ilbliaiViur Tagblaü.
Sl- Jahrgang
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g***? -* C» ) erscheinenden Ausgabe, wie für btc Anzcigen-Äufnahme an bestimmt vorgeschnebenen Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
Pd, 808. Verlags-Fernfprechcr No. 398».
Sonntag, den 3.
RedaktionS-FernspreLer No. 83.
1903.
Worgen4usgabe.
Der Zweck heiligt öie Mittel!
Es ist, wenil die Dasbachsche Herausforderung deutlich bestehen bleibt, lvohl kaum zu bezweifeln, daß der Exjesuit Graf Hoensbroech als Gewinner aus dem Kampfe hervorgehen wird, allein das beweist weiter nichts, als daß den Jesuiten in Kaplan Dasbach eilt recht mangelhafter Verteidiger erstand, der den obigen Moralgrundsatz einfach als so verwerflich acceptiert, wie ihn die zahllosen Feinde gegen jenen Orden schleudern, ohne zu untersuchen, ob diese Devise denn auch wirklich unmoralisch sei. Graf Hoensbroech proponiert nun vor der Hand weiter nichts, als Herrn Dasbachs Kenntnisse zu bereichern und dadurch 2000 Mk. für Wohltaten flüssig zu machen, — wozu man ihm gewiß den besten Erfolg wünschen darf. Allein ob auch er jenen Grundsatz für unmoralisch hält, das wissen wir noch nicht.
Ob nun die Jesuiten, diesen Grundsatz auf ihre Fahne geschrieben oder nicht, ist vollständig belanglos, auf keinen Fall sind sie dessen Begründer, denn wenn er ein Merkmal des Jesuitismus wäre, so waren und sind alle Menschen, Individuen sowohl als Familien, Gemeinden und Staaten bis auf den heutigen Tag Jesuiten, gerade so wie sie im Grunde genommen alle Anarchisten sind.
Wenn wir z. B. unser Staatsleben auf diese Art Fesuitismus hin Prüfen, so läßt sich unschwer Nachweisen, daß darin eine ganze Menge an sich sehr unheiliger Mttel zur Erreichung präsumierter guter Zwecke angewendet werden, ohne daß darum dem Staate von denjenigen Individuen ein Vorwurf gemacht würde, welche die Jesuiten wegen viel geringerer Skrupellosigkeit ver- daminen. So z. B. bedienen sich die einzelnen Staaten gegeneinander der Spione, ohne darin etwas Erniedrigendes oder Unmoralisches zu finden, trotzdem es kaum 2—3 Deren nien her sind, daß — zumal bei Kriegszeiten — ein abgefaßter Spion des Feindes ohne viel Umstände erschossen wurde. Bediente man sich bloß der eigenen Spione, die man zum Kundschafterdienst in Feindesland sendete, so wäre die Sache noch nicht so häßlich, aber man verführt die gegnerischen Landesangehörigen zum Verrat an den Ihrigen, indem man sich deren Habsucht oder dergl. zu Stutze macht und glaubt sich nachträglich als Hehler noch über den Stehler erhaben. Was ist das anders als: Der Zweck heiligt die Mittel? Wenn man jemanden seiner bürgerlichen Ehren beraubt, ihn ins Gefängnis wirft oder ihm gar das Leben nimmt, so sind das gewiß sehr unheilige Mittel, aber dennoch können die Exekutoren, wie Richter, Gefängniswärter, Scharfrichter rc., moralisch hochstehende Menschen fein.
Feuilleton.
Florentiner Mosaik.
Von Ernst Koppel.
Der Karneval ist in diesem Jahr, wie schon seit ge- raumer Zeit, fast spurlos vorübergegangen, wie überhaupt bas öffentliche Leben der schönen Arnostadt in den letzten Jahren abermals zurückgegangen ist. Florenz gleicht, nachdem es die Würde einer Hauptstadt an das ewige Rom abgetreten, nun einmal einem Dornröschen, dessen Schloß zwar von Blüten umrankt, von Duft umwoben, sonst aber einigermaßen leblos daliegt. Immerhin besteht die Hoffnung, daß dieser Schauplatz so vieler großer Taten zu einem neuen Dasein sich entwickeln wird. Aber das verhängnisvolle Geschenk der Schönheit steht einem wirklichen Aufschwung im modernen Sinne leider im Wege.
Nach wie vor erwartet man alles Heil von den Fremden, mögen sic nun Deutsche, Engländer, Amerikaner, Russen oder sonst was sein, und in den Monaten wo diese ausbleiben oder nur spärlich auftauchen, wie im Sommer und in den eigentlichen Wintermonaten, klagt man beständig: „Non ci sono forestieri" — cs sind keine Fremden da.
Die Stadt hat nach wie vor weder Handel noch In- dustrie, wenn man Strohflechterei und Kunsthandwerk ausnimmt. Der Adel und die besitzende Klasse lebt nach wie vor von ihrem Landbesitz, der von Pächtern bewirtschaftet wird, und auch die Einkünfte dieser oberen „Zehntausend" — wenn es so viele sind — reichen kaum aus, um den größten Teil des Jahres ein standesgemäßes Leben in der Stadt zu führen. Man zieht sich daher im Juni auf das Land zurück und verweilt meist daselbst bis nach der Wein- und Maisernte, ja, man kehrt sogar erst Anfang Dezember in die Stadt zurück.
Ein großer Teil dieses Landbesitzes, der Campagna, ist aber in Händen von Ausländern, besonders von Engländern, Amerikanern und Deutschen, die so das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Auch das gesellschaftliche Leben der Stadt erhält durch Fremde, vor allem
Wäre dies auch möglich, wenn nicht der Zweck das Mittel heiligte? Wenn man für die Ermordung eines einzigen Deutschen eine _ ganze chinesische Stadt niederzumachen befiehlt, so geschieht das zweifellos in der Voraussetzung, daß der Zweck das grausige Mittel heilige.
Jemanden einen Arm oder ein Bein absägen, der sich bei voller Gesundheit befindet, wäre gewiß ein Verbrechen rohester Art, allein wenn es sich darum handelt, einem Patienten durch die Amputation das Leben zu erhalten, so wird das Verbrechen zur Wohltat. Als Jgnace de Loyola eines Tages nach einem Flüchtling befragt wurde, der kurz vorher seinen Weg gekreuzt hatte, schob ec die rechte Hand in den linken Rockärmel und sprach mit der unschuldigsten Miene von der Welt: por aqui no paso — hier ist er nicht durchgekommen.
— Demnach hätte der Begründer des Jefuiten-Ordens noch nicht auf dem Standpunkt gestanden, „der Zweck heiligt die Mittel", denn sonst hätte er es nicht für nötig gehalten, sein Gewissen durch die reservatio mentalis zu beruhigen, auch scheint er kein großer Charakter gewesen zu sein, denn sonst hätte er auch ohne die reservatio, ohne Bedenken ein Menschenleben durch eine Lüge gerettet.
Man wird aus dem Gesagten bereits ersehen, daß es leicht wäre, eine endlose Reihe von Beispielen anzuführen, welche auf den ersten Blick beweisen, daß der Zweck sehr wohl die Mittel heiligen kann, d. h. ihnen den Charakter des Verbrechens oder der Niedrigkeit nehmen, wenn nur der Zweck in Wirklichkeit so erhaben ist, daß davor die Gemeinheit des Mtteks verschwindet. Wer würde nicht eine menschliche Beftte, gerade aus Gewissenhaftigkeit und Pflichtgefühl, ohne Bedenken töten, ivenn er darin das einzige Mittel sähe, zahlreichere Morde :c. an anderen zu verhüten! Ich bezweifle keinen Augenblick, daß die Jesuiten den viclerwähnten Grundsatz nicht in adsoluto aufstellen, — das wäre eine Dummheit, deren ich diese Leute, für die ich mich keineswegs ins Zeug werfen möchte, für unfähig halte
— sondern bloß in concreto damit sagen wollen, daß
es Zwecke geben könne, die selbst ein sündhaftes Mittel entsündigen, und in diesem Sinne darf selbst der ethischste Mensch ihnen recht geben. m.
Das neue Smnrnerkursbuch.
Von Eduard Engel, Berlin.
Das Erscheinen der er ft en Sommerausgabe des Reichskursbuches am 1. Mai ist für Menschen, die an der Entwickelung des Reiseverkehrs Anteil nehmen — und wer täte das nicht! — etwa zu vergleichen mit dem Erscheinen der neuen Rang- und Quartierliste der preußischen Armee für die Herren Offiziere. Als Maßstab für den Stand der Verkehrs-
öurch die zahlreich hier angesieöelten oder sich vorüber
gehend aufhaltenden Engländer, seinen Stempel. Die englische Art, so wenig als möglich aus sich herauszugehen, verstärkt die Einförmigkeit und Einseitigkeit des Florentiner geselligen Lebens, das sich fast nur in einige Monate währenden regelmäßigen Empfängen von 5 bis 7 Uhr. nachmittags, also etwa gleichbedeutend mit dem five o'clock, äußert und währen der Karnevalsperiode in einer Reihe festlicher Abenöunterhaltungen mit Tanz und Musik in den verschiedenen Klubs, deren es zahlreiche gibt. Das Leben und Treiben in diesen Klubs aber ist sonst leer und jeder geistigen Anregung bar, da sich das Interesse der Mitglieder fast ausschließlich aus das Spiel, hier gleichbedeutend mit „Hazard", konzentriert. Es bildet für den weitaus größten Teil der männlichen Jugend der besitzenden Klasse den Hauptinhalt des Daseins, da viele, allzu viele von ihnen überhaupt keinen Beruf haben. Zu einem solchen, der wirkliche Anstrengung und fortgesetzte Tätigkeit verlangt, fehlt diesen .Dekadenten die Tatkraft, und wo diese etwa vorhanden, die Gelegenheit, umso mehr, als das veraltete lächerliche Vorurteil: „kare il signore", „den Herrn spielen", noch heute unter der Sonne des zwanzigsten Jahrhunderts keineswegs ausgerottet ist. So treibt man im alten Schlendrian weiter, verbringt seine Zeit mit Nichtstun, Spiel, Klatsch rc.
Übrigens kann man von der florentinischen Aristokratie nicht behaupten, daß sic eigentlich italienische Art repräsentiert, denn sie ist so buntscheckig .wie ein Harlekinmantel. Deutsches, vor allem aber englisches Blut fließt zum Überfluß in ihren Adern, ohne daß diese Mischung ihr sonderlich zum Vorteil gediehen wäre. Bei allen diesen seit lange beliebten Verbindungen ist der Mammon die Gottheit, auf deren Altären man opfert, der eigentliche Nationalheilige, wenn er auch nicht im Kalender steht und ihm keiner der zahlreichen kirchlichen Festtage geweiht ist, während andererseits auch die Fasttage, die manchem Florentiner mit tönendem Namen sonst bevorstehen, durch ihn, den Götzen Mammon, gnädig verhütet werden.
An alle diese, wie andere berechtigte Eigentümlichkeiten, namentlich auf dem weiten Gebiet der Moral, hat
kultur nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa, ist unser Reichskursbuch für den, der es richtig zu lesen gelernt hat, eine Fundgrube anregender Unterhaltung und wertvollen Wissens. Sage mir, fremdes Land, welchen Stand dein Verkehr, besonders dein Eisenbahnverkehr einnimmt, und ich will dir sagen, auf welcher Sprosse der großen Stufenleiter der Kultur dein Platz ist.
Es lassen sich auch noch einige andere Dinge aus dem Ikeichstürsbuch herauslescn. Zunächst einige allgemeine, sehr wichtige volkswirtschaftliche Wahrheiten. Zum Beispiel die ewige Wahrheit, daß Privatbahnen an der schonungslosen Ausbeutung eines ihnen gehörenden Monopols nur durch die Möglichkeit des Wettbewerbs behnrdert werden können. In England herrscht zwar das Privatbahnwesen unumschränkt, da aber für gewisse Verkehrsbeziehungen mehrere Netze in Wettbewerb miteinander treten — so z. B. die'drei großen Linien zwischen London und Edinburg —, so gibt cs für den Verkehr zwischen diesen beiden Städten die schnellsten Züge der Erde, deren jeder eine gepolsterte dritte Klasse führt, und zwar ohne jeden Schnellzugs- Zuschlag.
In Frankreich dägegen beherrscht jede der großen Privatbahnen ohne Wettbewerb die ihr preisgegebenen Landesteile, — und was sehen wir? Alle besten Züge sind nur den Wohlhabenden, ja den Reichen zugänglich Man betrachte z. B. auf S. 503 den Fahrplan zwischen Paris und der spanischen Grenze: kein einziger durchgehender Schnellzug hat für die ganze Strecke dritte Klasse!
Oder man durchblättere die eben erschienene Sommerausgabe des Reichskursbuches unter dem Gesichtspunkte der Schnellzüge überhaupt in den verschiedenen Eisenbahnländern. In Deutschland, England und Frankreich wirkliche Schnellzüge mit sehr wenigen Haltestellen; in Deutschland daneben auch sogenannte Schnellzüge, die an jedem Dorfe halten, aber trotzdem einen Schnellzugszuschlag fordern, der in England und Frankreich ganz fehlt. In Österreich-Ungarn gibt es echte Schnellzüge kaum einen, auch nicht auf den wichtigsten Völkerstraßen. Man sehe z. B. auf S. 345 die sogenannten Schnellzüge zwischen Tetschen und Wien, oder auf S. 346 die spaßhaften Schnellzüge zwischen Bodenbach und Wien mit ihren unzähligen Haltestellen an den kleinsten Städten und selbst an größeren Dörfern.
Ganz allgemein läßt sich von jedem neuen Kursbuch sagen: es bringt nicht nur Änderungen, sondern auch Verbesserungen. Diesmal sind der bemerkenswerten Verbesserungen mehr als seit vielen Jahren: das neue Regiment des Eisenbahnministers Budde macht sich sehr deutlich fühlbar. Zwar ist es ein altes Herkommen, daß jeder neue Mnister verkündet: Ich werde den be- währten Grundsätzen meines Herrn Amtsvorgängers
man sich nachgerade gewöhnt und übt gegenseitig die weitgehendste Toleranz, wenn man sich auch gern durch reichlichen Klatsch zu entschädigen sucht. Nicht umsonst nennt man Florenz In cittü del perdono! — Die Stadt, in der mau nachsichtig ist.
Das moralische Gebiet zu streifen, ist hier aber schon deshalb unstatthaft, weil diese Südländer, wie die Romanen überhaupt, von vielen, namentlich geschlechtlichen Dingen entschieden eine vom Norden durchaus abweichende Auffassung haben. Wie sehr die schone Arno- staöt eines eigenen, selbständigen Lebens ermangelt, bemerkt man am deutlichsten am Abend. Während in der Zeit von etwa 6 bis 7 Uhr nachmittags Straßen und Promenaden ziemlich belebt sind, liegen dieselben bereits um 8 Uhr abends fast öde und leer da, einige wenige Verkehrsadern des Zentrums ausgenommen. Auch hier ist es kein eigentlicher Verkehr, sondern ein Umherschlendern und Umherstehen, wie denn auch ein Wagen um diese Zeit bereits zu den Seltenheiten gehört. Für den Florentiner ist der Tag mit der Hauptmahlzeit am Abend, etwa um 7 Uhr, beschlossen, und nur eine geringe Minderzahl verläßt später noch das Haus.
Schon in der zehnten Stunde ist es mit Tram- und Omnibusverkehr vorbei, woraus erhellt, daß später kein Bedürfnis dazu mehr vorliegt, denn schon bet den letzten Fahrten sind die Wagen, Sonn- und Feiertage ausgenommen, fast leer. Weshalb auch sollte man das Haus verlassen? Die Geselligkeit ist spärlich, Theater nur zeitweilig geöffnet, wenigstens solche für einen gewählteren Geschmack, denn noch immer spielt die Operette, darunter die von Anno dazumal, eine hervorragende Rolle. Die großen Opernhäuser, Pergolo, Verdi, Politeama, stehen fast stets unbenutzt oder bieten die gleichen, oft fragwürdigen Genüsse wie die trotz ihrer Schwindsucht ungemein zähe Traviata, Rigoletto re., zu denen in den letzten Jahren hin und wieder Pueeinis „Boytzme", „Tosea" und wenige andere hinzugekommen sind.
Für die kleine Zahl der Besitzenden ist hier, wie in der Mehrzahl italienischer Städte, ein Wagen die Bedingung einer Art gesellschaftlicher Stellung, sei er nun Eigentum oder gemietet. Wie alle Südländer, liebt der Italiener das Fahren, aber auch hier treten die beschränk-
