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Beilage Mm Wiesbadener Tagblalt.

Wo. 209. Morgen-Ausgabe.

Mittwoch. den 6. Mai.

51. Jahrgang. 1903.

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«I „ ® a * ®°?> l Jrrtümer widerlege», aber niemals

Leidenschaften. ° Binet.

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(15. Fortsetzung.)

Späte Grirrimtms.

Roman von Alexander Römer.

„Sie scheinen allwissend zu sein, gnädiges Fräulein", entgegnete er. „So will ich es denn gestehen, es war etwas Unangenehmes."

„So? und darf man es wissen?"

„Es wird Sie wenig interessieren, eine Verschiebung meiner Zukunftspläne."

„Hm Sie machen also Zukunftspläne, ich tue das nie. "

.Er sah sie flüchtig von der Seite an. Sie tauchte gleimatzig dre Ruder ein, und sah hinauf zum Sternen­himmel. Wie schon war sie — wie berückend schön!

„D-E glaube ich Ihnen wohl, Ihr Leben ist ein strahlender Sonnentag, vor Ihnen liegt alles hell-"

„Meinen Sie." ^ Sie blickte Plötzlich nach ihm um und shm voll ms Gesicht, mrt einem ernsten, wunderbaren Ausdruck. Ihre Augen sahen nachtschwarz aus, und hatten einen phosphoreszierenden Glanz. „Sie dekla- inrerten einst Verse, da drüben unter den Eichen, als Ellm und ich Sie belauschten, vor Jahren, wissen Sie es noch ( sw schrieben auch ein Drama, wie Sie dem Freunde vertrauten, was ist daraus geworden?"

Er war verblüfft, sie sprang zu kühn von einem Gegenstand zum anderen. „Ach! diese Kindereien", sagte er wegwerfend, „man hat später anderes zu tun "

£$ solch eine Arbeitsmaschine, wie Ihre Schuster Ellm?" sagte sie spöttisch. „Ich glaub's rücht, m ahnen .steckt ganz anderes, man wird sich vergebens muhen, sw zuni Philister zu machen."

..^M ichlug das Herz. „Was wissen das gnädige faulem von mir, meinem Streben, Wollen und Wünschen?" sagte er gepreßt.

„Mehr als sie denken", entgegnete sie rasch. „Ellen Mb ich waren von jeher sehr ver-traut, und ich kombiniere m ri'-ur r I: ? 6e lkllen, sie ist übrigens ein prächttges Geschöpf so eine ruhige, leidenschaftslose Natur, die schoben Auges ihren Weg wandelt, sicher und fest. Sie wird glücklich und wunschlos bleiben, und alles wird ihr von selbst zufallen." •

Leopolds Verwirrung stieg mit jeder Minute.

Er hatte mit dem schönen Mädchen, das seine Phan­tasie von früh an beschäftigte, nie so viele Worte ge- ^chselt. nun fand er sie völlig anders, als er sw sich vor- wstellt ^hr Bckd war nw ganz aus seiner Seele gewichen dw Rose, die sie chm damals am Bahnhof gab, lag ge- siocknet und sorgfältig aufbewahrt in einem heimlichen Täschchen semes Portefeuille.

Diese Stunde war ivie ein Traum. Ihre Stimme klang m der tiefen Sülle wunderbar weich und innig, ihre Gestalt lehnte da, von flimmerndem Glanz umflossen, feenhaft, unwrrkltch. Ihn berauschte der märchenhafte gauber, seiner Eitelkeit schmeichelte das Interesse, das sie für chn kund gab.

„Ja — ruhig, leidenschaftslos, wunschlos", wieder­holte er, „ich weiß nicht, ob Sie meine Schwester richtig schildern, aber — nennen Sie das Glück?"

„Glück für sie, für Ellens Natur, nicht für jeden, nicht für mich, nicht für Sie —"

Es klang verhaltene Leidenschaft durch seinen Ton.

„So begreifen Sie also, daß ich anders bin, als Ellen, daß in mir nur Wünsche gären, eine Selbstsucht nach anderem^ als was man mir als Glück preist, und — daß es eine Höllengual ist, Wege gehen zu sollen, die in einen Kerker führen, die-"

„Sachte! sachte! ich sah es Ihnen doch gleich an, daß innerlich Rebellion sei. Wo will man Sie denn an- schmieden? Hier an Mütterchens Schürze?"

Ihr Ton klang wieder spottend und übermütig.

Er ließ die Arme mit den Rudern schlaff sinken, ihn überkam momentan eine Ernüchterung.

„Ach! Forschen Sie mich nicht aus", sagte er fast unwirsch. „Sie können sich da nicht hinein denken. Ich bin unter keinem glücklichen Stern geboren, ich bin ein abhängiger Mensch mit starken Stricken umschnürt —"

„Pah, reden Sie mir nicht so etwas ein", unterbrach sie ihn lebhaft, „was tut das, was bedeutet das, diese äußeren Verhältnisse — abstreifen soll man sie, über sie hmausfliegen, aber dazu gehört —"

Sie hielt inne, schaute wieder zu dem Nachthimmel hrnauf und ihre Züge wurden von einem seltsamen Glanz verklärt, als sie die folgenden Worte leise hinzufügte — „ber Pulsschlag, den eine große Leidenschaft erzeugt."

Ihn durchzuckte es wie ein elektrischer Schlag.

„Eine große Leidenschaft", sprach er mechanisch nach.

Es entstand eine tiefe Stille. Tie Nacht war völlig hereingebrochen, und sie, ohne darauf zu achten, weit in den See hinausgerudert. Die Ufer waren in dem leich. ten Nebel, der gesunken, verschwunden. Einsam zu zweien glitten sie neben einander auf der glatten Wasser- fläche.

Adine machte eine Bewegung und hüllte sich fester in ihren Shawl. „Wir müssen umkehren", sagte sie ruhig m rhrem natürlichen Ton. „Da sind schon die Pfähle, die Wahrzeichen der Schiffer, da gcht's Klippen und Un- tiefen, nein, kommen Sie, diesen Kurs müssen wir nehmen, ich kenne den See wie meine Tasche."

Leopold wendete schweigend, ihn umstrickte noch der Zauber, um sein Herz kreiste es wild und unruhig. Was wollte sie? Was bezweckte sie mit diesen wunderbaren Reden?

„Diese Fahrt war aber hübsch heute abend", plauderte sie weiter. „Sie reisen morgen, wie ich zu hören glaubte, da können wir sie leider nicht wiederholen, aber wenn Sie später zurückkommen und hier angekettet sitzen, da erinnern Sie sich dieser Stunde, und kümmern Sie sich um keine glücklichen oder unglücklichen Sterne, und zer- reißen Sie kühn die Stricke, die Sie fesseln Jeder Mensch fühlt solche Stricke nämlich, Sie egoistisch flu- mutiger — lassen Sie uns darüber hinausfliegen in eine köstliche Freiheit hinein. Top! schlagen Sie ein "

Sie reichte ihm ihre weiße unbehandschuhte Hand, an der ein Brillantring in dem flimmernden Licht funkelte und lachte wieder ihr Nixenlachen.

Er faßte die feine Hand und küßte sie inbrünstig, ihm schoß alles Blut zum Hirn, wenig fehlte und er wäre

in die Knie gesunken, hätte sein und ihr Boot ins Schwanken gebracht und sich unsterblich lächerlich gemacht.

Er hielt sich noch in den nötigen Grenzen, aber sein Atem ging schnell. Wer war sie? Engel oder Teufelin? woher kam ihr die Kenntnis seiner Seele, und war es nicht Blendwerk oder Täuschung, wenn er zu erraten glaubte, daß sie auch darbte und sich sehnte nach — nach einer großen Leidenschaft?

„Gnädiges Fräulein, ich vergesse diese Stunde nie", sagte er leise, mit einem bebenden Klang in seinerStimme, den er nicht zu meistern vermochte, „und wo ich im Un­mut ein dunkles Tor sah, winkt mir jetzt helles Licht. Die Mondscheinpromenade hat meine Stimmung gewaltig aufgebessert.

Er hatte sich soweit durchgerungen, daß die letzte» Worte leicht und scherzend herauskamen.

Sie waren zurück mit der Strömung gegangm und rasch bei der Grotte wieder angekommen.

Sie nickte chm zu und glitt in das Dunkel hinein, gleich einer überirdischen Erscheinung, die plötzlich, wie sie aufgetaucht, wieder verschwindet.

Er fragte, ob er ihr nicht beim Bergen des Bootes helfen solle, ihre Stimme schallte dumpf aus den aufge- häusten Felsblöcken hervor. „Danke! hier ist kein Platz für einen zweiten. Gute Nacht."

Er ruderte langsam an dem grauen, mit grünem, weiß und gelb blühendem Gerank iiberwucherten Garten entlang, aber als er um die Ecke bog, und von der anderen Seite den Garten und die Villa überblicken konnte, ge­wahrte er schon, eine rasch und leicht ansteigende Gestalt, gespenstisch verschwindend in dem Nebels und er fragte sich ernstlich: „war die ganze Geschichte ein Spuk?"

Nein, da lag etwas Weißes in seinem Boot, eine stark duftende Gardenienblüte, die aus seiner Hand gefallen war, als sie sie ihm gereicht hatte.

Seine Brust hob und senkte sich stürmisch. Verflogen war sein Ärger von vorhin, der Zorn, das Grauen vor der langweiligen Existenz, die man ihm wider seinen Willen bereiten wollte. Es war alles in einen Rosen­schimmer getaucht worden, er sog den Duft der Treib­hauspflanze ein, die von ihrer Hand berührt, elektrische Ströme in ihn überleitete, und seine Lippen küßten. die Blume in der schweigenden Nacht, ehe er sie an seiner Brust barg.

Ihm selber uichetvußi, murmelte er unaufhörlich: „Eine große Leidenschaft! Eine große Leidenschaft!"

Wie eine Vision stand immer nur der See, die Grotte und die weiße, derselben entschwebende Gestalt vor seinen Sinnen. Dahin zurückzukehren, die Möglichkeit solche Stunden wieder zu durchleben, war ihm kein Schreckbild mehr.

Am anderen Tage reiste Leopold in sein fleines Berg- städtchen zurück, wo ihn Susi mit heißer Sehnsucht er­wartete.

Aber er war ein Verwandelter. Die kleinen harmlosen Feste und Vergnügungen, welche er hier sonst fröhlich mit­gefeiert hatte, und sich dabei als Löwe des Tages ver­hätscheln und umwerben lassen, fand er abgeschmackt und unerträglich. Tie Mutter hatte er im Zweifel gelassen über seine Entschlüsse, er grübelte selbst nicht einmal mehr über dieselben.

«Fortsetzung folgt.)

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