Witsbadklier TsMtt.
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196. verlags-Fernsprecher No. 295». DlLNSlütz, b(tl 28. Apkti. Redaktions-Fernfprecher No. 52. 1903.
Abend-Ausgabe.
Internationales Kaleidoskop.
Wir fleh eii zur Zeit in. einer Ära der Fürsten- besuche. Und wenn auch nach dem bekannten Ausspruch des Fürsten Bismarck bei diesen Fürstenbegegnungen selten etwas Neues geschaffen wird, sondern sie bielmehr nur den Ausdruck der bestehenden Verhältnisse bilden, so sind sie doch eben schon deshalb von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Im Vordergründe des politischen Interesses steht zur Zeit der Besuch, den König Eduard von England in Italien abstattet und den er darauf in der Hauptstadt der französischen Republik abstatten wird, lind ferner die Romreise des deutschen Kaisers, der am 2. Mai in der italienischen Hauptstadt eintreffen und dieselbe am 6. Mai verlassen wird.
Aus die R o m r e i s e Kaiser Wilhelms trifft das erwähnte Wort des Fürsten Bismarck bedingungslos zu: sie soll nichts Neues schaffen, sondern sie bildet nur den sichtbaren Ausdruck der Tatsache, daß der Dreibund trotz aller Jntriguen der italienischen Fran- zöslinge und trotz aller Liebeswerbungen Frankreichs in unveränderter Weise verlängert worden ist. An dieser Tatsache ändert auch der Personenwechsel im italienischen Ministerium des Äußeren nichts. Der Ersatz des Herrn Prinetti. durch den Marineminister Morin bedeutet zwar einen anderen Faden, aber dieselbe Nummer in der italienischen Politik. Italien ist beim Dreibund der- blieben nicht ans besonderer Sympathie für Deutschland oder Österreich-Ungarn, sondern weil es bei diesem Bündnis seine Rechnling findet und seine Großmachtstellung sichert, wahrend es bei einem Bündnis rnit Frankreich bald in dieselbe oder wahrscheinlich in eine noch unrühmlichere Rollo geraten würde, als sie jetzt Frankreich gegenüber Rußland spielt. Dieses regle Band, welches Italien an den Dreibund und damit an Deutschland knüpft, ist so haltbar, daß es gar nicht nötig ist, angesichts der bevorstehenden Romreise des Kaisers schwungvolle Leitartikel und Verbrüderungshymnen über dre Sympathien und Harmonieen zwischen dem deutschen und dem italienischen Volke zu schreiben. Tenn es wurde der Wahrheit bei diesen Hymnen wahrscheinlrch ergehen wie der jüngsten Reichsanleihe — sie würde 47-mal überzeichnet werden! „ , . . ^
Auch der Besuch des Königs E d u a r d i n Rom schafft an sich nichts Neues, sondern er bildet ebenfalls nur den Ausdruck der zwischen England- und ^ztalren oe- stehenden guten und freundschaftlichen Beziehungen, die ja auch auf einer durchaus reellen Basis beruhen. Eine internationale Bedeutung scheint aber diese Reise dadurch zu gewinnen, daß sich an sie der Beiuch des Königs Eduard in P a r i s knüpfen wird. Wenigstens bemüht
man sich in Frankreich, deii Anschein zu erwecken, als ob diese Besuche die Introduktion zu einer neuen Ära bilden sollen, die im Zeichen eines französisch-englisch - i t a l i e n i s ch e n E i n v e r n e h m e n s, wenn nicht gar Bündnisses, stehen soll! Wer wenn auch dem Besuche des Königs Eduard in Paris der Besuch des Präsidenten L o u b e t in L o n d o n folgen wird, so hat sich doch die andere französische Kombination, welche den erwähnten Plänen als Grundlage dienen sollte, der Austausch der Besuche zwischen dem König von Italien und dem Präsidenten der französischen Republik, als eine getäuschte Hoffnung erwiesen.
Es ist begreiflich, daß es den Franzosen an sich nicht unlieb wäre, das russische Bündnis, in dem sie die zweite Geige spielen, gegen ein Bjindgks mit Italien und England einzutauschen. Wer die Italiener sind zu klug, um nicht zu wissen, daß sie dabei von den Franzosen über den Löffel barbiert würden. Und die Franzosen sind endlich zu klug, um nicht zu wissen, ein wie unsicherer Kantonist England als Alliierter wäre. In der Tat hat mau auch in Frankreich, wo man infolge des bekannten mace- donischen Wasserstrahles, der von der New-a nach der Seine entsandt worden war, eine Zeitlang etwas antirussisch war, bereits wieder abgewiegelt, da man zum Schluß den russischen Spatzen in der Hand der englischitalienischen Taube auf dem Dache vorzieht.
Nur in England, wo man immer dann bündnishungrig wird, wenn es irgendwo in der Politik schief geht, wird die Frage eines englisch-französisch-italienischen Einvernehmens noch immer mit Leidenschaft erörtert. Man möchte dabei in England gern etliche Fliegen mit einer Klappe schlagen. Einmal möchte man Deutschland ein wenig ärgern, dem man ja soeben in der Frage der Bagdadbahn gezeigt hat, wie wenig man ihm, gewogen ist. Dann mochte nran sich in England dabei eine Basis für die glatte Erledigung der marokkanischen Angelegenheiten sichern. Endlich aber — und das ist selbstverständ» lich der Hauptzweck dieser Bestrebungen — will man in England auf dieseWeise eine Koalition gegen Rußland zu stände bringen, die ja von jeher das Ziel der englischen Träume war und die jetzt angesichts des erneuten russischen Vorstoßes gegen die Mandschurei von ganz besonders aktueller Bedeutung wäre.
Aber wir betonten- schon, daß es mit dem Plan der englisch-italienisch-französischen Entente für diesmal nichts ist, und betreffs der Mandschurei wird- England, wenn es überhaupt Neigung verspürt, wider den russifchen Stachel zu lecken, sich nach anderen Eidgenossen umsehen müssen. Da aber auch Japan und die Ver- einigten Staaten von Amerika sich durch das Vorgeherl Rußlands benachteiligt fühlen, so-ist es nicht unwahrscheinlich, daß dieses es vorziehen wird, die Regelung der mandschurischen Angelegenheiten auf bessere Zeiten zu verschieben, so daß die Mandschurei-Frage, wie schon so oft, abermals durch Vertagung „gelöst" werden würde.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 27. April.
Das ganz schwach besetzte Haus erledigt zunächst den Nachtrags-Etat für den Grunderwerb in der Bellevuestraße zum Neubau eines Marineamts-Gebäudes. — Nachdem Abg. Prinz A r e n b e r g als Referent den Antrag der Budgetkommissivn auf Ablehnung der Vorlage empfohlen, wird dieselbe gegen die Stimmen einer Anzahl Nationalliberaler abgelehnt. — Weiter steht auf der Tagesordnung die Übersicht über die Reichs-Ausgaben und -Einnahmen pro 1900. Die Kommission beantragt die nachträgliche Genehmigung verschieöentlicher erheblicher Etats-Überschreitungen. Ein dazu vorliegender Antrag Sattler lnat.-lib.): „das Haus wolle beschließen, daß alle Anfragen der Rechnungs-Kommission zur weiteren Aufklärung der in den llbersichten und Rechnungen gegebenen Erklärungen an den Reichskanzler zu richten seien", war bereits, wie der Referent Abg. S ch w- a r tz e (Zentr.) feststellt, in der Kommission gestellt, dort aber abgelehnt worden. Er bekämpft demgemäß als Referent den Antrag. — Abg. Sattler «nat.-lib.I weist zu Gunsten seines Antrags darauf hin, daß die Stellung des Schatzamtes der Reichsfinanz-Verwaltung eine Stärkung gegenüber den übrigen Ressorts bedürfe. Das habe sich namentlich auch gezeigt anläßlich der Etats-Überschreitungen für gewisse Truppenübungsplätze. Es sei Pflicht des Reichstags, auf eine solche Stärkung des Schatzamtes hinzuwirken. — Staatssekretär Posadowsky erklärt, man könne mit dem sachlichen Teil des Antrags einverstanden sein, aber doch staatsrechtliche Bedenken gegen denselben haben. Würde der Antrag Sattler angenommen, so würde dies nur die Folge haben, daß der Reichskanzler die von dem Präsidenten dieses Hauses an ihn ergangenen Schreiben an die Inhaber der betreffenden Ressorts zur Beantwortung abgibt. Es handle sich hier, nach Ansicht des Reichskanzlers, um eine innere Verwaltungs-Angelegenheit. Eine solch wichtige staatsrechtliche Frage könne nicht durch den vorliegenden Antrag gelöst werden. — Abg. Hug (Zentr.) meint, die Tendenz des Antrages sei jedenfalls eine richtige, aber auch die staatsrechtlichen Bedenken des Staatssekretärs seien nicht von der Hand zu weisen. — Abg. Spahn (Zentr.) hält die Frage staatsrechtlich für schwierig, aber auch nicht für so dringend. Das richtigste wäre wohl, den Antrag an die Geschäftsordnungs-Kommission zu verweisen. — Präsident B a l l e st r e m weist darauf hin, daß der Antrag eigentlich mit dem Gegenstand der Tagesordnung nichts zu tun habe. Derselbe lause vielmehr auf eine Ergänzung der Geschäftsordnung hinaus, und da empfehle sich in der Tat die Überweisung an die Geschäftsordnungs- Kommission. — Abg. Sattler (nat.-lib.) erklärt, sich dieser Erwägung des Präsidenten fügen zu müssen. — Hierauf wird der Antrag Sattler der Geschäftsordnungs- Kommission überwiesen. — Nächster Gegenstand der Tagesordnung ist die Kranken-Versicherungsnovelle. —
Am sonnigen strande.
Bon Henryk Sienkiewicz. ns dem Polnischen übersetzt von L. Berner.
(9. Fortsetzung.)
ittlerweite zeigte sich Nizza wie ein Lichtmeer m der . In der Mitte des Meeres leuchtete oa-Gebäude, --Promenade" genannt, wie eme kolossale Laterne, liaße, als sich das Boot dem Hafen näherte, ver -Iten sich jene Lichter gleichsam m feurige Vfahle,
: den am Ufer sich brechenden^Wellen erzitterten, lnblick dieses Glanzes brachte Swirski zu sich.
(eben und Bewegung!" dachte er ber sich- id auf einmal verschwanden alle seine früheren Vor- lleich Visionen, welche die Nacht uiid da- Nicht- zu gern hatten Das, was er noch vor einer Weile für
fertigt und zuni Durchführen leicht und nosivenörg kam ihn, jetzt als Hirngespmnst und zum Teil auch rechtschaffen vor Mit dem Leben — stl es wie e. muß man rechten Wer so viele Jahre unter seinen m gckbt, wie ich, der muß sich demselbm gegenüber twortlich fühlen. Es ist kein großes Tmg sich zu : „Ich habe dieselben genossen, so langeimr die näßte — und da es mir jetzt nicht mehr paßt, kehre
ierauf" begann er eingehender sein Verhältnis zu
Rtt^wettl^m Wchte^dürfte ich sie verlassen? Wmn
-ben seicht und lügenhaft war, wenn '^Vergangen icht rein ist — so hätte ich. nachdem ich diesgew tz . ihr nicht nähern sollen. Gegenwärtig hatte 'ch er) m Falle das Recht mit ihr zu brechen, wenn^ch m twas Böses entdeckte, das sie zu verheimliäM v war, oder wenn sie sich mir gegenub den kommen ließe. Aber sie hat^nichts begangen ir rechtschaffen unb offen gegen wich - - in ihr, das mich anzieht, denn -dj hatte sonst nicht ire Hand angehalten. Bisweilen fiihll b, ebe. und wenn inich auch inaiichmal Z
schleichen — warum sollte sie deshalb zu leiden verurteilt sein. Wie dem auch sei, ich würde ihr durch meine Flucht ein Unrecht zufügen, und wer iveiß ob das nicht ein herber Schlag für sie wäre."
Und jetzt begriff er, daß an eine Flucht denken und sie ausführen — für einen rechtlichen Menschen zwei entgegengesetzte Pole sind. Ihm war es nur gegönnt ein wenig zu träumen. Eher wäre er im staude gewesen vor Frau Korecka hinzutreten und das gegebene Wort von ihr zurückzufordern, doch die Gefahr zu fliehen war seiner durch uiid durch civilisierten Natur etwas geradezu Entgegengesetztes. Schon bei dem bloßen Gedanken. einer Frau ein Unrecht zuzufügen, wurde ihm weh ums Herz und die junge Witwe schien ihm lieber und werter.
Eben liefen sie in den Hafen ein und nach einer kleinen Weile legte das Boot an das Ufer an. Swirski bezahlte den Fischer und nachdem er in einen Wagen gestiegen war, ließ er sich in das Atelier fahren. Unter dem lauten Straßengeräüsch, den blinkenden Lichtern, dem großen Gewirrs und regen Leben ergriff ihn wieder eine heiße Sehnsucht nach jener Ruhe, uach jener unendlichen Weite des Meeres, der stille und der göttlichen Wahrheit, von der er vor einer Weile geschieden. Nicht weit von seinem. Atelier kam ihm noch folgende Betrachtung in den Sinn:
„Wunderlich Ding", dachte er, „daß ich, der die Frauen so sehr fürchtete und ihnen nicht traute, am Ende eine Frau wählte, welche mehr Bedenken erwecken kann, als jede andere."
Darin steckte gleichsam eine fatale Bestimmung, und Swirski hätte unzweifelhaft in diesem Zusammmtreffen der Dinge für den ganzen Wend Stoff genug zum Nachdenken gefunden, wenn ihm der Diener nicht gleich bei seinem Eintritt zwei Briefe icherreicht hätte. Der eine der Briese enthielt eine Einladung zu dem morgigen Ball auf dem Fornndable, der zweite war von Frau Lageat, der Eigentümerin des Hauses.
Dieselbe machte ihm die Mitteilung, daß sic nach Marseille abgereist sei, und kündigte ihm zugleich an, daß sie ein- Modell gefunden, welches den anspruchvollslen
Geschmack zu befriedigen im stände wäre — und welches morgen kommen werde.
yi.
Und in der Tat kam das angezeigte Wunder am nächstfolgenden Tage um neun Uhr morgens. Swirski war bereits angekleidet und wartete mit Ungeduld und in großer Unruhe — zum Glück war seine Befürchtung unbegründet: sein erster Blick überzeugte ihn davon. Das Modell war groß, schlank, sehr anmutig, der Kopf klein, das Gesicht zart, von tadellosem Schnitt, lange Wimpern zierten die ausdrucksvollen Augen und ein feines Rot bedeckte die Wangen. Vor allem jedoch ward Swirski davon entzückt, daß es so ganz sein „eigen Gesicht" hatte und int Ausdrucke etwas Mädchenhaftes. „Die Bewegungen sind edel", dachte er, „und wenn es so gebaut ist, wie es scheint -— dann „Heureka!" Ich werde es für lange engagieren und mit mir nehinen, wohin ich auch gehe."
Die Schüchternheit und der Blick, der wie erschreckt zu sein schien, fiel ihm auf. Er wußte zwar, daß Modelle manchmal Schüchternheit heucheln, uah-m aber an, daß dieses sich nicht verstellte.
„Wie heißt du? liebes Kind", fragte er.
„Marie Cervi."
„Bist du aus Mzza?"
„Ja-
„Hast du schon jemals Modell gesessen?"
„Nein, Herr."
„GeübteModelle wissen, was man von ihnen verlangt, doch mit den Neulingen ist immer ein Kreuz. Hast du auch wirklich noch nie Modell gesessen?"
„Nein, Herr."
„Woher kam dir die Lust dazu?"
Das Mädchen ward unschlüssig und errötete leicht.
„Frau Lageat sagte mir, daß ich dadurch etwas Geld verdienen könnte."
„So, aber du fürchtest dich augenscheinlich. Warum fürchtest du? Ich werde dich nicht aufesscn! Wie viel verlangst du für eine Sitzung?"
