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1. Beilage tunt Wiestlaüener Tagdlatt.

. 107. Morgen-Ausgaüe.

Mittwoch, den 20. April.

31. Jahrgang. 1903.

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* Ein mtereffantes Leben möchtest du führen? Identifiziere Jj dich mit der Menschheit nnv vu durchwanderst a» jedem Z Tage Himmel und — Hölle!

Ilse Frapan-Akuman.

(9. Fortsetzung.)

Spate Erkenntnis.

Roman von Alexander Römer.

. „So — so — was du ihr wohl nützen willst, indes — es ist ja freundlich von dir gedacht. Sie bleibt nicht mehr lange hier, soll Ende der Woche schon wieder zu Hause sein^ Für inorgen planen die Helmtes eine Partie über den See nach Zoppendorf, dahin könnten wir beide ja auch fahren, ich stelle mich dann so, als ob ich Fräulein Susi Kern. die ich in Clausthal kennen gelernt, uner­wartet erblicke, und schlängele mich an die Helmkesche Ge­sellschaft heran. Dich möchte ich natürlich da nicht ein- sühren. Du könntest dich aber mit Susi im Wald treffen. Das läßt sich alles einrichten."

„Seltsam. Leopold -— du hast das Geftihl. daß die Helmkes sür mich nicht Passen. und für das Mädchen, welches deine Frau werden soll —"

„Na, nun bitte ich dich, nur nicht wieder Lotungen in die Grundftefe. Die Helmkes waren die einzigen, die uns dieses Zusammensein vermitteln konnten. Man muß die Menschen nehmen, wie man sie braucht, überhaupt, wenn du Susi allein hast, so grabe nur nicht als Schulmeisterin bei ihr nach allerhand Wissen, da ist absolutes Manko, aber wenn sie sich auch nicht mit Dingen abgibt, die sie in ihrem Leben garnicht braucht, so blieb sie dagegen ur­sprünglich und versteht noch zu lieben unverfälscht."

Ellen stimmte zu, morgen mit dem Bruder nach Zoppendorf zu fahren. Ganz gefiel ihr der Plan nicht, sie wußte aber keinen besseren.

-r-

Am anderen Tage war wolkenloser Himmel, ein strahlender Tag. Das Dampfschiff, welches seine regel­mäßigen Fahrten über den Sec schon begonnen, war am Nachmittag dicht besetzt mit Vergnügungsausflüglern.

Ellen saß mit einigen Freundinnen am oberen Ende auf dm kleinen Bänkm beim Stmerruder. Leopold hielt sich zu ihnen und war sehr aufgeräumt und liebens­würdig. In der Dritte unter dem Zeltdach machte sich unter der bunt gewürfelten, dicht gedrängten Menge eine lustige Gesellschaft bemerkbar, die zwei hübschen Helmkeschm Töchter mit etlichen Dämchm und Iüng- lingm vom Theaterpersonal. Unter ihnm Susi.

Leopold gab sich die Miene, die Gruppe garnicht zu beachten. Er benahm sich so liebenswürdig, daß Ellm, wäre sie nicht wissend, sondern unbefangen gewesm, beute ihr herzliche Frmde an dem Bruder gehabt hätte. Cr war ein auffallend hübscher, vornehm aussehender Mensch.

Sie mußte immer verstohlen nach Susi hinüberlugen, die im Tages- und Sonnenlicht reizend aussah, inmitten ihrer Umgebung wie eine tauftische Blume. der der sie

umwirbelnde Staub nichts anhaben konnte. Sie schien ernst und füll unter den anderm zu sein. Ellen hörte ein paar Mal die kecke, herausfordernde Stimme des jüngsten Fräulein Helmke rufen: „Aber Susi, was ist dir dmn hmt, so lache doch mit."

Die Kleine bedrückte Wohl die Nähe des Geliebten, der ihr so fern blieb.

In Zoppendorf angelangt, wo ein stattliches Restau­rant mit bis an den See reichender Terrasse zur Einkehr ladete, verteilte sich die Mmge. Die Geschwister mit Ihrer Begleitung setzten sich so, daß sie dieHelmkescheGesellschaft. welche an einem großen Tische Platz nahm und unter viel Lachen und Lärmen Proviantkörbe auspackte, im Auge behielt.

Ellens Freundinnen fragte bald: „Wer ist das hübsche Mädchen drüben?" eine Fremde jedenfalls, denn in Schwanau kannte jeder den anderen.

Leopold blickte in die Mchtung, klemmte den Kneifer, der ihn: eigentlich nur als Modezutat am Bande hing, ins Äuge und tat. als ob er dre fremde Schönheit jetzt erst gewahre.

Ei! der Tausend! die kannte er ja, von Clausthal her

— er mußte sie einmal begrüßen.

Ellen wurde rot und verlegen bei dein Spiel. Als die abgekartete Koinödie nun zur Aufführung kam, Leopold ihm Susi als eine ihm bekannte Clausthaler junge Dame vorstellte, tadelte sie sich innerlich, daß sie dem Plan zu- gestimmt hatte. Das unschuldige Gesichtchen da vor ihr klagte sie an, das Lügengewebe, in welches ihr Bruder das unerfahrene Mädchen verwickelte, wurde immer dichter.

Während Susi jetzt an ihrem Tische saß und eine all­gemeine Unterhaltung mühsam in Gang gebracht wurde, vernahm man das Heranrollen einer Equipage, durch­aus nichts Ungewöhnliches auf dieser schönen Straße, aber Ellens Bekannte erkannten das Gefährt und neigten sich interessiert über die Brüstung.

„Ei! die Hofmarschallin v. Rodenjels nnt ihrer Tochter, so sind sie von der Iffviera zunick", riefen sie lebhaft.

Ellen trat rasch an die Brüstung vor. „Adine!" es freute sie ungemein, sie wiederzusehen.

Der mit zwei herrlichen Füchsen bespannte Wagen fuhr dicht an ihnen vorüber, in den grauen Seidenpolstern iehnte eine recht krank aussehende Frau, ihr zur Seite saß eine junge Dame im Hellen Staubmantel, das Hüt­chen mit einem Wald weißer Federn garniert.

Sie. neigte sich vor mit einem hochmütigen Lächeln auf den schönen Zügen, und musterte die Schar der Restaurantgäste.

Ellen grüßte sie mit ihrem heiteren, offenen Gesicht. Adine neigte sebr verbindlich ihr Haupt. -- Ellen schaute sich verwundert um. der Gruß galt nicht ihr. sondern

— - Leopold stand neben ihr, das Antlitz wie in Glut getaucht mit einem völlig geistesabwesenden Ausdruck.

Adinens dunkle Augen hatten einen seltsamen Glanz gehabt, als sie ihn grüßte, ihn allein das wußte Ellen setzt und ihr Herz schlug plötzlich angstvoll.

Adine wandte noch einmal den Kopf und sah zurück auf das wunderhübsche Mädchen an Leopolds Seite Susi hatte sich, alle Vorsicht vergessend, an ihn gedrängsi

sie nnrßte ebenfalls den Blick und des Geliebten Ver­wirrung gesehen haben und wußte sich das nicht zu deuten. Wie ein zum Tode erschrockenes Kind schaute sie bald dem Wagen nach, bald in Leopolds Gesicht, es zuate um ihren Mund wie verhaltenes Weinen.

Er war zur Besinnung gekommen und entzog ihr rauh seine Hand, die sie in ihrer Bestürzung erfaßt hatte. Er raunte ein paar Worte, die sie an ihre Rolle er­innerten.

Ellen schüttelte gewaltsam dm Bann ab, der sie ge­fangen hielt. „Sie hat mich garnicht erkannt", sagte sie unbefangen, „sie weiß ja nicht, daß ich hier bin."

„Sie soll furchtbar hochmüftg sein", sagte eine der jungen Damen. „Sie wird ja auch in der Gesellschaft gefeiert in einer Weise, die jeder den Kopf verdrehen würde. Es sind immer Geschichten über sie im Umlauf."

„Welcher Art?" fragte Ellen. Adine hatte ihr einst so nahe gestanden, daß es ihr nicht gleichgülsig war, wie die Welt über sie urteilte.

„Nun. man schftdert sie wie eine Prinzessin Turandot, die ihre Freier umbringt", mtgegnete die Gefragte lachend.

„Pah! die Zeiten sind vorüber, wo Freier sich um- bringen ließen", rief Leopold spöttisch.

Susi empfahl sich in höchster Verlegenheit. sie wollte zu ihrer Gesellschaft zurückkehren. Ellen hrelt sw ernen Moment fest.

„Ich möchte, daß Sie mir einiges von Clausthal er- zählten und wie niein Bruder sich da benimmt", sagte sie scherzend.

„Können Sie sich nicht uns zu einem Spaziergang anschließen?"

Susis Gesichtchen verklärte sich. „Ich will's den andmen rasch sagen", ries sie und eilte zu ihrer Gesell- schaft hinüber. Wenige Minuten später schritt sie in ihreni weißen Waschkleidchen, ein bnntgewnrfeltes Tuch über dem Arm. glücklich aber befangen neben Ellen.

Die anderen kümmerten sich wenig um sie. Leopold machte ihnen die Cour und spielte den Galanten. De jungen Damen hörten ihm aufmerksam zu. Er galt nt der ganzen Stadt als der Erbe des sebr wohlhabmden Iustizrats, ivar ein eleganter, begabter Mensch, der eine glänzende Laufbahn vor sich hatte, er war iiberall. auch bei den Müttern wohlgelitten. Daß er sich heute um diese hübsche Fremde weiter nicht viel kümmerte, rechneten sie ihm auch an. Sie schien ein rechtes Gänschen zu sein, die Kleine in dem dürftigen altmodischen Kleide, lind ihre Zugehörigkeit zu den Helmkes verriet ja die Sphäre, aus der sie stammte. Es wunderte die jungen Damen, dis sämtlich aus titelgekrönten Häusern stammten, warum Ellen sich die Kleine zur Begleitung einlud. und sich ihr so angelegentlich widmete.

Ellen hatte Susis Arm genommen und schlug, als sie im Walde waren, einen Seitenpfad ein. der sie von dem Schwarm entfernte. Sie wußte es von Anfang an so einzurichten, daß sie hinter der übrigen Gesellschaft zurückblieben, und versuchte nun Susi zum Auftauen zu bringen, über ihre innere Gedankenwelt etwas zu er­fahren.

«Fortsetzung folgt.)

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