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31. Jahrgang.
^rscheinr nt zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: bur* den Verlag SO Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. 50 Pfg. vlertehährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
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|t0, 200. Berlags-Ferufprecher N». Aü».
Donneeslng, de« 30. April«
Rebaktious-Fernfprecher No. KL.
1903.
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Ur GemelllsaMeit des Jilieralisnius - eine Muhllimg und eine Mnrnnng.
Der Ruf nach Einigkeit wird laut und immer lauter innerhalb des bürgerlichen Liberalismus. Seit langer Zeit ist es zunr ersten Male, daß gerade vom linksstehende:! Flügel her die ernste Mahnung kommt, man möge das Trennende nicht höher schätzen als das Gemeinsame und Verbindende, man möge über dem Trennenden nicht vergessen, wie eng die Verwandtschaft zwischen den sich bekämpfenden Gruppen ist. Wir möchten bei dieser Gelegenheit au einWort des Kaisers erinnern, das vor vielen anderen, dem Kaiser zugeschriebenen Äußerungen den Vorzug hat, authentisch zu sein. Es sei die Eigenheit mancher Politischen Richtung, so meinte der Kaiser zu Herrn v. Miguel, daß sie sagte: „Ja, aber." Statt dessen scllte lieber gesagt werden: „Ja, also". Dies gute Wort würde es wahrlich verdienen, eine Richtschnur für das Verhalten des Liberalismus bei den bevorstehenden Reichstagswahlen zu bilden. Auch die verschiedenen libe- »Ieu Schattierungen pflegen Ja zu sagen, wenn sie sich auf ihre Gemeinsamkeit besinnen, woraus dann in der Regel ein „Aber" zu folgen Pflegt, wenn nämlich die vermeintliche Notwendigkeit einer unbedingten Sonderstellung betont werden soll. Aus dem „Ja" ein „Illso" herzuleiten, das muß jetzt die Aufgabe werden. Keiner der liberalen Richtungen ist zuzumuten, daß sie ihre Grenzlinien verwischen lasse. Aber wie Staaten und Völker unbeschadet der trennenden Grenzen in Freundschaft Zusammengehen können, so könnten es auch die Lberalen Gruppen. Es wäre die Aufgabe, sorgfältig zu Dltersuchen, wo sie unnötige Kämpfe gegeneinander Wterlassen können und müssen, um sich gegen einen ge- Hpnjanren Gegner zu wenden. Diese Arbeit, von der man gemeinhin glaubt, daß sic aus selbstverständlicher Voraussetzung jeder Wahltaktik längst schon geschehen sei, ist keineswegs bereits unternommen worden. Statt ihrer sieht man vielfach eine gefährliche, zuweilen förmlich sportmäßig betriebene Gehässigkeit der einzelnen Gruppen gegeneinander walten, und auch wo diese Empfindungen zum Glück fehlen, ist das Verhältnis häufig kühl und gespannt, noch öfter von spöttischem Neide beherrscht. Tie Parteizerklüstung hat es gerade im Liberalismus dahin gebracht, daß die Nuancen hier mehr bedeuten als die Grundfarbe. Man hat es wohl im Unterbewußtsein, daß man der liberalen Weltanschauung ergeben ist, daß man eben im Kern liberal ist, und man weiß auch mit sicherem Instinkt, was dies im Gegensätze zu Konservativ und Sozialdemokratisch bedeutet. Aber dann schlägt trioder die parteipolitische oder, richtiger gesagt, fraktionspolitische Sonderart durch, und so ergibt sich das Schauspiel, daß die liberalen Gruppen häufig mehr von ein
ander getrennt sind, als cs diese oder jene unter ihnen
von gegnerischen Parteien ist. Dies sollte überwunden werden, wie es die Konservativen längst überwunden haben, während sie als Deutschkonservative, Freikonservative, Landbündler ec. doch sehr verschiedene Gruppen darstellen. Fragt man nun aber, wie es zu machen wäre, um bie gemeinsamen Züge, die gemeinsamen Forderungen des bürgerlichen Liberalisnms so zu vertreten, daß die einzelnen Parteien dabei ihre volle Selbständigkeit behalten, so möchten wir glauben, daß es bei guten: Willen gelingen mußte, sich jetzt unmittelbar vor den Wahleir in wenigen programmatischen Sätzen gemeinsam an die Wähler zu wenden. Es gibt unzählige Tausende von liberalen Männern im Reiche, die einen solchen gemeinsamen Wahlaufruf nüt Jubel begrüßen würden. Es ist ganz gut denkbar, daß die einzelnen Fraktionen sich mit gesonderten Aufrufen an ihre Anhänger wende:: uird
gleichzeitig in einem gemeinsamen Aufruf von knappster programmatischer Form für die Gesamtheit der Wähler das Zusammenwirken aller bürgerlichen Elenrente prokla- mieren und verlangen würden. Noch ist es Zeit dazu, vielmehr gerade jetzt ist es Zeit dazu. Wir fordern, daß die Führer der verschiedenen liberalen Parteien das ihnen anvertraute Gut der Wahrung und Förderung des Liberalismus hüten und vermehren, indem sie sich bemühen, den Boden einer fruchtbringenden Gemeinsamkeit zu betreten und zu beackern.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 29. April.
Das Haus ist verhältnismäßig gut besetzt. — Ans der Tagesordnung steht zunächst die Interpellation Graf Lim- burg-Sttrum und v. Normann wegen Kündigung der bestehenden Handelsverträge. — Auf Antrag Trim- b o r n und im Einverständnis mit dem Vertreter des Reichskanzlers und den Interpellanten wird jedoch der Gegenstand zurückgestellt mit dem Vorbehalt, daß er zwischen der zweiten und dritten Lesung der Kranken- Versicherungs-Novelle wieder auf die Tagesordnung gesetzt werde. Das Haus fährt demgemäß in der Beratung der Kranken-Versicherungs-Novelle fort bei der gestern abgebrochenen Debatte über den § 42 und die dazu vorliegenden Anträge Albrecht und Rösicke auf Streichung sämtlicher, beziehungsweise einzelner die Selbstverwaltung der Ortskrankenkassen einschränkenden Bestimmungen in den Kommissionsbeschlüssen. — Abg Lenz- mann (freist Volksp.s erklärt sich gegen die geplante Einschränkung der Selbstverwaltung. Die von Geheimrat Hoffmann, beziehungsweise in der Begründung der Vorlage angeführten Mißgriffe und Mißbräuche von Vorstandsbeamten seien kein ausreichender Grund. Solche Dinge kämen doch auch anderweit vor, bei Staatsbehörden, sogar bei Pastoren, ohne daß diese abgesevt wurden, und ohne daß die Regierung überhaupt deswegen einschreite. Die ursprüngliche Vorlage sei immer
hin noch etwas besser als die Vorschläge der Kommission. Eventuell beantrage er, die Aufsichtsbehörde nur zu der Enthebung zu ermächtigen, statt zu verpflichten. Am richtigsten wäre es aber, die betreffenden Absätze ganz zu streichen oder doch wenigstens den Antrag Rösicke anzunehmen, also „die grobe Pflicht-Verletzung" als Ent- hebuugsgruud zu streichen, und außerdem auch die Bestimmung betreffs der einer aufsichtsbehördlichen Genehmigung unterliegenden „Dienstordnung" wieder zu beseitigen. Er persönlich werde in erster Reihe für den sozialdemokratischen Antrag und bei dessen Ablehnung für den Antrag Rösicke stimmen. — Abg. Molkenbuhr (Soz.) empfiehlt die Streichung aller neuen Absätze. Ganz besonders erstaunt sei er gestern gewesen über die Berufung des Gehcimrats Hoffmann auf so und so viele Unregelmäßigkeiten, die bei den Kassen vorgekommen seien. Was seien denn aber 40 bis 50 Fälle von Unterschlagungen bei nicht weniger als 20 000 Kassen. Charakteristisch sei die Wandlung, welche das Zentrum durchgemacht habe, bis es sich zur vollständigen Regierungspartei entwickelt habe. — Staatssekretär Posadowsky meint, auch die Gegner müßten wohl zugeben, daß es Fälle grober Pflichtverletzung gebe, wo der Betreffende aus seiner Stellung entfernt werden müsse. Der Unterschied sei ja nur der, was man unter grober Pflichtverletzung verstehe. Was den Antrag Lenzmann anlange, daß die aufsichtsbehördliche Enthebung des Betreffenden nicht obligatorisch gemacht werde, sondern fakultativ, so glaube er, daß die verbündeten Regierungen dem Antrag zustimmen werden. — Abg. Trimborn (Zentr.) kann nicht anerkennen, daß es sich bei den Bestimmungen des § 42 um ein Ausnahmegesetz gegen irgend eine Partei handle, insbesondere auch nicht gegen die sozialdemokratische. (Lachen rechts.) Seine Partei würde einem Ausnahmegesetz niemals * zustimmen. (Rufe links: Oh, oh!) Es handle sich hier nur um gemeines Recht für jeden. Rufe links: Gemeines! Sehr richtig!) Wer öffentliche Gelder verwalte, müsse sich gefallen lassen, daß er bei groben Pflichtverletzungen entfernt würde. Dazu komme in Betracht, daß cs sich hier um Arbeitergroschen handle. Dem Antrag Lenzmann würden seine Freunde als einer Verbesserung der Vorlage zustimmen. Redner widerspricht dann noch der Behauptung Molkenbuhrs, daß hier eine Wandlung des Zentrums vorliege. — Abg. v. Nicht- Hofen (kons.) erklärt kurz, einige Bedenken, welche seine Freunde gestern gegen § 42 gehabt hätten, würden durch den Antrag Lenzmann erledigt. Sie würden demselben zustimmen. — Abg. B e ck h (freist Bolksp.) sieht in dem § 42 keine so schweren Eingriffe in die Selbstverwaltung. — Abg. Rösicke (freist Ver.) erklärt, durch die Ausführungen der Abgg. v. Savigny und Trimborn seien seine Einwände gegen den ganzen 8 42 nicht widerlegt worden. Der Antrag Lenzmann bringe allerdings eine Milderung, beseitige aber doch nicht die Bedenken gegen den ganzen Paragraph. Dieser enthalte allzu erhebliche Eingriffe in die Selbstverwaltung und öffne der Willkür Tür und Tor. Insbesondere gelte dies von dem Savignp- schcn 7. Absatz über die Dienstordnung. Von den vielen
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Am sonnigen Strande.
Von Henryk Sicnkicwicz.
Aus dem Polnischen übersetzt von L. Berner. (11. Fortsetzung.)
„Großpapa", sagte Fräulein Marie, rndem sie sich so niederbeugte, daß der Greis ihre Lippen sehen konnte, "dies ist Herr Swirski, unser Landsmann und ein Künstler."
f Der Greis richtete seinen Blick auf ihn und sah ihm hartnäckig in das Gesicht, wobei er mit den Auge:: Mnkerte als ob er sich aus etwas besinnen wollte.
„Ein Landsmann? . . wiederholte er, „ja!
. . . ein
- «andsmaml! . . .
Hierauf lächelte er, blickte auf ferne sachter, die Enkelip danir auf Swirski: eme zeltlang suchte er nach Dorten und fragte endlich mit schwacher, zitternder stimme: „Und im Frühjahr? . . - was?
I Augenscheinlich blieb ihm irgend ein Gedanle, der alle anderen überlebt hatte, im Gedächtnisse zurück, den cr aber nicht irn stände war, auszudrücken. Nach einer Beile stützte er den zitternden Kopf gegen die Lehne de-: Sessels und blickte unverwandt zum Fenster lim, indem kr hierbei unaufhörlich jenem Gedanken nachhing und k'nige Mal' tu Worte wiederholte: „Ja> ja! . . . e-t wnd sein ' “
.'.Ter Großpapa spricht immer so!" sagt? Fräulein Marie. . . .
Swirski betrachtete ihn einige Zeit mit großer Rührung, während Frau Cervi von ihrem Vater und Man:: zu erzählen begann. Beide nahmen Teil an den Befreiungskriegen Italiens Eme zeitlang wohntm sie M Florenz und kehrten erst nach der Einnahme Roms Noch Nizza zurück wo Cervi geboren war. Hier gab vrysjewicz sein" Tochter dem jüngeren Wasfengefährtcn ?ur Frau und es gelang ihnen beiden Dank der Hilfe ihrer dortigei: Verwandten, eine ^.eichaftigung in der '
Ltadtbank zu finden. . Alles ging leidlich, bis vor einigen Zähren Eerm plötzlich starb, und Orysiewicz wegen Arbeitsunfähigkeit die Stelle verlor. Ta begann das Elend, denn die einzige Einnahmsquelle, die zum Leben dreier Menschen reichen mußte, bildeten sechshundert Lire, wolche die italienische Regierung dem alten Soldaten sahrlich ausbezahltc. Es war dies zu wenig, um zu leben, und zu viel, um zu sterben. Beide Frauen verdienten etwas mit Nähen und Unterrichtgeben, aber der Sommer, während dessen das Leben in Nizza fast ganz aushorte und man auch nirgends sonst etwas verdienen konnte, verschlang ihre kleinen Ersparnisse/ Vor zivei Zähren verlor der alte Soldat die Kraft in den Füßen, oft war er nicht wohl, benöttgte ärztliche Hilfe und öes- halb ging es schlimmer und schlimmer.
B. ahrcnd Swirski diesen Mitteilungen lauschte, stellte er folgende Betrachtungen an: zuvörderst, daß Frau Cervi schlechter polnisch spreche, als ihre Tochter. Offenbar konnte sick der Greis zur Zeit seiner Kriegszüge der Erziehung seiner Tochter nicht- so widmen, als er es später bei der Erziehung seiner Enkelin tat. Doch die zmette Betrachtung war für Swirski weit wichtiger, als die vorhergehende. Er dachte sich nämlich, daß diese Enkelin, die so unendlich reizend war, das Gold mit vollen Hän- den himiuswerfcn und einen Wagen, sowie Diener chaft halten konnte, besonders in Nizza, an diesem Strande, an oem allzahrlich Tausende von Müßiggängern ihr Geld vergeuden Statt dessen trug sie ein fadenscheiniges Si™ 0 einzige Zierde besaß sie ein verblichenes blaue.- Band Es Mußte daher irgend eine Kraft vor- baiiden sem. durch welche sie vom Bösen bewahrt wurde „^azu , sagte Swirski zu sich selbst, „sind zwei Tinge notig, eine angeborene reine Natur und edle Grundsätze, uern Zweifel, daß ich auf beide getroffen."
„ Und er fing an, sich unter diesen Menschen behaglich M fühlen. Auch bemerkte er, daß das Elend die Spuren 'Lff" Erziehung in den beideii Frauen nicht ver- wi.cht hatte, ebenso wenig jene Würde, die von innen
kommt und angeboren sein muß. Sowohl die Mutter als die Tochter empfingen ihn wie einen Gast, den ihnen die Vorsehung gesendet, und doch erkannte man an ihren Worten und den? Benehmen eine größere Freude anläßlich der Bekanntschaft mit einem achtbaren Menschen, als wegen der Hilfe, welche er ihnen brachte. Vielleicht schützten die dreihundert Francs, welche er der Mutter zurückließ, die ganze Familie vor vielen Sorgen und Teinütigungen, und doch war er überzeugt, daß Mutter und Tochter ihm um vieles dankbarer dafür waren daß er iii seinem Atelier als guter und rechtlicher Mann gehandelt, der des Mädchens Schmerz und sein Schamgefühl und Opfer begriff. Doch das größte Vergnügen bereitete chm die Wahrnehmung, daß in der Schüchternheit des Fräulein Cervi, wie auch in ihren anmutigen Blicken mne Verlegenheit war, wie sie ein junges Mädchen nur jenem Manne gegenüber empfindet, dem es aus vollster Seele zu Dank verpflichtet ist, und der, wie sich Swirski auszudrucken Pflegte, „noch nicht außer Kurs gesetzt scr". Er war achtundvierzig Jahre alt und begann bereits, trotzdem er sich noch ziemlich jung fühlte, an sich Zil zweifeln, weshalb ihm das blaue Band und jene Wahrnehmung großes Vergnügen machten. Zum Schlüsse sprach er mit einer Achtung und Aufmerksamkeit zu den beiden Frauen, wie man es Damen gegenüber tut, die der besten Gesellschaft entstannnen, und als er bemerkte, daß er sie hierdurch immer mehr für sich einnahm, war er zu- frieden und freute sich sehr. Zun: Abschied drückte cr beiden die Hand und als Fräulein Cervi den Truck zwar mit gesenkten Augen, doch mit der ganzen Kraft der jugendlichen Hand erwiderte, ging er etwas betäubt fort und mit einein Kopf, der so voll von dcni reizenden Modell war, daß der Kutscher des Wagens, in den er einstig, ihn einige Mal fragen imrßte, wohin er ihn fahren solle. Unterwegs kam ihm der Gedanke, daß es doch nicht Passend sei. auf einen halbnackten Körper den Kopf deS „Fräulein Marie" zu malen und er begann sich eii:- zuredeil, daß es für das Bild sogar besser wäre, wenn die
