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I Mage zum Wiesbadener Tagblatt.

Ko. 207. Morgen-Ausgabe.

Dienstag, den 5. Mai.

61. Jahrgang. IVOS.

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Ein Streben ins Große ist noch kein großes Streben.

H Ernst Rosmer

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(14. Fortsetzung.)

Späte Erkenntnis.

Roman von Alexander Römer.

. du, dahin bringt er's", sagte er mit einem

spöttischen Ton m semerStimme, „du sprichst es auch scharr auch und hübsch ist es ja gerade nicht von uns beiden, aber wenn einer es so treibt, so darf es ihn auch nicht Wunder nehmen —"

Poldet", rief die schwache Frau zerknirscht, „das war eben sehr Unrecht von mir, es ist mir so über die Zunge gelaufen, ich weiß es selbst nicht wie. Gott er- $?ITr± • /arme, er hat es sehr gut gemeint, du hattest ja nicht studieren könum, wenn er die Mittel nicht hergegeben ,hätte, und so reichlich — du hast doch als Student dein Leben schön genossen —"

nun ' ^hre nur noch eine Stunde weiter so fort, es klingt wunderhübsch und mir in dm Shren

S :abe tote die abgedroschme Melodie aus einem Leier- tat. Nee Mutter, wir wollen uns einander lieber nicht auch noch belügen."

„Q Poldel — dies ist schrecklich —Frau Doktor Kramer sank hulflos tn sich zusammm, während Leopold setnen^Hut und Uberzieher nahm.

"Äch nmß noch ein Weilchm an die frische Luft", saate er. „fiter ist's ja zum Ersticken." u

"Willst du es überdmkm?" sagte sie schüchtern. „Überdenken, als ob es da etwas zu überdmkm gäbe" mtgegnete er schneidend, „ich geh' eben darüber zu Grunde so oder so. Ich sehe mich schon im Spiegel ^tau so ettronengelb. mumienhaft und hager, wie der

Er zündete sich, eine Cigarre cm. eine echte von der teuerster ^orte, wie er sie allein liebte, bürstete seinen & mi * ^m Kamm durch das sorgfältig ftisierte

""d lächelte einstweilen seinem Spieqelbilde noch besänftigt zu. Es gab ihm das Bild eines Satten der ketnm kuhlm Trunk, der seinem Munde gebotm wird, mrtickzuweisen gesonnm ist und wohlerfahrm ist an der uPPtFen Tafel des Lebens.

Wer Leopold jetzt durch die Straßm wandern sah, mutzte chn sur cnien sorglosm, glückverwöhnten Dandy halten, er schrttt planlos weiter, nur um sich zu zerstreum.

Dabelstein. der fahionablen 5kneipe, wo die Primaner auch ihren StmnmÜsch hatten und er ehemals manche vergnügte Stunde mft dm Kameradm verlebte, w«« noch. E Es verlangte ihn auch nicht nach der Gesellschaft drinnen. Die grimm Jungm mit dm rotm Mützen interessimtm thn ntcht mehr, und die Beamten oder wngm Assessorm. die dort verkehrtm. fand er lang- Ihn zog es mehr zu den Offizieren, die unter

Katzen und sich zur

Kofgesellschaft zahlten. Es war ihm gelungm. dort ^u^.^kanntschasten anzuknüpfm, die er sehr sorgfältig

Aber hmte gärte es zu toll in ihm, er schritt auch dort mit flüchtigem Gruß für die paar junge« Marssöhne, welche die Lacksüefel auf das Asphaltpslaster streckten, vorüber, er mtißte in der Sülle ungefähr mit sich ferttg zu werden versuchm. Er eilte weiter in der Richtung des Schlosses nach dem See zu.

In seinem Kopfe schoben sich die Gedankm. Er käine ja auf diese Art rasch zu einer unabhängigen Stellung, denn wenn er auch vorhin über des alten Praxis ge- spöttelt hatte, er wußte es, daß sie hübsche Einnahmen abwarf, von denen sich allmählich die heimltcheit Schulden bezahlen lietzm.

„ Auch Susi flog ihm durch dm Sinn. Das kleine Ding würde natürlich an eine baldige Heirat denken! Hu! solch ein Ehejoch, dazu war es dmn doch noch zu früh.

Der junge Herr nahm dm Hut ab und liefe dm lauen Abmdwind um seine heiße Sttm wehm, seine Miene ver­riet nichts von der Sehnsucht eines Liebenden nach der Vereinigung mit der Geliebten.

Der Abend war ungewöhnlich schön, der Vollmond stieg hinter dem dunklm Waldrand herauf und spiegelte sich im See. Nebm dem Steg, wo er stand, lagm Boote an gekettet, der Mann, dem sie gehörten, und der an schönen Abenden oft Gelegenheit fand, Mondschein­schwärmer auf dm See hinaus zu fahrm, schleuderte auf und ab.

Leopold liebte das Wasier tmd verstand es, ein Boot zu lenkm, seine Liebhaberei warm Segelpartteen. Daran war heute nicht zu denkm, es regte sich kein Lüftchen. Aber, in seiner augenblicklichm Stimmung lockte es thn, sich einsam auf dem sttllm See treibm zu lassm, und er mietete eins der Boote.

Der tiefe Friede in der Natur besänftigte seine auf- geregten Sinne, er überließ sich einem füllen Träumen. Bessere, frmndlichere Gedankm kamen in seine Seele, wozu das Sorgm und Hastm, jeder Tag konnte neues bringm, die Zukunft lag für jeden in dichtem Nebel- schleier.

Er tauchte nur leise Plätschernd die Ruder ein, und kam doch vorwärts, er ging mit der Strömung. Er lenkte den Kahn am Ufer entlang, um das Schloß- herum, an dm schönm Gartmanlagm, dm dunklm Grottm und plätschernden Springbrunnen vorüber, dann glitt er weiter hinaus in dm See. Der Himmel über tfitn war wolkmlos blau, matt blinktm in dem noch halbm Dämmer dieser langen Tage die Sterne hervor.

Aus dem großm grauen Stein, eine gute Strecke vom Ufer, der aus der Flut hervorragte, nistetm Mövm.

Die weißm Flügel der schlafenden Vögel blinkten im schwindendm Licht, in Scharm saßm sie da, dicht an- einander gedrängt, die Köpfe unter dm Schwingm ver- borgm in schweigsamer Ruh.

Leopold fuhr in weitem Bogm um dm kahlm Stein, um sie nicht aufzustörm. Er träumte — Formloses — Unverstandenes — eine Slhnung, daß nicht alle Kräfte in ihm geweckt seien, daß es noch ein höheres Leben gäbe, als das, was er kannte, schwebte durch seine Seele.

Er ruderte weit hinaus in die fülle Einsamkeit Ter Tagesschimmer erlosch vollständig, das Mondlicht allein übergoß die weite Wasserfläche und die dunklm waldigen Ufer mit silbernem Schein. Umkehrend hielt er wieder näher dem Uferrand. Ein paar verspätete Krähm flogen '

über die Waldwipfel zu ihrer Nachtrast, hie und da zirpte ein Vogel im Schlaf, sonst Schweigen, üefeS Schweigen»

' ■" ‘ Villa an Villa,

:r die Somme» seinem Draht-

gitter eingehegt, der weiße Sand glitzert gleich Silber» «

Das war die Mlla des Hofmarschall Rodmfels, wenn er um dm Vorsprung bog, dm die Grotte bildete, mußte er sie liegen sehm. Er hielt plötzlich dm Atem an, und zugleich sein Ruder — aus der dunklen Grotte glitt ein Kahn, eine weiße Gestalt saß darin, sein Herzschlag stockte — die schwarze Ulanin!

Er nannte sie in seinm Gedankm noch immer so, er hatte sie lange nicht in der Nähe gesehen, nun belmchtete der Mond voll dieses wunderschöne, von einer leichten weißen Schleierhülle umrahmte Gesicht. Ein Mädchen­bild, eine verwunschene Prinzessin.

Sie ttug ein ganz helles Kleid, welches in dem schimmern­den Licht weiß erschien, und ein weißer Shawl umhüllte ihre Schultern. Die kleine Gondel, auch die Ruder waren rot und weiß gestrichen, und der Sitz, auf dem sie saß, hatte scharlachrote Polster. Sie lehnte sich nachlässig ein wenig zurück und tauchte die Ruder ein.

Ta gewahrte sie ihn. Sie sttitzte einm Moment, dann ertönte ihr eigentümliches, silberhelles Lachm, das er schon kannte, in das ttefe Schweigen hinein.

Er hielt den Hut in der Hand, war aber keines Wortes mächtig. Die beiden Boote lagm dicht nebeneinander.

„Ei! ei! es gibt hier hmte Abend also noch mehr Mondscheinschwärmer", sagte sie heiter, „ich pflege um diese Stunde sonst keine Gesellschaft zu tteffm."

„Gnädiges Fräulein machen also öfter solche See- prommaden", entgegnete er sichüich befangen, um nur etwas zu sagen.

„Nun, wie Sie sehen, ich hab's bequem" meinte sie, nach der Grotte, wo noch eine Gondel angekettet lag, zurückblickend.

Leopold sttengte seine Augen an, um in das Dunkel zu spähm, ob dort nicht jemand, wenigstms ein Diener sei, der ihr das Boot losgekettet habe und zu ihrem Schutze dablieb. Aber es rührte sich nichts drinnm. Totmsülle, nur das leise Gurgeln des Wassers zwischm den Steinen.

Sie mußte seine Gedanken erratm, sie lachte wieder, ihr leises, klingendes Nixenlachen. „Ja, spähm Sie nur, da ist niemand, ich bin ganz allein."

„Aber gnädiges Fräulein, ist da? nicht bedenklich —*

„Bedenklich? inwiefern? Schaum Sie sich doch um auf dem stillm See, meinen Sie etwa, daß Räuber am Ufer hinter dm Büschm lauerit? und junge vorwitzige Herrm etwa pflegm um diese Stunde hinter ihren Schoppen zu sitzm, und findm, so weit ich sie kmne, wenig Geschmack an einsamm Wasserprommadm. Wollen sie auf Abenteuer ausgehm, so findm sie die besser am Land«.

Ich wette, Jhnm, Herr Kramer, ist hmte etwas Be­sonderes passiert, was Sie zu diesem Gelüst getrieben», etwas sehr Angenehmes oder sehr Unangenehmes."

Leopold überwand seine Befangenheit und fand sich in die Situation. Ihn beschlich ein seltsames, beinahe unheimliches Gefühl. Sie schien die Absicht zu haben, neben ihm zu bleiben, die Boote glittm eng Bug an Bug, (Fortsetzung folgt.)

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