ei läge zum Wiesbadener Tagblalt.
Mo. AI. Morgen-Ausgabe.
Donnerstag, den 7. Mai.
31. Jahrgang. 1803.
©nt ist's, einen Wunsch zu begen In der Brust geheimstem Schrei», Mit dem Wnhir, an ihm gelegen Sei dein volles Glück allein.
Gut ist'«, datz der Himmel immer Dir verschiebt die Wunschgewähr, '»'eini beglückt, du wärst es nimmer. Und du hofftest es nicht mehr.
Rückert.
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(16. Fortsetzung.) *
Spate Erkenntnis.
Roman von Alexander Römer.
Was in ihm gärte, niachte er sich nicht klar. Seit jener „gespenstischen" Kahnfahrt war sein innerstes Leben verändert. Alle positiven Wünsche, greifbaren Zukunfts- bilder waren Versunken, er befand sich in einem Traum- swtand,. arbeitete, was ihm zu tun oblag, mechanisch und suchte die Einsamkeit.
Susi, die Arme, weinte viel heimliche Tränen. Sie begriff Nicht, wer oder was ihr den Geliebten verwandelt hatte, sie sah ihn selten, alle die kleinen Listen, die er chfmals so erfinderisch ins Wer-k gesetzt hatte, schimen erschöpft zu sein, er erfand keine mehr, um sie heimlich zu treffen. Wenn sie es errang, ihn zu sehen, war er zerstreut und kalt.
Er sagte ihr, daß er bald fortgehe, auf Befehl seines Gönners in Schwamm sich als Rechtsanwalt niederlassm solle, murrte und schimpfte und erklärte es sür einen Frohndrenst m schmählicher Knechtschaft.
Ihr fiel zuerst nur der Gedanke an die Trmnung auf das Herz — sie war nicht gewohnt, weit voraus zu denken.
Aber allmählich, als - sie mit ihrm bangm Fragen werter in rhn drang, erwachtm in ihr hoffnungsvolle Er- Wägungen. Da kam er doch rasch in eine Brotstelle und sie konnten heiraten.
„Brotstelle — heiraten — jawohl, was weißt du hier in deinem Winkel vom Leben und gar von einem, wie ich es fordere" rief er rauh, so rauh, wie er noch nie zu ihr gesprochen hatte.
Ihr rann plötzlich eine Eiseskälte durch die Adern Scheu, verstört, hülflos wie ein .Kind stand sie da und starrte auf dm, der ihres Lebms einziges Licht geworden war. und der wert über sie hinweg sah. Sie verstand nicht, was geschah, sie hatte keinm einzigm klarm Gedanken. Es senkte sich wie eine schwarze Wand über ihr .Dasein, sie fühlte dumpf das Näher und Näherkommen, bis sie sie bedrückte und begrub.
Sie weinte nicht in diesem Augenblick, sie, der sonst die Traum so lose saßen! es war in ihr alles erstarrt Sie hatte mechanisch ihren Arm aus dein seinen gelöst ohne zu wissm, was sie tat. Er gcivahrte es nicht Sie standen rm kleinen Gehölz hinter den Wiesen, wo die Kühe weideten, wo sie eirrander zufällig getroffen. Sie hatte seiner geharrt, da sie wußte, daß er zu einem Klub in der Festmburg gegangen war, und war selig gewesen als er wirklich allein heinikam, dm Weg. den sie vermutete. Nun schritt er mit dem finsteren Gesicht, das er jetzt immer hatte, neben ihr her und redete weiter.
Au eine Heirat war in langen, langen Jahren noch
nicht zu denken. — sie möge sich um Gotteswillen keinen törichten Jllusionm hingeben. Der Justizrat willige so lange er lebe in solche Heirat nie — was aus ihm unter diesm llmständm würde, sei garnicht zu berechnen.
Sie hörte und verstand kauni. Es war wie ein dumpfes Gebraust, aus dmr sich in ihrem Hirn nichts formte.
Dann besann Leopold sich, und es flog ihm wohl durch deir Kopf zu wem er sprach. Er ivandte sich nach ihr um, er wollte sie in seine Arme ziehen und küssen wie sonst.
„Na, Kleine, war das Hagelschlag in Deinm Blüten- gartm."
Zum erstenmal empfand sie den herablassenden, ge- ringschätzigm Ton, der ihr galt, und eine jähe Blutwelle schoß in ihr Kindergesicht. Sie bog den Kopf zurück und verweigerte ihm dm Kuß, und sie wandte sich still ab und ging von ihm fort.
Er sah ihr in maßloser Betroffenheit nach, was kam sie plötzlich an? Eine alberne Empfindlichkeit? Was hatte er denn gesagt? Nur, was sie doch wissm mußte, ewig konnte sie kein Kind bleibm.
Er blickte der langsam über die Wiesen dahinschreitm- dm Gestalt nach und ihn frappierte der sonderbar müde Gang. Etwas regte sich da in seinem Gewissen, etwas sehr Unbequemes, was er gern in Hellem Zom ersticken wollte. Sie war ein zimperliches Ding, ganz unerfahrm, auch beschränkten Geistes, leider.
Er nahm den Hut ab und kraute seinm Kopf, ja — man stürzte sich manchmal so besinnungslos in solche Leidenschaften — Leidenschaft -— nein! Das Wort umfaßte anderes — dies war Tändelei, Spiel, Zeitvertreib gewesen -— du lieber Gott! Man langweilte sich in solchem kleinen Nest ja schier zu Tode.
Sie würde schon darüber fortkommm, im Grunde paßtm sie ja. garnicht für einander, sie mußte dereinst dm Apotheker da an der Ecke, oder den Krämer da drübm, oder einen anderm dieser Sorte hier heiratm, und würde eine reizmde glückliche Hausfrau werden.
Er war doch garnicht hart zu ihr gewesen ebm, und
da ging sie so von ihm? hatte sie etwa gefühlt-—?
Aber das wäre ja schon Hellseherei, und sie sah nicht einmal. was in ihrem nächstm Umkreis geschah. Kleinliche Übelnehmerei war's, ein ganz dummes Schmollen — na, dabei wollte er sie belassm.
Er wandelte seine Straße mit stolzem Schritt weiter, zur Stadt zurück, begegnete diesem und jenem, wechselte Worte und Scherze und kneipte bis nach Mitternacht im „Deutschen Hause". Im Kneipm leisteten diese Pfahl- hürger hier Erkleckliches.
Susi war nach Sause gegangen. Dm Dater fand sie um diese Stunde nie daheim. Er trank dann seinm Schoppen im Ratskeller, pünktlich nach der Uhr, sein Leben war eingeteilt und geregelt nach Minuten. Um acht kam er dann, um mit ihr seine Wmdsuppe zu essen, gesprochen wurde dabei nicht viel, der Vater nahm bald seine Zeitung und las bis zum Schlafengehen.
Jetzt war es erst 6 Uhr, es lagen noch Stunden vor ihr, wo niemand sie störte. Sie saß mit im Schoß gefalteten Händen und starrte auf die Blumm am Fenster und den luftig zwitschernden Vogel in seinem blanken Messingkäfig. Was war dmn geschehen? Sie konnte sich garnicht recht darauf besinnen.
Tie Worte, welche unter dein Brausen ihrer Gefiihle an ihrem Ohre vorüber geglitten warm, ohne sie zu erreichen, kamen ihr jetzt wieder, als hättm sie sich da irgmdwo festgesetzt, und lösten sich nun und dringen in ihr Hirn.
An eine Heirat war in langen Jahren nicht zu denken — „gieb dich keinen törichten Jllusionm hin. der Justizrat willigt nie in eine Heirat —" ja, was bedeutet das? dann — dann waren sie ja getrennt — und er hatte gesagt, er ginge bald fort.
Es stieg ihr herauf wie ein Krampf — er hatte sie nicht zurückgerufen, als sie ohne Abschied von ihm ging in dem instinktiven Gefühl einer furchtbaren Kluft, die plötzlich zwischen ihnen lag. Kam er denn jetzt nicht, um sie zu trösten, um die im Unmut gesprochenen Worte rasch zurückzunehmen?
Kathrin trat ein und deckte den Tisch, sie hörte des Vaters Tritt draußen — Stunden waren vergangen, seit sie hier saß — sie sprang verstört auf, ihr war zu Mut, als ivußte sie sich nicht niehr zurechtzufindm in der Welt, wenn er, der sie ihr erschlossen hatte, sie verließ.
Sie wartete und wartete von da an -—ihr ganzes Denken war ein Warten, ein Horchm auf seinm Tritt, ein Spähen nach einem Lebenszeichen von ihm. Endlich vermochte sie den Zustand nicht mehr zu ertragen. Er war noch in der Stadt, von anderen erfuhr sie es, er zürnte ihr, weil sie damals von ihm gegangen war, er erwartete von ihr ein Entgegenkommen.
So schrieb sie dmn ihm, zum erstmmal. Er hatte es ihr ehemals verboten, je solch ein Verkehrsmittel zu ge- brauchm, es war zu gefährlich für ihr Geheimnis in der kleinen Stadt, ihre ungeübte Handschrift war zu leicht kenritlich und auffällig, er fand genug Mittel und Wege, sie zu sehen. Aber jetzt — jetzt mußte es sein.
„Warum kommst du nicht? Warum rufft du mich nicht? Ich sterbe üher dieseni Warten."
Leopold war beim Packen und Qrdnm seiner Sachen, und notierte die Abschiedsvisiten, die zu erledigm waren. Er hatte seine Abreise beschleunigt, ihm brannte hier plötzlich der Boden unter dm Füßen. Er wurde bleich, als seine Wirtin ihm den Brief brachte. Die neugierige Person beäugelte noch die Adresse, als sie ihm denselben reichte, und machte ein fatales lächelndes Gesicht. Er war wütend. Ganz ausdrücklich hatte er es der Susi untersagt, an ihn zu schreiben, und nun —- wäre er doch fort!
Er erbrach das Couvert und überflog die flehenden Worte. ~ *
Ich sterbe — ia, mit dem Sterbm warm sie immer gleich bei der Hand. — ob ihn das etwa einschüchtern sollte. Da irrte sie sich. Er empfand jetzt sehr hart gegm die arme Susi. Die ganze Geschichte war ein Unsinn gewesen. je eher da abgeschnitten wurde, desto besser. Wenn der Alte gar noch Wind bekam, platzte vielleicht noch ein Höllenspektakel los.
Er überlegte — reisen konnte er erst übermorgen, —• er mußte sich noch abmelden beim Vorgesetzten ■— sie war im stände, dem Vater zu beichten, oder sonst heillose Geschichten einzubändeln, ivenn er nicht antwortete — das Beste war wohl, er versuchte sie zu sprechen, einstweilen zu beruhigen und dm zwingenden Vermmstsgründen zugänglich zu machen.
«Fortsetzung folgt.)
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