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<H. Jahrgang.

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N«. m,. Donnerstag, den 30. April.

Morgen-Ausgabe.

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Der Kumpf um die Mandschurei.

Der Kampf um die Mandschurei, der als Restbestand aus dem gemeinsamer Feldzug der Mächte gegen China zurückgeblieben ist, will noch immer nicht zur Ruhe kommen und nimmt immer neue Formen an. Die russische Politik, die sich durch zähe Energie auszeichnet, hat sich seit Jahren als ihr wesentlichstes Ziel die Russi- sizierung der Mandschurei gesteckt, und die Ereignisse des Jahres 1900, wo der blutige Aufstand der Boxer die Mächte zum Entschreiten gegen China zwang, schienen den Russen das günstigste Sprungbrett für ihre man­dschurischen Pläne zu bieten.

Die Russerr besetzten bei Beginn des Feldzuges gegen China die Mandschurei „vorübergehend", d. h. aus der Sprache der russischen Politik in ehrliches Deutsch über- tragen, sie ließen sich häuslich in der Mandschurei nieder, um dieselbe nie wieder zu verlassen. Die russische Regie­rung schloß mit der chinesischen, die ja zu irgend einem Widerstand nicht im stände war, jenen ersten berüchtig­ten Mandschureivertrag ab, der dies 942 000 Quadrat­kilometer mit 6 Millionen Einwohnern zählende Gebiet nahezu völlig unter die Botmäßigkeit Rußlands brachte und diesem ebenso das politische, wie das handelspolitische Monopol in der Mandschurei sicherte.

Allein die russische Politik hatte sich, so schlau sie ist, damals doch verrechnet. Bon seiten Japans, Englands und der Vereinigten Staaten von Amerika, die alle drei an der Maridschurei mindestens ein starkes handels­politisches Interesse haben, wurde gegen den Abschluß jenes ersten Mandschureivertrages in mehr oder weniger entschiedener Weise, am entschiedensten von seiten der Washingtoner Regierung, Protest erhoben. Da es nun aber der Grundsatz der russischen Politik ist, nie etwas schnell mit Opfern zu erstreben, was man langsam ohne Opfer erreichen kann, so steckte Rußland seine man­dschurischen Pläne schleunigst um einen Pflock zurück und präsentierte der chinesischen Regierung einen neuen Ver­tragsentwurf, der die allmähliche Räumung der Mandschurei vorsah und auf die handelspolitischen Interessen der anderen beteiligten Mächte die gebühren­den Rücksichten nahm.

Dieser neue Vertrag wurde am 8. April 1902 in Peking unterzeichnet, aber wir wiesen schon damals darauf hin, daß Rußland diesen Vertrag schwerlich jemals nach Treu und Glauben erfüllen werde, sondern daß es in Bezug auf die Mandschurei die Parole verfolge: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Die neuesten Er­eignisse haben die Richtigkeit dieser Auffassung bestätigt. Die russische Regierung hat der chinesischen mitgeteilt, daß es die Mandschurei nur dann räumen und den Ver­trag vom 8. April v. I. nur dann erfüllen werde, wenn China in einen neuen Handelsvertrag mit Rußland ein­willige, der so geartet ist, daß er den Russen nicht nur

Redaktions-Fernsprecher No. 82.

1903.

Feuilleton.

Im europäischen Wetlerwinkel.

Reisebriefe von Paul Lindcnberg.

IH.

Nach Mitrowitza. - Unterwegs. - Eine Lstergabe - Ankunst in Mitrowitza. - An der Bahre des Konsuls Schtscherbma. - Mili­tärisches Lebe«. — Bein, Kommandanten Laid-Bey — Auf

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Mitrowitza, 13. April.

Früh um 7 Uhr heute morgen auf dem Bahnhofe zu Ueskueb. Der nach Mitrowitza bestimmte lange Zug ist mit Rekruten dicht besetzt, die Waggons zweiter Klasse sind von Offizieren eingenommen, Sabel klirren, rurze Kommandos ertönen, Ordonnanzen kommen mrt letzten Meldungen, dann das dritte Zeichen der Glocke, und lang­sam setzen sich die beiden Lokomotiven fauchend in ^ Be­wegung. Fesselnde Landschaftsbilder entrollen sich lang.

der Bahnstrecke: sorgsam bebaute Felder, auf denen hell die erste Saat aufsprießt, braune Äcker, deren^Boden, der don wuchtigen Ochsen gezogene hölzerne Pflug umwuhtt, blütenübersäte Obstbäume, die schaumende,,^ Mühlen treibende Sitznitza, einzelne ^eundluhe Anstedlungen, bis sich die Scencrie ändert und die Maschinen stöhnend mit ihrer schweren Last den durch Berge und Felsen sührenden Eisenweg erklimmen. Und ^tzlrch e n Ruf des Entzückens: in wunderbarer Beleuchtung durch die goldige Frühlingssonne ragt Unker Hand dw stolze Ge­birgskette des Ljnbotra empor mrt dem panzerten, spitz sich zum blauen Himmelszell. aufreckenden Gipfel, der aus einsamer Höhe kühn hcrabschaut auf seine schneebedeckten Trabanten zu beiden Seiten em <^e- Wälde, so ernst, so ergreifend, wie wir es sonst nur rm Berner Oberland erwarten.

das wirtschaftliche Monopol in der Mandschurei gewährt, sondern auch seinen politischen Einfluß dort zum aus­schlaggebenden macht.

In der Sache kommt dieses von Rußland den Chinesen proponierte oder vielmehr octroyierte Abkommen auf den vorher erwähnten ersten Mandschureivertrag hinaus, den Rußland infolge des Widerspruchs der interessierten

nordamerikanischen Union, die Wogen der Entrüstung über diese russische Begehrlichkeit und Anmaßung ebenso hoch gehen, wie zu Anfang des vorigen Jahres. Es fragt sich nur, ob die Entrüstung diesmal ein ebenso günstiges Resultat haben wird, wie damals.

Man wird diese Frage kaum bejahen können. China selbst hat, de:n Ersuchen der interessierten Mächte Folge

Mächte zurückgezogen hatte. Vor allem enthält auch dieser Vertrag die Bestimmung, welche schon damals den heftigsten Widerstand jener Mächte hervorrief, daß die anderen Mächte von dem mandschurischen Handel aus­geschlossen werden sollen. Es ist deshalb sehr begreif­lich, daß auch jetzt wieder in den beteiligten Ländern, nämlich außer in Chin a selbst in England, Japan und der

An den Haltestellen überall bunte militärische Bst der

neben dem sonstigen.sarbenreichen orientalischen Getriebe. Paschas kommen mit Dienerschaft, bettelnde Zigeuner­kinder bieten Veilchensträuße an, befreundete Offiziere feiern ein Wiedersehen. Zaptiehs (Gendarmen) mit langen Flinten auf dem Rücken und dichtgefülltem Patronengürtel halten Wache und drängen das schau­lustige Publikum zurück, Verkäufer bieten Kuchen. Brot. Apfel, Wasser an, einzeln und in kleineren Gruppen stehen Albanesen — sofort kenntlich an ihrer weißen, wollenen, schwarzbesetzten Gewandung — zusammen, von großer, sehniger Gestalt, mit trotzigen Blicken die Soldaten musternd. Überall auf den Dörfern nahe den Stationen liegt Mstitär, am meisten in Firusbey; jedes Gehöft ist mit starker Einquartierung belegt. Kavallerie biwakiert außerhalb der Ortschaft, auf den Hügeln sind zahllose weiße Zelte aufgeschlagen und sieht man Wachtposten wie Patrouillen, und als hier unser Zug abdampft, da stimmen unsere Rekruten, die sich sonst außerordentlich ruhig verhalten, brausend das: „Padischah tschok

yascha!" an und der Ruf findet begeisterte Erwiderung, fr pflanzt sich fort und schallt uns noch lange aus dein Lager nach.

Ein hübsches Erlebnis auf einer dieser Stationen, eine Gruppe von Serben, Griechen, Türken steht vor meinem Wagen und staunt den einzigen Civilisten im Zuge an. Endlich überwiegt doch die Neugierde- ein pmger Serbe in buntem Hemde, mit dunklem, gesticktem Zäckchen breiter, roter Leibbinde und blauen Pluder- beinkleidern tritt zögernd heran, und ich kann seinen Worten entnehmen: _ woher des Wegs? „Berlin, Aleman. Kurzes, heimliches Tuscheln, dann kramt der Serbe tn seinen Pumphosen herum und drückt nur zwei buntbemalte Eier m die Hand: „Aleman, Aleman" sagend, und die beturbanten Türken nicken wohlgefällig und machen mit der dreimaligen Handbewegung das grüßende Zeichen.

gebend, gegen den Abschluß des neuen Mandschurei- Vertrages Protest erhoben, und in Shanghai ist sogar ein großes chinesisches Entriistungsmeestng abgehalten wor- den. Aber man wird in Rußland über diese Entrüstung ebenso zur Tagesordnung übergehen, wie über die Pro- teste der chinesischen Regierung, denn China kann diesen Protesten mchr die Tat folgen lassen. Entscheidend ist

Aus den Gebirgen hastet der Zug hinab in die Ebene imd durchquert das Amselfeld, einst blutgetränkt durch zwei Schlachten, m denen die Türken (1389 und 1448) die südslavischen Heerscharen besiegten, durch den ersten Kampf ihre Herrschaft in Europa auf lange Zeit hinaus oefestigend. Vom Coupäfenster aus erblickt mau eine kleine, emsam liegende gekuppelte Moschee, errichtet an ;ener Stelle, wo bei dem geivaltigen Völkerringen am 15. Juni 1389 Sultan Murad in seinem Zelte von einem serbischen Edelmanne ermordert wurde.

Kurz nach 1 Uhr ist Mitrowitza erreicht. Höhere Ossi- ziere erwarten auf dem kleinen, nülitärisch besetzten Bahn­hofe den Truppentransport, ein paar Befehle, genau nach acht Minuten marschieren die Rekruten still und gelassen der etwa eine halbe Stunde entfernten Stadt zu. Auch ich ziehe desselbeu Weges, begleitet von einem bäum- langen Zaptieh, den mir der Stationschef, ein französisch sprechender Armenier, zur Führung und Bedeckung init- gegeben. Tie Gegend ist sehr anmutig, durchströmt von der Sitznitza, die sich in Schlangenlinien durch das Tal windet, das von hohen Vergzügen — den Schlupf, winkeln der aufständischen Albanesen — eingerahmt wird. Allerorts erblickt man die weißen Pünktchen der Zelte die sich zu einem großen Lager verdichten auf einer felsigen Erhebung, auf der Geschütze aufgefahren sind und von welcher her schmetternde Trompetensignale ertönen- dort ist der militärische Stützpunkt des Ortes und dort'sowie unterhalb dieses Hügels fand der Kämpf statt, da liegt auch die Kaserne, in welcher ich mich bei Said-Bey dem Truppen-Kommandanten, melden will.

Steinig ist der Weg und heiß brennt die Sonn» herab, Hunger und Durst sind groß, aber wie heißt's doch so schön: „erst das Geschäft und dann das Vergnügen " Also vorwärts. Eine Strecke vor der Kaserne, gegen- über weiten mohammedanischen Friedhöfen, liegt ein neues, steinernes Häuschen, eine mächtige weiß-blau-rote Fahne mit langen, breiten Tranerwinipeln weht von dein

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