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I. Beilage ium Wieskaüener Tagklatt.

Uo. ^05. Worgen-Ansgade.

Täuschen wir un« nicht: Das Leben ist genau so viel «► « wert wie wir selbst. Marie Herzfcld. »»

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(13. Fortsetzung.)

Späte Erkenntnis.

Roman von Alexander Römer.

„Und darum, weil ich sie keirne und hasse, soll keiner, mit dem ich zu schaffen habe, unter sie geraten, weder als ^MMr und Purzelbaumschläger, noch als Getretener und Gestürzter. Du kennst mich und weißt, das ist mein Altunatum. Entweder du lebst dein Leben in ineinem Sinn, recht und schlicht, in bescheidenen sicheren Grenzen, oder du gehst deine eigenen luftigen Wege, mit denen ich dann nichts j 5 u tun habe, zu denen ich die Hand nicht biete, und für die ich keine Verantwortung trage."

- * lmder Onkel — Sie werden nicht die Person- Frechmt eines Menscheir so einengen wollen, — ich *— lch suhle gar keine Neigung für den —"

„Freien Beruf eines Rechtsanwalts", fiel ihm der Me m die Rede. „Das ist unlogischer Widerspruch. Die Freiheit gerade sucht mein Plan dir zu wahren, die Frei­heit eines unabhängigen Ehrenmannes. Wohin dein Smn )tef)±, das ist Sklaventum, und übrigens" — es brannten ein paar hektische Flammen auf den hageren Wangen des erregten Mannes — „nsie ich es dir 'schon SU Anfang, sagte, überdenke dir's, zwingen will ich nie- mand Wie du es fertig bringen willst, ohne Mittel durch die langen ^ahre zu kommeii, während welcher du {tut retnerlei Besoldung rechnen f&itufi, Nne deiner Mutter dabei gehen , soll, ist mir unerfindlich, aber das la , bann wissen. Ich erfülle mein freiwilliges Gelübde an dir, in der Weife iind bis zu dem Punkt, wie ich es rmr vornahm, ich tat das Meinige, nun tue du wie es dir recht dünkt. Leb wohl für heut, bis zum kannst du dich entschließen und eventuell deinen Austritt aus der Staatskarriere erwirken. Was hier dann deiner wartet, weißt du."

3ustizrat erhob sich und Leopold mußte seinem Beispiel folgen. >chm traten die kalten Schweißtropfen

ite M Stirn. ^ Eme unbändige Wut gegen den „ver- nrckten Alten kochte in ihm. Diese Auslassiingen trugen )a einen sehr bedmklich^n Charakter, , es klang ja beinahe, ah> ob , ein Abschluß für alle Zeiten gemeint sei, als

QU . f feinen Nachlaß geweckt hätte.

Er wollte ihr, nicht zwingen — diese hämische Rebens­aft — den unerhörtesten Zwang übte er aus, er nutzte

• m ^ r und er ahnte noch nicht einmal, Wurmen er steckte, chn denen ihn nur der

Kredit den der Name des Justizrats Goldau und seine, allm als gesichert geltende, Anwartschaft auf dessen Erbe, auftecht erhielt. " '

Ä? ^ch.völlig vernichtet. Denn die Hosf- nung, daß des Alten eiferner Wille umzustimmen sei, war bei der Kenntnis fernes Charakters gleich Null.

• * seinen Hut vom Tische und schluckte

ern paar Mal, ehe er zu sprechen vermochte.

„Du ahnst wohl nicht, Onkel", sagte er bitter, wie du mrr mein Leben aus der Bahn wirfst —" aber er hielt

Sonntag, den 3. Mai.

inne und bereute fast die herausgestoßenen Worte, als er die angeschwollene Zornader gewahrte, die auf der Stirn des Alten hervorquoll.

„So — so — ich werfe dir dein Leben aus der Bahn, ich — der es hineingeleitet hat — das ist der Dank, den nian erntet in der Welt — o ja! ich weiß das lange, ich werde nur um eine Erfahrung reicher —"

Leopold beeilte sich gütlich einzulenken. „Sei nicht zu hart mit mir, Onkel", bat er mit demütiger Stimme, während ein grimmer Haß in ihm loderte, „ich muß nach wirklich iiber das Unerwartete erst besinnen."

„Tue das, tue das, ich gebe dir ja Zeit, und laß niich nun allein, ich spür' schon mein Herzklopfen und die Atemnot, und dann fährt's mir allemal schließlich ins Bein. Was wißt ihr junges Volk von den Leiden des Alters, voii den Leiden überhaupt, die man durchgemacht hat in so einem einsamen, freudlosen Lebell, wo niemand sich je um einen gekümmert."

Er schritt pustend und sckpver atlnend durch das Zimmer in das Nebengemach, ohile sich weiter umzu- sehen, immer noch murmelnd, klagend, scheltend.

Leopold ballte die Hände in ohnmächtiger Wut, er eilte im Sturmschritt, ohne rechts oder links zu sehen, durch die Straßen, flog die Stiegen zu der kleinen mütter- llchen Wohnung empor, und achtete nicht darauf, als die blasse Frau, die auf sein Kommen gewartet hatte, er­schrocken bei seinem Anblick eine Frage an ihn richtete.

Er ließ ihre Rede unbeantwortet, eilte finster an ihr vorüber, und warf die Tür seines Zimmers ins Schloß, daß es kilallte. Als er allein war, versuchte er sich zu besinnen. Das waren ja nette Aussichten für ihn.— hwr von der Mutter und dem Alten beaufsichtigt, ein todeslangweiliges Dasein zu führen für die ganze Lebenszeit. Tenn an ein Karrieremachen in seinem Sinne war später, — nach dem etwaigen Tode des Alten — nicht mehr zu denken.

Er setzte sich, stützte den Kopf in beide Hände und starrte vor sich hin. Ec biß grimmig die Zähne aufein­ander, daß sie knirschten. Wenn er sich freimachte! Diese unwurdlgen Ketten zerriß — so uirwürdige, denn in dieser Stunde suhlte er es — er log und heuchelte, er nahm Wohltaten an, für die er Dank schuldig war, und haßte den Mann, der sie ihm erwies. Dieser Alte war der Fluch seines Lebens.

Er zuckte zusammen, als er das dachte — ein un- heimliches Gefühl, als stände Jemand neben ihm in der Einsamkeit seines Zimmers, war plötzlich über ihn ge- kommen. Scheu sah er sich um. Unsinn! Die Geschichte machte ihn noch so verrückt, daß er Gespenster sah

In finsterem Trotz grübelte er weiter. Wenn der verschrobene Alte sich nie um ihn gekümmert hätte, stände es besser um ihn, ja besser — er nickte vor sich hin als müsse er dem Unsichtbaren neben ihm das bestätigen

Dann hätte er sich einrichten müssen — natürlich _

vielleicht nicht studieren können — so wäre er in eine andere Laufbahn gekommen — oder — es hätten ihm andere geholfen — den Teufel auch — daß ihm immer geholfen werden mußte. Wenn man so in die Welt ge- setzt wurde — wider seinen eigenen Willen, doch — man wählte sich nicht einmal seine Eltern und Verhältnisse — dann war es wohl Sache der Vorsehung irgendwie zu helfen. Er war in einen Schraubstock gespannt worden

51. Jahrgang. 1903.

und saß noch darin — und blieb darin — cs war zum Verzweifeln! Wie sollte er durchkommen, mit der Schuldenlast gar, die er hinter sich getürmt hatte, und von der niemand der Seinen etwas wußte, wenn der Alte seine Hand von ihm abzog, dieser — Fluch seines Lebens.

Er atmete schiver — da klopfte es draußen, er hörte der Mutter angstvolle Stimme: „Poldel! mach' doch auf, ist etwas geschehen?"

Diese verflixten Frauenzimmer— da ging der Tanz schon an — jede Miene wurde beachtet, von jeder Stimmung sollte Rechenschaft gegeben werden.

Er brummte und ging zu öffnen. Sie blickte ge­spannt in sein Gesicht. „Poldel! mein Gott! was ist dir?"

Er schüttelte ungeduldig den Kopf. „Tue mir den Gefallen und mache keine Scene daraus. Das Hans hat dünne Wände, und nebenan wohnt auch noch jemand", sagte er rauh und unhöflich.

Sie sank zitternd in einen Stuhl, sie war überzeugt, daß etwas Schreckliches passiert sei.

Er dnrchmaß das kleine Zimmer mit großen Schritten und fing dann an zu erzählen. Der gute Onkel werde altersschwach — er sah nebenbei schlecht aus und hatte auch über seine Gesundheit geklagt — da hatte er sich denn unter dem Einfluß seiner Podagraschmerzen diese Höllengeschichten ausgedacht. Am Strick, am Gängel­band wollte er ihn hier behalten, ihm seine fetten Bauern, die Mchlsäcke und Getreidehändler und .Konsorten zu­weilen, die ihre Silbertaler sicher untergebracht haben wollten. Außer notariellen Geschäften, Hypotheken- Einttagungen und Güterankäufcn, bot seine Praxis ja nichts.

Me Mutter warf schüchtern ein, daß der alte Herr doch von jeher einen Ruf als bedeutender Jurist besessen, auch einen schwierigen Rechtsprozeß für die Stadt geführt und glänzend durchgebracht habe, wofür ihm damals der Justizratstitel verliehen worden sei.

„Freilich, der Justizratstitel", rief Leopold höhnend, „eine schwindelerregende Aussicht. Gott stehe mir bei, wenn ich mir das Leben hier ausmale. Zahm bei Muttern wohnen. Tag für Tag geduldprüfende Verhandlungen mit weitschweifigen Klienten, die umschmeichelt werden wollen, wenn sie wieder kommen sollen, Verwaltungen von Waisenfonds, die nichts einbringen, abends in: günstigen Fall ein Schoppen im Ratskeller in Gesellschaft ehrbarer Philister. Herrlich, beneidenswert! Glaubst du wirklich, Mutter, daß ich das aushalte und daß solch ein Leben meinen Gaben entspricht?"

„Ach Poldel, ich finde es ja auch schade, und du könntest sicher einen höheren Platz ausfülleir, aber ich weiß nicht, wie es werden soll, wenn du dich nicht fügst. Denk dabei, es handelt sich vielleicht nur um ein paar Jahre-"

Sie wurde plötzlich dunkelrot, die blasse Frau, und senkte die Augen, als ihr Sohn sie scharf ansah. Es über­kam sie ein schreckliches Gefühl, eine tätliche Scham über das Wort, welches ihr da entschlüpft war. Des Sohnes Blick sagte ihr, daß sie sich verstanden hatten — der Tod des Mannes, der ihr Wohltäter war, konnte hier allein Erlösung bringen.

Leopold warf sich in einen Stuhl, daß es krachte. iFortsetzung folgt.)

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