjtll* 214* Berlags-Fernfprecher No. 2958.

Freitag, den 8. Mai.

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

1903.

Abend-Ausgabe.

mm

Der Kulturkampf in Frankreich.

Der Kulturkampf, der in Frankreich eigentlich schon seit Jahren tobt, aber in den letzte,: Wochen seine,: Höhe­punkt erreicht hat, wird von beiden Seiten, von der Re­gierung wie von den Klerikalen, mit einer leidenschaft­lichen Erbitterung geführt, die jedoch in der von kleri­kaler Seite ausgegebenen Parole, daß der Kampf zwi­schen dem Dogma und den republikanische:: Grund­prinzipien mit der vernichtenden Niederlage eines von beiden enden müsse, ihre hinreichende Erklärung findet. Die gewaltigen Anstrengungen, welche von seiten der Regierung gemacht werden, um diesen Kulturkampf, diesen Kampf gegen die Kongregationen zu einem raschen und siegreichen Ende zu führen, erklären sich hinreichend dadurch, daß nicht nur die monarchistisch gesinnten Kreise der Republik mit den Klerikalen gemeinschaftliche Sache machen, sondern daß auch die Offizierkreise, die es frei­lich stets mit den Monarchisten und Klerikalen hielten, ihre Sympatbieen für die gcmaßregelten Kongregationen offen zur Schau tragen, so daß die Offiziere bei den von der Regierung angeordneten Maßnahmen gegen die Orden wiederholt direkt den Gehorsam versagten.

Dieser Umstand, daß die Geistlichkeit in Frankreich von jeher nicht nur die sogenannte gute Gesellschaft be­einflußt hat, sondern daß vor allem auch das Offizier­korps in seiner überwiegenden Mehrheit zu ihnen hielt, war es, der die Führer der Republik schon vor langer Zeit zu der Erkenntnis gebracht hat, daß die größte Ge­fahr für die Republik in diesen: Dreibund zwischen dem Klerikalismus, den, Monarchismus und dem Offizier­korps liege. Die leitenden Männer der Republik waren sich aber auch darüber nicht im unklaren, wie dieser Ein­fluß des Klerikalismus am wirksamsten bekämpft werden könne, denn dieser Einfluß beruht aus dem alten Grund­satz: Wer die Schule hat, der hat das Volk! Während im Laufe der letzten Jahrzehnte die staatlichen Schulen immer mehr zurückgingen, nahmen die Schulen der Kongregationen in ungeheurem Maße zu, und in ent­sprechendem Verhältnis wuchs der Einfluß des Kleri­kalismus.

Wenn die Republikaner auch die hierdurch der Republik erwachsende Gefahr niemals unterschätzt hatten, so sind sie doch zur vollen Erkenntnis derselben erst im Laufe der Dreyfus-Affäre und der sich hieran anknüpfen­den Wirren gelangt. Wenn der gemeinsame Ansturm der vereinigten Klerikalen, Monarchisten, der sogenannten Nationalisten und desOffizierkorps damals mißlang und die französische Republik ihren Bestand behaupten konnte, so lag dies im Grunde genommen weniger an der Wider­standsfähigkeit der Republik als an der Uneinigkeit der Gegner, denen es völlig an einem hervorragenden Führer gebrach. Me verschiedenen Thronprätendenten sind nur Personen, keine Persönlichkeiten, die unbot-

mäßige:: Generale aber vermochten wohl Jntriguen, nicht Revolutionen zu veranstalten.

Jedenfalls erwuchs aber den französischen Staats­männern aus de:: Gefahren, in welche die Dreyfus- Wirren die französische Republik gestürzt hatten, aufs neue die Erkenntnis, der schon Gambetta in dem ge­flügelten Worte Ausdruck gegeben hatte: Der Klerikalis­mus, das ist der Feind! Ter Vorgänger des jetzigen Ministerpräsidenten Combes, Waldeck-Rousseau, setzte drese Erkenntnis in die Tat um, indem er unter schweren Kämpfen das Assoziationsgesetz vom Jahre 1901 durch­setzte, welches die Grundlage des jetzigen Kulturkampfes bildet. „ Jenes Gesetz bestimmte, daß alle nicht mit einer rechtsgültigen Genehmigung versehenen Kongregationen Autorisationsgesuche einreichen sollten, über deren An­nahme oder Verwerfung das Parlament zu beschließen hat. Die ^Mehrzahl der Kongregationen zog es damals vor, aus Frankreich auszuwandern. Ein anderer Teil unterließ die geforderte Anmeldung und wurde infolge­dessen gewaltsam vertrieben, was zu mehrfachen Bauern­unruhen und zu den Manifestationen in Paris führte.

Von sämtlichen Orden Frankreichs blieben danach 431 Kongregationen übrig, unter denen sich 397 Frauen­orden und 54 Männerorden befand«:, die sich dem Gesetz unterwarfen und ihr Autorisationsgesuch einreichten. Was die Männerorden betrifft, so hat ihnen die Unterwerfung unter die Staatsgesetze nichts ge::ützt, denn in den jüng­sten stürmischen Kammerverhandlung«: in Paris sind sämtliche Autorisationsgesuche der 54 Männerorden in Bausch und Bogen abgelehnt worden, und die Orden sind der Auflösung verfallen. Zum Teil sind diese Orden unterdes ausgewandert, zum Teil sind sie nur der Ge­walt gewichen, zum Teil sind die französischen Behörden noch mit der Vertreibung der Orden beschäftigt, und bis zum Juli, den: Schluß des Schuljahres, sollen die 1580 schulen, welche dies«: Orden unterstanden, ge­schlossen werden.

Freilich wird auch in Frankreich die Suppe nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht wird. Die Orden haben ihre Schulen und sonstigen Unternehmungen, wie die Grand Chartreuse, vielfach an Strohmänner übergeben, so daß der Geist der Orden in Frankreich noch lange weiter wirk«: wird. Eben deshalb wird auch der Kulturkampf, der zur Zeit in Frankreich ausgefochten wird und der sich teilweise zu einem Kampf zwischen der Civilgewalt und der Militärgewalt zu erweitern beginnt, noch nicht so bald beendigt werden, und man kann sich noch auf mancherlei Zwischenfälle in diesem Kampfe gefaßt machen.

Die Wirren in der Türkei.

Konstantinopcl, 7. Mai. (Wiener Korrespondenz- Bureau.) Am 3. Mai fand bei dem Dorfe Krapeschta, unterhalb Florina, im Wilajet Monastir, ein Zu­sammenstoß mit Bulgaren statt. Der Führer und sechs Mann wurden getötet. Der Rest flüchtete. Es oerlautet, der Sultan appellierte aus Anlaß der Vorfälle in Saloniki persönlich an den Fürsten Ferdinand, im beiderseitigen Interesse noch ernster als bisher gegen die

macedonischen Comitds vorzugehen, deren Herd zweifel­los sich in Bulgarien befinde, von wo aus die Bewegung wach erhalten werde. Die Pforte beabsichtigt, alles Mate­rial, das sich bei der Untersuchung über die Anschläge in Saloniki als für Bulgaren belastend herausstellt, den Großmächten mitzuteilcn oder zu veröffentlichen. Hier und in den europäischen Wilajets dauern die Verhaf­tungen von Bulgaren fort. Viele Verhaftungen scheinen zweifellos ungerechtfertigt. In Bulgarenkreisen wird be­hauptet, daß geldbedürftige Polizeibeamte viele reiche Bürger verhaften zum Zwecke von Gelderpressungen.

Konstantinopel, 7. Mai. Eine offizielle Depesche meldet, daß General Zontschew in einem Gefecht in der Nähe von Saloniki getötet worden ist. General Zontschew war eines der Hauptmitglieder des bulgarisch-mace- donischen Coinitäs und er gehörte zu denjenigen, welche bei der Auflösung des Comitös verhaftet wurden. Noch vor 0/2 Monaten war General Zontschew interniert, es scheint nun aber, daß er mittlerweile freigelassen worden oder entwischt ist.

hd. Berlin, 7. Mai. Nach einer Belgrader Depesche des „B. L.-A." sandte die türkische Regierung an die bulgarische anläßlich der Vorkommnisse in Saloniki eine scharfe Note, die von Sofia mit einer ebenso geharnischten Note beantwortet wurde. In letzterer Note wird die Schuld an den Vorgängen auf die anarchischen Zustände in der türkischen Verwaltung geschoben. Die Beziehungen zwischen Konstantinopel und Sofia sind infolgedessen äußerst gespannt.

Aus Saloniki berichtet dasselbe Blatt, daß in dem Brunnen der Passage Orientale, wo sich das öster­reichische Postamt befindet, heute alle Vorbereitungen eines nicht zur Ausführung gelangten Anschlages des bulgarischen Comitds entdeckt worden sind. Die Stadt Saloniki ist ganz ruhig.

Nach einer Pariser Depesche hatte Fürst Ferdinand mit Dclcassä eine zweistündige Unterredung, von deren Verlauf er sehr befriedigt ist. Der Fürst soll geäußert haben, er habe die Zuversicht, die Mächte würden den Sultan von Bulgariens Loyalität überzeugen und der Kriegspartei in Koustantinopel wirksam entgegcuarbetten. Von anderer Seite wird versichert, der französische Bot­schafter Constans werde am Samstag vom Sultan emp- sangen werden und ihm zur Mäßigung raten.

-n'b. Köln, 7. Mai. Die „Köln. Ztg." meldet aus Konstantinopcl: Die Mitteilung Bulgariens an die Pforte, Bulgarien werde, falls die Pforte den Wort­laut ihrer letzten, einem Ultimatum gleichenden Note nicht zurückziehe und durch eine andere, in der üblichen Form gehaltene, ersetze, ebenso schroff antworten, wird eine Änderung der türkischen Note nicht herbeiführen. Es ist demnach eine Verschärfung des Zwistes zu erwarten. D ennoch halten unterrichtete Kreise den Ausbruch offener Feindseligkeiten für unwahrscheinlich, da der Sultan schwer zu solchen Entschlüssen zu bestimmen sei, wenn nicht von den Mächten einstimmig Bürgschaft geleistet werde, wofür jedoch keine Anzeichen vorliegen. Die militärischen Maßnahmen auf breiterer Grundlage werden fortgesetzt.

hd. Berlin, 8. Mai. Nach einer Belgrader Depesche soll die bulgarische Regierung die Note der Pforte, in welcher diese in energischem Tone die bulgarische Regic- rnng für die Ereignisse in Macedonien verantwortlich

Die Wette.

Eine amerikanische Novcllctte von S. Barinkay.

(Schluß.)

In einer Loge des Cherry-Blossom Grove, des elegantesten Dachgartens von New-Aork, sitzt Mr. Triang. Der blonde Backenbart ist dichter, der Gesichtsausdruck reifer, charaktervoller geworden.

The Cherry-Blossom Grove, d. h. der Kirsch­blütenhai:: — und richtig, wohin man die Augen lenkt, fiefd man nichts als Kirschblüten. In langen, rosa Zweig«: hängen sie, täuschend natürlich, von den Bögen nieder, die das Glasdach stützen; Grotten von Kirsch­blütengewinden sind arrangiert, aus großen .Kirsch-- bluten leuchten die Glühlichter. Palmen, Orangen und Lorbeerbäumchen verleihen in Verbindung mit dem zart­grünen Leder und grünem Mohr der Klapp- und anderen Stühle dem Raum einen lichten, freundlichen, lenzhaften Eindruck. Springbrunnen rauschen leise, Enten plätschern munter im Bassin; frische Geranien und Goldlack, die in moosigen Rindennischen die Logenränder schmücken, duften lieblich, und dieser Duft mischt sich mit dem künst­lich erzeugten Wohlgeruch irgend eines Extraktes irgend einer berühmten Parfümeriefabrik.

„Welch raffinierte Erfindung der Kategorie Mensch­lein! Ein Frühlingsgarten auf dem Dache!" denkt sich Mr. Triang, der zum erstenmal hier ist und durch ein Lorgnon den Ort und die anrückenden Gäste fixiert.

, Plötzlich zuckt er zusammen. Am Eingang erscheint erne Hohe, schmale Gestalt, die ihm bekannt vorkommt. Ist das nicht Mr. Advingstone? Ei freilich! Und neben chm seine Schwester Edith und ein junges Mädchen, bleich, schlank, elegant, mit auffallender Haarfülle von aparter Farbe, wie gedunkeltes Kupfer, und schönen.

großen Augen; an der Brust trägt sie Rosen von der seltensten Sorte „American Beauty".

Sechs Jahre sind vergangen, seit er Mr. Adving- stone nicht mehr gesehen.

Dieser ist damals mit Miß Edith und dem kleinen Scheusal nach Europa gezogen und der Kontinent hat ihn magisch festgehalten. Einige Brief sind wohl noch herübergeschwommen, aber nur im erst«: Jahr.

Ohne Besinnen sucht Mr. Triang ihn nun in seiner Loge auf, nachdem sie Platz genommen. Tie Begrüßung ist bei den Advingstones etwas zurückhaltend. Das junge Mädchen stellt er ihm erst auf Verlangen vor und murmelt den Namen so in den üppig gewachsenen Voll- bart, daß Triang ihn nicht versteht.

„Wir sind erst seit wenigen Tagen da und machten noch keine Besuche!" entschuldigte er sich.

Triang plaudert und plaudert und scheint die Kühle seines Gegenüber nicht zu bemerken. Er fragt dies und das, erzählt von seinem eig«:en Leben und sagt jäh, mit dem Zeigefrnger an die Stirne tippend: „Oh! Mir fällt da unsere Wette ein, Mr. Advingstone! Was ist aus der ..."

„Please, Mr. Triang, nicht hier!" unterbricht ihn dieser hastig. „Ich werde Ihnen Bescheid geben, wann und wo Sie wünschen!"

„Oh! I am not in a hurry! — Es eilt nicht da­mit!" antwortet er, verdutzt und verfügt sich dann an seinen Platz, denn die Vorstellungen beginnen. Da sie ohne Pause sich aneinander reihen und ihn alsbald er­müden, zumal es ihn drängt, seinen Gedanken nachzu­hängen, erhebt er sich und promeniert an der Seite, wo der Dachgarten offen ist. Tief unten liegt New-Aork in einer mächtigen Dunkelheit, aus der Tausende von elek- tr:schen Lichtern blitzen. Die frische Nachtluft weht kühlend herein.

W:e merkwurd:g eigentlich das Benehmen Mr. Ad- vmgstones ist! Recht merkwürdig! Und dieses eigen- artige, hichsche Mädchen mit dem üppigen Haar und den schonen Augen, wer ist sie? War es Zufall oder Absicht, daß er den Mm«: nicht verstehen konnte? Und weshalb mußte er die Vorstellung fordern? Eigentümlich! Sollte ....

Es legte sich eine Hand auf seine Schulter. „Wenn es Ihnen angenehm ist, treffen wir in einer Stunde in unserem Klubhause zusammen?" spricht Advingstone hmter ihm.

„Well, well!" antwortet Triang und verneigt sich vor den Damen, die dem Ausgang zuschreite::.

Eine Stunde darauf sitzen die beiden Herren in einem Separatzimmer. Sie wollen über ihre Wette sprechen Und Mr. Advingstone erzählt mit bedeckter Stimme und in äußerst knappen Worten.

„Ich brachte das Kind nach Paris zu Br. Calot in das Hospital Rothschild, von dem ich bereits früher Rühmenswertes gehört hatte. Dort wurde es Zunächst gut genährt und gekräftigt, sodann ging man daran die Krümmung«: der Wirbelsäule zu beseitigen Es gelang dies durch eine Operation, die Br. Calot schon Mehrere Dutzcndmale mit Erfolg ausführte. Die Operation selbst war kurz, etwa minutenlang, aber die Kleine mußte elf Monate in Gipsverbänden liegen. Die Nachricht ihrer vollkommenen Herstellung erhielt ich, als ich mit meiner Schwester :n Moskau weilte. Auf mein Ersuchen gab Br. Calot das Mädchen hierauf in Pflege in die gesunde Luft der Bretagne an die See. Nach zwei Jahren — wir hatten inzwischen Rußland, Deutschland, Österreich und Italien bereist — sahen wir Alice wieder. Sie war mager, doch gerade und schlank, sehr bleich, machte aber bereits einen angenehmen Eindruck, da infolge der guten Pflege und Nahrung die skrofulösen Erscheinungen ver-