VikMenkr äagblatt
si. Jahrgang
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JlO. 211. Verla,S.F«r«sprecher No. 2S5S.
Nongsn-Au»g»Ko.
Frauenjiudium in Deutschland.
Es hieße die Augen vor offenkundigen Tatsachen verschließen, wollte inan heute leugnen, daß die Bewegung sijr die Ausdehnung des Frauenstudiums und die Zulassung der Frauen zu den sogenannten akademischen jgerufen mächtig vorwärtsstrebt. Es verlohnt sich wohl, fernab von jeder Kritik der auf ethische, sozial-hygienische und sozial-politische Argumente gestützten Gegnerschaft gegen diese Bewegung, den Versuch zu machen, in yrappen Umrissen ein Bild des gegenwärtigen Standes des Frauenstudiums speziell in Deutschland wiederzugeben. _
Dabei ist zu unterscheiden die Vorbereitung der Frauen für das akademische Studium und das akademische Frauenstttdium selbst. In erster Hinsicht handelt es sich um die gerade in neuester Zeit im Anschluß an die Stellungnahme der preußischen Unterrichtsverwaltung 5 u dieser Angelegenheit wieder lebhafter erörterte Frage des Gymnasial-Unterrichts für Mädchen. Wenn man erfvägt, daß erst genau zehn Jahre verflossen sind, feit- dem das erste Mädchengymnasium in Deutschland — in Karlsruhe ■— gegründet wurde, so wird man zugestehen müssen, daß die Entwickelung dieser Frage, welche heute bereits auf einem Punkte angelangt ist, wo die Meichheit zwischen Knaben-Gymnasium und Mädchen- Eymnasium beinahe überall bis auf eine Formalität, die Benennung, eingetreten ist, außerordentlich rasch gewesen ist. Es ist dies um so beachtenswerter, als diese Entwickelung mit ganz wenigen Ausnahmen auf die private Initiative zurückzuführen ist und als die Anfänge einer radikalen Inangriffnahme der Frage, eben durch jene Karlsruher Schöpfung, nichts weniger als zur Nachahmung verlockend waren. Dem Karlsruher Mädchen- Gymnasium ist erst durch die mit der Übernahme der Anstalt in städtische Verwaltung im Jahre 1898 verbundene Reorganisation eine gedeihliche Zukunft gesichert worden. Immerhin ist nicht zu übersehen, daß die Einrichtung von organisch gegliederten Instituten für eine systematische Ausbildung der Mädchen im Sinne der für Knaben bestehenden Gymnasien, Reform-Gymnasien oder Real-Gynmasien in Deutschland bisher sich in verhältnismäßig engen Grenzen gehalten hat; der Erfolg der Bewegung ist mehr ein ideeller als ein praktischer, konkreter gewesen. Im ganzen bestehen jetzt, nach einer Übersicht, welche G. Herberich jüngst in der Münchener „Allgenr. Ztg." veröffentlichte, von privaten Zirkeln ab- gesehen, in Deutschland 14 Anstalten, die zusammen etwa 500 Schülerinnen eine gymnasiale oder realgym-
Donnerslag» den 7. Mai.
nasiale Ausbildung gewähren, nämlich in Karlsruhe (ge- gründet 1893), Berlin (1893), Leipzig (1894), Baden- Baden (1897), Königsberg (1898), Hannover (1899), Stuttgart (1899), Breslau (1900), München (1900), Frankfurt a. M. (1901), Hamburg (1901), Köln (1903), Schöneberg (1903) und Charlottenburg (1903). Von diesen sind 5 städtisch: Karlsruhe, Baden-Baden, Breslau, Schöneberg, Charlottenburg. Außerdenr hat man in den letzten Jahren in Baden und Württemberg die Einrichtung getroffen, daß Mädchen in die bestehenden Gymnasien , und Lateinschulen für Knaben ausgenommen werden. Von dieser Einrichtung wurde irn Jahre 1902 in Baden in drei Städten, in Mannheim, Pforzheim und Konstanz, und in Württemberg gar in 13 meist kleineren Orten Gebrauch gemacht.
. Tie Resormbcstrebungen, die sich im letzten Jahrzehnt auf dem Gebiete des höheren Schulwesens überhaupt geltend machten, haben es mit sich gebracht, daß auch den Mädchengynmasien die einheitliche Form fehlt. Tie älteste Anstalt, das Karlsruher Mädchengymnasium, stellt ein sechsklassiges Reformgymnasium Frankfurter Systems dar, das auf die ersten sechs Schuljahre (6. bis 12. Lebensjahr) der badischen höheren Mädchenschule aufgebaut ist. Sie zählt zur Zeit 86 Schülerinnen. Eine ähnliche Anstalt wie die Karlsruher wurde erst im Frühjahr 1899 wieder gegründet: das Mädchengymnasium zu Stuttgart. Auch hier ist der Lehrgang im wesentlichen der des Frankfurter^Gymnasiums. Die Stuttgarter Anstalt weist jetzt 38 Schülerinnen auf. Während man so in Süddeutschland von Anfang an auf einen mindestens sechsjährigen Gymnasialunterricht ausging, konnte man sich, wie Hcrberich ausführt, in Preußen nicht dazu entschließen, derartige Anstalten zu genehmigen. Man hielt vielmehr prinzipiell daran fest, daß die Mädchen erst die neunklassige höhere Mädchenschule absolvieren sollten, um dann erst, also nach zurückgelegtem 15. Lebensjahr, ihre Gymnasialstudien zu beginnen. Alis dieser Basis wurden im Jahre 1893, also gleichzeitig mit dem Karlsruher Mädchengymnasium, die „Gymnasialkurse von Frauen" in Berlin unter Leitung von Fräulein Helene Lange eröffnet. Sie führten ihre Schülerinnen anfangs in 3-, später in 4- und jetzt in 4Z4-jährigem Kursus zum Abiturientenexamen. Sie zählen jetzt 94 Schülerinnen. Ten Berliner Kursen folgten die Leipziger Gymnasialkurse im Jahre 1894 unter Leitung' von Fräulein vr. K. Windscheid. Sie wurden vom „Allgemeinen Deutschen Frauenverein" gegründet und bisher unterhalten. Auch sie haben einen 4^-jährigen Unterrichtsgang und nehmen ihre Schülerinnen gar erst nach zurückgelegtem 16. Lebensjahr auf. Die Zahl ihrer Schülerinnen betrug im Jahre 1901: 37, nachdem sie im Jahre 1898 bis auf 52 gestiegen war. Die Berliner und die Leipziger Kurse blieben zunächst ohne Nachfolge. Erst
RedaklionS-Fernsprecker No. 52. 1803»
vom Jahre 1898 ab wagte man sich wieder an die Gründung neuer Anstalten. So entstanden iin Jahre 1898 Gymnasialkurse in Königsberg mit 4-jährigem Kursus, 1899 in Hannover mit 6-jährigem, 1900 in Breslau mit 4-jährigem, 1900 in München mit 3-jährigem, 1901 in Frankfurt a. M. mit 6-)ährigem. 1901 in Hamburg mit 4sch- bis 5-jährigem Kursus. In Baden-Baden wurde von 1897 ab an der höheren Mädchenschule eine Art Reform-Progymnasium errichtet, indem den sich hierfür meldenden Schülerinnen der drei obersten Klassen der Mädchenschule im Auftrag der Schule Privatunterricht in Latein und Mathematik erteilt wurde unter gleichzeitiger Entbindung von anderen Unterrichtsfächern. Diese pro- gymnasiale Abteilung zählte im Jahre 1902 11 Schülerinnen. In Mannheim wurde die städtische höhere Mädchenschule im Jahre 1901 in einen Mädchenschul- zweig und einen Realschulzweig gegliedert, welch letzterer genau nach dem Lehrplan der badischen Knaben-Real- schulen arbeitet und späterhin zu einer vollständigen Oberrealschule für Mädchen ausgebaut werden soll.
Die Veränderungen, die in den letzten Jahren im Berechtigungswesen der höheren Schulen erfolgt sind, denen zufolge jetzt in ganz Deutschland nicht nur das Gymnasium, sondern auch das Realgymnasium zum Studium der Medizin berechtigt, und außerdem in Preußen das Realgymnasium zu allen Studien Zulaß gewährt mit Ausnahme der Theologie, sind nicht ohne Einfluß auf die Mädchen-Gymnasialkurse geblieben. Dieselben wurden alsbald oder neuestens, d. h. von Ostern d. I. ab, fast sämtlich in Realgymnasialkurse verwandelt, so die in Berlin, Leipzig, Baden-Baden, Hannover, Breslau, Frankfurt a. M. und Hamburg, so daß als gymnasial m:ßer den eigentliche!: Mädchengymnasien in Karlsruhe und Stuttgart nur noch die Kurse in Königsberg und München übrigbleiben. In Preußen hat die Unterrichtsverwaltung in jüngster, Zeit „versuchsweise" die Einführung sechsjähriger Eymnasialkurse mit einem Eintritts- alter von mindestens 12 Jahren für Anstalten in Schöneberg, Charlottenburg und Köln genehmigt, aber unter Verweigerung ihrer Bezeichnung als Untertertia rc. bis Oberpnma. Die Kurse haben vielmehr die Bezeichnung sechste bis erste Realgymnastalklasse zu führen. Es ist wohl anzunehmen, daß sich diese Organisation mit der Zeit zur Grundlage aller Mädchengymnasien ausbilden wird.
Mit der Entwickelung dieser Seite des Frauenstudiums hat eigentlich die Frage des akademischen Frauenstudiums nicht gleichen Schritt gehalten. Mt Ausnahme Badens, das bekanntlich 1891 mit der Zulassung der Frauen zum Universitätsstudium, zunächst in der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät Heidelbergs, den Anfang machte, sind die Frauen in Deutschland noch nirgends zur eigentlichen Immatrikulation zugelassen, auch dann nicht.
Feuilleton.
Air Segler der Füste.
Von Albert Herling.
Von allen gefiederten Frühlingsboten ist uns keiner willkommener als die Schwalbe. Man freut sich im Februar oder März über den ersten Star, der seinen frohen Lockruf ertönen läßt, und wären selbst noch ein paar Grad Kälte oder ein weißes Schneetuch über allem ausgebreitet, man horcht mit Entzücken auf, wenn an Znem sonnigen Märztage hoch auf Baumeswipfeln Stieglitzscharen ihr anmutiges Gezwitscher vernehmen lassen, wenn die Lerche wieder „an ihren bunten Liedern selig in die Luft klettert", oder wenn gar der erste Buchfinkenhahn mit schmetterndem Schlage sein munteres Liebeswerben ankündigt — aber weit inniger ist doch die Freude, wenn man an einem Apriltage zum ersten Male wieder das Kiwit der Schwalbe vernimmt, die uns damit ankündigt, daß auch sie aus dem milderen Süden zurückkehrte, und uns etwas von der dortigen Wärme mitbrachte. Es wird einem ordentlich wohlig ums Herz, denn man sagt sich, daß mit dem Erscheinen der Schwalben die milderen Tage nun wirklich beginnen, daß der Früh- ltng endlich den Sieg über den abziehenden Winter da- vongetragcn. Der Städter freut sich ebenso wie der Landmann, wenn er die treuen Vögel, die so volkstümlich sind wie wenig andere, wieder erblickt, die in Bekundung ihres tief wurzelnden Heimatsgefühls immer wieder zu der alten Niststätte zurückkehren und gleich damit beginnen, überall Mücken und Fliegen wegzuschnappen. Allen sind die unermüdlichen Tiere liebe Freunde.
Oft genug schon ward die Frage aufgeworfen, wie es möglich ist, dasi die Schwalbe bei ihrer Wiederkehr ans dem Süden mir unfehlbarer Sicherheit ihr trautes Nest am alten Orte nieder auffindct, und sei es an einer noch so versteckten Ecke im Halbdunkel eines Stalles oder sonstwo. Danebenher läuft noch seit Jahrhunderten die andere Frage: wo bringen die Schwalben den Winter zu? Aus dem 15. Jahrhundert bereits berichtet man von einem Mönch, der einer Schwalbe, die in seiner Zelle nistete, einen Pcrgamcntstreisen anband mit den Worten: vübi hiciuastiWo bg.it du überwintert?" — und
dem im folgenden Frühjahr auf gleichem Wege die Antwort zuging: „ln lnckiu in domo sutorisa". — „In Indien im Hause eines Schusters". Seitdem sind ähnliche Schwalbenpostcn noch mehrfach aufgegeben und in einzelnen Fällen auch von Nordafrika oder dem Sudan aus beantwortet worden. Oder man hat der geflügelten Hausgenofsin bei der herbstlichen Abreise ein Merkzeichen mitgcgcben und sic bei ihrer Rückkehr daran wieder erkannt. Manche Leute glauben ja noch heute, daß die meisten Schwalben uns überhaupt nicht verlassen, sondern in hohlen Bäumen, Ritzen und dem Röhricht schlafend überwintern, statt nach dem Süden in wärmere Länder zu 'ziehen. Das ist ja auch vereinzelt vorgekommen. Eine alte schlesische. Chronik berichtet z. B., daß man in hohlen Bäumen, die man im Winter umgehauen, „ganze Klumpen in einander geschlungener schlafender Schwalben von der Menge eines halben breslauischen Scheffels" fand, die dann im warmen Zimmer wieder zum Leben kamen, darauf zu den Fenstern hinausflogen, draußen aber elendiglich erfroren. Und aus einer rheinischen Stadt berichtete man erst vor einigen Jahren ähnlich, daß Arbeiter beim Umhauen eines Baumes 12 erstarrte Rauchschwalben auffanden, die im Zimmer ins Leben gebracht und dann in einem Stalle ausgesetzt wurden, in dem sie aber nicht lange ihres Daseins sich erfreuten, da sic vor Hunger und Kälte umkamen.
Welch hübschen Anblick gewährt doch der Flug der Schwalben! Sie sind die besten und gewandtesten Flieger, die wir überhaupt kennen. Die Anmut und Leichtigkeit ihrer Bewegungen im blauen Ater, gepaart mit Schnelligkeit und nie erlahmender Ausdauer, entzücken den Beobachter immer und immer wieder. Ihre nur selten von kurzen Ruhepausen unterbrochene Jagd durch die Lüfte gilt zumeist dem Kampfe ums Dasein, denn die Ernährung der Schwalben erfolgt nur im Fluge. Dabei sind sie gewaltige Fresser, denn die Menge der von ihnen im Fluge erhaschten und vertilgten Insekten ist, wie durch wiederholte genauere Untersuchungen festgestellt wurde, eine ganz ungeheure. Die Jagd beginnt bereits am frühen Morgen und endet oft erst bei einbrechendcr Dunkelheit. Der Vogel wird freilich trotz seiner üppigen Schmausereien niemals fett, denn daran hindert ihn wieder seine ewige Beweglichkeit. Immer bietet er
somit die gleiche gefällige und schlanke Erscheinung. Gegenüber ihrer großen Gefräßigkeit erscheint die Ausdauer bemerkenswert, die die Schwalben im Hungern bewähren können, denn oft genug kann man beobachten, wie sie beim Eintritt kühlerer oder regnerischer Witterung, namentlich im Mai oder Spätsommer, manchmal tagelang mit geringstem Erfolge und in immer schwerfälliger erscheinendem Fluge an den Wänden der Häuser hinstrcichen, um hier traumverlorene Fliegen oder die im Herbst zahlreicher auftretcnden Spinnen wegzuschnappen. An solchen Tagen ist natürlich nichts von der freiheitsfröhlichen Stimmung der Schwalben wahrzunehmen, die sie sonst in die höchsten Regionen empvr- führt, sie scheinen förmlich die geschützten regen- und zugfreien Stellen nicht bloß der besagten Schnabelwcide halber aufsuchen.
Am bekanntesten unter den verschiedenen Schwalbenarten ist, zumal bei den Stadtbewohnern, die kleine wcißbrüstige Hausschwalbe. Ist sie doch ein lieber Hausgenosse, dessen Tätigkeit man oft genug vom Fenster aus beobachten kann, ohne daß das zutrauliche Tierchen, besonders wenn es schon länger an derselben Stelle nistet, sich dadurch verscheuchen läßt. Vorstehende Dach- oder Maucrkränze, die von oben her-den besten Schutz gegen den Regen gewähren, sind ihre liebsten Nistorte, an freier stehenden Kirchtürmen kann man oft Kolouiccn von 50 und mehr Nestern neben einander wahrnehmen. Ich erinnere mich immer mit Vergnügen der Beobachtungen, die ich an solchen größeren Schwalbensiedelungcn im hessischen Edertale wiederholt machen konnte — ein so frohes und anmutiges Leben offenbarte sich einem da, daß man sich nur schwer von dem reizenden Bilde trennen konnte.
über den Nestbau der Schwalben brauche ich mich hier wohl nicht eingehender zu äußern — es ist zu bekannt, was für geschickte Baumeister die Schwalben aui diesem Gebiete sind, um es hier nochmals ausführlicher darzutun. Dieser Nestbau findet natürlich auch anderweitig Anerkennung und solch Schwalbenpalais erscheint z. B. den Spatzen gar häufig als ein recht begehrenswertes Unterkommen. Der vielgewanöte listige Gassew bube unter den Vögeln lauert oft nur darauf, bis das Schwalbennest fertiggestcllt ist, um dann selbst mit seiner frechen Sippe darin Einzug zu halten und sich blutwenig
