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- Jahrgang» Nerlaa- Qnrtnnntfp 97 9Im<>irt<"»i=*Rr<‘iÄ t

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K». 204.

Verlags-Fernsprecher No. ASS.

Kamstag» de« 2 . Mar.

Rebaktionö.Fernsprechcr No. S2. 1803.

Abend-Ausgabe.

Politische Pebersicht.

Mit dem Mailüsterl hat die Parlaments- s e s s i o n in Deutschland ihr Ende genommen. Sie war ohnehin lrur eine Art Rumpfparlament, das in der letzten Zeit im Reichstage wie im preußischen Abgeord­netenhaus« getagt hat. Insbesondere die Herren Reichs­tagsabgeordneten hatten ganz andere Sorgen als die parlamentarischen, welche die Tagesordnung des Reichs­tags mit sich bringen. Der künftige Reichstag macht den meisten von ihnen weit mehr Sorge als derjenige, der mit dem Schluß der Session nunmehr zugleich den Schluß der Legislaturperiode erlebt hat. Zwar ist es noch hin und wieder in den letzten Sitzungen des Reichs­tags zu einigen Zusammenstößen gekommen, die ein wenig an die Zeiten der parlamentarischen Hochsaison erinnerten, aber es war doch nicht viel mehr als Stroh­feuer. Selbst die Interpellation der Konservativen, wann die Regierung die laufenden Handelsverträge zu kündigen gedenke, verpuffte sang- und klanglos, da die Regierung sich entschieden weigerte, diese Wißbegier zu befriedigen. Und sie hatte ihre guten Gründe dazu.

Einundeinhalb Monate trennen uns nunmehr nur noch von dem Tag, der über die Zusammensetzung des neuen Reichstags entscheiden soll, und diese kurze Spcknne Zeit wird von den Parteien, die jetzt der parlamenta­rischen Arbeit ledig sind, zu intensivster W a h l a r b e i t ausgenutzt werden. Über die Gruppierung der Parteien im neuen.Reichstage wird schon jetzt viel prophezeit, und es ist menschlich begreiflich, daß jede Partei ihre Chancen für die günstigsten ansieht. Indes die prophe­tische Tätigkeit hat sich noch stets als ein Handwerk ohne goldenen Boden erwiesen, und der vorsichtige Zeitungs­schreiber sollte sich, wenn er schon heute aufgefordert wird, sich über den Ausfall der Wahlen zu äußern, mit den: Ausspruch des griechischen Weisen begnügen: Ich entscheide nichts!

Wenn die bevorstehenden Wahlen diesmal den Ein­tritt der toten Saison bei uns bis zum heißen Sommer hinausschieben, so sieht es auch auf dem Gebiete der hohen internationalen Politik noch keines­wegs so aus, als ob wir in absehbarer Zeit auf den Beginn der Saurengurkenzeit rechnen könnten. Zur Zeit geht es auch in der auswärtigen Politik noch recht hoch her, und es sind hier noch manche Fragen in der Schwebe, die der Diplomatie arges Kopfzerbrechen ver­ursachen.

Insonderheit denken wir dabei an die macedonische, die marokkanische und die mandschurische Frage, aber auch die venezolanische harrt noch immer ihrer endgültigen Erledigung. Was die letztere betrifft, so soll es nunmehr feststehen, daß das Haager Schieds­

gericht über die Frage der vorzugsweisen Behandlung der Mächte, welche ihre Forderungen an Venezuela geltend gemacht haben, entscheiden soll, aber es wird jedenfalls noch geraume Zeit vergehen, bis auch dieser Streitpunkt erledigt ist, denn die Gerichte arbeiten lang­sam und die Schiedsgerichte noch langsamer.

. .‘f. 111 . langsamsten aber arbeitet der amtliche und der militärische Apparat in der Türkei, das sieht man soeben aufs neue an der Entwickelung der Dinge in Mace- d o n i e n. Mit der seit Monaten angekündigten Nieder­schlagung des Albanesenaufstandes sieht es bisher ebenso windig aus wie mit der Einführung der nicht minder pomphaft angekündigten Durchführung der Reformen in Makedonien. Wenn in Rußland das Sprichwort gilt, der Zar ist weit und der Himmel ist hoch/so kann man von der Türkei mit eben so viel Recht sagen, der Sultan ist weit und Albanien ist — gefährlich. Die Mächte iverden sich mit Geduld wappnen müssen, und wir schmeicheln uns nicht mit der Hoffnung, daß das fünfundzwanzigjährige Jubiläum des Berliner Kon­gresses, aus denr die Durchführung der nmcedonischen Reformen beschlossen wurde, diese Reformen bereits erleben wird. Denn dieses Jubiläum fällt bereits in den August und September dieses Jahres.

Jnimer langsam voran, das ist auch das Motto, nach dem sich die Ereignisse in Marokko vollziehen. Der Sultan Abdul Aziz scheint es nicht eilig zu haben, seine Kräfte mit denen des Prätendenten Bu Hamara zu messen, und dieser wiederum scheint auch Zeit zu haben.

Immerhin ist es aber bisher gelungen, internationale Verwickelungen von den Wirren in Marokko fernzu­halten, und daraus darf man die Hoffnung entnehmen, daß dies auch ür Zukunft gelingen wird.

Eine harmlosere Gestalt hat in den letzten Tagen auch die mandschurische Frage, die sich bös­artig zuzuspitzen schien, angenommen. Tic russische Regierung hat ihre Annektionsgelüste angesichts der Proteste der interessierten Mächte ein wenig beschnitten, und zwar hat sie das in der in Rußland üblichen Form getan, indem sie einfach darauf los dementierte. Es ist dies das Dementi des Fuchses, dem die Trauben zu sauer sind.

In Frankreich hat die Regierung jetzt schärfere Seiten gegen die widerspenstigen Qrdensmitglieder an­geschlagen, und die Karthäuser haben die Stätte, wo sie den weltberühmten Chartreuse brauten, verlassen müssen.

Auch in Spanien hat die Regierung einen Sieg erfochten. indem sie bei den Wahlen eine starke Mehrheit erzielte. Aber man weiß, wie das in Spanien gemacht wird, und das Anwachsen der republikanischen Stimmen bedeutet dann einen Wermutstropfen in dem Freudenbecher der spanischen Regierung.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Berlin, 1. Mai.

Auf der Tagesordnung steht: Beratung der vom Herrenhause abgeänderten Fassung der angenommenen Vorlage über die Befähigung zum höheren Verwaltungs­dienst. — Abg. Fritzen- Borken (Zentr.j führt aus, das Zentrum sei entschlossen, die Vorlage in der Fassung des Herrenhauses nicht anzunchmen, da die von den Ab­geordneten beschlossene Fassung des 8 4 einer der wertvoll­sten Bestandteile des Entwurfs sei. — Minister Freiherr v. H a m m c r st e i n weist darauf hin, daß beide Frak­tionen des Herrenhauses dem 8 4 in der Regierungs­vorlage zustimmten und bittet, das Gesetz nicht an einer Nebensache scheitern zu lassen. — Abg. v. T i e d e m a n n (freikons.) bittet, im Interesse der Sache den Beschlüssen des Herrenhauses zuzustimmen. — Abg. Peltasohn (freist Ver.) hält an der Abgeordnetenfassung fest. — Abg. v. Zedlitz (freikons.) tritt für die Herrenhausfassung ein und beantragt, um Vermittelung zu suchen, die Sitzung auf eine Stunde zu vertagen: er stellt seinen An­trag zurück, bis alle Parteien Erklärungen abgegeben haben. — Abg. Freiherr v. R i ch t h o f e n (kons.) erklärt, die Konservativen träten für den 8 4 in der Regierungs­vorlage ein: im Falle der Ablehnung würden sie gegen das ganze Gesetz stimmen. — Abg. K e r u t h (freist Volksp.) wird für das Gesetz stimmen, wenn der 8 4 in der Fassung des Abgeordnetenhauses angenommen wird.

— Abg. Friedberg (nat.-lib.) will nicht von den Be­schlüssen der dritten Lesung abgehen und verspricht sich nicht viel von dem Antrag Zedlitz. — Abg. Fritzen- Borken (Zentr.) erklärt, das Zentrum werde auf die Vermittelungsvorschläge nicht eingchcn, und glaubt, daß der Antrag Zedlitz zwecklos sei. — Hierauf wird die all­gemeine Besprechung geschlossen. — Abg. v. Zedlitz (freikons.) zieht seinen Antrag zurück. — In der Einzel- bcsprechung beantragt Abg. v. Heydcbraud nament­liche Abstimmung über den Antrag Friedberg, wonach 8 4 in der Fassung des Abgeordnetenhauses wiederher­gestellt werden soll.— Der Antrag Friedberg wird mit 164 gegen 23 Stimmen angenommen. — Sodann wird die ganze Vorlage gemäß den Beschlüssen in dritter Lesung gegen die Stimmen der Konservativen genehmigt. — Der Präsident teilt mit, daß der Landtag um 4 Uhr ge­schlossen werden soll. — Es folgen Petitionen.

Herrenhaus.

Auf der Tagesordnung steht die Beratung des Gesetz­entwurfes über den weiteren Erwerb von Eisenbahnen für den Staat. — Oberbürgermeister V ü ch t e m a n n beantragt unveränderte Annahme des Gesetzentwurfes.

— Minister Budde wiederholt seine Erklärung aus dem Abgeordnctenhause. Das kürzlich neu eingegangene Angebot der Breslau-Warschauer Eisenbahn werde wohl­wollend geprüft werden. — Der Gesetzentwurf wird darauf angenommen. — Bei der Beratung des Gefetz-

Am sonnigen Strande.

Von Henryk Sicnkiewicz.

Aus dem Polnischen übersetzt von L. Berner.

(13. Fortsetzung.)

Er machte sich daran, die Farben zu mischen, wobei er, seiner Gewohnheit nach, allerlei erzählte und Frau Cetvi die vergangenen Zeiten zu erzählen veranlaßte. Er er­fuhr von ihr, daß „Mizi" vor einem Fahre den einträg­lichen Posten einer Vorleserin bei Gräfin Dziadzikiewicz bekleidete. Doch der Posten währte so lange, als Frau Dziadzikiewicz in Nizza verblieb. Groß war daher der Schmerz, als die Gräfin verreiste, denn die Stelle war gut und enthob die Familie so mancher drückender Sorgen.

In Swirski erwachte indessen der Maler. Er zog die Augenbrauen zusammen, blickte über den Pinselgriff nach dem liegenden Mädchen hinüber und malte mit großem Eifer. Von Zeit zu Zeit legte er jedoch Palette und Malstock nieder, näherte sich dem Modell und dasselbe leicht an den Schläfen ergreifend, änderte er etwas an der Lage des Kopfes. Bei dieser Gelegenheit beugte er sich vielleicht etwas tiefer zu dem Mädchen nieder, als es das Interesse der Kunst erfordert hätte, und als die Wärme des jungen Körpers sich ihm mitzuteilen begann, als er auf die langen Wimpern und auf den ein wenig geöffneten Mund blickte, da ging ein Schauer durch seine Glieder, seine Finger begannen zu zittern und im Geiste rief er sich zu: „Halte dich, Alter! Zum Henker doch! — halte dich!"

Sie gefiel ihm von ganzer Seele. Es entzückten ihn über die Maßen ihre Verlegenheit, ihr Erröten, ihre schüchternen Blicke, welche jedoch nicht ganz frei von weib­licher Koketterie waren. Dies alles bewies ihm, daß sie ihn nicht für alt halte und er fühlte, daß auch er ihr ge­falle. Der Großvater muß ihr wohl seiner Zeit außer­ordentliche Dinge von seinen Landsleuten erzählt haben und auf einmal begegnete sie einem solchen Landsmann,

I einem, der nicht zu unterschätzen ist — rechtschaffen, be- ' rühmt und der zum Überfluß wie in demMärchen erschien, in einem Augenblick der größten Not Hilfe und ein biederes Herz brachte. Wie hätte sic da nicht ein innigeres Gefühl empfinden, nicht mit Interesse und Dankbarkeit zu ihm aufblicken sollen.

Alles dies bewirkte, daß Swirski die Zeit bis zum Mittag so rasch verstrich, daß er es kaum merkte. Doch um die Mittagsstunde erklärte Frau Cervi, daß sie nach Hause müßten, da der Vater allein zurückgeblieben sei, und daß es Zeit wäre, an sein Frühstück zu denken. Swirski ersuchte die Damen, Nachmittags wiederzu- kommen. Wenn sie den Greis nicht allein zurücklassen wollen, so konnten sie ja irgend jemand für zwei Nach­mittagsstunden zu seiner Gesellschaft bestellen. Vielleicht würde die Hausbesorgerin, vielleicht deren Mann oder sonst jemand sich dazu entschließen? Es ist um das Bild zu tun! Zwei Sitzungen des Tages wären für beide Teile von Gewinn. Wenn die Aufsicht über den kranken Groß­vater irgend welche Kosten nach sich ziehen sollte, so würde er — Swirski — es sich noch als Gnade an­rechnen, wenn es ihm gestattet würde, sie zu tragen, denn es wäre ihm über alles um das Bild zu tun.

Zwei Sitzungen im Tage waren für Fräulein Cervi zu ersprießlich, als daß sie angesichts der Not im Hause nicht auf dieselben hätte entgehen sollen. Man kam daher überein, daß die Damen des Nachmittags wiederkommen. Swirski, der über die Maßen beglückt war, begleitete sie nach Hause.

In dem Hausflur begegnete ihnen Frau Lageat, welche Swirski einen Strauß schöner Moosrosen überreichte mit dem Bemerken, daß zwei hübsche Knaben mit einem wunderlich gekleideten Diener dieselben gebracht hätten, und daß sie um jeden Preis in das Atelier eindringen wollten, aber sie ließ dieselben, eingedenk des Befehls, nicht hinein.

Swirski antwortete, daß sie gut daran getan, und überreichte die empfangenen Rosen Fräulein Cervi. Nach

einer kleinen Weile befanden sie sich auf der Promenade des Anglais. Swirski erschien heute Nizza so schön wie niemals. Die Buntschcckigkeit und das Geräusch auf der Promenade, welche ihn früher aufbrachten, kamen ihm heute belustigend vor. Unterwegs begegnete er Wiadrowski und de Sinken, die bei seinem Anblick stehen blieben. Swirski grüßte und ging vorbei, doch im Vorübergehen bemerkte er, wie de Sinken das Monokle fester ins Auge zwängte, um Fräulein Marie besser an- blicken zu können und fing den Ausruf voller Bewun- derung auf: „prrristi!" Beide gingen sogar eine Zeit- lang hinter ihnen her, aber Swirski nahm bald einen Wagen und brachte die Damen nach Hause.

Er hatte große Lust, die ganze Familie zum Frühstück einzuladen, aber er dachte sich, daß es mit dem Greise große Schwierigkeit haben werde, und daß angesichts ihrer kurzen Bekanntschaft Frau Cervi ob seiner plötzlichen Einladung verwundert sein könnte. Dagegen nahm er sich vor, sobald für die nötige Aufsicht des Großvaters gesorgt sein werde, das Frühstück im Atelier unter dem Vorwand auftragcn zu lassen, daß dadurch an Zeit ge­spart werde, Nachdem er sich voir Mutter und Tochtüiz verabschiedet hatte, trat er in das erstbeste Hotel, um sich ein Frühstück geben zu lassen,' verschlang in Eile einige Speisen, ohne sich darüber klar zu sein, was er verzehre. Frau Korccka, Romulus und Remus, sowie Sträuße von schönen Moosrosen kamen ihm oft in den Sinn, doch imr wie Schattenbilder aus vergangenen Zeiten. Vor einigen Tagen noch waren die schölte Witwe und sein Verhältnis zu ihr für ihn Fragen von größter Wichtig­keit, über die er sich nicht wenig deit Kopf zerbrach. Denn er erinnerte sich wohl an jeiien Zwiespalt, dem sein Inneres erlag, als er mit dem Schiffe nach Ville Franche zurückkehrte, und jetzt sprach er zu sich selbst: „Dies hat aufgehört für mich zu sein, uitd ich will nicht mehr daran denken." Er empfand weder Unruhe noch Sorge. Im Gegenteil kam es ihm vor, daß ihm eine Last von den Schultern gefallen, die schwer dieselben bedrückt hatte.