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L». Jahrgang.

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|lj. 209. Verlags-Fernfprecher No. 2958.

Mittwoch» drr, 6. Mai«

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

1903.

Agllnids neuester Megerlstzer COlg in AsrlKn.

Unser Londoner n-Korrespondent schreibt unter dem 2. Mai: Me Somaliland-Debatte im Unterhause muß allen denen, die nicht hoffnungslos an der Schlaf- krankheit leiden, die Augen über die Unfähigkeit und frivole Leichtfertigkeit der Balfourschen Regierung ge­öffnet haben. Soeben erst traf aus Somaliland die Kunde von der Massakrierung einer englischen Streitkraft ein, während eine andere dem gleichen Geschick nur durch schleunigen Rückzug entging. Dessenungeachtet war Mr. Brodrrck am Donnerstag unverfroren genug, im Parlamente zu erklären, der „Zweck der Expedition" wäre erreicht, und dieselbe würde nun aufgegeben werden Mr. Lloyd-George ließ sich die Gelegenheit zu einem energischen Angriff auf die Negierung nicht entgehen und beleuchtete deren tolle Politik in seiner beißend sar- kastischen Weise. Die Erwiderung Brodricks darauf war nicht nur in jeder Hinsicht unfertig, sondern sie machte die Regierung geradezu lächerlich, und gab General Manning, den Leiter des Somalifeldzuges, dem allge- meinen Gespött preis. Unter anderem erzählte er dem Unterhaus« in naivster Weise, jener General hätte in einem Privatbriefe die Hoffnung ausgesprochen, der Mullah würde kämpfen, gleichzeitig aber ailch der Be­sorgnis Ausdruck gegeben, daß ihn davon die im- ponierende Stärke der englischen Streitkrast abhalten könnte. Daraus spricht der alte Geist der britischen Selbstüberschätzung, der den Engländern die fürchter- lichm Haue in Südafrika eingetragen hat, uiid der auch in Somaliland von den gleichen Folgen begleitet war. Me es scheint, bildete den Zweck, den inan verfolgte, die Vertreibung des Mullah aus Mudug, der auch nach Mr. Brodrick erreicht wurde, und die Position des Mullah ist, wie er stolz erklärte, nun eine weit ungünstigere, als man je zu hoffen gewagt hätte. Was muß die Regie­rung dann wohl aber gehasst haben? Der Mullah ist doch gegenwärtig der absolute Herr der Situation. Er hat die Engländer mehrfach geschlagen, vernichtete eine ihrer Ssteitkräfte und trieb schließlich eine andere vor sich her. In Mudug befindet er sich aber aus dem ein­fachen Grunde nicht, weil er die Engländer verfolgt. „So stände ich denn am Ziele meines Stvebens, stolz mif die Blüten, die das Glück mir bot", hätte Brodrick auch noch citieren können, als er behauptete, der Zweck Englands wäre erreicht, und es würde nicht beabsichtigt, eine neue Expeditton auszurüsten. Das heißt mit anderen Worten, all die verlorenen Menschenleben sind für nichts und wieder nichts geopfert worden, John Bull aber nimmt vor dem Mullah Reißaus und läßt ihm seinen Ruhm,

Stoff für ein neues Blatt der englischen Geschichte! Den „Mad" oder verrückten Mullah nennen die Engländer ihren Besieger, und Mr. Lloyd-George frug am Donnerstag im Parlamente, ob es denn nicht angebracht wäre, in Zukunft lieber das Kriegsamt oder die Regie- rung mit jenem Eigenschaftswort zu bedenken. Was würden wohl die Tories, die Imperialisten, die Jingoes dazu gesagt haben, hätte sich eine liberale Regierung solche unglaubliche Tollheiten zu schulden kommen lassen? Ein Sturm der Entrüstung wäre dann durch das Land ge­braust und würde das Ministerium über den Haufen ge­worfen haben, das so feige war, die Ehre Englands durch den Schmutz zu ziehen, englischen Truppen nach einer jämmerlichen Niederlage den Rückzug zu befehlen, und das Oberst Plunkett nebst seinen braven Kameraden im Wüstengrabe ungerächt ließ. Majuba, Majuba! hätte man dann auf allen Versammlungen geschrieen und für eine Generation oder noch länger den ungesühnten Tod Plunkeüs mit sicherem Erfolge für Wahlzwecke ausge­nutzt. Da es sich aber um eine Jingo-Regierung handelt, ist es etwas anderes. Me Presse billigt chr Vorgehen, doch vielleicht nur, weil sie weiß, daß ihre jämmmliche Unfähigkeit noch schwereres Unheil heraufbeschwören würde, gäbe sie ihre Somaliland-Pläne nicht auf Kosten des englischen Presttge endgültig auf.

Moderner Zeichenunterricht.

Die Pflege der künstlerischen Bildung der Jugend steht seit dem Kunsterziehungstage, der 1901 in Dresden abgehalten wurde, unausgesetzt auf der Tagesordnung der Lehrerversammlungen. Man will sich klar werden über die Wege, vermittels deren man die Kunst als Er- ziehungsfaktor in rezeptiver und produktiver Hinsicht dem Unterricht einzugliedern vermag. Besonders tut sich Hamburg hervor. Männer, wie Lichtwark, Siebelist, Götze, Schwartz, Friedrichs, Ehlers, Wohlgast u. a. stehen dort an der Spitze der Bewegung. Sie haben durch Orientierungskurse dieses Tasten und Trachten in die rechter Bahnen gelenkt. Bei diesen Besttebungen spielt der Zeichenunterricht eine bedeutende Rolle, denn das Zeichnen ist die geeignetste Kunstübung für die Schuljugend. Dem Zeichenunterricht ist zwar in den Schulen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eine berech­tigte Stelle in dem Lehrplan eingeräumt worden. Allein der Zeichenunterricht wurde am Anfänge seines Auf­tretens fast nur ein Diener des Handwerks und des Kunstgewerbes. Das Ornament nach Blattvorlage oder Gips, die Lust am farblosen Zierrat beherrschte lange das Zeichnen. Durch den Charakter des Kunstgewerbes, das die Sttle und Ornamente aller Zeiten und Völker nach- ahmte, war auch die nachahmende Tätigkeit des Zeichen­

unterrichts begründet. Der Zeichenunterricht wird sich auch ferner in den Menst des Handwerks und des Kunst- gewerbes stellen, aber — und das ist der Hauptpunkt der gegenwärtigen künstlerischen Erziehungsbestrebungen — nicht mehr ausschließlich; er sucht Fühlung mit der Kunst überhaupt und „indem er die Selbständigkeit des Schaffens als die wesentlichsteEigenart aller künstlerischen Arbeit erkennt", ringt er sich von der Nachahmung historischer Formen los. Pflege der künstlerischen Bil- düng in modernem Sinne bedeutet Kämpf gegen das Nachahmertum.

Der Blick in die Heimat und ihre Vergangenheit bereitete das „Erwachen des Wirklichkeitssinnes, das Sichbewußtwerden der eigenen Zeit und der eigenen Umgebung" vor. Nicht die Formen des Altertums und Mttelalters, sondern die Natur ward nun zum Vorbild.

Der moderne Zeichenunterricht scheidet die Vorlage von den Unterrichtsmitteln aus, die früher dem Kinde in die Hände gegeben wurde; denn sie ist das Grab selbst- ständiger Arbeit. Das Kind soll selbständig gestalten, was vor ihm steht in Wirklichkeit, in seiner Phantasie, in seinem Gedächtnis. In den Unterklassen steht an erster Stelle das Gedächtniszeichnen; Geschichten aus dem Lesebuche, Vorkommnisse aus dem Spiel- und Schul- leben oder in der Häuslichkeit sind Gegenstand der Dar­stellung; denn nicht nur das Wort, sondern auch die Zeichnung ist ein Ausdrucksmittel der Anschauungen, Vorstellungen und Empfindungen. Dieses bildliche Darstellen ist die primitivste konkrete Ausdrucksweise des Menschen überhaupt, aus ihm hat sich erst langsam die Schrift entwickelt. Und wie bei der Menschheit, so auch beim einzelnen Meirschen, d. h. beim Kind. Man will deshalb nicht die Kinderstube in die Schule versetzen, aber die Schule will die in der Kinderstube sich regenden Keime weiter pflegen. In den mittleren und oberen Klassen erfolgt danti das Zeichnen nach dem Gegenstände oder nach der Natür. Während in den unterm Klassen der Gegenstand rein kindlich und typisch dargestellt wird, muß auf den oberen Stufen aus die Erweckung der „künstlerischen Illusion" mehr Rücksicht genommen werden.

Mittel der Darstellung sind: Bleisttft oder Feder, Pinsel, Kohle. Dm Bleisttft verdrängen wollm, hieße: dm Wert der Linie lmgnen, hieße: verkennen die hohe Stellung der zeichnerischen Werke, der graphischen Dar- stellungen, hieße: dm hohen Wert der Zeichnungen für das Ausbeuten und Ergänzen durch die Phantasie des Beschauers mißachtm, ganz abgesehen von dem praktischen Werte des Bleistiftzeichnens. Ebmso sind Farbstift, Kohle und Pinsel bequeme Mittel zum Ausdruck der eigenen Anschauungen, Vorstellungm und Empfindungen. Auf der Mittelsttife werden an Gegenständen Übungen im Treffen von Farbe und Form mit dem Pinsel vorge-

Feuilleton.

Im europäischen Melterwinkel.

Reisebriefe von Panl Lindenberg V.

Saloniki. — Schönheit mib Frohsinn. — Bon der Vergangenheit. — Überbleibsel einstiger Zeiten. — Ans der Hauptstraße. — Am Onai. — Die Sesardims oder Spaniole». — Deutschtum am Agäischen Meer. — Im deutsche» Kegelklub.

Saloniki, 18 . April.

Trommelschlag und Pfeifenklang bildeten auch hier dm kriegerischen Gruß am ersten Morgen. Schnell die Fensterläden geöffnet, die goldigste Frühlingssonne flutet in das Zimmer, hallmdm Schrittes marschieren Truppen vorbei, gerad' wurdm sie gelandet und be­ziehen nun die Zeltlager auf den Hügeln im Rücken der Stadt, um sobald wie möglich mit der Bahn ins Innere befördert zu werden, gleich ihren Kameraden, die lustig und guter Dinge dieser Tage an mir vorüberrollten.

„ Ah, welch ein Blick überallhin! Dicht zu meinen Füßm rauschen flüsternd und schäumend die blauen Wogen des Ägäischen Meeres, über welchem sich, gleich silbernen Flocken, Möwen wiegen, drüben, an griechischer Küste, erhebt in majestätischer Schönheit und Macht der Olymp sein schneeumhülltes Haupt, das sich scharf ab­hebt von dem wolkenlos blauen Himmel, Fahrzeuge mit geschwellten Segeln beleben die Wellen, die in dem frischen Winde zierliche Schaumköpfchen aufgesetzt haben, in weitem Halbkreise dehnt sich die Stadt am Strande aus und steigt mit ihren Lunten Häuschen, den spitzen, weißen Minarets, den dunklen, ernsten Cypressenhaiuen auf mohanmnedanischenFriedhöfen terrassenförmig an den Bergen hinauf, überragt oben von der wuchtig-drohen­den Citadelle, von der sich graue, ausgezackte Festungs­mauern hinaberstrecken. Und dies ganz südlich-prunkvollc Gemälde gehüllt in den aus Sonnenstrahlm und Blumen­ranken gewebten Mantel des herrlichsten Lenzes! Mild und dabei doch räftig ist die Luft, die man mit Entzücken einatmet. Rosen entfalten ihre Knospen in den Gärten,

schwer hängen über die Balkone die blauen Blütenttauben der Glycinen hernieder und mit dem Dufte des Flieders vermischt sich jener des Goldregens — o, wie sind da im Umsehen alle Strapazen und Entbehrungen der letzten Tage vergessen und wie freute man sich in froher Daserns- lust dessen, was einem hier die güttgste Natur in über­reicher Fülle bietet.

Von altersher genießt Saloniki den Ruf einer prun­kenden, einer anmutvollen Stadt, und mit ihrer lieblichen Lage hing wohl zusammen, daß sie ihren Namen nach der Schwester Alexander des Großen, Thessalonike, erhielt. Ein Hauptplatz des reichentwickelten Handels der um­liegenden, weiten Gebiete, hatte der Ort von früh an eine große wirtschaftliche und politische Bedeutung und ward oft genug in blutiger Weise verwickelt in die schweren Kämpfe des Völkerringens um die Vorherrschaft im Orient, denn nicht umsonst bildete er einen wichtigen Punkt an der großen Heerstraße, der Via Egnatia, welche die Verbindung herrstellte zwischen Byzanz längs des Marmara- und Ägäischen und dem Adriatischcn wie Jonaschen Meere. Selbst ein Kaisersitz befand sich hier einige Zeit hindurch. Theodoras Angelas Komnenos, der im Jahre 1222 Thessalonike erobert hatte, ließ sich in Saloniki zum Kaiser krönen, aber nur noch sein Sohn bekleidete die gleiche Würde, dann war es mit der Herr­lichkeit vorbei, und neue politische Ungewitter sttegen über Stadt und Land auf. Das schlimmste, als Sultan Mrirad 1422 mit einem gewalttgen Heere heranzog, dessen Angriffe jedoch mit venetianischer Hilfe abge­schlagen wurden: Venedig besetzte nun den Platz und ließ ihn durch einen fürstlichen Stellvertreter verwalten. Bald aber kehrten die Türken wieder, am 29. März 1430 wehte die rote Flagge mit dem Weißen Halbmond auf der Festung und ist seitdem nicht mehr von dort verschwunden.

Begreiflich ist, daß in dieser stürmischen Vergangen­heit viel untergehen mußte von den steinernen Erinne- rungszeugen so vieler Regierungen und Völker, aber etwas mehr, wie vorhanden, hätte man doch erwartet. Von den einstigen christlichen Kirchen, die später in Moscheen verwandelt wurden, sieht man ab; baulich wie geschichtlich bieten sie wenig Interessantes. Aus vene­

tianischer Zeit rührt, gleich der Cidatelle, ein sich am Meer erhebender, massiver Turm her mit festungsartiger Umgebung unten; noch immer heißt er wegen seines früheren roten Anstriches, obwohl dieser längst einem Hellen gewichen, der Blutturm, und wer weiß, ob er sich nicht auch noch nt anderer Beziehung diesen Namen er­worben. Seit langem wird er als Gefängnis benutzt; ehemals saßen hier die „schweren Jungen" von Saloniki — und deren gibt's genug! —- neuerdings scheint er mehr Mmtarpersonen zum unfreiwilligen Aufenthalt zu dienen. Ein schöneres Gefängnis (wenn man überhaupt in dieser Beziehung von „schön" reden darf!) läßt sich auf der ganzen Welt kaum denken; das blaue Meer, die btelge- gliederte Stadt, das abwechslungsvolle Leben unten im Hafen und am Quai, jede Minute bringt ein neues Bild. Me Herreit Gefangenen scheinen ja auch recht vergnügter Stimmung zu sein; sie thronen keck auf den Zinnen, lassen die Beine zwischen den offenen Schießscharten herab- baumeln, schwatzen, lachen, singen und bombardieren ge­legentlich die Spaziergänger der beliebten Promenade am Strand mit ihreil Cigarettenstummeln und mit weniger angenehmen Mngen: „Ein frohes Leben führen wir!"

Me Stadt wird quer durchschnitten von der Dschadd4 >wlu, der Hauptstraße, einem Rest der erwähnten Via Egnatia. Hier darf man sich keineir Träumereien über den Wandel der Geschichte und die Geschicke der Nationen hmgeben, hier heißt's aufpassen, denn auf und nieder flutet lärmend und unermüdlich der Verkehr in der engen, zum Teil von niedrigen Baracken eingesäumtcn Straße,' deren „Pslaster"-Benutzung Dante mit vollstem Recht unter seine Höllenstrafen hätte aufnehmen können. Reiter kommen angetrabt, Maultiere sind mit frischgeschlachteten Hammeln beladen, Esel trotten mit Lasten aller Art ein­her, ein Zug Kamele mit Baumwolle und Sesamsaat naht unter dem Gebimmel hellklingender Glöckchen wiegenden Schrittes, verschleiere Türkinnen sitzen in offenen Gefährten, deren Rosse mutig ausgreifen, die Kutscher der kleinen Pferdebahnwagen tuten unaufhör­lich, ein Zug Soldaten bahnt sich rücksichtslos in dem Gewirr den Weg, Wasser- und Limonadenverkäufer suchen