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Wiesbadener Tsgblstt.
**• Jahrgang
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US. INI. «-rlagS^ernf-recher »»_ KttMStag» dktt 25 . April.
RedaktionS-FernfpreLer No. 85.
1903 .
Wopgen ■Ausgabe.
Deutschland und die BalKanfragen.
L. Berlin, 24. April Wenn etwas in unserer auswärtigen Politik als feste Richtschnur gelten kann, so ist es die in den Dingen liegeirde Notwendigkeit, in den Balkanfragen jede Politik zu unterstützet:, die auf die Bewahrung des Friedens abzielt. In diesem Sinne ist die Verständigung zwischen Siußland und Österreich-Ungarn im Jahre 1897 deutscherseits mit selbstverständlicher Bereitwilligkeit als eines der Mittel aufgefaßt worden, die Länder der Pforte vor krisenartigen Erschütterungen möglichst zu behüten. Niemals Hot es einem deutschen Staatsmanne beifallen können, gegen jene Verständigung Frorit zu machen.
Zumal das Freundschaftsverhältnis, in dem wir zum
Donaureiche stehen, wie auch die gebesserte:: Beziehungen zu Rußland die natürliche Folge haben mußten, daß ein Abkommen dieser beide:: Mächte mich uns nicht gegen den Strich gehen konnte. Vollends von der öffentlichen Meinung Deutschlands kann gesagt werden, und zwar i>: diesem Falle ohr:e Unterschied der Parteiei:, daß sie die Erzielung einer Gemeinsamkeit der zunächst interessierten östlichen Großmächte mit aufrichtiger Genugtuung begrüßt hat. So ist denn auch die Verstärwigung ztmschen Wien und Petersburg in Bezug auf die macedonische Frage von Anfang an als lvertvoller praktischer illachweis für die Tragfähigkeit der Vereinbarungen von 1897 gewürdigt worden, ui:d der Gedanke, daß die vor einigen Wochen erfolgte besondere Verständigung zwischei: dem Grafen Goluchowski und den: Grafen Lainbsdorff das Mißfallen der deutschen Politik erregt haben könnte, erscheint so absurd, daß er nicht einmal von unserer: eingeschworenen Feinden in: Auslande bis dahin andeutungsweise ausgesprochen worden ist. Umso befremdlicher muß es wirken, daß die russisch-offiziöse „Nowoje Wremja" soeben in einen: Artikel, der eine authentische Darstellung des Inhalts der russisch-österreichischen Verständigung von 1897 gibt, zu folgenden Sätzen den Mut findet: „Uns ist eine normale Entwickelung der nachbarlichen Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Rußland höchst erwünscht im Hinblick auf Möglichkeiten, die sich aus den bestehenden internationalen und aus anderen Interessen ergeben. Daß aber unsere Ansicht in der Tat auf ernster Grundlage beruht, wird am besten durch das Faktum bewiesen, daß die russisch-österreichische Verständigung die äußerste Unzufriedenheit des offiziellen Deutschland erregt, das gegen diese Verständigung schon gewisse Schritte getan, aber bisher noch keinen Erfolg gehabt hat." So die „Nowose Wremja". Selbstverständlich svricht das Blatt in diesen Sätzen nicht [eilte eigene Meinring aus, sondern diese merkwürdigen Angriffe sind ihm diktiert worden. Man fragt nach dem Zweck, man fragt vor allem nach den Gründen, die das russische Blatt für seine sonderbare Behauptung beizubringen vermöchte. Niemand wird im stände sein, irgend etwas Positives anzuführen, worauf sich die Behauptung oder auch nur die Vermutung stütze,: könnte, daß das offizielle
Deutschland „äußerst unzufrieden" mit dem Balkanvertrage der Ostmächte von 1897 sein soll. Nun gar die Versicherung, daß deutscherseits „gewisse Schritte" gegen jene Verständigung unternommen worden seien, wird mit aller Bestimmtheit in das Fabelreich verwiesen werden könner:. Wir glauben nicht, daß man sich hier erst noch bemühen wird, die grundlosen Angaben des Peters
burger Organs richtigzustellen. Wir glauben das umso
weniger, als man in den auswärtigen Ministerien zu Petersburg und Wien bestens darüber unterrichtet sein
wie aus äußere:: Gründen willkommen sein müßte. Aber man muß uns in Petersburg wohl einen breiten Rücken zutrauen, wenn solche grundlosen Verdächtigungen gewagt werden.
Um der deutschen Mpol'Gkpedjtlm.
Dieser Tage wurde von dem Dampfer „Staßfurt" der Deutsch-Australische:: DanMchiffs-Gesellschaft, der, mit der Kerguelenstation der Deutsche:: Südpol - Expedition
an Bord, am 16. d. M. Sydney erreicht hat, gemeldet: „Vier Mitglieder der Kerguelenstasion sind glück- lich gelandet. Der darunter befindliche Dr. Verth ist ernstlich krank, befindet sich aber jetzt leicht besser; er wird ins Hospital ausgenommen. Enzensperger starb
an: 2. Februar d. I. auf den
w:rd, daß diesem Gerede keine realen Tatsachen zu Grunde liegen. Umso dringlicher ist die Frage, was mit derartigen Ausstreuungen beabsichtigt sein kann. Möglich, vielmehr wahrscheinlich, daß jenen russischen Stimmun- gen, dre in einem tiefen Mißtrauen gegen Österreich Ungarn wurzeln, ein Zusammengehen mit dem Donau- reiche schmackhaft gemacht werden soll durch die Unter- stellung, daß die deutsche Politik einen Keil zwischen beide Machte zu treiben wünsche. Sollte das sonderbare Mittel den erstrebten Zweck erreichen helfen, so könnten wir am Ende nichts dagegen haben, da der Zweck uns ans inneren
Kerguelen an Beriberi. Dis übrigen drei Mitglieder sind gesund."
Bekanntlich hatte die deutsche Südpol - Expedition auf den Kerguelen - Inseln zun: Zwecke wissenschaftlicher Forschungen eine Abteilung zurückgelassen, bestehend aus den: Meteorologe,: Enzens- perger, dem Biologen Dr, Verth, dem Dr. Luyken, so- wie zwei Matrosen. Die Beobachtungsstelle auf den Kerguelen war vorzüglich ausgerüstet; die klimatischen Einflüsse des Südpol- winters sind trotzdem so der- derblich gewesen, daß eines der Mitglieder, Dr. Enzensperger gestorbe::, ein anderes, Dr. Verth, schwer erkrankt ist. Wir geben nnserenLefern m beistehender Karte eine Darstellung der Inselgruppe der Kerguelen, ans denen eine wissenschaftliche Station errichtet wurde, ß . w. u: rr ' •• meteorologische Beobachtungen
eine wertvolle Ergänzung der Beobachtungen der nach dem Sudpol werter gegangenen Hauptexpeditton miter ^.rygalstr brlden sollten. Tie Teilnehmer dieser Station waren rm Oktober, 1901 durch den Damp er „Tang in , der gleichzeitig d:e Schlittenhunde und sonst ge Ausrüstung für dre Drygalskische Expedition an Bord hatte, nach Kerguelen gebracht worden, wo die Ankunft am 9 November erfolgte. Als Stationsplatz wählte man die Observattons-Halbinsel nördlich von dem Royal- Sund, wo im ^ahre 1874 eine englische Expeditton den
deren magnetische und
Feuilleton.
Im europäischen Wellerwinkel.
Reisebriefe von Paul Liudeubcrg.
II.
Ötcrmorgcn in Ueskueb. — Militärische Scencn. — Bon den Erkischen Truppen. — Beim General-Gouverneur Hilmi-Pascha. — Stratzenlcbcn. — Welch Völker sonder Zahl! — Bunte Bilder. *- Ein Stück deutscher Heimat im Orient. — Allerhand Ansichten.
— Ein Besuch beim General Nassir-Pascha.
Ueskueb, 12. April.
Statt des feierlichen .Klanges der Osterglocken am heutigen gedenkreichen Sonntage die hallenden Weisen "es Hamidic-Marsches. Truppen ziehen eben an: frühen Morgen an meinem kleinen Parterre-Zinnnerchen, das "reirnal so groß ist als eine Schiffskabine und noch weniger Ausstattung wie eine solche enthält, vorüber ium nahen Bahnhofe hin, und von der hochgelegenen Kaserne dringen langgezogene militärische Signale herab. Völlig kriegerisch geht's in Ueskueb zu, hier fuerkt man, daß etwas los ist und daß sich vielleicht besondere Dinge ereignen können!
_ Welch packende militärische Scene:: gestern mittag, ich nach 14-stüi:diger Eisenbabnfahrt von Belgrad Zer hier anlangte. Auf den Wiesen unmittelbar berm Bahnhöfe lagerten zwei Bataillone Infanterie in seid- Marschmäßiger Ausrüstung, aus den Truppenmassen sagten die beiden grün-roten mit reichen Goldstickereien ^ersehenen Fahnen hervor, umleuchtet von funkelnden Sonnenstrahlen, die gelegentlich das schwer^ Regen- Sewölke durchbrachen. Es war prächtiges Soldatcn- ^aterial, das man hier beobachtete, ruhige, ernste Leute ^rit sehnigen Gliedern, mit entschlossenen, wettergebräun
ten Mienen. Stuf den: Bahnsteige eine Zahl höherer Offiziere tu gemessenem Gespräch, zum Teil energische, dabe: nicht einer gewissen Eleganz entbehrende Erscheinungen, manche von völlig deuffchem Aussehen. Adjutanten kommen angesprengt, daß die vor den: Bahnhose versammelten Zigeuner, Kutzowallachen, Bulgaren nach allen Richtungen entfleuchen. Befehle ertönen, die Soldaten treten mit Gewehr und Proviantsack an. eine schnelle Musterung, und in zehn Minuten sind die Waggons gefüllt. — Bald darauf setzt sich der Zug gen Mitrowitza in Bewegung, und nun verspürt man zum erste:: Male Bewegung in den Soldatemnassen, ein dreimaliges flammendes: „Padischah tschok yascha'"
»Gott erhalte den Sultan!" — ertönt aus den Coup6s heraus.
Gestern, zur zehnten Abendstunde, langte von Saloniki her ein neuer Militärtransport von Redifs Landwehr, an, nur sofort weiterzufahren. Auch hier waren Ruhe und Ordnung der Truppen bewundernswert. Kein Lärnren und Rufen. Singen und Lachen die Leute drängten sich an die breiten, nüttleren Öffnungen der Gepäckwagen. gleich Glühlichtchen schimmerten die brennenden Crgaretten und aus der dunklen Umgebung hoben sich nur dre roten Tarbusche ein wenig gb blitzte hier und da eine Feldzugsmedaille, eine Säbelscheide — rf . Dieser Ernst, diese Entschlossenheit machten tiefen Emdrnck. Solche Truppe::, sagte man sich, gehen überall hm. wohn: ite der Padrschah schickt, ob nach Syrien oder nach Mesopotannen, ob nach Egypten oder nach — Bulgarien, kampfentschlossen bis zun: letzten, und wehe wenn sich mit ihrem blinden Gchorsan: und ihren soff datischen Vorzügen fanatischer Glanbenseifer vermischt'
Ueskueb :st der Mittelpunkt aller bisher nötig ge- wordenen mnd noch nötig werdenden Operationen in den
macedonrschen und albanesischen Gebieten, hier hat Hilmi- seinen Sitz ausgeschlagen, der vom Sultan er. nannte General-Inspekteur zur Einführung derResormen m den dre: Vllap'ts -Lalontt:, Monastir und Kossowa Er genießt ebenso das Vertrauen seines Monarchen wie lc . n { es ^"chmächte Ulti) hgj sich bisher seiner wahrlich riesenschweren Aufgabe gewachsen gezeigt Zur Zeit ist er der Allgewaltige hier, sein Befehl gilt allein, von ihm hangen sämtliche militärische und civile Maßnahmen ab Folgen Einerseits könnte unberechenbare
Es war selbstverständlich mein Trachten, diese,: Mann kennen zu lerne,:, und bald nach meiner Ankunft machte ch mich zu ihm auf de,: Weg. Er residiert in chnem bunt angestncheneii Häuschen, am rauschenden Wardar gelegen, nichts i outet auf dieses Hauptquartier hin, ein Paar vsfene ^>agen, ein paar von Soldaten gehaltene Pferde vor der Tur, das sind die einzigen Merkmale Eine enge Holzstiege geht's empor, oben auf dem lino- leumbelegten Flur einige Diener, von de,:ei: einer meine Karte und das Empfehlungsschreiben des Belgrader Gesandte,: entgegennimmt, un: schon „ach einer Minute zuruckzukehren, indem er das übliche Handzeichen macht j'j r- ‘l en Erhäng zum Arbeitsgemach des Paschas hoch- ffW- Der kleinste und bescheidenste Raum, den man !>ch denken tann. zwe: niedrige holzvergitterte Fenster mit den, Blick ans den Strom und die sich jenseits ans- bauenden_ grauen Festungsgemäuer. blaugetünchte Wände, ein roter, den Fußboden bedeckender Teppich eine Petroleumhangelampe, eine Polsterbant, ans der drei Sekretäre sitzen einige Ledersessel und ein mit Schriftstücken völlig bedeckter schlichte:- Mahagonitisch. Und vor letzterem, in einen diinklen Wintermantel gehüllt .Mmff Pascha, etwa Ende der Ü0er, mit schwarzem wenig
