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fl Der Roman. &

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Morgen-veilage der Wiesbadener Tagblatts, i.»

Nr. 197.

Mittwoch, 25. kluguft.

4915.

'(8. Fortsetzung

Das Tantchen."

Erzählung von Horst Bodemer.

< Nachdruck verboten.)

Zwei Minuten, bevor Rauschenberg und Klevenich in ftie Bahnhofsstraße eingebogen waren, war -der Ritter- gutsbesitzer Böhmer, den Brief von der_ Königsberger Bereinsbank in der Hand, die Treppen hinausgegangen und hatte init harter Hand- da der Korridor offen ge­standen, an der Tür zum Wohnzimmer angepocht. Auf »ein freundlichesHerein" hatte er gar nicht erst gewar­tet, sondern sofort sehr energisch die Klinke herunter­gedrückt.

Und dann war er mit offenem Munde stehen ge­blieben. In der Nähe deS Fensters saß eine kleine, alte Dame mit grauen Ringellocken über ein großes Bett­tuch gebückt, in dem sie nach Löchern suchte.

Tantchen hatte sich in ihrer Arbeit auch gar nicht stören lassen, sie dachte, es wäre Karolek, der da ange­trappt kam. Dem gab sie Unterricht im Umgang mit Menschen. Daß man vor dem Eintreten an die Tür klopfte, war die erste Großtat, die sie ihm hergebracht hatte.

Als sich aber nun jemand im tiefften Basse räusperte, -sah sie auf, erhob sich. Herr Böhmer machte eine förm­liche Verbeugung und dachte bei sich: Was ist das für rin Menschenkind, das nicht größer wird, wenn es auf- stcht. Und dann entschuldigte er sich.

Eine Dame hier anzutreffen - hm ja damit Hab' ich nicht gerechnet. Ich Hab' mit dem Herrn Leut­nant nämlich dringend zu sprechen! Ich bin der Ritter­gutsbesitzer Böhmer!"

Das war Tantchen beim ersten Blick klar gewesen, auf vielen Photographien war er ja mit von Heini aufgenommen worden.

Und ich bin Fräulein Wüvmeling, die Dante von Herrn Leutnant Klevenich! Mein Neffe muß jleich vom Dienst kommen! Wenn es jefällig ist, Platz zu nehmen!"

Sehr würdig hatte es Tantchen gesagt, dabei schlug ihr das Herz bis zum Hals hinauf. Das konnte ja gut werden. Herr Böhmer stand da mit gefurchter Stirn und gesenktem Blick und dann riß er sich zusammen.

Gnädiges Fräulein, es ist vielleicht ganz gut, daß uns der Zufall so zufammengeführt hat. Gehört habe ich schon vieles über Sie, von Ihrem Herrn Neffen. Er spricht mit Begeisterung von Ihnen. Da ist doch wohl auch anzunehmen, daß er auf Sie hören wird. Ich finde nämlich bei Frau und Tochter keinerlei Unter­stützung! ... Da lesen Sie erst einmal diesen Brief!"

Tantchen trat ans Fenster und las. Also Herr Böhmer hatte die zweite Hypothek doch noch bekommen und nun war er hier erschienen, um die freudige Nach­richt dem Heini zu bringen! ... Da sah sie Herrn Böhmer von der Seite an. Nein, ein freudiges Gesicht machte der gar nicht, nervös trat er von einem Bein aufs andere, die breite Brust hob und senkte sich unter hastigen Atemstößen.

Da kann man Ihnen ja gratulieren", sagte Tant­chen zaghaft.

Herr Böbmer lachte höhnisch auf.

Gratulieren? Hat sich was? . . . Gnädiges Frau* lein, Sie werden wissen, wer eigentlich die zweite Hypothek gegeben hat. Die Bank reineweg auf mein Gut sicher nicht!"

Da dämmerte in Tantchen -das Verständnis auf.

Sie meinen doch nicht etwa mein Neffe?"

Ja, wer denn sonst? Deshalb bin ich gekommen! Ich will die Wahrheit wissen! . . . Gott, gnädiges Fräu­lein, werden Sie bloß nicht ängstlich, ich nehme sie jo gar nicht an!"

Tantchen fuhr sich mit zitternden Händen über ihre grauen Ringellocken.

Herr Böhmer, mein Neffe ist ja gar nicht so reich! Die Hypothek könnte er wM übernehmen, aber dann bleiben ihm nur dreißig-, vierzigtausend Mark!"

So ungefähr weiß ich das auch! Es inacht seinem- Herzen alle Ehre, daß er so für mich einspringt, sonst erleb' ich nämlich nicht einmal mehr die Roggenernte in Laupischkeim. Aber annchnien tu ich die Hilfe unter keiner Bedingung!"

In Geldsachen verstand Dantcheir keinen Spaß. Sie hatte mit ihrem Schwager zu traurige Erfahrungen gemacht.

Er muß ja wirklich jleich kommen! Aber nun setzen Sie sich, bitte, Herr Böhmer. Sie sind so furchtbar auf- jeregt, und solche Dinge müssen doch in Ruhe und Frie­den besprochen werden . . . Und daß es so schlimm um Laupischkeim steht, das tut mir in tiefster Seele leid!"

Ach, noch piel schlimmer steht es!" erwiderte er und erzählte die ganze Leidensgeschichte der vierundzwanzig Jahre auf Laupischkeim. Schlvarzer malen, als es so wie so war, das ginge nicht, sonst hätte es Herr Böhmer getan. Von Zeit zu Zeit fuhr er sich mit Daumen und Zeigefinger in die nassen Augenwinkel und Tantchen rang die Hände und sagte:

Ach Jott! ... Ach Jott!"

Un-d nun sind die Geschwister meiner Frau aus- bezahlt. die Gebäude Hab' ich gebessert, freilich Wald hat dafür dran glauben müssen! Schöner Wald. Das Herz hat mir geblutet, wie ich so viel schlagen lassen mußte! Na, habe ich gedacht, der wächst auch wieder heran, denn aufgeforstet habe ich gewissenhaft, da bleib ich nun an der zweiten Hypothek hängen! Schon in ein paar Wochen bricht sie mir das Genick! . . . Ich aber nehme die Hilfe Ihres Neffen nicht an. Wie der vorgestern von mir die Wahrheit erfahren hat, ist er natürlich gestern gleich nach Königsberg zur Vereins- bank gefahren." . . .

Nein, das ist er nicht!"

Aber gnädiges Fräulein!"

Janz sicher nicht, Herr Böhmer! Jestern hat mein Neffe hier Dienst jetan und abends waren acht Leut­nants bei uns!"

Aber er hat doch vorgestern abend erst im Laupisch- keimer Walde die Wahrheit erfahren! Ich hab's ihm angesehen: wie es um meine zweite Hypothek stand, wußte er nicht! Aus allen Wolken war er ja gefallen!"