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Sl. Jahrgang.

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Ap. 202. Verlags-Ferufprechcr No. 298».

Freitag» den 1. Mai.

RetaktionS-Fernspretber No. 82. 1903.

Abend-Ausgabe.

6. Dezember 1898 bis 30. April 1903.

Der Reichstag hat gestern seine Tätigkeit und sein Dasein beschlossen, um am 16. Juni einem um zu wählenden Reichstag Platz zu inachen. Tie Session, welche mit der gestrigen 802. Sitzung ihr Ende erreicht hat, ist die zweite und zugleich die letzte der lO.Legislatur- periode des Reichstags, die ihr faktisches Ende gestern gefunden hat, ihr formelles Ende aber erst am 16. Juni finden wird. Diese zehnte Legislaturperiode zeichnet sich dadurch aus, daß sie in nur zwei, ungewöhnlich lange Sessionen zerfiel, da dreimal, um das angefangene Arbeitsmaterial zu retten, statt der Schließung des Reichstags die Form der Vertagung gewählt wurde. Der Reichstag wurde am 6. Dezember 1898 eröffnet, am 26. Juni 1899 bis zunl 14. November 1899 vertagt und erst am 12. Juni 1900 geschlossen. Diese erste Session des Reichstags umfaßte 209 Sitzungen. Die zweite Session wurde am 14. November 1900 eröffnet, am 15. Mai 1901 bis zum 26. November 1901 und dann wieder am 12. Juni 1902 bis znm 14. Oktober 1902 vertagt und erst gestern, am 30. April, geschlossen. Diese längste Session, welche der Reichstag bisher überhaupt zu verzeichnen hatte, dehnte sich über 302 Sitzungen aus, so das; der Reichstag in seiner zehnten Legislaturperiode im ganzen 511 Sitzungen abgehalten hat.

Die Session 1898/1900 hatte im Zeichen der Kämpfe einerseits um die Militär- und Marincvorlage und andererseits um die sogenannte Zuchthausvorlage nild die lex Heinze gestanden. Die Militär- und die Marine- Vorlage gelangten nach einigen Abstrichen zur Annahme; der lex Heinze, deren gegen die Freiheit dkr Kunst ge- richtete Bestimmungen den heftigsten Widerstand der öffentlichen Meinung erregt hatten, wurden die Gift- zähne ansgebrochen, und die auf den Namen Znchthans- gesetz getaufte Koalitionsvorlage wurde voin Reichstag sang- und klanglos begraben. Don den anderen wich­tigeren Gesetzeil, die in der ersten Session des Reichstags zu stände kamen, sind noch zu erwähnen das Postgesetz, welches deir privaten Wettbetverb unterdrückte, aber einige Berkehrserleichternngen brachte, das Fleischbeschau­gesetz, die Novelle zur Gewerbeordnung, welche dm An­gestellten in Handel und Gewerbe wesentliche Ver­günstigungen brachte, und die Reform der Invaliditäts- Versicherung.

Die Session 1900/1903 zerfiel, wie schon betont, in drei Abschnitte. In dem ersten Abschnitt vom 14. November 1900 bis zum 15. Mai 1901 brachte der Reichstag das Gesetz über die bessere Versorgung der Kriegsinvaliden und Kriegshinterbliebenen, das Ur- heberrecht uttd das Verlagsrecht, das Gesetz über die

Am sonnigen Strande.

Von Henryk Sienkiewicz.

Aus dem Polnischen übersetzt von L. Berner.

(12. Fortsetzung.)

Doch Swirski antwortete nichts, verabschiedete sich und ging fort. Auf der Hoteltreppe streifte er mit der Hand über Stirir nild Augen, und wiederholte: „Eine unerhörte Geschichte!" . .

Er wußte es aus Erfahrung, bis zu welchem Grade der menschliche Egoismus gelangen kann: er wußte es ebenfalls, daß die Frauen sowohl im Egoismus, als auch in der Aufopferung das Maß der Männer übersteigen; er erinnerte sich, daß er im Leben ähillichen Typen schon begegnet, bei denen unter der äußere:: Schicht der gesell­schaftlichen Bildung eine grobe, tierische Selbstsucht steckte und bei denei: jeder moralische Sinn dort endigte, wo das persönliche Interesse allfing — und doch gelang es Frau Korecka ihr: in Staullen zu versetzen.

„War doch", sagte er zu sich selbst, „jener Unglück- liche der Lehrer ihrer Kinder, lebte mit ihr uiltec einem Dache und liebte sie . . . Und sie? Wenn sie nur ein Wort des Mitleids, der Teilnahme, des Interesses für ihn hätte! Nichts und nichts! Sie ist ungehalten über ihn, daß er ihr Unannehmlichkeiten bereitet, daß er nicht weiter in die Welt fortgereist sei, daß er ihr deir Aufenthalt vergällt, sie wahrscheinlich einer gerichtlichen Aussage und dem Gerede ausgesetzt hat, aber die Frage kam ihr nicht einmal in den Sinn, was mit diesem Menschen vorge­gangen, warum er sich erschossen und ob ec es nicht ihret­wegen getan habe. Und in der Aufregung vergaß sie sogar, daß sie sich vor mir verrate, und daß sie wenigstens aus Klugheit sich mir anders hätte zeigen sollen. Ach! welch seelische Barbarei! Nichts als Schein und unter der französischen Maske Seelenlosigkeit und Roheit! — eine Civilisation, die an der Haut haften geblieben, wie Puder! .... Dieses Weib befiehlt mir noch, daß ich den Menschen erzählen soll, er hätte ihr Geld verspielt.."

«Pfui! Ter Teufel hole dies alles."

privaten Versicherungsunternehmungen und die Reform der Gewerbegerichte zu ftande, wobei wir von den gesetz­geberischen Leistungen sekundäreir lrnd tertiären Grades absehen. Ter zweite Sefsionsabschnitt vom 26. November 1901 bis zunr 12. Juni 1902 hat als bleibende Spur folgende Leistungen hinterlassen: Tie Seerechtsgesetze,

die Schauimveinstcuer, die Beseitigung des fliegenden Gerichtsstandes für die Presse, die Aufhebung des elsaß­lothringischen Diktaturparagraphen, die Zuckersteuer­novelle nebst der Zuckerkonvention, das Süßstosfgesctz und das Branntwcinsteuergesetz.

Gleichzeitig begann jedoch in diesem Sessionsabschnitt der heftige Kampf um den Zolltarif, der erst in dem letzten Sessionssegment seinen Wschlutz fand. Der Reichstag erledigte vorn 2. bis zum 12. Dezember 1901 die erste Lesung des Zolltarifs, indem er die Vorlage einer Kommission überwies. Diese kam in der Zeit vom 9. Januar 1902 bis zum 12. August mit der ersten Lesung und vom 22. September bis zum 2. Oktober mit der zweiten Lesung zu stände, so daß der Reichstag bei seinem Wiederzusammentritt am 14. Oktober 1902 sich alsbald in diese heikle Arbeit stürzen konnte. Die heißen Kämpfe, welche in der zweiten Lesung des Zolltarifs, die vom 16. Oktober bis zum 11. Dezember dauerte, und in der 19-stündigen Schlacht vom 13./14. Dezember, die mit der Annahme des revidierten Zolltarifs in dritter Lesung endete, ausgefochtcn wurden, sind noch in frischer Er­innerung.

Außer dein Zolltarif hat der Reichstag in diesem letzten Sessionsabschnitt von größeren Gesetzen nur das Kinderschutzgesetz und die Novelle zuin Krankeiwersiche- rungsgesetz zu stände gebracht, die beide einen wesent­lichen sozialpolitischen Fortschritt bedeuten. Dazu kommen von kleineren, aber trotzdem bedeutsamen Leistungen noch das Verbot des Weißphosphors zur Herstellung von Streichhölzern und vor allem das neue Wahlreglement, welches eine ausgiebigereSicherung des Wahlgeheimnisses bezweckt und am 16. Juni seine Feuerprobe erleben soll.

Wenn wir der Tätigkeit des geschiedenen Reichstags gedenken, so dürfen wir vor allein den schlimmsten Übel­stand, unter dein er litt, nicht zu erwähnen vergessen, nämlich die chronische Beschlußunfähigkeit, in deren Zeichen er stand. Wenn wir auch hoffen wollen, daß die Neuwahlen an Stelle derjenigen Volksvertreter, die im Reichstag gewohnheitsgeinäß durch Abwesenheit glänz­ten, eifrigere und pflichtbewußtere in deir Reichstag bringen werden, so ist doch schon heute nahezu allgemein die Erkenntnis durchgedrungen, daß ohne Gewährung von Diäten die Vorbedingung einer gedeihlichen Tätig­keit des Reichstags, nämlich die Beschlußfähigkeit, nicht zu erfüllen ist. ^

lick. Berlin, 1. Mai. Fast sämtliche Morgenblätter veröffentlichen lange Artikel über die zu Ende gegangene Legislatur-Periode des Reichstages. Der „Vorwärts"

So nachsinnend und fluchend kanr er nach Condamine, wo er bald das Hotel fand, in dem das Ereignis sich zu­getragen. Im Ziinmer des Kresowicz traf er einen Arzt und einen Gerichtsbeamten, die über Swirskis Ankunft erfreut waren, da sie hofften, daß er inr stände sein werde, ihnen über den Toten irgend welche Auskunft zu geben.

„Der Selbstmörder", sagte der Beamte, „ließ einen Zettel mit der Verfügung zurück, man möge ihit in einem allgemeinen Grabe beerdigen und daß man das Geld, welches sich bei ihm findet, nach Zürich unter der ange­gebenen Adresse sende. Die Papiere scheint er vernichtet zu haben, wie dies die Spuren im Kamin bezeugen."

Swirski warf einen Blick auf Kresowicz, welcher mit weit geöffneten Augen und mit wie im Pfeifen be­griffenem Munde dalag.

„Ter Tote hielt sich für unheilbar", sagte er, „er selbst sprach davon zu mir und wahrscheinlich war dies die Ur- fache dieser Tat. Das Spielhaus besuchte er nie."

Worauf er alles erzählte, was ihm nur irgend von Kresowicz bekannt war, zum Schlüsse ließ er so viel Geld zurück, als zum Begräbnis nötig war und ging fort.

Unterwegs erinnerte er sich daran, was ihm Kreso­wicz in Nizza über die Bazillen gesagt hatte und zugleich an die Antwort, welche derselbe dem Wiadrowsk: ge­geben, „daß er der Partei der „Schweigenden" beitrete" und kam zu der Übevzeugung, daß der junge Student offenbar schon lange die Absicht gehabt, sich das Leben zu nehmen und daß der Hauptgrund seiner Handlungsweise die Gewißheit war, daß er ohnehin zum Tod verurteilt sei.

Er nahm jedoch an, daß noch andere Nebenursachen existieren konnten, unter ihnen die unglückliche Liebe zu Frau Korecka und der Abschied, den ec von ihr zu nehmen gezwungen war. Diese Gedanken erfüllten ihn mit großer Trauer. Die Leiche des Kresowicz mit dem Munde, der wie im Pfeifen begriffen war und mit der Todesangst in den Augen ging ihm nicht aus dem Sinn. Er dachte, daß in diese schreckliche Nacht niemand ohne Grauen herab­steige, daß das ganze Leben angesichts des unvermcid- lichen Todes eine ungeheure, tragische Ungereimtheit sei,

bringt einen die ganze erste Seite füllenden Wahlauf­ruf. Derselbe schließt mit folgenden Worten: Unser Ziel ist die Herbeiführung der sozialdemokratischen Staats­und Gesellschaftsordnung, gegründet auf dem gesellschaft­lichen Eigentum an den Arbeitsmitteln und der Arbeits­pflicht aller ihrer Glieder. Schaffung eines staatlichen und gesellschaftlichen Zustandes, in dem die Wahrheit, die Gerechtigkeit, die Gleichberechtigung und die Wohlfahrt aller der unverrückbare Leitstern für alles Handeln ist. Wer diese, unsere Anschauungen teilt, der stimme am 16. Juni nur für den Kandidaten der Sozialdemokratie.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 30. April.

Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der zweiten Lesung der Kranken-Versicherungs-Novclle. — Es wird hierzu gleich zu Beginn der Sitzung ein neuer Antrag von Savigny gestellt: die von der Kommission be­antragte Resolution noch durch die Forderung zu er­weitern, daß bei der gewünschten späteren gründlichen Reform des Krankenversichcrungsgesetzes auch eine Rege­lung der Anstellüngs- und Dienstverhältnisse der Krankenkassenbeamten stattfindet. (Aus diesem Antrag geht bereits im voraus hervor, daß das Haus entsprechend den gestrigen Verlautbarungen über ein Kompromiß mit den Sozialdemokraten gewillt ist, bei der dritten Lesung den Abfatz 7 des § 42, die genehmigungspflichtige Dienst­ordnung betreffend, wieder zu streichen.) — Die weitere Beratung hat zu beginnen mit Wiederholung der nament­lichen Abstimmung über den ganzen 8 42. — Abg. T r i m- b o r n (Zentr.) gibt zur Geschäftsordnung die Erklärung ab, daß das Zentrum gewillt sei, bei der dritten Lesung dafür zu stimmen, daß: 1. in dem 4. Absatz des 8 42 die Worte „grobe Pflichtverletzung" ersetzt werden durch die Worte „grobe Verletzung der Amtspflicht in Bezug auf die Kassenführung", und daß 2. der von der ge­nehmigungspflichtigen Dienstordnung handelnde Absatz 7 wieder gestrichen werde. Zur Erklärung dürfe er im Rahmen der Geschäftsordnung nichts ausführen, er be­merke nur, daß dieser zweite Schritt zurückzuführen sei auf die Geschäftslage. IBewegung.) — Abg. Richter (freis. Volksp.), zur Geschäftsordnung, verkennt nicht die wohlmeinende Absicht, möchte aber für künftighin doch Verwahrung dagegen einlegen, daß solche Erklärungen mitten in der Abstimmung abgegeben werden. (Sehr richtig.) — Präsident Graf B a l l e st r e m erklärt, das Haus sei nicht in der Abstimmung, sondern vor derselben. Es würde nunmehr die namentliche Abstimmung über den 8 42 zu wiederholen sein. — Abg. Singer (Soz.), zur Geschäftsordnung, führt aus: Nach der Erklärung des Abg. Trimborn sähen sich seine Freunde veranlaßt — für den Fall, daß der für die dritte Lesung zum 8 42 an­gekündigte Zentrums-Antrag etwa nicht zur Annahme gelangen sollte — ihr Verlangen nach namentlicher Ab-

und er kehrte zu Frau Korecka in großer, seelischer Ge­drücktheit zurück.

Sie hingegen atmete tief auf, als sie erfuhr, daß Kresowicz keine Papiere hinterlassen. Sie erklärte, daß sic bereit sei, daL nötige Geld zum Begräbnis zu schicken und fing erst jetzt an mit einigem Anteil von ihm zu sprechen. Doch umsonst bemühte sie sich Swirski für- einige Stunden Zurückzuhalten. Der Maler cntgegnete. daß er heute nicht aus sich selbst heraustreten könne und daß er unbedingt nach Hause zurückkehren müsse.

„Aber abends sehen wir uns doch wieder?" sagte sie, ihm die Hand zum Abschiede entgcgenstreckcnd, „ich hatte sogar die Absicht im Lause des Nachmittags zu Ihnen zu kommen, um in Ihrer Gesellschaft die kleine Fahrt zu mache::..."

„Wohin?" fragte er mit großer Verwunderung.

„Haben Sie vergesse::? Nach dem Formidable . . ."

„Ach! Also haben Sie die Absicht auf diesen: Ball zu sein?"

„Wenn Sie wüßten, wie mir dies schwer fällt, ge­schweige nach diesen: unliebsamen Ereignisse, würden Sie mich bemitleiden . . . Dieser arme Teufel tut mir ja herzlich leid . . . Doch ist cs angezeigt auf jenem Ball zu sein, wenn auch nur deshalb, daß die Menschen nichts voranszusetzen haben . . ."

„So? Auf Wiedersehen!" sagte SwirSki.

lind eine Weile später, im Waggon sitzend, murmelte er:

„Wenn ich mit dir nach dem Formidable fahre, bin ich ein lumpiger Hund!"

VIII.

Doch schon am folgenden Tage empfing er mit froherem Herzen Frau Cervi und deren Tochter. Beim Anblick des reizenden Mädchengesichtes erfaßte ihn sogar eine innige Freude.

Im Atelier war schon alles vorbereitet, die Staffelei ins gehörige Licht gestellt, das Sofa für das Modell zu­rechtgerückt, und entsprechend drapiert. Frau Lageat er­hielt den Befehl, niemanden vorzulassen, selbst wenn „der Kaiser von China" Einlaß in das Atelier begehren sollte.