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1. Beilage ;um Wiestmüener Tagdlatt.
Mo. 1N3. Morgen-Ansgabe.
Sonntag, den 26. April.
81. Jahrgang. 1903.
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Wir sollten nicht vergessen, daß selbst die bestbezeugle j Offen da rung, da sie uns immer nur in menschlicher Fassung und durch menschliche Vermittlung erreichen kann, nickt Wabrbeit bervorbringt, — wohl aber Wahrheit, tief, gefühlte Wahrheit cs ist, welche Offenbarung dervordringt.
Wahrheit macht Offenbarung, nicht Offenbarung Wahrheit.
Max Müller.
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(7. Fortsetzung.)
Späte Erkenntnis.
Roman von Alexander Römer.
Am Abend dieses Tages kam sic zu später Stunde von einer Bekannten. Es war zu Anfang des Mai und schöne laue Luft. Die Mondscheibe stand klar am Himmel. Sie machte einen Umweg und ging die Promenade am See entlang, der Anblick des fürstlichen Schlosses mit seiner schönen architektonischen Gliederung, vom Mond bestrahlt, war entzückend. Leise plätschernd schlugen die Wellen des großen Landsees, der Schwanau rings um- spillte, gegen die Ufer. Es war einsam und still in der Allee. Ellen schlenderte träumerisch ihren Weg. Seit sie zu Hause und hier in Untätigkeit war, regten sich unbekannte Stimmungen in ihr, Sehnsucht nach etwas Namenlosein, Glückverlangen.
Dort hinter dem Schlosse lag der Steg, an dem sie oft mit Adine gesessen, sie unterschied die Wiese, die an den Rodenfelsschen Garten grenzte. Wie mochte Adine sich entwickelt, was schon erlebt haben, während fie unter angestrengter Arbeit in einförmigem Tagewerk und dem Staub der Schulstube die Jugendjahre verbrachte, umrauschte die bevorzugte Gefährtin der 'Strudel eines glänzenden Gesellschaftslebens. Vielleicht kreuzten sich ihre Wege nie mehr.
Während sie so ihren Träumen sich überlassend am Uferrand stand, hörte sie langsam näher kommende Schritte hinter sich, halblautes Geflüster.
Sie wendete sich um, wahrscheinlich ein heimliches Liebespärchen, das sich allein glaubte.
Richtig! ein junger Mann, ein Mädchen am Arm, zu der er sich unter zärtlichem Flüstern niederbeugte.
Ellen stand im Schatten eines Baumes, und der Mond beschien durch eine Lücke voll das Gesicht des Mädchens — ein süßes, unschuldiges Kindergesicht von großer Lieblichkeit, das wie in Verzückung zu ihrem Begleiter aufschaute. Jetzt trat auch dieser in den Streifen des Mond- lichtes, Ellen zuckte zusammen, das war ja — täuschten sich denn ihre Augen — nein, das war ja jedenfalls ihr Bruder Poldel.
Unwillkürlich war ihr ein AuSruf entschlüpft, und daS Pärchen fuhr zusammen. Leopold trat zu ihr heran Md erschrak sichtlich. V
„Ellen! wie kommst Du hierher!" Er war sehr un- mgenehm überrascht und so verlegen, daß er es nicht im stände war zu verbergen. Das Mädchen hatte seinen Arm losgelassen und sich scheu in das Dunkel zurückgeflüchtet, sie stand da zitternd, mit großen, erschrockenen Augen.
Leopold faßte sich. Er lachte kurz auf und sagte zu seiner Begleiterin gewendet: „Komm, Susi, es ist nur
meine Schwester Ellen, sie wird uns wohl nicht der- raten."
Er zog die Erschrockene heran. „Wenn es sich denn einmal so fügt, so mag es auch eben so put sein. Ellen, wir weihen dich in unser großes Geheimnis ein, Susi
und ich sind uns schon lange gut, ihr Vater wohnt in
Clausthal, da haben wir uns kennen gelernt. Jetzt hat Susi es möglich gemacht, zu derselben Zeit, wo ich hier
bin, ihre hiesigen Freunde zu besuchen. Wr versprachen
uns einen Hauptulk davon, denn in Clausthal müssen wir sehr vorsichtig sein. Wissen darf ja natürlich noch niemand von unserem Verhältnis."
Ellen war im höchsten Grade betroffen. Das reizende junge Geschöpf sah scheu und bittend zu ihr aus. So gewinnend auch das Äußere des Mädchens war, ihr flogen viele schwere Bedenken durch den Kopf.
Sie reichte zögernd der Kleinen ihre Hand; zu sagen wußt sie einstweilen nichts.
Als ob Susi nur auf eine entgegenkommmde Bewegung gewartet hätte, so stürmisch faßte sie die dargebotene Hand. „O ! Sie sind seine Schwester, wie glücklich macht es mich. Sie kennen zu lernen."
Die Stimme klang wie die eines zutraulichen Kindes, Ellen wurde immer beklommener.
„Ja, wenn Ihr mir nur sagen wolltet", begann sie — „weiß denn auch Ihr Vater nichts um diese junge Liebe?"
„Na, selbstverständlich nicht", warf Leopold imgeduldig ein, „Susis Vater ist ein vielbeschäftigter Herr, er sitzt den ganzen Tag in seiner Schreibstube, er ist Kanzlist beim Gericht : — eine Mutter hat sie nicht mehr, und die alte Kathrin — der treue Küchen- und Hausdrache, kümmert sich um nichts anderes, als Scheuern und Kochen. Denk also, was Susi da für ein Leben geführt hat. Ich Hab' sie herausgerissen, das arme Lamm. Reizend wars doch, Schneckerl, die Partieen nach dem Spiegelsee und den Rabenklippen, das Tanzen und Singen draußen unter den Bäumen, und die allgemeine Fidelität. So pedantisch und philisterhaft wie hier zu Lande sind die Leutchen da oben in ihrer Bergeinsamkeit nicht."
Susi schmiegte sich glückstrahlend an den Geliebten und nickte, Ellen war unheimlich zu Mut. Sie konnte sich nicht freuen über dieses junge Glück. Sie hätte hundert Fragen tun mögen, an welche die beiden augenscheinlich garnicht dachten, und es überkam sie ein Gefühl wie Mitleid mit diesem jungen arglosen Kind da, das von des Lebens Anforderungen und Wechsel noch keine Ahnung zu haben schien.
„Wer sind denn ihre Freunde hier, bei denen Sie wohnen?" fragte sie. Es schwirrte ihr durch den Kopf, daß es sonderbar sei. wenn dieses blutjunge Mädchen uneingeschränkte Freiheit hatte, in später Abendstunde hier allein mit dein Geliebten umherzuwandern.
„Regisseur Helnrkes", entgegnete Susi. „Es sind da zwei Töchter, die jüngere war längere Zeit in Clausthal, und wir wurden intime Freundinnen.
„Regisseur Helmkes", wiederholte Ellen. Sie wußte nur so viel von der Familie, daß die Töchter für hübsch galten, ihren ausschließlichen Umgang in Schauspieler- kreisen hatten, und sie erinnerte sich jetzt, gehört zu haben, daß ein freier Ton in dem Hause herrschte.
Es schnürte ihr mehr und mehr das Herz zusammen,
daß Leopold in solchen Regionen Beziehungen angeknüpft, ja sich für sein Leben gebunden hatte. Glühend heiß stieg es ihr herauf.
Sie wollw sich verabschieden und fpöter mit dein Bruder allein reden, als ihr Blick noch einmal mrf das Mädchen fiel. Die Unschuld in dem Gesichtchen über- wältigte sie, sie mußte doch zu erforschen versuchen, wer und wie sie war, ehe sie urteilte und sich den Bruder vielleicht enffremdete. Sie zwang sich zu einem leichten
„Ihr müßt mir ein wenig Zeit lassen, mich in das Unerwartete zu finden. Susi — ich darf Sie wohl so nennen- ■“ . . ,
„O bitte ja, und du — nicht wahr? wir werden doch nun Schwestern." „...,
Das klang rührend naiv. Ahnte das Mädchen gar- nicht, wie heikel ihre Lage war, wie viel und was hatte Leopold ihr über seine Verhältnisse gesagt. Er konnte doch in mehreren Jahren noch nicht an eme Heirat denken, ja nicht einmal daran, diese Verlobung zu veröffentlichen. War er der Mensch, durch Fahre diesem Kinde das kaum zu ihm Paßte. Treue zu halten?
Sie erwiderte indes Susis Zutraulichkeit. »Also Schwestern, liebe Susi, die sich erst kennen lernen müssen. Ich bin bereit zu raten und zu schweigen .. Aber diese heimlichen Abendspaziergänge finde ich höchst bedent- lich. Dich kennt hier jeder, Leopold, und wer euch be-
gegnet —" r . ,
„Nun, solche Mondscheinschwärmer, . welche hinter Baumstämmen sich verbergen, gibt es hier sur gewöhnlich nicht", meinte ihr Bruder. „wir sind sehr vorsichtig, und wann könnten wir uns soiist sehen. die Helmtes dürfen von der Geschichte auch noch nichts wissen.
Ellen schwieg ein Paar Sekunden. Sie sann darüber nach, wie es anzustellen sei, daß sie das Mädchen naher kennen lerne. „Willst du nicht unsere Witter ins Der- trmlen ziehen?" sagte sie halblaut. ,
Um des Himmels willen nicht", rief Leopold hastig. „Damit sie uiis den Kopf mit hundert Wenns und Wers warm machte. Mamas Schwerfälligkeit solltest du doch kennen, und dann — es wäre sehr fraglich, ob sie zu schweigen vermöchte und wenn der Alte davon er-
^ Susi stand schüchtern da und hörte die Verhandlung mit au Ellen verstand das Mädchen nicht. Ihr mußten doch diese Erörterungen der hemmenden, heiklen, De^ hältirisse, diese ängstlich gehütete Heimlichkeit peinlich sein und zu dciiken geben. Sie schien aber solckfe Empfindung nicht zu haben. ... . ...
„Ach, liebste Schwester", sagte sie innig, „tme lieb werde ich dich haben. Ich hatte nie eine Schwester, meme Mutter starb, als ich ganz klein war. Gönne eS unS mit, wenn wir abends hier ein Stündchen zusammen sind. Den ganzen Tag freue ich mich darauf, habe gar kernen anderen Gedanken, als die Sehnsucht nach meinem Poldel — ist er nicht zu lieb? so klug, so schon — ach! Poldel, ich- denke oft, was willst du nur mit einem so dummen Mädel, wie ich bin." ^ r .
„Herzen will ich's und küssen", rief er lachend.
„Ich muß aber jetzt nach Hause —" sagte Ellen und machte Miene, sich zu verabschieden.
«Fortsetzung folgt.)
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