Beilage zum Wiesbadener Taablalt.
Ws. 10S. Morgen-Ausgabe.
Donnerstag, den 30. April.
31. Jahrgang. 1903.
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er s ® a .® Thilo von den M«nfch«n xrsagt hat, daß nämlich «der Elnkii zu wenig zum große» Haufe» rechne, gilt auch von den Generationen: jede hält Eine z» wenig für urteil»- unläbig. P. R. Cobmann.
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(10. Fortsetzung.)
Späte Erkenntnis.
Roman von Alexander Römer.
W> DaS gelang ihr bald. In Susis Herzen waren keine Hinterhalte, in ihrem Kinderkopf spielte sich Leben und fc gar einfach. Wre eine Gottheit war Poldel in ihr mg erngehegtes Dasein getreten, er war für sie die Welt, der Inbegriff alles Großen, Schönen, Liebenswerten. Sie kannte, sie dachte nichts außer ihm. Alles drehte sich um fern Kommen, sein Geh«:.
Früher hatte sie die Stunden hingedämmert, gehäkelt.
gesttckr mit ihren feinen geschickten Händen, und Romane gelesen, dre langen Abende bis spät in die Nacht Nui war der Held, der in allen Büchern wiederkehrte, leib
was bis dahin hob sie über die
hastig zu ihr gekommen, sie erlebte,
Lrauin und Märchen gewesen, das Wolken.
An eine Zukunft, wie sie werden konnte, dachte sie garnicht, jede Bemerkung Ellens, die dahin zielte, blieb unverstanden Das alles wußte ja Poldel und sie waren so glücklich! so glücklich! Nun, da sie auch noch eine Schwester gefunden, eine liebe, herzige, — nun war das Gluck auf dem Gipfel.
Ellen war bei diesen rührenden Herzensergüssen be- f fr* ITm i l ert M Mut. Sie hatte sich vorgenommen, Susi die bedenklichen Seiten ihres heimlichen Verhältnisses zu dem Mgen Mann, der noch für lange Jahre unselbständig war, vorzuführen, sie vor allzu sanguinischen Hoffnun- gen zu warnen, -ihr das Unwürdige dieser Listen und Lügen klar zu machen. Sie wünschte, daß Susis Vater eingeweiht würde.
Aber bei dem Vorschlag machte die Kleine ein zum Tode erschrockenes Gesicht, und zitterte wie Espenlaub, das mußte wohl durchaus nicht angehen. Was sollte sie dieser weltfremden Kinderreinheit gegenüber anfangen. Ihr, der es sonst leicht wurde, auszusprechen, was sie dachte, fehlten hier die Worte und die Form. Sie brachte es nicht fertig, dieser Glücklichen ihr Gluck — vielleicht ein 'Eg Kartenhaus — vorzeitig zu zertrümmern, oder auch nur einen Schatten hineinzuwerfen.
Die Sonne stahl sich durch das junge, im besten Grün prangende Laubwerk über ihren Köpfen und vergoldet? den blonden Scheitel des Mädchens, das den Hut ab- genommen und über den Arm gehängt hatte und selig liichelnd in die Mpfel schaute. Als ob ein lichter Engel tveiße Flügel hinter ihr breite, so gleich einer Vision erschien es Ellen, ihr trat eine Träne inS Auge.
M Poldel war ja ein guter Mensch und seine Zukunft lag hell und nicht dunkel, — er würde — er mußte hier Treue halten, — gewiß, er mußte.
„Susi! wenn ich euch nur aus der Heimlichkeit herou-s hätte", sagte sie, „diese Listen und Lügen widerstreben lneiner innersten Natur. Die Familie, bei der du hier
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zu Gast bist, paßt auch nicht zu dir und deiner künftigen Lebensstellung —"
„O! Sie sind sehr freundlich zu mir, ich werde ihnen ewig dankbar sein", rief Susi enthusiastisch.
Ellen sah ein, daß sie sich nicht verständlich machen konnte.
Ein hallender Ruf ertönte, langgezogen aus der Ferne, dann näher, die Büsche knackten, Leopold sprang aus dem Unterholz.
„Aber ich bitte euch, wohin habt ihr euch denn versteckt. Mach doch kein Aufsehen, Ellen, kein Mensch wußte, wo ihr geblieben. Ihr steuert ja auf die Chaussee nach Hagenfeld zu."
„Susi! Herzliebchen, rasch einen .Kuß, oder lieber weie — die zimperlichen Dämchen sind hinter jener nchenhecke."
Die beiden lagen einander in den Armen, Susis Gesicht erglühte unter seinen Liebkosungen.
Ellen wandte sich ab und schüttelte den Kopf. Da war wohl nichts zu raten und zu warnen. Mochte ihr Schutzengel mit den weißen Flügeln ihr zur Seite bleiben.
Am anderen Morgen spazierte Ellen nach der Roden- selsschen Villa. Es war noch eine frühe Stunde, aber sie hoffte, die Schulfreundin dann am ehesten imgestört zu treffen.
In Adinens. der Weltdame, Tageseinteilung, mochte später kein Raum für die vielleicht schon halb vergessene Ellen Kramer sein.
Ihre Korrespondenz, welche in dem ersten Jahre nach ihrer Trennung noch aufrecht erhalten worden war, hatte später ganz aufgehört, Adine war keine flotte Briefschreiberin.
Ellen schlenderte langsam den hübschen Weg am See entlang, sie war gespannt, wie sie Adine finden mochte.
Gestern das Naturkind, heute die Weltdame, dachte sie bei sich und lachte, sie benutzte ihre Ferienzeit zu Menschenstudien. Gestern hatte sie in einen klaren, bis auf den Grund durchsichtige Spiegel geichaut, heute mochten sich manche Schleier zwischen sie und die Wahrheit drängen.
Adinens Gesichtsausdruck, als sie gestern Leopold grüßte, hatte ihr nicht gefallen. Die Bekannten erzählten später noch allerlei aus ihrem Leben. Sie sollte eine bekannte Persönlichkeit in Monte Carlo sein, stets von einem Herrenschwarm umringt, wenn sie mit der kranken Mutter an der Riviera weilte. Es hieß, sie spiele selber hoch und meist mit Glück. Sie fühlte sich jedenfalls über das Urteil der Menge erhaben.
Ellen konnte sich das alles möglich denken, viel Unge- zähmtes lag schon in dem Kinde. Nun — vielleicht wurde sie garnicht angenommen, dann zerriß das letzte lose Band zwischen ihnen, die Kindererinnerungen er- loschen.
Sie war bei der Villa angelangt und schritt durch das von der Fahrsttaße ab hineinführende steinerne Tor mit den beiden Sphinren aus Grantt. Es war völlig ein- am und füll in diesem rings von Fliederbüschen und Heckenrosen eingehegten Vorgarten, wo auf dem glattgeschorenen, saftig grünen Rasenrondel Delphine aus weitgeöffnetem Rachen pläffchernd Wasser in ein weites Becken erqossen.
De Nachtigallen flöteten im Busch. Men hörte den
Kies knirschen unter ihren Schritten und sah nach der stattlichen Fassade empor, wo sie jeden Raum und seine Bestimmung kannte. _
In der Dkittelfront im ersten Stock lagen die Gesellschaftsräume, der Eß- und Tanzsaal, rechts die Gemächer der Hofmarschallin, ebenerdig die Zimmer des Hausherrn. Adinens Schlaf- und Arbeitskabinett lag damals links, und hatte den Blick nach der Seite, wo man säforr den See sah. Jetzt mochten andere, größere Räume für sie eingerichtet worden sein.
Am Eckfenster stand ein Flügel offen, ein weißer Spitzenvorhang blähte sich im Winde, und Koko — ja richtig! Koko, der alte, gute Bekannte mit dem goldig grünen Gefieder, wiegte sich dort auf seiner Stange und ließ einen seiner häßlichen, rauhen Töne hören.
Sie nickte zu ihm hinauf, wie ehemals, und zog dann die Glocke.
Barnekow, der gemessene weißhaarige Dener, öffnete — ein altvertrautes Gesicht. Er behielt noch eine Sekunde seine unbewegliche Miene, dann flog ein Schmunzeln über seine glatten Züge: „Ah! das junge Fräulein,
Fräulein.Kramer."
„Ja, Barnekow, Sie kennen mich also noch, ist daS gnädige Fräulein Adine zu Hause?"
„Das ist sie schon, um diese Zeit noch, — es soll heut' morgen auch kein Ritt unternommen werden, so viel ich weiß, -— will gleich mal den Heinrich hinaufschicken und Sie melden lassen."
Ellen sah sich in der Halle um, da die stolzen Hirschgeweihe an den Wänden kannte sie alle, auch die zierlichen Rehgehörne. — „Ach! der Sechzehnender drüben ist neu hinzugekommen", sagte sie lebhaft.
„Sieh! sieh! das kleine Fräuleinchen wissen noch gut Bescheid", meinte Barnekow erfteut. „freilich, den hat der gnädige Herr vor zwei Jahren erst selbst geschossen, war ein Kapitalster — —"
Heinrich, ein geschniegelter Blondkopf, den Ellen nicht kannte, kam jetzt die Treppe herab mit dem Bescheid, das gnädige Fräulein lasse bitten, und Ellen eilte hinauf.
Adine trat ihr schon auf der Türschwelle ihres Gemaches entgegen, in weißem, mit Spitzen reich verziertem Morgenkleide, das schwarze Haar hoch frisiert, und durch einen goldenen Kamm am Hinterkopf gehalten.
Ellen war schier überrascht im ersten Augenblick durch die blendend schöne, imponierende Erscheinung.
„Schatz! bist du da! ist das aber nett und herzig! De Mama sagte mir gestern: hast du Ellen nicht erkannt? und ich hatte dich garnicht gesehen, nur deinen Bruder, diesen jungen Apoll, und das hübsche Mädchen an seiner Seite. Ich dachte mir, hat der sich denn schon verlobt? Daß du hier warst, ahnte ich ja nicht."
Adinens Begrüßung war überaus herzlich, sie zog di« Freundin ans Fenster, um sie besser anzuschauen, wie si« sagte.
Ellen war ftob, die hingeworfene Frage nach der Verlobung ihres Bruders unbeantwortet lassen zu können, Adine sprang rasch von einem Thema zum anderen.
Koko schrie fetzt: „Grüß dich schön! Komm wiederf* Sie lachten beide.
(Fortsetzung folgt.)
Was die Hausfrau sagt!
Frau M. B. in Sch. schreibt:
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