Wiesbadener Ts
si. Jahrgang.
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197.
BerlagS-F«r»fprecher No. 2961.
Morgen-Ausgabe.
ixv Wcri unö Juni
au^ das
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AikAiislkdelmisliiIniilltsihiisiliihkiAldeiter.
Seit einer Reihe von Jahren hat imn bekanntlich Lie verschiedensten Maßregeln vorgeschlagen und auch in Anwendung gebracht, um die Abwanderung der landwirtschaftlichen Arbeiter rn Städte und Fabriken zu verhindern. Die Anschauungen gehen auch auf diesem Gebiet moderner Sozialpolitik weit auseinander. So wird auf der einen Seite vorgeschlagen, . einfach die Freizügigkeit der landwirtschaftlichen Arbeiter zu beschränken, diese also gewissermaßen außerhalb des Gesetzes zu stellen, auf der anderen Seite aber schweift mair ebensoweit von der Grenze gesunder Verhältnisse ab, wenn Iwan die Vergnügungssucht auszunutzen emvfiehlt und vorschlägt, die Arbeiter durch eine Vermehrung der Lustbarkeiten auf dem Lande feftzuhalten. Für eine verständige Sozialpolitik sind derartige Wege durchaus ungangbar. Gegen die Beschränkung der Freizügigkeit für landwirtschaftlicheArbeiter hat sich schon der preußische Landwirtschaftsminister v. Hammerftein in der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses vom^20. Apnl 18,38 nachdrücklich ausgesprochen, über die Spekulation auf die Vergnügungssucht läßt sich überhaupt nicht reden. Viel größeren Erfolg kann man von einer besseren Wohlfahrtspflege auf dem Lande erwarten, von den heutigen Anschauungen iind den Fortschritten der landwirtschaftlichen Technik inehr cmgepaßteu Arbeitsmethoden und Arbeitsverträgeii, voii eiiier zweckentsprechenderen Regelung des Arbeitsnachweises, überhaupt von emer Hebung des gesaniten ländlichen Kultnrniveairs, wobei man sich jedoch hüten soll, die sogenannte Kultur der Großstadt einfach dem Lande aufzupfropfeii.
, Bekanntlich haben bisher alle diese verschledenartigen Bestrebungen, die landwirtschaftlichen Arbeiter m den Dörfern festzuhalten, nur einen sehr geringen Erfolg gehabt. Die geringere Abwanderung nt den lebten beiden Jahren uiid der in dieser Zeit erfolgte Ruckzug auf u»
Mittwoch» den 29. April.
Land darf darüber nicht täuschen. Sobald die geschäftliche Krise wieder besseren wirtschaftlichen Verhältnissen gewichen ist, werden sich neue Flutwellen vom Lande in die Städte und Fabrikbezirke ergießen. Nur durch eine sehr lange und kluge soziale und wirtschaftliche Fürsorge, verbundeii mit einer zweckentsprechenden Erziehung, die Stadt- und Landleben gerecht miteinander abzuwägen weiß, läßt sich jene Abwanderung auf ein erträgliches Maß beschränken. Zu den wichtigsten Maßregeln wirtschaftlicher Fürsorge gehört die Ansiedelung landwirtschaftlicher Arbeiter, in der manche Sozialpolitiker und Landwirte heute den idealen Weg zur Be-> seitigung der Leutenot in der Landwirtschaft sehen. Diese Anschauung führte auch zu der Preußischen Gesetzgebung über die Schaffung voii Rentengüteril vom 27. Juni 1890 mit ihren späteren Ergänzungen. Namentlich ein so vorzüglicher landwirtschaftlicher Sozialpolitiker und Praktiker wie Freiherr von der Goltz erklärte die Ansiedelung von Arbeitern für das beste Mittel zur Lösung der landwirtschaftlichen Arbeiterfrage. Tie Befürworter derartiger Maßregeln sind jedoch oft großen Mißverständnissen ausgesetzt. Wie vr. Hübel, ein als Theoretiker und Praktiker hervorragender sächsischer Landwirt, erwähnt, ist man in Kreisen, die der Landwirtschaft ferner stehen, oft der Meinung, daß es nur größerer Entschlossenheit iind Opferfreudigkeit der landwirtschaftlicheil Grundeigerttümer bedürfe, um durch Arbeiteransiedelungen deir drückenden Arbeitermangel sehr bald zu beseitigeii. Das ist natürlich im allgemeinen iiicht gut niöglich. Auch Freiherr von der Goltz^will, daß die Ansiedelung durch die Vermittelung des Staates iind großer Verbände erfolgen soll. Es sollen zahlreiche kleine bäuerliche Besitztümer geschaffeti werden, die ihren Be- sitzern iii den Dörfern Heim rmd Halt geben, die Arbeitskraft aber iiicht geiiügeiid in Anspruch nehnten und, besonders, in Saat- irnd Erntezeit, für beit größeren landwirtschaftlichen Betrieb gegen eiftsprecheude Bezahlung frei halten.
Auch in letzter Zeit hat nian dieses System sehr lebhaft gepriesen.' obgleich bisher auch seine Erfolge weit hinter dek! Erwartungen zurückgeblieben sind. Man begeht auch hier, wie in vielen sozialpolitischen Dingen, den Fehler, zu verallgemeinenl. Wenn die Ansiedelung landwirtschaftlicher Arbeiter auch vielleicht in den ostdeutschen Provinzen sehr nützlich sein kann, so iit sie doch sicher iii anderen Bezirken gänzlich verfehlt. Man muß auch hier, wie überhaupt in Wohlfahrtspflege und Arbeiterschutz und -Fürsorge, die Verschiedenartigkeit der sozialen Gliederung der Bevölkerung berücksichtigen. Geschieht das nicht, so wird alle wirtschaftliche Opferwilligkeit vergeblich fein und die wohlwollendsten Maßregeln werden feblschlageii.
So würde z. B. die Aiisiedelung landwirtschaftlicher Arbeiter in Sachsen ihren Zweck nicht erfüllen. Es fehlt
RedaktionS^ernlpreiber N». 62. 1903.
hier nämlich keineswegs an kleinen Grundeigentümern in den Dörfern, die sich von ihrem Acker nicht nähren können und darauf angewiesen sind, anderweit erwerbstätig zu fein. Die sächsische Statistik lehrt, in welchem Umfange diese Heilten Besitzer im Hauptberufe in der Landwirtschaft beschäftigt sind. Bei der Berufszählung im Jahre 1895 sind im Königreich Sachseil 96 796 Betriebe bis unter 1 ba Größe gezählt worden. Von diesen bestanden nur 18 986 ausschließlich aus Pacht- land; die Inhaber der übrigen 77 810 Betriebe waren Grundeigentümer. Aber es ist auffallend, wie wenig Inhaber dieser landwirtschaftlichen Kleinbetriebe in Sachsen die Landwirtschaft als Hauptberuf ausüben. Es sind nur 12 627 oder 13 Prozent aller 96 796 Inhaber und weim man noch die 3598 hinzurechnet, die in Gärtnerei, Forstwirtschaft, Tierzucht und Fischerei tätig sind, 17 Prozent. Tie übrigen 83 Prozent der Inhaber landwirtschaftlicher Kleinbetriebe siird in Industrie, Gewerbe, Handel und Verkehr und in anderen nicht landwirtschaftlichen Berufen beschäftigt. Nicht weniger als 30 476 oder 30,4 Prozent waren Industriearbeiter. Wenn wir diese Untersuchung weiter auf die 145 722 Betriebsinhaber ausdehnen, die unter 6 da große Flächen bewirtschaften, so finden wir von ihnen ilach der sächsischen Statistik 8314 oder 5,7 Prozent als Tagelöhner und Arbeiter in der Landwirtschaft, 36 033 oder 24,8 Proz. aber als Industriearbeiter beschäftigt. Wie es in der „Zeitschrift des königlich sächsischen statistischen Bureaus" heißt, befindet sich unter den letzteren wahrscheinlich „die große Mehrzahl derer, die ihren Lebensunterhalt früher ausschließlich in der Landwirtschaft suchten", sich dann aber, durch die höheren Löhne in der Industrie angelockt, voii ihr wegwandten.
In Sachsen ist also die Verteilung des Grundeigentums ganz außerordentlich günstig. Es gibt in den Dörfern zahlreiche kleine Besitzer, die sich von ihrer Scholle nicht nähren können und zu einer Erwerbstättgkeit gezwungen sind. Aber sie suchen diese Tätigkeit in der ihnen naheliegenden Landwirtschaft nur ausnahmsweise, sie waiidern als Arbeiter in die Städte, in die Fabriken, er- greifen ein Gewerbe, um ihren landwirtschaftlichen Besitz entweder durch Familienangehörige oder in Feier« abendstunden und an Sonntagen zu bewirtschaften. In Sachsen würde eine Ansiedelung landwirtschaftlicher Ar- beiter gänzlich! verfehlt sein, ebenso wahrscheinlich in anderen Bezirken mit ähnlicher Gliederung des landwirtschaftlichen Grundbesitzes. So in der ganzen west- lichen Hälfte Deutschlands. Einen Erfolg wird sie nur in Gegenden mit schwach entwickelter Industrie oder ähnlicher Erwerbsgelegenheiten haben, dort wo der Verkehr geriiig, die Bevölkerung dünti ist und der landwirtschaftliche Erwerb überwiegt.
Voii Agrarpolitikern wie vr. Hübel und anderen wird für Gegenden mit sozialer Struktur, wie Sachsen,
Feuilleton.
Generalseldmarschall v. Noon.
Ein Gedenkblatt zur 109-jährigen Wiederkehr seines Geburtstages. (80. April 1908.)
Von Bernhard Ohrenberg.
Generalfeldmarschall Graf v. Roon, der unter den Paladinen Kaiser Wilhelms des Siegreichen einen sehr ehrenvollen Platz einnimmt, wurde "ur 80 . April 180- Kr Pleushagen bei Kolberg geboren- er stammte aus der dritten Ehe seines Vaters mit Ulrike v. Borte und erhielt in der Taufe den Namen Albrecht Theodor Emtt. An ihm bewährte sich wieder die alteErsahrung, tz Knaben, die .licht durch allzu zärtliche Futtorge der Eltern verweichlicht werden, an Leib und Seele gedeihet und auch strengen Schicksalsfügungen gewachsen stnd, «ährend die verwöhnten Lieblinge schwacher Eltern in der harten Schule des Lebens unterliegen. Der klein 8ivon tummelte sich täglich, — fast »eder , TI «angelnd - auf den Dünen des Meeresstrandes und härtete sich ab gegen den Einfluß der rauhen Lecnnndc. Die selbst leidende Mutter Roons sah sich ,
dem Tode des stets kränklichen Gatten mit tfrem m Altdamm bei Stettin zu übersiedeln, »md hier erst hegann dessen Erziehung unter der energischen -ettung lewer Großmutter, der verwitweten Frau Mawr . „Was ein Häkchen werden will, krümmt sch Zeiten", sagt das Sprichwort. In ^"bamm zeigte »ich bereits, wie unerschrocken das Herz des Kn°ben Ro°n sck'lug. Das Städtchen hatte schwer unter der fra^össtaien Besatzung und den Drangsalen der Be.agerui g « l ^ d° befestigte der kleine Albrecht em Bajonett uf e nem Besenstiel und suchte mit dieser s^Een Waffe dw
Plünderung des großmütterlichen Garten zu v j der«; während dieser traurigen Zeit erhielt er au« Iw ^ bsi Feuertaufe und wurde durch einen
.^MftlkJahren kan. Roon i» die Kabettena>istatt von Kulm und machte durch emsigen Fleiß gute F
Im Mai 1818 trat er, nebst einer Anzahl der tüchttgsten
Zöglinge, in das Berliner Kadettenkorps ein; in dem ehrenvollen Zeugnis, das ihm der Direktor der Kulmer Anstalt, Major v. Woyna, ausstellte, war u. a. vermerkt: „er verspricht unendlich viel".
Durch Kabinettsordre vom 9. Januar 1821 wurde Roon, nach glänzend bestandenem Examen, zum Sekonde- leutnant ernannt: seine Equipierung konnte nur in der knappsten Weise erfolgen, und zu der geringen Gage erhielt er keinen Zuschuß. Aber der junge Leutnant verstand es, sich einzuschränken: die spartanische Lebensweise stählte seinen kräftigen Körper noch mehr, und der Mangel an kostspieligen Zerstrenungen begünstigte seine wissenschaftlichen Arbeiten.
Im Jahre 1828 wurde Roon, der mit großem Fleiß Kriegswissenschaften, Geographie, Geschichte und Naturkunde studierte, nach Berlin zur Dienstleistung beim Kadettenkorps kommandiert und bewährte sich vortrefflich als Erzieher. Er liebte es, bei den körperlichen Übungen, die er leitete, sich in Ring- und Kampfspielen mit den Kadetten zu messe», dadurch trat er ihnen persönlich näher und gewann ihre Herzen. Trotz seines bisweilen barschen Wesens (er wurde heimlich „der grobe Roon" genannt» baben ihm viele seiner Zöglinge große Liebe und Anhänglichkeit bewahrt.
Die Belehrung und Anregung, die Roon schon auf der Kriegsschule durch den bekannten Geographen Karl Ritter erhielt, hatte in ihm den Schriftsteller reifen lassen. Sein erstes Werk: „Grundzüge der Erd-, Völker- und Staatenkunde", das großen Einfluß auf die Unterrichtsmethode in der Erdkunde ausübte, erschien im August 1882 im Druck.
Im Jahre 1835 erreichte Roon das von ihm heiß- ersehnte Ziel, zum großen Generalstab kommandiert zu werden: — eine Rekognoszierungsreise durch Schlesien machte ihn zum glücklichen Bräutigam. In der kinderreichen Familie des Pastors Rogge in Groß-Tinz lernte Roon dessen achtzehnjährige Tochter Anna kennen und lieben. Die Anmut, der Frohsinn und die Anspruchslosigkeit der lieblichen Pfarrerstochter bezauberten ihn so sehr, daß er sich bald darauf mit ihr verlobte. An einen Vetter schrieb Roon in jener Zeit: „Wenn Sie einmal an
mich denken, so denken Sie an einen sehr glücklichen
Mann." Diese schlichten, jubelnden Worte verraten deutlich, daß der hochbegabte Offizier, den man in den vornehmsten und reichsten Familien gerne als Schwiegersohn ausgenommen hätte, diesen Bund aus innigster Herzensneigung schloß.
Schon 1836 am 30. März wurde Roon als Haupk- mann in den Generalstab versetzt, und am 2. September führte er die geliebte Braut als Gattin in sein einfaches, aber gemütliches Heim. — 1842 erhielt Roon seine Ernennung als Major und kam zum Generalstab des 7. Armeekorps. — Im Jahre 1846 erfolgte seine übersiede- lung an den Rhein als militärischer Begleiter des Prinzen Friedrich Karl, der die Universität Bonn besuchte. In dieser Zeit, die für Roon und seine Familie in vieler Beziehung sehr reizvoll war, schloß er den herzlichen Freundschaftsbund mit Professor Perthes und trat auch in Beziehungen zu dem patriotischen Dichter Moritz Arndt.
Welches große Vertrauen der Prinz von Preußen und dessen Gemahlin zu Roons Befähigung als Erzieher hegten, beweist der Umstand, daß maii ihn ausersehen hatte, der Militär-Gouverneur des Prinzen Friedrich Wilhelm, nachmaligen Kaisers Friedrich III., zu werden.
Nach reiflicher Prüfung entschloß sich Roon, ablehnend zu antworten, und begründete diese Weigerung besonders durch seine politischen Ansichten.
Als im November 1850 die allgemeine Mobilmachung der Armee befohlen wurde, stellten sich sehr viele Miß- und Ubelstände heraus: immer deutlicher zeigte sich, wie dringend notwendig durchgreifende Reformen waren, und Roon begann bereits sich damit zu beschäftigen, wie diese am zweckmäßigsten herbeizustthren seien. Im Juni 1856 wurde Roon zum Kommandeur der 2». Infanterie- Brigade ernannt: mährend seiner Anwesenheit in Berlin, anläßlich des Johanniter-Ordensfestes, hatte er eine Audienz beim Prinzen von Preußen in Babclsberg, in der er zum erstenmal seine Ansichten über die notwendige Umwandlung des Heeresivesens entwickelte. Der Prinz folgte diesem Bortrag mit hohem Interesse und befahl Roon beim Abschied, ibm diese Gedanken und Pläne schriftlich zugchcn zu lassen.
