Einzelbild herunterladen
 

«• Jahrgang.

«tfdjelttr Mt zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag 50 Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. 50 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

10 , 00 © Abonnenten.

Anzeigen-Prcis: Die einspaltige 15 Pfg., für auswärtige Reklamen die Petitzcile f

für auswärts 1 Mk

Anzeige« - Annahme KA 2 KWK U ff. SWMW

:igen zur nächft-

gctragen.

193, BerlagS-Fernfprecher No. LNi.

Sonntag» de« 26 . April«

Redaktions-Fernsprecher No. S2.

1803 .

Morgen -Ausgabe.

Iüv War tmö Juni

auf das

„Wiesbadener Tagblatt"

ZU abonnieren, findet sich Gelegenheit

im Uerlag Langgasse 27, bei den Ausgabestellen, de« Zweig-Expeditionen

der Nachbarorte,

und bei sämtlichen deutsche» Rrichspostanstalte«.

Politische Uebersicht.

Wie uns die letzten Tage mitten im Frühling noch «inen kurzen Nachwinter gebracht haben, der uns mit Sturm und Regen und Schnee überfiel und leider schweres Unheil verursachte, so har auch das deutsche Reichs- Parlament und ebenso das preußische Abgeord­netenhaus in einer Zeit, die infolge der bevor­stehenden Neuwahlen ganz besonders parlamentsmüde ist, noch eme kurze Nachsaison zu verzeichnen. Sowohl der Reichstag wie das Abgeordneteichaus sind amDienstag zusammengetreten, um in möglichster Eile den Rest ihres Programms zu erledigen.

In beiden Häusern ist in dieser Woche mit emsigem Eifer gearbeitet worden. Unter den vom Reichstag voll­brachten Leistungen ist die bemerkenswerteste die An­nahme des neuen Wahlreglements, das init allen Stimmen gegen die fast aller Konservativen und der Reichspartei 'in einmaliger Lesung zur Annahme ge­langte. Die Wahlen am 16. Juni werden mithin schon im Zeichen des neuen Reglements stattfinden, von dem ein größerer Schutz des Wahlgeheimnisses, als es bisher der Fall war, erwartet werden darf. Es ist auch kein Anlaß, die Befürchtungen tragisch zu nehmen, die von den Gegnern dieser Maßnahme in Bezug auf ihre Durchführ­barkeit geäußert worden sind, wobei ofsenbar-der Wunsch der Vater des Gedankens war. . .

In dem jetzt allenthalben mit großer Heftigkeit ent­brannten Wahlkampf beginnt neuerdings die Jesuitenfrage eine immer niehr an Bedeutung ge­winnende Rolle zu spielen. Die Anzeichen mehren sich, daß der Reichskanzler Graf Bülow nicht m die Lage kommen wird, das Versprechen zu halten, welches er dem Zentrum in Bezug aus die AushÄung des 8 2 des Jesuitengesetzes gegeben hat. Ein Bundesstaat nach dem anderen spricht sich gegen diese Maßnahme auo, und e^ hat nicht den Anschein, als ob sich im Bundevrat euie

Mehrheit für dm Reichskanzler finden wird. Trotzdem scheint das Zentrum es mit der Drohung, die Jesuiten­frage zur Wahlparole zu machen, nicht sonderlich eilig zu haben, deiiii die Zentrumsführer sind zu klug, imt nicht zu wissen, daß bei einem neueii, vom Zentrum provo­zierten Kulturkampf dieses selbst es wäre, welches die Kriegskosten zu zahlen hätte.

Der Kulturkampf in Frankreich nimmt iinterdes Niehr in Forin eines Guerillakrieges leinen Fortgang, denn das Kabinett Combes hat begreifliche Bedenken, gegen die zu Guiisten der Kongregationen Demonstrierenden mit der volleii Schärfe des Gesetzes und der Gewalt vorzugehen. Auch kommt dazu, daß das Kabinett durch zwei jener „Affären", die in Frank­reich nie ganz von der Tagesordnung verschwinden, nämlich .durch die in der Wiederaufrollung ^begriffene Dreysus-Affäre uiid durch die gegen den Sohn^ des Ministerpräsidenten, Edgar Combes. erhobene Anklage, in eine gewisse Bedrängnis geraten ist, die seine Tatkraft lähmt.

Ja, wenn man es in Frankreich machen könnte, wie es im „alliierten" Rußland üblich ist, wo jede dissentierende Meinung mit der Knute erschlagerr wird! In F i n l a n d erlebt man soeben ein Exempel dieser russischen Regie­rungsmethode. Zar Nikolaus hat dem Generalgouvcrneur von Finland vollkommen diktatorische Befugnisse ver­liehen, die in ihrer barbarischm „Weitherzigkeit" hin­reichen werden, jeden Widerstand der Finländer im Keime zu ersticken, wenn ein solcher überhaupt versucht werden sollte.

In dieser Beziehung hat cs der Zar leichter als der türkische Sultan, denn dessen Machtmittel sind minder groß und die Albanese n sind kriegerischer gesinnt als die Finläirder, die sich im Laufe der Jahre an die russische Nuterdrückungspolitik gewöhnt haben. Die Albanesen setzen den türkische^Lruppen einen ge­harnischten Widerstand entgegen, und es wird nicht ohne Grund befürchtet, daß der kriegerische Elan der un- gezähniten Bergstänune einen neuen Anstoß erhalten dürfte, sobald die Pforte sich anschickt, mit der von Ruß­land geforderten Vollziehung des Todesurteils an dem Mörder des Konsuls Tscherbina Ernst zu machen.

Noch schwerere Sorgen als der türkische Sultan hat sein Kollege in M a r o k k o , Abdul Aziz, denn die Er­hebung des Prätendenten Buhamara hat ganz beträcht­liche Fortschritte gemacht. Dieser hat sich im Riffgebiet bereits häuslich als Herrscher eingerichtet und sogar eine Zollhebestelle errichtet. So sind zur Zeit in Marokko zwei Sultane zu verzeichnen, die beide zunächst weniger im Kriegführen als im Zölleerheben zu wetteifern scheinen. Das Wort: „Jeder Zoll einen König" hat also in Marokko zur Zeit seine Umkehrung erfahren: „Jeder

König einen Zoll!"

Feuilleton.

Berliner Brief.

.« Stur«. - Ausgaben ber Me^rowgie. - Di- Meuzel. -sst-lluug. - Maler

Berlin» 22. April.

Mit dem ganzen Aufgebot seiner Streitkräfte hat der unter sich am Sonntag noch einmal über den i ungen

:r vvnEnter bereits verlassene Gebiet eingeruck^war,

st tagtäglich das «eben sauer gemacht hatte. Am So u

g aber führte er den Hauptschlag. Berlrn war aus rkan-Attacke die den Mittelpunkt des krlegerpcyen

ö® -ä SSäb

«f wie schwachem Boden doch rm Grunde unsere uo rwohnhciten beruhen und wie wenig H Ba * ö j e

och der Naturgewalten sind. Ww kommt es, j e .eteorologische Wissenschaft trotz allerSa Konenharten Temperatur-, Feuchtigkeits- «. s, n £ n 7;

errot(feiten Drahtnetzes, das dre Erde ü ' fa < ^

icht im stände ist, derartige Eretgnsise v^erzusagen.

eren Ursachen hinterher sich als durch«- t ,einungen ingungen erweisen? Wenn sich oerar » allacmeinen icht aus bestimmten Anzeichen, bezw> »ach hysikalischen und mathematischen Gesetzen »oAerverew

-°- l-,L beweis, j^“S*äa!JK wch in der genauen Kenntnis de m-piet da noch

Elemente zurück sind und ein wie g V Vermutlich »er Erschließung durch den Forscher harr ■ '

»erden die wichtigsten Ergebinste u - müßigen

>urch die Benutzung des Drachens und der «J Wärme- und Feuchtigkeits-Messungen ^styteoene Luftschichten erzielt werden, durch die ein sicherer «ooen

,ür die Berechnung der Luftbewegung und der^Ent-

tehung von Gebieten hohen »»d »iede -

Wonnen werden dürfte. Das Nächste, was wir nun von

der Meteorologie erfahren möchten, ist eine Antwort auf

die Frage, ob unter den Heerscharen, die der Winter am Sonntag auf den Plan stellte, vielleicht auch die „drei gestrengen Herren" anwesend waren, so daß wir im Mai diesmal von ihrem Besuche befreit wären. Ein schöner Mai wird am besten und schnellsten alle die Wunden heilen, die der böse April geschlagen hat. Augenblicklich scheint es ja, als dürften wir nun endlich dem endgültigen Einzug des Frühlings eutgegensehen, und als habe sich der Winter ganz zurückgezogen, beschämt über das Werk der Zerstörung, über die vielen Blütenzweige, die er gebrochen, und die kraftvollen Bäume, die er geknickt hat.

In unserem K u n st l e b e n freilich sieht es noch gar nicht sonderlich frühlingsmätzig aus, denn unsere großen Kunstsalons, die sonst um diese Zeit keine Ausstellungen von Wichtigkeit mehr veranstalten im Hinblick auf die um diese Jahreszeit erfolgende Eröffnung der Großen Berliner Kunstausstellung im sog. Ausstellungspalast am Lehrter Bahnhof und der Sezession, haben diesmal eine Ausnahme gemacht: im „K ü n st l e r h a u s e", dem Heim des „Vereins Berliner Künstler", ist eine Menzel- Ausstclluug zu sehen, bei K e l l e r L R e i n e r sind eine Anzahl von Werken des großen Giovanni S e g a n t i u i vereinigt, und Schulde hat eine Reihe englischer Ge­mälde aus dem 18. unovdem beginnenden 19. Jahrhun­dert znsammengebracht. Jede dieser Ausstellungen gibt uns einen erlesenen Genuß. Die Menzel-Aus- st e l l u n g enthält ca. 60 Blätter, die bisher noch nie­mals in Berlin ausgestellt waren und die alle aus Men­zels eigenem Besitze stammen. Die Gelegenheit, eine so große Zahl Menzelscher unbekannter Schöpfungen zu­sammen zu sehen, ist den Kunstfreunden seit langem nicht geboten gewesen, weshalb denn auch Besuch und Kauf­lust sehr rege sind. Schon in den ersten l l /g Wochen be­trug der „Umsatz" 22 000 Mk.'. Neues sagt uns ja Menzel naturgemäß nicht mehr, dennoch aber bewundern wir stets von neuem diese wunderbare Verschmelzung von analytischer und synthetischer Begabung, die die Natur in unserem Adolf Menzel zu stände gebracht hat. Menzel hat sowohl den bis in die kleinste Einzelheit dringenden Scharfblick, der das Ganze in alle seine Teile auslöst und alle diese Teile mit erstaunlicher Treue wiedergibt, wie

Deutsches Deich.

Zentrum und Reichskanzler.

Nicht ohne Grund wird es bemerkt, daß das Zentrum gar keine Neugier in Bezug auf das Schicksal des Jesuiten­gesetzes zeigt. Die Zeutrumsfraktion könnte jeden Tag eine entsprechende Interpellation im Reichstage ein- bringen und nach Belieben die klingendsten Reden zum Festster hinaus halten. Sic könnte den Reichskanzler in nicht geringe Verlegenheit setzen, sie könnte die Parteien miteinander zu verhetzen suchen, sie könnte hie tönende Ankündigung wahrmachen, daß es zum Biegen oder Brechen kommen soll rc. Wer nichts dergleichen gefällt den klugen Zentrumsführern. Indem sich die Partei ganz still verhält und imr in ihren Blättern für gelegent­liches gelindes Murren sorgt, gibt sie zu verstehen, was Kündigen niemals zweifelhaft war, daß die Stockung der Jesuitengesetzfrage dem Klerikalismus hochwillkommen ist. Und beinahe möchte man annehmen, so seltsam es zunächst erscheint, daß sie es auch dem Reichskanzler ist. Wenigstens hat noch nie ein Kanzler den sonderbaren Zustand einer tatsächlichen, obschon einstweilen nicht formalen Majorisierung im Bundesrate so gelassen und in so guter politischer Gesundheit ertragen, wie Graf Bülow. Überstimmt zu werden oder unüberwindlichen Widerstand anzutreffen, macht preußisch - deutschen Ministern sonst nichts aus, nämlich den Volksvertretungen gegenüber. Aber mit dem Bundesrat ist es doch ein ander Ding. Graf Bülow kommt gleichwohl merkwürdig leicht darüber hinweg.

Wohnungsreform.

Wie der Finanzminister kürzlich im Abgcordneten- hause mitteilte, ist die Regierung mit den Vorarbeiten zu einem Wohnungsgesetz beschäftigt. So erfreulich die Mit­teilung ist, so muß gleichzeitig das Bedauern darüber ausgesprochen werden, daß in dieser wichtigen Frage von dem führenden Bundesstaate der Weg der Pactikular- gesetzgebung eingeschlagen werden soll. Eine durch­greifende Wohnungsreform muß vom Reiche aus ge­schehen. Es handelt sich hier um eine der höchsten Auf­gaben der sozialen Hygiene, um die Lösung eines gesell­schaftspolitischen Problems, und es sollte bei einem so wichtigen nationalen Anliegen keine Trennung durch Staatsgrenzen geben. Man wird zunächst leider vergeblich auf den Erlaß eines Reichswohnungsgesetzes dringen, die Forderung selbst aber darf darum, weil sie heute und morgen nicht erfüllt werden wird, gewiß nicht aufgegeben werden. Sie darf es umso weniger, als zu befürchten ist, daß die Konservativen gegen eine durchgreifende Reform des Wohnungswesens sehr viel arlf dem Herzen haben werden. Im preußischen Landtage werden sie eine solche Vorlage vielleicht ganz zu verhindern wissen, im Reichs­tage sollte ihnen das schwer fallen. Eine Wohnungs-

auch die große und seltene Gabe, das „geistige Band" zu

sehen, das diese Teile zusammenhält und eine Einheit, eine lebendige Einheit aus ihnen schafft. Diese Gabe ist das große Mysterium des Künstlers, der Teil seines Wesens, womit er sich der Natur als eben­bürtige schöpferische Macht zur Seite stellt. Diese Gabe, Leben zu schaffen, tut sich ebenso gut in einer kleinen Skizze, wie in einem großen ausgeführten Gemälde kund, und es ist kein Stück in dieser Menzel-Ausstellung, das in diesem Sinne nicht als ein Kunstwerk anzusprechen wäre. Für den echten Künstler kann jeder Gegenstand künstlerische Bedeutung gewinnen. Diesen Satz, den der Naturalismus lange Zeit so gründlich mißverstanden hat, führt uns diese kleine Menzel-Ausstellung wieder einmal in seiner wahren Bedeutung vor Augen. Was hat der unermüdliche Zeichenstift Menzels nicht alles festgehalten! Hier sehen wir eine Art Maulwurfsgrille in verschie­denen Stellungen gezeichnet «Menzel hat das Tier ein­mal in Kissingen auf einem Spaziergänge beobachtet und in seinem Skizzenbuche festgehalten), dort spielen mut­willige, kleine Hunde, da blickt uns mit rätselhaftem Auge ein Kamel an, da wieder sehen wir zwei klatsch­nasse Rappen, ein anderes Blatt zeigt uns eine Kollektion Austern, die der Meister vermutlich erst verspeist und dann als ein Denkmal der irdischen Vergänglichkeit mit ernster Sorgfalt geschildert hat. Ein Wildschweinskopf, mit der­selben Treue gemalt, die wir an Dürers Holzschuher be­wundern, ist in Aquarell ausgeführt. Ein Blatt, das mit Musik-Instrumenten bedeckt ist und die Formen des Cello mit den spiegelnden Glanzlichtern in verschiedenen Verkürzungen wiedergibt, ist, wie man mir sagte, nur eines aus einer Sammlung von fünfzig — vermutlich Studien zu dem „Flöten-Konzert". Architekturbilder, Blätter- und Baumstudien, Porträt-Skizzen seine davon ist erst in diesen Tagen beendet, an einer anderen, die vor zwei Jahren gezeichnet wurde, hat der Meister noch jetzt eine Kleinigkeit geändert, weil er meinte, in zwei Jahren könne man immer noch etwas zulernen!) wech, sein mit Bleistift-Skizzen aus dem Volksleben, unter denen ein eminentes Bild einen Kaffee-Skat in Kissingen darstellt, und zwei größeren Ölgemälden. Das eine von diesen ist die Salzburger Frühmesse, das andere, nicht